Kundenrezension

37 von 45 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen FLUCHT AUS DER SYMMETRIE DER ERWACHSENEN-WELT, 3. Juni 2012
Rezension bezieht sich auf: Moonrise Kingdom (DVD)
Man muss manchmal ja irgendwie über sich selbst schmunzeln, wenn man sich einmal beim Schreiben einer Filmrezension beobachtet. Am Anfang steht hier ja immer, sofern man nicht schon lange vorher einen außerordentlichen Geistesblitz hatte, das Suchen und Ringen nach einer treffenden Einleitung, etwa nach einem thematischen Kontext, in welchen man den Film einordnen und analysieren kann, dann die Frage, wie sich der Film in das Oeuvre seines Regisseurs einfügt oder dass man einfach seine vom Ansehen geweckten Gefühle und Gedanken wiedergibt.
Wie aber soll man selbige Ansätze bei "Moonrise Kingdom" anwenden, wenn es für den Verfasser dieser Kurzkritik der erste Wes-Anderson-Film ist und wenn sich vorallem jedwede Reaktionen oder Assoziationen in einem einfachen Satz zusammenfassen lassen:

Was für ein wunderschöner Film!!!

Alles andere ist eigentlich nur noch Ergänzung:
Mit einem hinreißenden skurrilen Humor - der zugegebenermaßen nicht jedermanns Sache sein wird - und sagenhaften Bildern, untermalt von sensiblen Orchesterklängen eines selten so gut gewesenen Alexandre Desplat, erzählt Anderson eine anrührende Geschichte voller herrlich schrulliger Charaktere.
Im Zentrum steht dabei die so schlichte wie wunderbare Liebesgeschichte zweier aufbegehrender Kinder, einem smarten, leicht irre wirkenden Nerd-Pfadfinder und einer irgendwie weltfremd-verlorenen, doch gleichzeitig bissig-anmutigen Anwaltstochter.
Die erste Begegnung, der hoffnungsvolle Briefwechsel, das herrlich verkrampfte Wiedersehen, die mit augenzwickernder Lagerfeuerromantik angereicherte Pfadfinderodyssee, der erste Kuss ... Anderson zeigt viel, ohne zu illustrieren, deutet viel an, ohne etwas schuldig zu bleiben. Und alles ohne Pathos, ohne Kitsch, auch ohne Verniedlichung!
Dass die Beziehung der beiden auf der Leinwand bei aller Skurrilität und Ironie so überzeugend und selbstverständlich-authentisch funktioniert, ist natürlich nicht nur Regie und Drehbuch zuzuschreiben, sondern vor allem den fantastischen Jungdarstellern.
Ihre abenteuerliche Reise ist aber nicht nur eine logische Folge kindlichen Leichtsinns (oder besser: Dickköpfigkeit) beim Suchen und Finden ihrer jungen Liebe, es ist auch eine Flucht aus ihren häuslichen Welten, Gefängnissen der Ordnung und Festgelegtheit, eingefangen in grandiosen Kamerabildern, die das Haus der Bishops bzw. Sams Pfadfinderlager als reinen Komplex aus Symmetrien erscheinen lassen.
Erst als die beiden Jung-Rebellen diese Welten mehr und mehr hinter sich lassen und in die reine Natur als rührend-utopischen Ort kindlicher Unschuld und Freiheit drängen, wird diese aufdringliche - wenngleich natürlich nie störende - Bildsymmetrie exponentiell abgebaut.

Es spricht jedoch auch erheblich für Anderson, dass er die Erwachsenen, jene "Oberhäupter" dieser beherrschenden Komplexe, auch nie direkt verurteilt, denn eigentlich sind sie seelisch noch viel ärmer dran als ihre offiziell für psychisch gestört erklärten Schützlinge Sam und Suzy. Die Insel, welche den Schauplatz der Handlung liefert, stellt sich wie ein realitätsferner Kokon für seine liebenswert merkwürdigen Bewohner dar, in dem jeder seinen zwanghaften kleinen Mikrokosmos auslebt und in welchem niemand an diesem vermeintlichen Idyllezustand etwas zu ändern geneigt ist. Lediglich auf dem Festland scheinen kalte menschartige Organismen wie die Frau vom Jugendamt namens "Jugendamt" (Tilda Swinton) oder die ziemlich herzlosen Pflegeeltern Sams zu existieren.
Als dann aber die Flucht der beiden Außenseiter die schöne Beschaulichkeit völlig aus allen Fugen geraten lässt, werden die schon lange zerrütteten Strukturen unter der hübschen - wenn auch bereits von Anfang an als reichlich labil präsentierten - Fassade sichtbar, was den kultivierten Anwalt (Bill Murray) im späteren Verlauf der Handlung veranlassen wird, mal eben "irgendnen Baum zu fällen" (einfach köstlich!).

Gegen Ende verliert Anderson dann zwar ein wenig seine liebliche Geschichte aus den Händen und dramatisiert unnötigerweise das Geschehen einen Ticken zu stark. Doch das ist an sich nur Makulatur.

"Moonrise Kingdom" ist vielleicht nicht ganz der beste, aber zweifellos der schönste Film des bisherigen Jahres 2012.

-> 8/10 Punkte
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