Kundenrezension

60 von 79 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Ein schön schräges Experiment oder doch einfach nur zu viel von der falschen Substanz inhaliert?, 24. Mai 2014
Rezension bezieht sich auf: A Letter Home (Audio CD)
Man stelle sich vor, beim Stöbern auf dem Flohmarkt entdeckt man ein noch funktionierendes Grammophon und aus nostalgischem Überschwang kauft man sich das prähistorische Gerät, obwohl man gar keine Schellackplatten besitzt; aber man ist ja auf dem Flohmarkt... Und siehe da, der nächste Entrümplungsfachmann hat in einer ollen Kiste ein paar noch ollere Platten anno 1940 parat, und noch mal gibt man Geld aus...
Zuhause angekommen, alles installiert, legt man erwartungsvoll die erste Platte auf und hört genau das, was man eigentlich auch erwartet hatte, von Platten, die (mal ganz abgesehen von den aufnahmetechnischen Möglichkeiten im Spätmittelalter) inzwischen auch schon mal während der Kriegswirren als notdürftiges Schutzschild vor Granatsplittern herhalten mussten, danach, in den Aufbaujahren, als es für die Nachkriegskinder kaum genug Nahrung, geschweige denn Spielzeug gab, auch mal einen Sommer lang als Frisbee ihren Dienst taten, und in den ausklingenden 60ern dann in einer ungemein alternativen Studentenkneipe mit notorischen Finanzproblemen als hipper Untersetzer für Biergläser und auch Heißgetränke ihren Einsatz fanden, um dann schlussendlich für gut vierzig Jahre auf irgendeinem staubigen Dachboden bei jährlichen Temperaturschwankungen von -20 bis +40 Grad in einem muffigen Karton abzuwarten bis erst der Entrümplungsdienst und dann du auf dem Flohmarkt...

Es knarzt und rumpelt, es leiert und hier und da fehlt auch schon mal ein ganzer Ton; egal! Es ist Nostalgie! Und es ist dir vollkommen schnuppe, ob da nun ein kleiner grüner Kaktus besungen wird oder jemand singend davon berichtet, dass Onkel Bumba aus Kalumba nur die Rumba tanzt... Vor lauter Nebengeräuschen hört man die Musik ohnehin bestenfalls als ferne Ahnung - doch Moment! Da singt doch einer Dylans "Girl from the north country"?! Du wusstest ja, dass der Song alt ist, aber so alt?! Und war Dylan 1940 überhaupt schon geboren? Man lernt nie aus. Und das hier, das klingt doch durch das leiernde Geschnarre hindurch wie "Crazy" von Willie Nelson? Ja gut, doch, das kann sein; der ist schon so alt, der hat ja bei seiner ersten Europatournee in Holland Johannes Heesters entdeckt. Oder nicht? Na egal. "On the road again" - nochmal der gute Willie Nelson; aber das war doch definitiv viel später?! Mmh, wohl doch nicht, naja...
So geht das dann eine Weile, bis einem spätestens bei Springsteens "My hometown" dämmert: hier stimmt irgendwas nicht!

Warum ein Album frisch 2014 aufgenommen so klingt wie oben dargestellt - und es ist wirklich nicht übertrieben! - lässt nur zwei Schlüsse zu: entweder soll das ein Experiment sein und Neil Young wollte beweisen, wie unverwüstlich diese Songs seiner geschätzten Kollegen sind und das ihnen selbst derartig dargeboten die Seele nicht verloren geht, oder aber der Herr Künstler war mächtig bekifft und fand die Idee, mal so eine Aufnahme zu machen, einfach nur total lustig (was man ja beim lieben Neil bekanntlich nach wie vor nicht ausschließen kann). Ein Kuriosum ist es allemal, aber eines, dem es sich zu widmen lohnt.

Wenn man sich nach ausgiebigem Kopfkratzen beim ersten Durchlauf doch nochmal auf die Platte einlässt - entspannt, halb liegend, Kopfhörer auf den Ohren, ein Glas Wein kann auch nicht schaden - dann entwickelt diese Geräuschkulisse, die "A letter home" über die komplette Spielzeit vierzig Minuten lang prägt, tatsächlich einen gewissen Charme. Durch das fortwährend dominierende Schnarren, Knacksen und Rauschen, ist man geradezu gezwungen sich auf die Essenz der Songs zu konzentrieren und erlebt sie so vielleicht intensiver, als man die soundtechnisch unendlich viel sauberen Originale je erlebt und empfunden hat; insbesondere textlich. Abgesehen davon, wirken die konstant recht gleichförmigen Störgeräusche schon beinah mantrahaft meditativ entspannend. Das Klangbild des Albums wird man nicht im klassischen Sinne als schön empfinden können, aber die anfängliche Irritation weicht, wenn man sich Neil Youngs Idee dahinter nicht verschließt.
Aber Vorsicht: das sagt einer, der Neil Young wirklich sehr gerne hat, der ihn nicht zuletzt auch all seiner Kuriositäten wegen liebt und der doch mehr als ein Glas Wein beim Hören von "A letter home" getrunken hat...
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Kommentare


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1-5 von 5 Diskussionsbeiträgen
Ersteintrag: 27.05.2014 15:33:31 GMT+02:00
Flowerking meint:
:-) schön...

Veröffentlicht am 11.06.2014 22:35:36 GMT+02:00
Nice review!

Veröffentlicht am 12.06.2014 00:16:57 GMT+02:00
dino meint:
großes Kompliment

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 13.06.2014 18:57:02 GMT+02:00
Danke Ihnen dreien für die freundlichen Kommentare!

Gruß
Christian Günther

Veröffentlicht am 24.06.2014 12:27:01 GMT+02:00
Thrup meint:
Alles gut gesagt in der Rezension. Die CD läuft bei mir gerade zum vierten mal am Stück und ich muß sagen, sie wird immer besser. Der Neil Young hat's eben drauf. Es wäre doch ein leichtes für ihn gewesen, die Songs mit 'normaler' Technik aufzunehemen. Dann wäre halt eine Platte mit der x-ten Version alter Songs rausgekommen, von der es ja wirklich schon genug gibt. Aber mit dem fast vorsinnflutlichen Aufnahmegerät ist doch die Aufmerksamkeit um vieles größer. Schmunzeln muß ich ja schon einwenig über unsere Klangpuristen, die nun wirklich nicht über mono, stereo oder 5.1 diskutieren können. Interessant wäre möglicherweise die deluxe version von 'A letter home' mit herkömmlicher Technik. Möglich aber auch, daß diese Variante dann aus den unterschiedlichsten Gründen auch verrissen werden würde. Es ist halt äußerst schwer, es allen recht zu machen! ;-)
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