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29 von 31 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Was für ein Debüt!, 1. Juni 2011
Rezension bezieht sich auf: Die Einsamkeit der Primzahlen (Gebundene Ausgabe)
In einem Seminar im zweiten Semester hatte Mattia gelernt, dass einige Primzahlen noch spezieller als die anderen sind. Primzahlzwillinge werden sie von Mathematikern genannt: Paare von Primzahlen, die nebeneinander stehen oder genauer, fast nebeneinander, denn zwischen ihnen befindet sich immer noch eine gerade Zahl, die verhindert, dass sie sich tatsächlich berühren. Zahlen wie 11 und 13, wie 17 und 19 oder 41 und 43. Bringt man die Geduld auf, weiter und weiter zu zählen, stellt man fest, dass solche Pärchen immer seltener werden. Man stößt auf immer weniger Primzahlen, die verloren dastehen in diesem lautlosen, monotonen, nur aus Ziffern bestehenden Raum und es beschleicht einen das beklemmende Gefühl, dass die Pärchen, die einem bis dahin begegnet sind, rein zufällig zusammenstanden und dass es eigentlich ihr Schicksal ist, allein zu bleiben. Aber dann, wann man schon aufgegeben und nicht mehr weiterzählen will, stößt man auf ein weiteres Pärchen von Zwillingen, die sich, eng umschlungen, aneinander festhalten. Mathematiker sind davon überzeugt, dass man, egal wie weit man fortschreitet, immer wieder solchen Zwillingen begegnen wird, obwohl niemand sagen kann, wo sie stecken, bis man sie tatsächlich gefunden hat.
Für Mattia waren sie beide, Alice und er, genau dies, Primzahlzwillinge, allein und verlo-ren, sich nahe, aber doch nicht nahe genug, um sich wirklich berühren zu können.
("Die Einsamkeit der Primzahlen", Seite 155, 156).

Es ist eine stille Art der Faszination die diesen melancholisch, schönen Roman des italienischen Debütanten Paolo Giordano auszeichnet. Der Schmerz seiner Helden ist fast schon körperlich spürbar und geht unglaublich nahe. Doch dieses Gefühl, das der Autor bis zur Neige auskostet, verwandelt sich auf beinahe wunderbare Weise vor den Augen des Lesers und vermittelt eine Botschaft der Hoffnung. Nicht die Liebe allein, die zwei besondere Menschen verbindet, sondern das Leben selbst steht im Mittelpunkt. Alice und Mattia, die man jeweils ab einem einschneidenden Kindheitserlebnis bis zum Erwachsenenalter begleiten darf, scheinen beide auf dem Pfad der Tränen festzukleben. Ihre Einsamkeit zu einer behaglichen Zweisamkeit zu machen scheint ebenso unmöglich zu sein, wie das Band vollkommen zu lösen, welches sie unsichtbar miteinander verbindet. Gibt es für die verkorksten Seelen der Kindheit eine Möglichkeit sich von der Vergangenheit zu lösen und ein unabhängiges und freies Leben zu führen?

Alice Della Rocca hasst das Skifahren. Und auch ihren Vater, der sie dazu zwingt, in diesem Sport das Beste zu geben. An diesem einen nebligen Tag wird sie einen Unfall haben, der sie mit Narben auszeichnet, die sie ihr Leben lang tragen wird.
Mattia Balossini ist ein Zwilling. Aber seine Schwester Michela ist ganz anders als alle anderen Kinder. Sie kann nicht sprechen, sie hat seltsame Anfälle und sie malt auf den Bildern die Haut der Leute blau an. Kein Wunder, dass die Zwillinge in der Schule keine Freunde finden. Als die beiden zu einer Geburtstagsfeier eines Klassenkameraden eingeladen werden, ist Mattia sich sicher, dass der Gastgeber von seinen Eltern zu dieser Geste gezwungen wurde. Als er sich mit seiner Schwester zu der Fete aufmacht, graut ihm bereits davor, was Michela Peinliches anstellen wird. Er trifft daraufhin eine folgenschwere Entscheidung und lässt die Zwillingsschwester allein in ihrem geliebten Park zurück. Aber als er viel zu spät wieder dorthin zurück kehrt, ist Michela spurlos verschwunden. Voller Panik erkennt Mattia, dass er einen großen Fehler gemacht hat.
Jahre danach treffen Mattia und Alice in der Schule zum ersten Mal aufeinander.
Die Lehrer von Mattia hatten den Eltern geraten, den hochbegabten Sohn auf ein Gymnasium zu schicken, wo seine Fähigkeiten mehr gefördert werden. Die soziale Kompetenz des sensiblen Jungen, der einen starken Hang zur Selbstverletzung entwickelt hat, ist dagegen eher unterentwickelt. Auch Alice ist ein Außenseiter, aber im Gegensatz zu Mattia würde sie liebend gerne dazugehören. Besonders die coole Viola hat es ihr angetan. Am liebsten hätte sie wie die kühle Schönheit ein Blümchentatoo auf dem Bauch, auch wenn darunter die hässlichen Narben nach wie vor sichtbar sind. Zu Alice Erstaunen möchte Viola ihr helfen, einen Typen zu finden. Alice Wahl fällt auf den seltsamen Mattia, dessen traurige Aura sie fasziniert. Es ist erneut eine Geburtstagsfeier, die eine Veränderung in Mattias Leben anstößt, auch wenn das Ergebnis ein anderes ist, wie von den Beteiligten erwartet...

Die Sprachbilder des Autors sind oft ungewöhnlich und doch nachvollziehbar. Zum Beispiel veranschaulicht er das allmähliche Verschwinden der Ehefrau und Mutter Della Rocca mit dem langsam verblassenden Wasserfleck auf einem T-Shirt. Ein alltägliches Bild wird mit einer ebenso realistischen wie ernüchternden Tatsache verbunden und prägt sich tief ein.
Die verschiedenen Konflikte der Protagonisten werden ebenso anschaulich geschildert, wobei eine gewisse Nüchternheit beibehalten wird. Fakten zu den Nebenfiguren werden nur insoweit angeführt, wie sie für die jeweilige Situation erforderlich scheinen. Trotzdem oder vielleicht gerade darum fühlt man auch mit ihnen. Außerdem ergibt sich ein differenzierteres Bild, was die Helden dieser Geschichte betrifft.
Die klare Struktur des Romans, die sehr gut zu der Themastellung passt, der leicht lesbare Schreibstil und die Eindringlichkeit, mit der das Gefühlsleben der Beteiligten beschrieben wird, sind eindeutige Pluspunkte des beeindruckenden Debüts.

Dieser ausdrucksstarke Roman ist tatsächlich eine ganz besondere Entdeckung.
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1-2 von 2 Diskussionsbeiträgen
Ersteintrag: 20.02.2012 16:34:43 GMT+01:00
Nightrider meint:
Habe Deine Rezension erst gelesen, als ich meine schon geschrieben hatte. Finde Deine Rezension sehr treffend und gerade in ihrer Ausführlichkeit bringst Du fast alles auf den Punkt, was auch mich an diesem tollen Buch angesprochen und berührt hat.

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 04.04.2012 11:04:05 GMT+02:00
Hallo Nightrider,

vielen Dank für Deine netten Worte. Deine Rezi hat mich auch angesprochen. Ich denke, dieses Debut hat jeden positiven Kommentar verdient ;-D. Etwas misstrauisch bin ich gegenüber der Verfilmung. Obwohl der Trailer vielversprechend ist, denke ich, dass ich es lieber bei meinem eigenen Kopfkino belassen werde. Was meinst Du dazu?
Lieber Gruß. Tanja
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