Kundenrezension

27 von 32 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen unverzichtbar !, 23. August 2013
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Rezension bezieht sich auf: Another Self Portrait (1969-1971): The Bootleg Series Vol. 10 (Audio CD)
Kaum ein Künstler ist ja wohl so von seinen Anhängern vereinnahmt worden wie Bob Dylan. Er sollte ihr Sprachrohr sein, gesellschaftliche und politische Skandale aufdecken oder zumindest ins kollektive Gedächtnis zurückholen. Stattdessen wurde er Folkrocker und musste sich daraufhin übelste Beschimpfungen gefallen lassen. All diese Geschichten kennt man. Wer Fans hat, der braucht keine Feinde. Jedenfalls nicht solche, die selbst nicht davor zurückschrecken die Mülltonnen vor Dylans Haus im Greenwich Village zu durchwühlen, um seinem Idol noch näher kommen zu können und Details seines Lebens aus Küchenabfällen hervor zu zerren.

Da half offenbar nur noch die Flucht nach vorn. Nicht, dass Dylan sich der Countrymusik zuwandte. Das hatte er mindestens 1967 schon getan. Nein, in die neue Dekade der 1970er startete er mit einer Kollage aus Studioschnipseln und Coverversionen und er sang plötzlich mit ungewohnt glockenheller Stimme wie ein Chorknabe oder so schräg und offenkundig absichtlich falsch, dass man sich fragen musste, ob das wirklich noch derselbe Mann war, der wenige Jahre zuvor noch jedes öffentliche Interview mit kaltschnäuziger Coolness nach seinen Regeln diktiert und in kurzer Abfolge 3 Albumklassiker nacheinander abgeliefert hatte.

Die neue Platte hieß dann vielsagend Self Portrait und war offenbar zuviel für seine damaligen Fans. Selbst bei Dylan normalerweise wohlwollend bis bewundernd gegenüber stehenden Kritikern löste die Platte teilweise heftige, negative Reaktionen aus. Ich erstand diese Platte auch erst spät. So viele Dylan Platten schienen dringlicher zu sein. Erst irgendwann Ende der 80er oder Anfang 90er (ganz genau weiß ich das gar nicht mehr) musste es dann doch sein. Die CD hatte die Schallplatte aus den Läden verdrängt, war als altmodisch verpönt und abgeschrieben, da kaufte ich mir das Doppelalbum in einem 2nd Hand Laden.

Ungefähr zu dieser Zeit (oder kurz darauf) erschienen die ersten 3 Teile der Bootleg Series in einer 3-CD bzw. 5-LP-Box. 22 Jahre später sind wir nun bei Teil 10 angelangt. Vol. 10 befasst sich im ersten Teil vorwiegend mit Self Portrait und auf CD2 steht der Nachfolger New Morning mehr im Mittelpunkt. Ich habe jede der bisherigen Ausgaben verschlungen und halte die Bootleg Series insgesamt für unverzichtbar. Für mich ist dieses "hinter-die-Kulissen-schauen" zu einem essenziellen Bestandteil in der Betrachtung von Bob Dylans Werk geworden und hat meine Wahrnehmung dieses Mannes als Gesamtkunstwerk stark geprägt.

Vieles hat sich mir im Laufe der Zeit mit Hilfe dieser Serie erschlossen und erklärt. Was Dylan in den vergangenen 50Jahren nicht zu erklären bereit gewesen war, muss man sich dann eben anhand von Demos, Outtakes und Konzertausschnitten erarbeiten. Bei Teil 10 funktioniert das aus meiner Sicht nun besonders gut, weil dieses Mal ein Album im Focus steht, das sehr zwiespältig beurteilt wird. Auch ich musste mir die Perlen suchen, vieles auf Self Portrait ist bis zur Unkenntlichkeit verkitscht und mit Streichern und Chören zugeklebt.

Man musste sich die Mühe machen und die Songfundamente unter der überzuckerten Kruste frei legen, und dann konnte man feststellen, dass Dylan doch im Grunde noch der alte geblieben war. Diese Arbeit wird dem Hörer jetzt hier abgenommen. Ohne Firlefanz werden die Songs jetzt hier präsentiert. Und noch etwas wird dabei deutlich: all die Kritiker, die auch nach jeder neuen Veröffentlichung von Bob Dylan behaupten, dass Dylan nicht singen könnte, liegen falsch. Er kann es sogar sehr gut und er weiß es auch. Nicht umsonst hat er 1965 schon behauptet: "I am as good as Caruso. And I hit all those notes." Nur erachtet er es offenbar selten für nötig, es zu tun.

Another Self Portrait gehört für mich jetzt schon nach wenigen Durchläufen zu den Top 3 der Bootleg Series und hat -was neu dabei ist- durchaus das Zeug als eigenständiges Album durchgehen zu können. Der Klang der Aufnhamen ist unterschiedlich, aber trotzdem durchweg gut bis sehr gut. Aber das ist im Grunde nichts Neues bei dieser Serie. Was jetzt m.M.n. noch fehlt, ist eine Ausgabe, die sich intensiver mit Dylans christlicher Phase 10 Jahre nach Self Portrait befasst. Man wird sehen...
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1-10 von 63 Diskussionsbeiträgen
Ersteintrag: 23.08.2013 09:24:40 GMT+02:00
song_x meint:
Feiner Kommentar. Interessant in mancherlei Hinsicht würde eine Dokumentation seiner "christlichen Phase" gewiss sein, aber, wie so oft, wenn Musiker eine "religiöse Phase" erleben, leidet die Musik unter den Erweckungsbotschaften. Das war bei Dylan nicht anders.

Wahrscheinlich bekannt, Mr. Rocker, ich schreibs trotzdem: die Septemberausgabe der engl. Musikzeitschrift UNCUT enthält eine lange Coverstory zu dieser neuen Edition. Erste Sahne.

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 23.08.2013 10:06:34 GMT+02:00
Rocker meint:
zunächst vielen dank für den kommentar, song_x...
and yes sir, uncut gehört zu meiner regelmässigen lektüre. nicht jede ausgabe, aber trotzdem regelmässig...

zum ersten absatz: ich finde zwar nicht, dass die aussage für alles aus dylans religiöser phase so zutrifft. generell sehe ich das aber auch so und besonders vor diesem hintergrund würde mich persönlich gerade deshalb eine ausgabe zu diesem thema sehr interessieren.

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 23.08.2013 15:23:17 GMT+02:00
bobbodylano meint:
Hallo Rocker, erst mal vielen Dank für den klugen Kommentar zur Bootleg Series Vol. 10.
Und ja, auch mich wurde eine Aufarbeitung von Dylans religioser Phase brennend interesieren. Denn im Gegensatz zu song_x bin ich der Meinung, dass die Musik des Meisters überhaupt nicht unter den Erweckungsbotschaften gelitten hat. Ganz im Gegenteil, musikalisch war das Meiste erste Sahne, und in all den vielen Live-Konzerten, die ich von Dylan gesehen habe, habe ich ihn niemals so voller Energie erlebt wie Anfang der 80er Jahre.
Warten wir also ab, was die große Mutter Columbia noch so alles aus dem Kellerarchiv holt. Angeblich sollen die Bootleg Series Vol. 11 ja die Blood On The Tracks Phase abarbeiten - das wird dann der nachste Superhammer.

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 23.08.2013 16:07:02 GMT+02:00
Rocker meint:
danke für das lob...
nun, da kann ich nicht mitreden, mein erstes dylan konzert habe ich erst zu beginn der neunziger besucht. seitdem allerdings viele und es war immer sehr gut...
ich mochte den gospel sound nicht besonders, wenn auch einige lieder wirklich großartig sind. dadurch relativiert sich vieles im laufe der zeit. kann in diesem zusammenhang aktuell nur auf vol.10/cd2/track 14 verweisen: new morning mit bläser sektion. das hört sich schon fast richtung gospelphase an.
unglaublich, was für schätze da im dylan archiv seit jahrzehnten schlummern...

dass teil 11 angeblich blood on the tracks zum thema haben soll, habe ich schon irgendwo gelesen. natürlich auch interessant, denn da könnte ein bogen geschlagen werden von planet waves, before the flood bis zu desire, auch wenn mit der rolling thunder revue die schaffenzeit von desire schon mal wenigsten zeitstrahl-mässig dran war.

im grunde genommen ist es aber auch egal was als nächstes kommt, denn man wird wahrscheinlich eh wieder von einem staunen ins nächste trudeln...

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 23.08.2013 17:09:50 GMT+02:00
song_x meint:
Werte Dylanexperten! Die Platten damals, in seiner "christlichen Phase" fand ich nicht besonders, von den Liveauftritten in der Ära las ich auch einiges Gutes (hattebich heute morgen vergessen). Insofern: da wird bestimmt noch einiges verborgen sein, beim "Meister der Maskeraden". Nur "Slow Train Coming" wird mir dennoch, bis auf den einen Reggaesong, nie ans Herz wachsen.

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 23.08.2013 17:37:26 GMT+02:00
song_x meint:
Noch eine Frage: ist die Vinyledition sparsamer bestückt, was Essays etc. angeht. An die 20 Euro preiswerter als die Deluxe-Ausgabe, was mich überrascht, gutes altes Vinyl wird ja meist teurer gehandelt. Und wenn ich schon dabei bin: gute Pressqualität?

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 23.08.2013 17:44:52 GMT+02:00
Rocker meint:
ich selber hab die vinyl version nicht. soviel ich weiß, ist da nur das drauf, was sich auch auf der do-cd befindet + ein üppiges buch.

die 4-cd-deluxe box ist wohl hauptsächlich deshalb noch mal teurer, weil da das ursprüngliche album remastered dabei ist + eine bonus live cd mit dem konzert von dylan and the band beim isle of wright festival 1970. sowie das buch, welches auch der vinyl box beiliegt.

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 23.08.2013 17:59:16 GMT+02:00
song_x meint:
Das würde es erklären. Danke. Solltest du aber noch lesen, dass da auch die remasterte Fassung von Self-Portrait mit dabei wäre, lass es mich wissen.

Es erscheinen im Herbst einige dicke Brocken, die einige Zeitreisen der wundervollen Art anbieten: das Soundsystem von The Clash, John Martyn on Island Records, das Can Gesamtwerk auf exzellentem Vinyl. Scott Walkers vier Solalben aus alter Zeit sind schon raus.

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 23.08.2013 18:32:04 GMT+02:00
Rocker meint:
mit der vinyl box gibt es die remasterte original self portrait nicht. da bin ich relativ sicher. vielleicht erscheint die ja irgendwann noch mal seperat als lp reissue, wer weiß...

ja, dicke brocken gibt es demnächst noch eine menge. zu deiner aufzählung gesellt sich dann im herbst noch eine oberfette box mit allen dylan alben (angeblich 41 stück - hab aber nicht nachgerechnet, wie man auf diese zahl kommen kann, so hard-core bin ich nicht), die columbia/sony heraus bringen will. der another self portrait liegt ein kleiner werbesticker bei, auf dem diese box angekündigt wird.

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 23.08.2013 19:38:26 GMT+02:00
song_x meint:
A propos hardcore: beim Neil Young-Konzert in Köln war ich früh vor Ort, um im Innenraum einen guten Platz zu ergattern. Da waren die Experten fast unter sich: ich hörte, wie einer erzählte, ein Kumpel habe mal über ein Jahr ein Projekt verfolgt, a l l e s von Bob Dylan sein eigen zu nennen, inclusive inofficial bootlegs:) - er musste scheitern!

Da ich zur Zeit auf Sylt urlaube (Götz Alsmann spielte just hier, haha, in Rantum sein Paris-Programm; nicht ganz mein Ding, Paris schon, aber Alsmann nicht so ganz, obwohl ein guter Entertainer ist), bekam ich die Box bisher nur in der Cloud-Player-Version. Ah, einige Juwelen sind da fürwahr tu entdecken!!! Und das Spartanische kommt am besten.
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