Kundenrezension

210 von 216 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Drachenblut, 7. Mai 2010
Rezension bezieht sich auf: Mairegen (Audio CD)
Auf seiner Homepage bittet Reinhard Mey um Verständnis dafür, dass er angesichts seiner familiären Situation (sein Sohn Max liegt seit letztem Jahr im Wachkoma) bei diesem Album auf Medienpräsenz verzichtet, und er hat natürlich Recht mit seinem Hinweis, dass sich seine Lieder wachen Hörenden sowieso von selbst erklären. Er schreibt auch: "...das Schreiben, die Musik und die strenge Struktur der Arbeit haben mir Halt gegeben." Nun taucht ja Reinhard Meys Portrait auf vielen seiner Alben auf, aber sein Gesichtsausdruck auf dem Cover von "Mairegen" sagt alles.

Gleichzeitig macht das Album deutlich, dass Mey sich nicht von Trauer und Sorge überwältigen lassen will, wie der letzte Satz des Albums in "Was keiner wagt" (einem von Konstantin Wecker vertonten Text von Lothar Zenetti) zum Ausdruck bringt: "Wo alles dunkel ist, macht Licht." Es war zu erwarten, dass das Album nicht witzig ausfallen würde; "Mairegen" ist von einer angenehm nachdenklichen Ruhe und Besinnlichkeit geprägt, ohne jedoch depressiv zu wirken, es wird an keiner Stelle laut und ist mithin nicht nur eins von den Mey-Alben mit dem meisten Tiefgang, sondern auch mit den sparsamsten, homogensten Arrangements in seiner Karriere seit langem, mindestens seit "Farben" (1990) (und erhöht so einmal mehr den Kontrast zum von mir wenig geschätzten Vorgänger "Bunter Hund").

Der Anteil an Songs, die von Erinnerungen handeln, ist höher als üblich ("Das erste Mal", "Gute Seele", "Mairegen", "Rotten Radish Skiffle Guys" (eine Reminiszenz an die Band seiner Jugend), "Spring auf den blanken Stein", "Das Butterbrot"), in ihnen klingt die stützende Funktion an, die sie für ihn im Laufe des Jahres, das er an den Songs schrieb, hatten.

Reinhard Mey scheint - zwangsläufig - näher bei sich zu sein: das einzige Liebeslied an seine Frau, "Wir sind eins", rührt trotz oder gerade wegen seiner Unsentimentalität. Mit "Antje" findet sich wieder ein liebevolles Portrait einer "ganz normalen" Frau, das überzeugender wirkt als etwa der thematisch ähnlich gelagerte Titelsong "Rüm Hart" von 2002.

"Gegen den Wind", "Gute Seele" und "Was keiner wagt" sind Appelle, seine Individualität zu leben, den Mut nicht zu verlieren und gegen den Strom zu schwimmen oder anders gesagt: "Fliegen kannst du nur gegen den Wind."

In "Larissas Traum" geißelt Mey in stillen, dafür umso treffenderen Worten die deutsche "DSDS"-Brot und Spiele-(Un-)Kultur, weniger die Mentalität der Kandidaten als viel mehr die der "drei Juroren" und nicht zuletzt auch der glotzenden Masse, die diese Shows überhaupt erst finanziert und möglich macht. Ich finde es unglaublich, welche Wucht, welche analoge Aussagekraft über die Lage der Nation in der Doppeldeutigkeit der Refrainzeilen "...Deutschland kanzelt ab (!), (...) Deutschland will nur spielen, Deutschland tut doch nichts" liegt.

Wie zu erwarten, hat Reinhard Mey auch ein Lied an seinen Sohn geschrieben: Mit dem Titel "Drachenblut" assoziiere ich den verzweifelten Wunsch, sein Sohn Max - oder er selber - mögen so unverletzlich sein wie Siegfried in der Nibelungen-Sage, dessen Bad in Drachenblut ihn (bis auf eine blattgroße Stelle) so gut wie unbesiegbar machte. Eine tiefe innere Zerrissenheit kommt zum Ausdruck, wenn er einerseits von der "Entschlossenheit, dich in die Welt zurückzulieben" singt, um den Refrain hingegen mit der Zeile "mein fernes, mein geliebtes Kind, schlaf ein" zu beenden. Ich habe den Songtext einer Freundin vorgelesen und hatte allein dabei mit Tränen zu kämpfen, selten hat ein Lied mich so berührt wie dieses. Dies umso mehr, als ich erst heute alte Songs wie "Kleiner Kamerad" oder "Du bist ein Riese, Max" hörte, die Mey über seine Söhne schrieb, als diese noch Kleinkinder waren. "Drachenblut" ist für mich der stille Titel des Albums.

Im Herbst 2011 wird Reinhard Mey mit diesen Liedern auf Tournee gehen; wie eine Mitrezensentin schrieb, ist es schwer vorstellbar, ob und wie "Drachenblut" darunter sein kann.
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Kommentare

Von 1 Kunden verfolgt

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1-8 von 8 Diskussionsbeiträgen
Ersteintrag: 08.05.2010 09:54:06 GMT+02:00
S. Wendorf meint:
Eine großartige Rezension, die einen wirklich umfassenden Eindruck vom Album vermittelt, ohne dabei zuviel zu verraten. Dazu kann ich nur gratulieren. Bei Ihren Sätzen zu "Drachenblut" kamen mir schon beim Lesen die Tränen...

Allerdings habe ich mir das Album heute schon vor dem Lesen der Rezensionen bestellt, einfach weil ein neues Mey-Album ein Pflichtkauf für mich ist.
Das von Ihnen erwähnte Album "Farben" ist übrigens dasjenige, mit dem ich vom gelegentlichen, geneigten Hörer zum Fan und Bewunderer Reinhard Meys geworden bin. Es gehört bis heute zu meinen absoluten Favoriten unter seinen Alben. Obwohl ich keines wirklich schwach finde, gibt es hier auf sehr hohem Niveau natürlich auch Höhen und Tiefen.
Nur eines ist mir bis heute noch immer nicht gelungen, mal ein Konzert von Reinhard Mey zu besuchen. Ich hoffe, das gelingt mir eines Tages noch.

Veröffentlicht am 08.05.2010 11:44:05 GMT+02:00
H. Bullmer meint:
[Die meisten Kunden meinen, dass dieser Beitrag nicht zur Diskussion gehört. Beitrag dennoch anzeigen. Alle nicht nützlichen Einträge anzeigen.]

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 08.05.2010 12:58:12 GMT+02:00
Zuletzt vom Autor geändert am 20.06.2010 03:21:35 GMT+02:00
Herzlichen Dank! Neue Reinhard Mey-Alben sind auch für mich jedesmal Pflichtkauf. Ihre Formulierung, dass es auf seinen Alben "auf sehr hohem Niveau" Höhen und Tiefen gibt, trifft es sehr gut.
Ich wünsche Ihnen, dass Sie Karten für die 2011er Herbsttournee bekommen, und mir auch, er wird Ende dieses Jahres 68, und ich staune immer, wie fit und jugendlich sich dieser Mann gehalten hat. Ich habe ihn ca. '92, 2004 und dann nochmal Ende 2008 live gesehen, es ist ein Erlebnis. Vielleicht hilft Ihnen bis dahin die "Klaar Kiming"-Live-DVD, die Zeit zu überbrücken - falls Sie sie natürlich nicht sowieso schon haben!

Viele Grüße!

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 09.05.2010 13:08:36 GMT+02:00
Paul Grass meint:
Ein schöner Beitrag.

Veröffentlicht am 10.05.2010 19:13:55 GMT+02:00
C. Heißler meint:
Vielen Dank für diese perfekte Zusammenfassung! Habe die CD gerade zum ersten Mal gehört und kann jedes einzelne Wort nachvollziehen.

Veröffentlicht am 11.02.2011 10:32:50 GMT+01:00
klassikfan meint:
vielen dank für Ihre treffende rezension. bin selber musiker und kann beim hören der cd jedes wort Ihres beitrages nachvollziehen.
reinhard mey ist zweifelsohne der begabteste liedermacher des gesamten deutschen sprachraumes und rührt mich in seiner einfachheit und trotzdem mehrdeutigkeit zu tränen.

Veröffentlicht am 10.03.2011 14:55:18 GMT+01:00
[Vom Autor gelöscht am 01.10.2014 13:35:04 GMT+02:00]

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 12.03.2011 18:15:03 GMT+01:00
Zuletzt vom Autor geändert am 12.03.2011 18:15:26 GMT+01:00
Nochmal nachzählen...hm...nein, ich habe nicht in JEDER, sondern eigentlich nur in EINER Zeile diese politische Anspielung entdeckt, und es sollte mich wundern, wenn Reinhard Mey, der doch seit jeher mit Wortspielen und Sprachwitz arbeitet, diese Doppeldeutigkeit un(ter)bewusst passiert sein oder gar entgangen sein sollte... und selbst wenn, empfinde ich nach wie vor eine Wucht in dieser Aussage, weit entfernt von "unkonstruktivem, fatalistischem" Stammtischniveau. Mey hat sich bekannterweise immer wieder recht kritisch zur Lage der Nation geäußert, nicht erst z.B. auf der Live-CD "Zwischen Zürich und zu Haus" von 1994 - dort aber in aller Deutlichkeit.
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Artikel

Rezensentin / Rezensent

Toby Tambourine
(TOP 500 REZENSENT)    (VINE®-PRODUKTTESTER)   

Ort: Gießen

Top-Rezensenten Rang: 356