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Kundenrezension

112 von 120 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen VERZETTELTES ZUHÄLTER-INNENLEBEN, 30. August 2013
Rezension bezieht sich auf: Im Stein: Roman (Gebundene Ausgabe)
Puh, endlich durch mit diesem doch recht strapaziösen Werk. Zunächst was mir gefällt: die sprachliche Kraft, die Vielstimmigkeit, die wirklich eine ist, d.h. Meyer schreibt sich gekonnt in diverse Tonlagen hinein. Beeindruckend auch, wie er Motive von Hubert Fichte, Wolfgang Hilbig und anderen aufnimmt.

Problematisch aber, dass sich auf 570 sehr dicht bedruckten Seiten keine überzeugende Handlung entwickelt. Die paar Fäden, die man recht mühsam herausdröseln muss und die eine Art Geschichte des „Leipziger“ Prostitutionswesens nach der Wende von 1989 ergeben, fand ich in dieser Form nicht so spannend. Da wäre ein Artikel von 5 Seiten informativer gewesen.

Leider muss ich Ähnliches auch über die Figuren sagen: Sie haben mich größtenteils nicht wirklich interessiert. Arnold Kraushaar mit seinen Mietwohnungen voller Frauen, der alte Kommissar mit seiner Vorliebe für voluminöse Weiber, der Bielefelder, der philosophierende Rocker von den „Engeln“ oder der abgewrackte Ex-Jockey, der verzweifelt seine Tochter auf dem Strich sucht – es sind Männerseelen, die mich in ihren ausufernden, oft monothematischen, zudem mit vielen Banalitäten durchsetzten Monologen nicht ergriffen haben. Die Herren stilisieren sich gern zu „ganz normalen Geschäftsleuten“, nun ja.

Eindringlicher und gelungener finde ich die meist kürzeren Porträts der Huren, ihre abschweifenden Gedanken bei der Körper-Arbeit. Da ergeben sich oft komische Kontraste. Bei diesen Kapiteln, so scheint mir, handelt es sich um bearbeitete Interviews, was den Eindruck eines Sozialreports verstärkt.

Meyer will mit diesem ausufernden Roman seinem Ruf als „bad boy“ der deutschen Gegenwartsliteratur gerecht werden. Im Literaturbetrieb sind großflächig tätowierte Menschen ja noch die Ausnahme. So sind vor allem Kritikerinnen offenbar stark beeindruckt von diesem Schriftsteller mit Grünbeinbrille und Tattoos unterm Anzug (dezent das Ärmelchen hoch, dass mans auch gut sieht…) sowie seinen „authentischen“ Erfahrungen aus halbkriminellem Milieu (ja, die alte Autoknackergeschichte). Sie halten Meyer für eine Art Genet aus Sachsen, finden in seinen Werken schwarze Romantik. Aber diese Romantik, die die Prostitution einst tatsächlich hatte in der Literaturgeschichte, diese Feier des Verruchten funktioniert heute nicht mehr.

Es ist ja nicht so, dass Meyer in nie gesehene, spektakuläre Dunkelzonen hinabgestiegen wäre. Das Internet und die Boulevard-Blätter sind voll mit Prostitution, Hurengeschichten, Sexanzeigenseiten und all den netten Abkürzungen für die mehr oder weniger ausgefallenen Dienstleistungen am Mann, die Meyer wieder und wieder aufführt, als wärs nun ganz was Anrüchiges. Themen wie Prostitution, Frauenhandel, Flatrate-Bordelle etc. kommen z.B. bei Spiegel TV schon fast so oft vor wie Sendungen übers Dritte Reich. Deshalb finde ich die feldforscherhafte Breite, mit der Meyer seine Milieustudie entwickelt, unangemessen. Mit anderen Worten: Als Material für einen Roman wäre das größtenteils gut zu verwenden, aber wo ist der Roman?

Die Form der Bewusstseinsströme fand ich auf Dauer etwas gewollt und gekünstelt. Es wiederholt sich einfach zu vieles, dreht auf der Stelle, am Ende kann mans nicht mehr hören, dieses ganze verzettelte Zuhälter-Innenleben. Ich sehe die große Ambition, sehe den Aufwand, sehe das sprachliche Können, aber das Ergebnis überzeugt mich nicht. Etwas weniger Wahrnehmungskaskaden und etwas mehr Gedanken hätten dem Buch gut getan.

Vielleicht zündet „Im Stein“ bei mir irgendwann bei einer zweiten Lektüre, ich will es nicht völlig ausschließen.
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Kommentare


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1-8 von 8 Diskussionsbeiträgen
Ersteintrag: 03.09.2013 12:56:57 GMT+02:00
Danke für diese Einschätzung! Es ist für mich ein quälendes Buch.Aus Freier-Sicht geschrieben und der Autor wird sich selbst nicht gerecht. Man ist als Leser froh wenn man das Buch durchgelesen hat und weglegen kann. Die ersten Bücher waren deutlich besser!

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 03.09.2013 14:02:06 GMT+02:00
Danke für Ihren Kommentar. In einem stimme ich Ihnen allerdings nicht zu: Das Buch ist zum größten Teil gerade nicht aus Freier-Perspektive geschrieben (der Freier sucht ja seine erotische "Vision"), sondern aus der sehr nüchternen, geschäftsmäßigen Sicht derjenigen, die ihr gutes Geld mit der unbefriedigten Männerwelt verdienen wollen: der Frauen, Vermieter, Zuhälter usw.

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 14.09.2013 21:41:41 GMT+02:00
Frank Hertel meint:
Tolle Kritik. Danke sehr.

Veröffentlicht am 22.11.2013 11:29:46 GMT+01:00
Zuletzt vom Autor geändert am 22.11.2013 11:30:39 GMT+01:00
Bayreuther meint:
Danke für Ihre Rezension, denn sie erspart mir die Arbeit, selbst eine zu schreiben. Ich bin noch nicht ganz durch mit dem Buch, aber Ihre Punkte decken sich weitgehend mit meiner Einschätzung. Nach "Als wir träumten" hatte ich mehr von C. Meyer erwartet / erhofft. Das erste Buch seit langem, wo ich immer mal wieder ein paar Seiten überschlage, zuletzt bei dem Wiener Kapitel, das für mich einfach nur wirr war. Ich hätte auch nur zwei Sterne gegeben.

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 19.01.2014 21:53:59 GMT+01:00
[Vom Autor gelöscht am 20.01.2014 09:45:53 GMT+01:00]

Veröffentlicht am 06.04.2014 10:45:20 GMT+02:00
Zuletzt vom Autor geändert am 06.04.2014 20:54:44 GMT+02:00
Dauerleser meint:
im stein ist das mit abstand erfolgreichste buch Meyers. von nahezu allen Kritikern wurde es gefeiert. nominiert für den deutschen buchpreis, im stein wurde mit dem Bremer Literaturpreis 2014 ausgezeichnet… hat irgendeiner der Rezensenten eigentlich Joyce, celine oder döblin gelesen?
ein "sozialreport" ist das ganz sicher nicht.ich finde es wunderbar, dass Meyers im stein plötzlich eine Vielzahl der als wir träumten fans verstört. als wir träumten ist ein großartiges buch, aber im stein nun doch etwas ganz anderes, ganz andere literatur, aber beides LITERATUR.

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 11.04.2014 15:16:04 GMT+02:00
Zuletzt vom Autor geändert am 11.04.2014 15:16:41 GMT+02:00
Sie wollen dieses Buch doch nicht ernsthaft auf eine Höhe mit Jahrhundertwerken wie "Reise ans Ende der Nacht", "Alexanderplatz", "Ulysses" heben?

Und was den deutschen Buchpreis betrifft, das ist nun wahrlich eher ein Trauerspiel, wenn man sieht, was da als angeblich bester Roman des Jahres ausgezeichnet wurde. Ich sage nur: Julia Franck "Mittagsfrau", Katharina Hacker "Habenichtse", Melinda Abonji "Tauben fliegen auf", Terezia Mora "Das Ungeheuer". Halten Sie das alles auch für große, bedeutende Werke? Nur weil gewisse Kritiker sie "feiern"? Ich fand diese Romane allesamt mau, mäßig, langweilig.

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 15.04.2014 12:44:10 GMT+02:00
Zuletzt vom Autor geändert am 15.04.2014 18:48:10 GMT+02:00
Tilli Vanilli meint:
Was den Deutschen Buchpreis betrifft, haben Sie, lieber Bücher-Bartleby, leider völlig Recht. Das ist echt erschütternd, was den Lesern da als "Bestes Buch des Jahres" aufgeschwätzt werden soll. Und noch erschütternder ist, wie viele wirklich gute Romane und Autoren dann unter den Tisch fallen, weil sich alle Kritiker (und dadurch auch Leser) nur noch auf die selbsterkorenen Shortlists stürzen. ABER: "Im Stein" wäre endlich ein würdiger Preisträger gewesen. Und mit "Berlin Alexanderplatz" kann es allemal mithalten. Denn auch dort gilt: nur weil ein Buch von irgendwem mal zum Klassiker ausgerufen wurde, ist es noch lange nicht heilig und kann von zeitgenössischen, monumentalen Werken wie "Im Stein" durchaus vom Thron gestoßen werden.
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