Kundenrezension

18 von 24 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen Seltsames Buch, 25. Februar 2014
Von 
Rezension bezieht sich auf: SOS Kinderseele: Was die emotionale und soziale Entwicklung unserer Kinder gefährdet - - und was wir dagegen tun können (Gebundene Ausgabe)
Ich stehe etwas ratlos da nach der Lektüre dieses Buches. Zwar kann ich einerseits verstehen, wie ein Autor zu einem Thema, das doch sehr viele Menschen direkt anspricht und betrifft, etwas schreibt, das sich - auch aufgrund des sehr einfachen, redundanten Schreibstils - locker runterliest und darum als Bestseller verkauft. Andererseits ist mir unbegreiflich, wie ein Mensch mit Hochschulbildung und sicherlich langjähriger fachlicher Praxis ein dermaßen schlechtes Buch produzieren kann.

Der Inhalt dieses Buches ließe sich problemlos in einem zwei-, dreiseitigen Fachaufsatz unterbringen. Klar, das könnte man dann allerdings nicht so gut verkaufen. Deshalb muss es also ein Buch werden, mit einem reißerischen Titel und in einfachen, sich variiert immer wiederholenden Sätzen, bei denen man sehr schnell den Faden verliert. Mehrfach hatte ich kein Lesezeichen dabei und wusste dann oft nicht mehr, ob ich eine Stelle schon mal gelesen hatte oder ob dies nur die x. Wiederholung eines Themas war.
Die Zitate im dem Autorentext - sind das Briefe an den Autor? hat er das irgendwo gelesen? - sind alle im gleichen Stil wie das Buch geschrieben, das hat mich einigermaßen befremdet.

Winterhoff verweist auch wieder und wieder auf seine eigenen Bücher: "Wie ich in dem Buch "A" schon geschrieben habe", "diese These habe ich in meinem Buch "B" ja schon erklärt". Irgendwie ein bisschen wie so eine Dauerwerbesendung im Fernsehen.

Worum geht es? "Viel mehr Kinder" sind "seit Mitte der 90er Jahre" (Warum ausgerechnet zu diesem Zeitpunkt? Das wird nirgends zu begründen oder zu ergründen versucht.) verhaltensauffälliger und nicht mehr wirklich in der Lage, dem Schulunterricht, bzw. Anweisungen von Eltern und Lehrern zu folgen. Sie manipulieren und lenken die Erwachsenen, sollten aber umgekehrt von diesen gelenkt und angeleitet werden. Das liegt laut W. daran, dass viele Kinder auf dem geistigen Niveau von Anderthalbjährigen stehen geblieben sind. Also ist ihr Fehlverhalten kein böser Wille. Sie können keine Einsicht haben, weil sie dazu emotional nicht in der Lage sind. Also müssen sie "nachreifen".
Diese Aussagen werden immer und immer wiederholt.

Mehr als einmal habe ich mich beim Lesen gefragt, ob mein Kind dazu gehört. Er kommt mir emotional völlig altersgemäß entwickelt vor, ich habe auch nicht den Eindruck, dass er den Anweisungen von Lehrern, Erziehern und Trainern nicht Folge leisten könnte. Auch haben wir zu Hause keine dauernden Streitereien.Aber natürlich widersetzt er sich, wenn ihm etwas nicht passt. Er ist acht und lässt sich nicht alles gefallen.So wie mir wird es vielen Eltern gehen, die dieses Buch lesen, das einem suggeriert, dass Kinder heute ein Problem haben. Ist es sinnvoll, ein Buch zu schreiben, das alle irgendwie anspricht und folglich alle irgendwie verunsichert?

Dieses Problem der Kinder können auch Eltern nicht wirklich lösen, jedenfalls gibt das Buch so gut wie keine Lösungsansätze für Eltern, außer, dass sie "Ruhe reinbringen" sollen, was man z.B. bei W. in der Praxis lernt.

Lösen können dieses Problem Erzieherinnen (weiblich) und Lehrer (auch Männer ...), und vor allem Politiker, die - so W. - etwas ändern müssen und sich alle den modernen Unterrichtsformen (s.u.) widersetzen sollten und schon im Kindergarten Kinder auf die Schule vorbereiten sollten.

Was sind "Moderne Unterrichtsformen"? W. ist gegen offene Lernkonzepte, gegen Gruppenunterricht und Projekte und es werden dazu skurrile Beispiele gebracht. All diese Dinge, die er hier kritisiert, wie "Lesen durch Schreiben", "Lerntheken", "Lernangebote" etc. gibt es sicherlich. Und es gibt sicherlich auch noch viele andere, nicht wirklich gut durchdachte Dinge in Deutschlands unübersichtlicher Bildungslandschaft. Aber: es gibt auch ganz anderes. Das fällt hier im Buch irgendwie ziemlich hinten runter. Es kommt einem beim Lesen so vor, als gäbe es republikweit nur völlig absurde moderne Unterrichtsformen, von denen man schon bei der Lektüre erkennt, dass das alles nicht funktionieren kann.
Wenn man selber Kinder im Grundschulalter hat oder kennt, hat man - so wie ich - aber vielleicht auch die Erfahrung gemacht, dass es Schulen gibt, an denen es diese "modernen" Unterricht gar nicht gibt.

Ich zweifle an, dass Unterrichtsformen wie die hier angeprangerten allein daran schuld sind, dass Kinder sich nicht sozialkompatibel verhalten.

Laut Winterhoff hat Unterricht wie folgt zu sein: Frontalunterricht, alle Pulte stehen in die gleiche Richtung und der Lehrer spricht
Ich glaube nicht, dass die Rückkehr zu dieser Unterrichtsform das Allheilmittel.

Ich habe mich gefragt, wie ich es geschafft haben, in der staatlichen Grundschule, in die ich Mitte der 1970er Jahre eingeschult wurde, so erfolgreich zu sein, trotz Gruppentischen, Projektunterricht und einer Klassengröße von 32 Kindern. (alles das, was Winterhoff als Ursache für das hier kritisierte Verhalten von Kindern anführt). Wie haben wir Rechtschreibung, Rechnen und Lesen gelernt? Denn wir haben es gelernt. Und wie haben unsere Lehrer es geschafft, dass wir nicht ständig den Unterricht störten? Dass wir alle irgendwann lesen, schreiben und rechnen konnten, singen und turnen, basteln, nähen, malen und werken.
Warum ist keiner von uns verhaltensauffällig gewesen? Warum haben wir alle Schulabschlüsse geschafft, Berufe erlernt, Studien abgeschlossen?

Ich bin mir fast sicher: es ist nicht die "moderne" Schule, die Kinder so macht, wie Winterhoff es kritisiert. Es ist ein Konglomerat von Gründen. Aber das Buch lässt einen mit Erkenntnissen allein: Kinder werden immer schwieriger. Meins vielleicht auch? Ich selber kann nur irgendwie "Ruhe" reinbringen. Alle anderen müssen Dinge ändern. Schultunterricht muss wieder sein wie bis zu Beginn der 1970er Jahre. Und dann wird das wieder. Das ist eine komische gedankliche Mischung. Die alle verunsichert und keinem hilft, weil sie keinem Betroffenen einen wirklichen Lösungsansatz gibt. Außer vielleicht dem, dass man mit dem Kind zu einem Therapeuten sollte, so lange sich "die Schule" noch nicht geändert hat. Ich halte das für unlauter.

Ich bin mir sicher, dass Michael Winterhoff ein guter Therapeut sein kann. Das mit den Büchern hingegen war keine gute Idee. Es sind Bücher, die lesende Eltern verunsichern, ihnen aber keinerlei Hilfe sein können, denn der Autor gibt wenig von sich, was Eltern hilft. Lehrer, Erzieher und Politiker müssen verändern. Super. Und als Eltern bleibt einem dann abzuwarten, bis die es tun?

Was bleibt? Den Eltern die Möglichkeit, ihre Unzufriedenheit mit ihren Kindern dem System zuzuschieben - und dies fördert sicherlich keine positive Beziehung, sondern vertieft den Graben zwischen Elternhaus und Schule.
Sätze wie "Bereits während der Ausbildung muss deshalb vermittelt werden, dass Pädagogen in Kindergärten und Schulen "Entwicklungshelfer" sein müssen. Nur so kann die Verantwortung für die emotionale Entwicklung der Kinder dort verbleiben, wo sie auch tatsächlich hingehört: in Kindergärten udn Schulen" machen mir Angst.

Ich möchte auf jeden Fall, dass die emotionale Entwicklung meines Kindes mindestens in ebensolchem Umfang zu Hause bei seinen Eltern stattfindet und dass dies auch als normal betrachtet wird. Sonst wäre es vielleicht besser, seine Kinder gleich nach einem Jahr komplett outzusourcen.

Michael Winterhoff hat sicherlich durch seine Arbeit viele Probleme erlebt und erkannt, die Kinder heute haben. Das, was er - mit Hilfe eines Journalisten - daraus in Buchform gebracht hat, sollte man sich besser ersparen.
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