Kundenrezension

8 von 8 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ungekürzte Gesamtausgabe in einem Band, 10. Juli 2010
Rezension bezieht sich auf: Das Dritte Reich und die Juden: Die Jahre der Verfolgung 1933 - 1939 Die Jahre der Vernichtung 1939 - 1945 (Taschenbuch)
Das ursprünglich zweibändige Hauptwerk des Autors gilt als das Standardwerk zur Zeit des Nationalsozialismus schlechthin. Besonders nachdem der zweite Band 2006 erschien (Die Jahre der Vernichtung 1939-1945), äusserten sich die Kritiker euphorisch über die epochale, auch mit literarischen Qualitäten glänzende Gesamtdarstellung des Holocausts. Dass es rund siebzig Jahre dauerte, bis der präzedenzlose Zivilisationsbruch eine als stimmig empfundene historische Darstellung gefunden hat, zeugt davon, dass eine forcierte "Aufarbeitung" der Vergangenheit keineswegs die angemessene Auseinandersetzung mit ihr garantiert.

Mit dieser Ausgabe, werden beide Werke des israelisch-amerikanischen Historikers und Träger des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels (2007) ungekürzt in einem Band zusammengelegt, der zum einen die Hauptmotive des zweibändigen Hauptwerkes aufgreift und zum anderen einen Einblick in seine Lebensgeschichte gibt. 1932 als Kind deutschsprachiger Juden in Prag geboren, überlebte Friedländer den Krieg in einem katholischen Internat in Frankreich, während seine Eltern, nachdem ihre Flucht in die Schweiz gescheitert war, deportiert und ermordet wurden. Ab 1987 lehrte er in Los Angeles, einige Zeit parallel auch in Tel Aviv. Wirklich zu Hause, sagt er, fühle er sich nirgendwo.

Friedländer strebt eine "integrierte Geschichte" des Holocausts an. In Abgrenzung zu vorherrschenden Ansätzen fordert er, dass der Historiker auch die Perspektive der Opfer, deren Leiden und Sterben mit einbeziehe; der Pionier der Holocaust-Forschung etwa, Raul Hilberg, habe die Opfer oft hinter den Tätern und den Gesetzmässigkeiten der Bürokratie verschwinden lassen. Weiter bekräftigt Friedländer (gegen Martin Broszat), dass die Vernichtung der Juden den Kern des nationalsozialistischen Systems ausmache und nicht nur ein Aspekt neben anderen sei. Gegen Götz Aly, der den Holocaust eindimensional damit erklärt, dass die Deutschen materiell profitieren konnten, zeigt Friedländer überzeugend auf, dass sowohl Hitlers "Erlösungsantisemitismus" als auch die Vernichtung der Juden der Logik der Nutzenmaximierung zuwiderlief.

Der Band behandelt ferner das moralische Versagen der christlichen Kirchen, das schon während des Krieges erstaunlich grosse Wissen der Bevölkerungen Deutschlands und anderer Länder über den Holocaust sowie - in einem ausführlichen Gespräch mit Historikern und Psychologen (unter anderen Norbert Frei und Harald Welzer) - die Sozialpsychologie von Tätern. Einer der Aufsätze beschäftigt sich mit den Historikern Marc Bloch und Ernst Kantorowicz. Beide, der Franzose wie der Deutsche, hätten sich bedingungslos mit ihrer Nation identifiziert und wissenschaftlich mit dem Christentum beschäftigt, um damit, so Friedländers leicht essenzialisierende Argumentation, der - als zwingend unterstellten - Auseinandersetzung mit den jüdischen Wurzeln aus dem Weg gehen zu können.

Wolfgang Frühwald hob in seiner Laudatio Friedländers Darstellung über das Dritte Reich und die Juden 1933 bis 1945" hervor: "Saul Friedländer hat sich vor Emotionalisierung gehütet. Er lässt die historischen Dokumente, den Brief, das Tagebuch, die Verordnung, das Protokoll, ungeschminkt sprechen, weil er der Faszination misstraut, den die, von den Nationalsozialisten zelebrierte, ästhetische Formierung der Todeslust auf die Zeitgenossen ausübte und 'im Widerschein' auf die Nachgeborenen noch immer ausübt." Friedländer sei es damit gelungen, die tyrannisch-bürokratische Ordnung und die Verzweiflung derer, die ihr unterworfen waren, zu vereinen. Zugleich hat er das Schweigen der aus dem Dunkel der Vergangenheit auftauchenden Menge der Zuschauer, ohne die öffentliche Gewalt niemals geschieht, als einen handelnden Faktor in der Geschichte belegt", so Frühwald. Wer dies - wie die stereotype Formel lautet - nicht mehr hören kann, der hat es noch nie wirklich gehört; wer sich gar wohl fühlt im wachsenden Lager derer, welche die Tatsächlichkeit dieses Verbrechens gegen Rang und Würde des Menschseins leugnen, stimuliert die Lust auf Wiederholung", betonte Frühwald.

"Wenn Frieden ein Zustand ist, den wir den Brüchen und Spannungen, den Verdrängungen und Ausgrenzungen und ihren zerstörerischen, Tod bringenden Folgen abringen müssen, dann ist nicht das Vergessen und die Verdrängung der Weg zum Frieden, sondern das erinnernde Wissen", sagte Gottfried Honnefelder, Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, in seiner Begrüßung. "Bücher, die solche Einsicht erschließen und dadurch Versöhnung über die Brüche hinweg möglich machen, sind die kostbare Ware eines Berufsstandes, der sich dem Buch verpflichtet weiß", so Honnefelder im Hinblick auf Friedländers Werk. In ihnen wird deutlich, dass die Ware Buch das kulturelle Gut ist, ohne dessen Präsenz wir hinter den erreichten Stand unseres kulturellen Selbstverständnisses zurückfallen."
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Ersteintrag: 24.07.2010 21:34:45 GMT+02:00
Zuletzt vom Autor geändert am 18.08.2010 17:30:44 GMT+02:00
Ich finde die Rezension ja sehr hilfreich - "essenzialisierende", "Aufsätze"(?), und das unzutreffend spitze "eindimensional" für Aly 'mal beiseite - ... nur einfach die neugierige Nachfrage: war sie ursprünglich als professionelle Pressemitteilung für die Laudatio abgefasst? ;-)
Honnefelder etwa wird hier wohl doch eher mit - pardon - den üblichen Buchpreis-Allgemeinplätzen wiedergegeben, die wenig mit dem Buch zu tun haben, oder?
Sehr professionelle Schreibe und weitgehend präzise erfasst, danke!
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