Kundenrezension

60 von 70 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Wer bin denn eigentlich ich?, 15. Mai 2012
Rezension bezieht sich auf: Die unwahrscheinliche Pilgerreise des Harold Fry. Roman (Gebundene Ausgabe)
"Was Sie da machen, ist der Pilgerweg des einundzwanzigsten Jahrhunderts. Phantastisch! Genau solche Geschichten wollen die Leute hören." Diese Worte bekommt Harold Fry, ein frisch pensionierter 65er auf seinem langen Pilgerweg zu hören, als sein Unterfangen medienpublik wird. Ein knapper Brief von Queenie Hennessy, einer seit 20 Jahren aus den Augen verlorenen Kollegin, die im Sterben liegt, lässt ihn aus der Eintönig- und Wortlosigkeit seiner Ehe ausbrechen und etwas Unglaubliches tun. Aus einem flüchtig hingeworfenen "Tschüss dann, Maureen", das er seiner Frau zuruft, um eigentlich nur seine Antwortzeilen an Queenie in den Briefkasten zu bringen, wird ein 87 Tage dauernder und 1000 km langer Pilgerweg quer durch England. Seine Motivation: "Ich werde laufen, und sie muss weiterleben."

Wollen Leute solche Geschichten tatsächlich hören? Der Erfolg von Hape Kerkelings 2006 niedergeschriebener Jakobsweg-Selbstfindungsreise scheint dies zu bestätigen. Auch der Geschichte von Rachel Joyce, die mit ihrem literarischen Debüt den Tod ihres Vaters verarbeitet, wird mutmaßlich ein breites Lesepublikum beschienen sein. Und das nicht nur allein daher, dass der Roman weltweit in 30 Ländern erscheint. Nein: "Die unwahrscheinliche Pilgerreise des Harold Fry" ist ein berührendes, ein nachdenkliches Buch, das - leicht und flüssig lesbar - auf weiten Strecken sehr tiefsinnige Gedanken und Reflexionen offenbart. Während seines Marschs auf Straßen und Wegen, über Felder, Hügel und durch Täler spult vor Harolds innerem Auge sein vergangenes Leben ab. "Bilder und Gedanken, von denen nachts sein Kopf fast platzte, Bilder, die ihn wach hielten", durchströmen ihn. Letztendlich ist der Weg von Kingsbridge nach Berwick auch und vor allem eine Reise zu ihm selbst, ins Innere von Harold Fry. "Er spielte Szenen aus seinem Leben noch einmal ab, als Zuschauer, der im Draußen gefangen blieb." Dadurch befreit er sich Schritt für Schritt aus dem Schraubstock der Vergangenheit.

Solange Harold allein auf weiter Flur läuft, gelingt es Rachel Joyce den Spannungsbogen zu halten bzw. stetig aufzubauen. Sie positioniert ihren Protagonisten gekonnt in zwei Ebenen. Vieles, was sich vor seinen Augen ausbreitet, bekommt gleichermaßen eine introspektive, als auch eine auktoriale Erzählperspektive, die eines Passanten. Doch scheint nach der Hälfte der Strecke nicht nur die Kraft des Pilgers zu schwinden. Ebenso wird die Erzählstruktur zunehmend konturloser und fasert aus. Der immer mehr publicity-wirksame Pilgerweg Harold Frys verflacht das literarische Niveau des Romans. Zu vorhersehbare und mit Klischees beladene Szenen lösen die gedankenreichen und gehaltvollen Passagen der ersten zwei Drittel der Erzählung ab. Harold selbst scheint das Malheur seines Plots auf Seite 332 auszusprechen: "Wie hatte er sich einbilden können, dass diese banalen Dinge zusammengenommen etwas Größeres ergäben als die Summe ihrer Teile?" Schade.

Eines übermittelt die Lektüre trotz allem unmissverständlich: "Wir haben alle eine Vergangenheit. Wünschen uns, wir hätten so manches getan oder gelassen." Aber an "der Vergangenheit ließ sich nicht rütteln, man konnte seinen Anfängen nicht entrinnen. Nicht einmal mit Krawatte."
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1-5 von 5 Diskussionsbeiträgen
Ersteintrag: 22.06.2012 14:34:29 GMT+02:00
theo fost meint:
Zugegeben, auch ich hatte die Befürchtung, dass die sich ständig erweiternde Anzahl der Mitpilgernden und Harolds Toleranz diesen Menschen gegenüber, dem Roman seine literarische Qualität nehmen würde. Ich befürchtete ein Ende des Buches nach amerikanischem Muster - Harold kommt mit der ganzen Schar von Pilgern bei Queenie an, diese hat sich erholt und Harold wird als großer Held gefeiert - was natürlich sehr unbefriedigend gewesen wäre. Bald jedoch zeigte sich, dass der Roman in keiner Weise dabei war, seine Realitätsnähe zu verlieren. Der über seine Mitmenschen fast ausschließlich positiv denkende Harold macht die bittere Erfahrung, dass einige seiner Begleiter ihren Pilgerweg zu kommerziellen oder anderen Zwecken nutzen, enttäuscht setzt er seinen Weg alleine fort und auch die Ankunft bei Queenie ist nicht so, wie er sie sich erträumt hat,
sondern überaus ernüchternd.
Ergreifend ist das Ende des Romans, allerdings denke ich, nur wer selbst im Alter dieses Ehepaars ist und so lange verheiratet, kann die Tiefe und Innigkeit dieser im Roman beschriebenen Wiederfindung einer erloschen geglaubten, jedoch unbewußt immer vorhandenen Liebe mitfühlen.

Veröffentlicht am 22.06.2012 14:35:56 GMT+02:00
[Vom Autor gelöscht am 22.06.2012 14:36:31 GMT+02:00]

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 22.06.2012 14:43:30 GMT+02:00
MyandMar meint:
Danke für Ihren Kommentar!
Zumindest an der Wiederfindung und Innigkeit dieser im Roman geschilderten Liebe hege ich keinen Zweifel. Im Gegenteil: ich mochte gerade die Szenen im Buch, in denen die beiden ihr Leben reflektierten und analysierten. Dies waren für mich die stärksten Elemente. Aber nach ca. zwei Dritteln verloren sich diese tiefsinnigen Momente. Da gab es nur noch aneinandergereihte Klischees. Kurioserweise las mein Partner vor mir den Roman und wir unterhielten uns danach. Er kam genau zu der gleichen Einschätzung wie ich. Starke erste 2/3, extrem abfallendes letztes Drittel. Dort ging es nur noch um Handlungsaneinanderreihungen. Die literarische Qualität versiegte. Ich bleibe dabei: Schade!

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 22.06.2012 18:37:45 GMT+02:00
[Vom Autor gelöscht am 13.07.2012 19:08:12 GMT+02:00]

Veröffentlicht am 24.02.2015 16:32:17 GMT+01:00
Zuletzt vom Autor geändert am 24.02.2015 16:32:49 GMT+01:00
theo fost meint:
Komisch, ich bin mir ganz sicher, die Rezension einer Heike M. aus Dresden zu "Harold Fry" kommentiert zu haben. Haben Sie sich ein neues Pseudonym zugelegt, weil Sie mittlerweile professionell für Nivea, Max Faktor und einige andere Firmen Rezensionen schreiben?
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