Kundenrezension

7 von 8 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Mehr als eine Biografie, 23. Juni 2012
Rezension bezieht sich auf: Friedrich Schiller: oder Die Erfindung des Deutschen Idealismus (Taschenbuch)
In gewohnt souveräner Manier schildert Rüdiger Safranski, ein ausgewiesener Experte für die Geistesgeschichte der Klassik und Romantik, auf der Grundlage von Briefen und historischen Zeugnissen den Lebensweg des großen deutschen Dichters und Denkers. Am Anfang stehen das konservativ-fromme Elternhaus und die Tätigkeit des Vaters als Leutnant und Regimentsarzt im württembergischen Heer, die dazu führt, dass Schiller 1773 in der Erziehungsanstalt des Landesfürsten Carl Eugen landet, eines selbstherrlichen und beratungsresistenten Monarchen, der in Ludwigsburg ein zweites Versailles mit ähnlichem höfischen Prunk (aber auch mit Hoftheater) erbauen ließ. Dementsprechend ist die Herzogliche Militärakademie in Stuttgart eine Mischung aus Internat und Kaserne, aber mehr Kaserne als Internat. Herzog Carl Eugen fungiert als Ersatz-Vater und persönlicher Erzieher. Der Plan, Theologie zu studieren, ist damit zerschlagen. Schiller entscheidet sich nach einem kurzen Intermezzo in Jura für ein Medizinstudium, kommt aber durch Lessing- und Klopstock-Lektüre auch mit Literatur in Berührung. Sein Lehrer Abel bringt ihm Shakespeare näher und hält einen prägenden Vortrag über das Genie. Seine zuvor zweimal abgelehnte Dissertation über den Zusammenhang von tierischer und geistiger Natur des Menschen (1780) ist eigentlich eine philosophische Schrift; die hier entwickelte Liebesphilosophie entdeckt Safranski später in Schillers Auseinandersetzung mit Kant wieder.

Während des Medizinstudiums an der Stuttgarter Karlsschule kommt es auch zur Abfassung der »Räuber«, einer ersten Abrechnung mit dem repressiven System des Herzogs. Schiller lässt das Buch 1781 auf eigene Kosten drucken - der Beginn eines quälenden Verschuldungsdramas - und es kommt im Januar 1882 im Mannheimer Nationaltheater sogar auf die Bühne. Das macht Schiller zwar über Nacht zum Star, aber noch längst nicht zu einem freien Menschen. Wegen unerlaubter Abwesenheit (Reise nach Mannheim) kommt der frisch gebackene Militärarzt im Sommer desselben Jahres sogar in Haft. In einer abenteuerlichen Nacht- und Nebelaktion stiehlt Schiller sich daraufhin während eines großen Hoffestes im September mit Hilfe seines Freundes Andreas Streicher, der auf dem Weg nach Hamburg ist, aus Stuttgart davon. In Mannheim hängt er am Gängelband des flatterhaften Theaterintendanten Dalberg, der ihn mit Rücksicht auf den Fürsten des benachbarten Herzogtums ein ums andere Mal hängen lässt. Zu den amüsantesten Episoden gehört Schillers Fiasko mit dem »Fiesko«: eine Lesung des neuen Stücks in Gegenwart von Dalberg, Iffland und anderen Schauspielerin in Mannheim. Schillers offenbar grandios pathetischer sowie vom starken schwäbischen Einschlag verunstalteter Rezitationsstil führt dazu, dass »Die Verschwörung des Fiesko zu Genua« zunächst als misslungen angesehen wird. Es bleibt schwierig für ihn in Mannheim. Schulden drücken, Auslieferung an den Herzog droht und Schiller nimmt das großzügige Angebot der Henriette von Wolzogen an, die ihr Unterkunft auf ihrem Gut bei Bauerbach gewährt.
Zwar kommt er mit »Kabale und Liebe«, seinem zweiten Sensationserfolg, gut voran, Anfang 1783 ist das Stück fertig; aber er verliebt sich in Henriettes Tochter Charlotte. Als mittelloser Dichter ist Schiller aber keine gute Partie. Er geht im Sommer zurück nach Mannheim, wo es anfangs mit der Aufführung von »Kabale und Liebe« im April 1784 gut läuft, aber Dalberg ihn am Ende fallen lässt. Schiller hat sich zu sehr über Verhunzungen seiner Stücke durch die Darsteller empört. Mit Charlotte von Kalb tritt außerdem eine unglücklich verheiratete Frau in sein Leben, was zu Komplikationen führt (Gedicht »Der Kampf«). Doch wieder rettet ein dramatischer Deus-ex-machina Schiller aus der Not: Der Freundeskreis um seinen lebenslangen Vertrauten Körner, alles junge Leute, die Schiller nie vorher gesehen hat und die er auch nicht kennt, hat dem von ihnen verehrten Dichter einzig auf Grundlage dessen, was sie von ihm gelesen haben, angeboten bei ihnen zu wohnen. Schiller nimmt das Angebot Anfang 1785 an. »Don Karlos« entsteht. Die Quellenstududien führen Schiller zur Geschichte. Er profiliert sich mit seinem epochalen Werk »Geschichte des Abfalls der Niederlande« als Historiker, was ihm Ende 1788 auf Betreiben des Hofrats Goethe eine Geschichts-Professur in Jena einbringt. Im Juli 1787 bereits hatte ihn Charlotte von Kalb nach Weimar gelockt; Schiller, der sich in Dresden schon wieder unglücklich verliebt hatte, braucht Luftveränderung. Er trifft Wieland und Herder und Goethes Freundin Charlottte von Stein. Im November trifft er bei einem Besuch in Bauerbach bei Charlotte von Wolzogen die Schwestern Charlotte und Karoline von Lengefeld. Beide sind ihm zugetan, nach langem Zögern kann sich Schiller zu einer Entscheidung für Charlotte durchringen, die er 1790 heiratet.

Es ist immer wieder berührend, wie Safranski die Überraschung des selbstkritischen Dichters schildert, wenn er von seiner eigenen Prominenz überwältigt wird. Das wird später bei seinem Leipzig-Besuch 1801 (Aufführung der »Jungfrau von Orleans«) und in Berlin 1804 so sein. Doch schon die erste Vorlesung in Jena ist ein Ereignis: Der Andrang ist so gewaltig, dass der vorgesehene Hörsaal aus allen Nähten platzt. Die Horde von Studenten muss in das private Auditorium eines Kollegen ausweichen.

Das lange Fremdeln mit Goethe, der sich abfällig über »Die Räuber« geäußert hatte, schildert Safranski noch intensiver in seinem Nachfolgebuch Goethe und Schiller. Geschichte einer Freundschaft, das sich hervorragend als Anschlusslektüre zu diesem Band eignet, auch wenn sich einige Informationen wiederholen. Doch auch hier folgt der Leser der schicksalhaften Annäherung der beiden Heroen des Literaturzirkus fasziniert und staunt über das ungewöhnlich uneitle Umgehen der beiden Lichtgestalten miteinander. Ein Gespräch im Anschluss an die gemeinsame Teilnahme an einer Sitzung der Naturforschenden Gesellschaft in Jena lässt im Hochsommer 1794 das Eis endlich tauen. Ein reger Briefwechsel setzt ein. Später kommt es mit der Zusammenarbeit bei Schillers ambitionierter Zeitschrift »Die Horen« und bei den Spottgedichten »Xenien«, bei Schillers Anregungen zu »Wilhelm Meister«, Schillers theaterkritischen Anmerkungen zu Goethes Dramen zu einem Kreativitätstransfer, der wohl ohne Beispiel in der deutschen Literaturgeschichte ist und die Keimzelle dessen wurde, was wir heute unter Weimarer Klassik verstehen. Safranski beleuchtet auf der Grundlage von Schillers philosophischer Schrift »Über naive und sentimentalische Dichtung« den Unterschied zwischen dem von Schiller als naivem Genie-Ästheten wahrgenommenen Goethe und dem in mühsamer Nachtarbeit und mit immenser Disziplin und Gestaltungswillen seinem kranken Körper große Kunst abtrotzendem sentimentalischen (»vermittelt-reflektiertem«) Dichter, als den Schiller sich selbst betrachtete, zwischen dem, der unbewusst und eins mit der Natur aus dem Dunkel schafft, und dem, bei dem zu viel Absicht, Konstruktion und Helligkeit im Spiel ist (S. 419), und findet auch die Erklärung dafür, wie zwischen den beiden eine so fruchtbare Zusammenarbeit möglich war: weil es, so Schiller, »dem Vortrefflichen gegenüber keine Freiheit gibt als die Liebe«. Damit ist ein weiterer zentraler Begriff in Schillers Denken erwähnt: der der Freiheit. Logische Folge der intensiven Zusammenarbeit war Schillers Umzug nach Weimar zum Jahrhundertende.

Nach seinem Zusammenbruch Anfang 1791 in Erfurt ist es ein Leben auf Zeit, das Schiller führt. Als ihn der Tod schließlich ereilt, trifft es ihn auf der Höhe seiner Schaffens- und Gestaltungskraft. Er wusste: Nachdem er den monumentalen Stoff des »Wallenstein« bewältigt und für die Bühne komprimiert hatte, war ihm nichts mehr unmöglich. Und am Ende ist der Leser - auch wegen Safranskis einfühlsamer Schilderung - bewegt und auch ein wenig traurig, dass es zur Fertigstellung bzw. Ausführung von Projekten wie »Demetrius« über einen polnischen Hochstapler, der sich als Zarensohn ausgab, »Die Polizei«, das aus der Sicht des Polizeichefs Ludwigs XIV. die Geheimnisse von Paris offenbaren sollte, oder der »Seestücke«, in denen der Autor ozeanische Weiten bühnentauglich machen wollte, nicht mehr gekommen ist und dass Schiller auch an seinem einzigen Roman-Projekt, dem einträglichen Verschwörungs- und Mystery-Krimi »Der Geisterseher«, die Lust verloren hat.

Eine Einschränkung dürfte es bei der Lektüre dieses informativen Schiller-Buches für alle geben, die sich vor allem für Schillers Leben und weniger für sein Denken und Schreiben interessieren. Safranski nimmt sich sehr viel Zeit, vor allem Schillers Auseinandersetzung mit Kant, Hegel und anderen Geistesgrößen zu schildern. Ganze Kapitel widmen sich weniger Ereignissen in Schillers Leben als vielmehr dem Versuch, Schillers geistige Entwicklung und seine Geschichts- und Naturphilosophie komprimiert darzustellen. Diese Abschnitte erfordern hohe Aufmerksamkeit und lassen sich nicht in einem Rutsch durchlesen. Manchem Leser könnte das zu viel Geduld abverlangen.

Fazit: Wer hier ein Lebensbild der legendären deutschen Geistesgröße und des (so jedenfalls sieht Safranksi ihn) größten deutschen Theaterautors erwartet, für den dürfte dieses Buch vielleicht eine etwas zu uferlose Darstellung sein; für alle, die geistesgeschichtliche Zusammenhänge der Goethe-Ära interessieren und die nicht nur über Schiller, sondern auch über Goethe, Hölderlin, Humboldt, Kant, Herder, Fichte, Schelling und die Schlegels mehr erfahren möchten, ist es dagegen genau richtig.
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