Kundenrezension

66 von 72 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Es gab Ausnahmen, aber leider nur wenige.,, 6. Januar 2012
Rezension bezieht sich auf: Nachkriegskinder: Die 1950er Jahrgänge und ihre Soldatenväter (Gebundene Ausgabe)
Die Journalistin Sabine Bode hat mit "Nachkriegskinder- Die 1950er Jahrgänge und ihre Soldatenväter" ein Buch vorgelegt, das ich mit großem Interesse gelesen habe. Bode lotet in ihrer Arbeit die Erfahrungen die Jahrgänge 1946 bis 1960 mit ihren Eltern, hauptsächlich den Vätern aus.

Bevor ich mich mit dem Inhalt des Buchs befasst habe, las ich auf dem Buchdeckel die Sätze: "Doch in den Familien der Nachkriegskinder ging es engherzig zu. Die Unbeschwertheit von Kindern passte nicht in eine Gesellschaft, auf der Kriegserlebnisse und Erfahrungen von Gefangenschaft, Vertreibung und Schuld lasteten." Die beiden Sätze ließ ich zunächst auf mich wirken und begann über meine frühe Kindheit in den 1950er Jahren nachzudenken.

Mit meinen Eltern hatte ich viel Glück, denn sie schenkten mir viel Wärme und Geborgenheit. Durch die Kriegerlebnisse waren beide ganz gewiss traumatisiert und gerade deshalb schätzten sie es, wenn ich mit meinen kleinen Freunden und Freundinnen Leben ins Haus brachte. Mein Vater wurde von all meinen Freunden geliebt, weil er anders war als ihre Soldatenväter. Er prügelte nie und sprach mit Erwachsenen und Kindern stets sehr liebevoll, hatte Verständnis für die Nöte anderer. Bei einem solchen Vater wird man nicht zur Trotztochter.

Die Nazis und ihr Tun waren ihm zutiefst zuwider, meiner Mutter, die Tochter eines Sozialdemokraten, übrigens auch. Traumatisiert waren meine Eltern, weil mein Vater unmittelbar nach dem Krieg als kaum 19 jähriger die Nazi-Wahrheit in Bergen-Belsen mit Entsetzen vor Augen geführt bekam und meine Mutter im Osten als Vierzehnjährige dem Tod und Vergewaltigungen direkt ins Auge blicken musste.

Gnadenlose Erziehungsmethoden wie Bode sie anführt, habe ich gottlob in meinem Elternhaus nicht erlebt, aber bei Freundinnen und Freunden gesehen, die von ihren pervertierten Vätern halbtot geprügelt wurden, weil diese Kriegsväter durch den Krieg verroht waren. In meinen Augen waren es Ungeheuer.

Meine Freunde lebten in pausenloser Angst und Schrecken, berichteten Horrorgeschichten. Dass im Haus und im Garten meiner Eltern zumeist mehr als 10 Kinder spielten, weil sie sich dort frei bewegen konnten, freute mich, das Einzelkind, das auf diese Weise mit Wahlgeschwistern aufwuchs.

Bode schreibt in ihrem Buch von "parentifizierten Kindern". Das sind Kinder, die ihr ganzes Leben hindurch der Liebe ihrer Eltern hinterherlaufen, in der Hoffnung, doch noch ein wenig Zuneigung zu erringen, (vgl.: S.22). Solche Menschen kennen ich Zuhauf in meiner Generation. Das, was Bode diesbezüglich schreibt, stimmt.

Bode schreibt des Weiteren von den abwesenden Vätern, die von morgens 7 Uhr bis abends 7. Uhr arbeiteten und nie über die Zeit als sie Soldaten waren sprachen, offenen Gesprächen keinen Raum gaben. Ich kenne Menschen, die heute noch nicht wissen, was ihre Väter und Großväter im Krieg getrieben haben, weil sie nur mit deren Genehmigung oder der Genehmigung durch Berliner Testament erbberechtigter Mütter von staatlichen Stellen Auskunft erhalten. Sie leben also noch heute in Unklarheit. Meine Eltern berichteten schon früh über das, was sie im Krieg erlebt hatten und machten mich zur Pazifistin.

Bode schreibt von prügelnden Vätern, von Macho-Vätern. Vielleicht waren es genau diese Väter, die in der Töchtergeneration die Frauenbewegung auslösten.. Ich vermute es fast.

Neben Berichten von Kindern aus jenen Tagen, legt Bode auch immer wieder Interviews vor, die Lesern, die mit der Zeit und Problematik nicht vertraut sind, einen guten Einblick verschaffen.

Während ich lese, fragte ich mich immer wieder, weshalb in allen Gesellschaftsschichten, selbst im Bildungsbürgertum die Männer in der Regel solche verrohten Ungeheuer waren? War es das Töten im Krieg, das sie so hatte werden lassen? Oder war es die Gehirnwäsche durch die Nazis?

Bode lässt in ihrem Buch keine Facette aus, auch nicht die Kinderdressur in der Nachkriegszeit und nennt, wie bereits in einem anderen ihrer Bücher das Buch über Kinderdrill von Johanna Haarer, das viele Mütter als Ratgeber heranzogen.

Ich danke Gott, dass ich von solchen Eltern verschont geblieben bin, wie sie durch Bode immer wieder vorgestellt werden.

PS: Entschuldigen Sie meine eingeflochteten, persönlichen Erinnerungen, doch das Buch hat mit persönlich stark berührt und Erlebtes erneut wachgerufen, hauptsächlich die vielen Kinderschreie im Sommer bei geöffneten Fenstern im ganzen Ort. Einfach furchtbar.

Empfehlenswert, weil sehr erhellend.
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1-3 von 3 Diskussionsbeiträgen
Ersteintrag: 13.01.2012 19:55:32 GMT+01:00
Bingge meint:
"Während ich lese, fragte ich mich immer wieder, weshalb in allen Gesellschaftsschichten, selbst im Bildungsbürgertum die Männer in der Regel solche verrohten Ungeheuer waren? War es das Töten im Krieg, das sie so hatte werden lassen? Oder war es die Gehirnwäsche durch die Nazis?" - Diese Frage beantwortet Erika Mann stichhaltig in "Zehn Millionen Kinder: Die Erziehung der Jugend im Dritten Reich".

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 13.01.2012 21:07:56 GMT+01:00
[Von Amazon gelöscht am 13.01.2015 11:41:22 GMT+01:00]

Veröffentlicht am 26.02.2015 14:20:45 GMT+01:00
C. Mathieu meint:
Quote:
Während ich lese, fragte ich mich immer wieder, weshalb in allen Gesellschaftsschichten, selbst im Bildungsbürgertum die Männer in der Regel solche verrohten Ungeheuer waren? War es das Töten im Krieg, das sie so hatte werden lassen? Oder war es die Gehirnwäsche durch die Nazis?

Darauf habe ich bis heute keine Antwort erhalten, denn mein Vater war 13, als der WW II zu Ende ging. Obwohl er als Arzt ja den Eid des Hypokrates schwoeren musste, hielt er sich bei seinem einzigen Kind nicht daran wie beispielsweise bei seinen Patienten, die ihn vergoetterten und die er offenbar sehr gut behandelt hat. Er schlug mich, und je aelter er wurde, desto schlimmer wurden die Pruegel. Es hat also eindeutig nicht nur mit Kriegserlebnissen zu tun, aber womit es zu tun hat, das werde ich wohl nie herausfinden. Mein Vater wuchs in geordneten Verhaeltnissen heran, sein Vater war Apotheker.

Heute vermute ich, dass die Bereitschaft zur Gewalttaetigkeit in manchen Menschen - voellig grundlos wie es scheint - schlummert. Ich habe ganz bewusst darauf verzichtet, Kinder zu bekommen, denn nach einer solch entsetzlichen und ueberstrengen Kindheit haette ich nicht gewusst, wie ich mein(e) Kind(er) gewaltfrei haette erziehen koennen, denn es wurde mir ja nicht vorgelebt.
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Helga König
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