Kundenrezension

30 von 35 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Der Ring als musikalisches Ausnahmeereignis, 2. Juli 2013
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Rezension bezieht sich auf: Der Ring des Nibelungen (Audio CD)
Zäumen wir das Pferd von hinten auf und hören den Schluß der Götterdämmerung: Das Ende Walhalls verklingt wundervoll versöhnlich, dann herrscht Stille. Und nun zeigt sich die Wirkung des Dirigats von Christian Thielemann: sekundenlange Stille, bis zunächst vorsichtiger Beifall – Ist es auch wirklich schon vorüber? – einsetzt. Und dann entbrennt ein tosender Sturm der Begeisterung. Das ist der Wiener Thielemann-Ring!

Live-Ereignis

Dagegen ist der Einstieg holprig - das liegt keinesfalls an der Musik, die den Hörer bereits ab der ersten Szene des Rheingolds buchstäblich gefangen nimmt. Es ist die Aufnahmetechnik dieser Live-Aufnahme, die natürlich das Niveau perfektionistischer Studioaufnahmen nicht erreicht. Es klingt nicht, als wäre dieses Opernereignis zielgerichtet aufgenommen, sondern eher nebenbei mitgeschnitten worden. Die Aufnahme an sich ist auch recht leise geraten (siehe unten!). Das Gehör gewöhnt sich jedoch schnell daran, und dann erlebt man ein Ereignis von musikalischen Ausmaßen, die so nur die großen Referenzaufnahmen prägen.

Vergleichswerte

Barenboim, Böhm, Boulez, Furtwängler (1950 und 1953), Karajan, Knappertsbusch, Krauss, Solti und Thielemann (2008) – diese Ringe nenne ich glücklich mein Eigen. Da könnte man meinen: Eigentlich genug, was fehlt da denn noch? Die Antwort ist leicht: Dieser Thielemann-Ring! Bislang waren die beiden Furtwängler-Aufnahmen, der Krauss-Ring und Thielemanns Bayreuther Aufnahme meine Favoriten. Und nun hat sich dieser Ring hinzugesellt und ist zugleich in die Spitzengruppe aufgeschlossen.

Der Ring als Ereignis

Während der Bayreuther Ring aufgrund seines berauschenden, kraftvollen Dirigats, seiner eher mäßig überzeugenden Sänger und einer als zu durchschnittlich kritisierten Regie als Dirigenten-Stück, als Thielemann-Ring, in die Festspielannalen einging, stellt Thielemann dem Bayreuther Klangriesen drei Jahre später einen definierteren Ring gegenüber. Kein kräftiger Riese, sondern ein "flinker" Athlet wird hier zum Leben erweckt: kleiner Einsatz mit effektiver Wirkung bei einem klar definierten, formvollendeten Körperbau!

Die Interpretation ist von Anbeginn ein Meisterstück musikalischer Handwerkskunst. Thielemann bietet nicht nur die ihm so eigene Farbpalette, die alle Stimmen zugleich erklingen läßt und sie trotzdem zu einer homogenen Einheit verbindet. Nein, hier zeigt der Maestro, was mit dem herausragenden Wiener Staatsopernorchester möglich ist. Er biegt diesen herausragenden Klangkörper und entlockt der Partitur dadurch feinste Farben. Er zeichnet filigranste, leise Figuren und läßt sein Orchester wenn nötig auch wuchtig auftrumpfen. Die große Nähe innister Momente zu eindrucksvollsten Gipfelstürmen läßt eine Interpretation von seltener Intensität entstehen.

Beispielhaft im Vergleich der Thielemann-Ringe ist der 3. Aufzug der Walküre, wenn Sieglinde in "größter Rührung" (Wagners Forderung) singt: "O hehrstes Wunder, herrlichste Maid!" Während diese Stelle in Bayreuth den Hörer orchestral wie sängerisch so überrollt, daß ihm schier der Atem stockt, nimmt Thielemann das Orchester nach einem ersten Anschwellen zurück, beläßt die "Ausdruckslast" bei Sieglinde und unterstützt sie nur. Damit verleiht er dem Moment anstelle des "äußeren" gewaltigen einen weitaus "inneren" dramatischen Ausdruck.

2008 wurde teilweise kritisiert, Thielemann übertöne die Sänger. Davon kann in Wien nicht die Rede sein. Auch trumpfen die Sänger hier erkennbar auf. Linda Watson bietet eine bessere Brünnhilde als 2008, Albert Dohmen ist präsent und neigt gefühlt ein wenig seltener dazu, bei ausdrucksstarken Stellen die Vokale zu einem Einheitsbrei zu formen - behoben ist dieses Problem noch nicht. Stephen Gould ist ein vortrefflicher Siegfried, die Sieglinde Waltraut Meiers und der Siegmund Christopher Ventris‘ sind ebenfalls sehr überzeugend. Generell ist die Sängerriege qualitativ homogener und mitreißender als bei der Bayreuther Aufnahme.

Fazit

Mit dieser Veröffentlichung hat der Musikliebhaber bei Thielemann nun die Wahl: ein Bayreuther Ring, der mehrheitlich überrollt und ausdrucksstark dahinschreitet, oder der Wiener Ring. Diesen gestaltet Thielemann so atemberaubend organisch und natürlich, daß sich das Gefühl breit macht, der Ring wäre keine Tetralogie, sondern eine gigantische, homogene Oper, die zusammenhängend und ohne Unterbrechung entstanden ist. Dieses musikalische Wachsen ist von solcher Selbstverständlichkeit, die interpretatorische Leistung von solch einheitlicher Vielschichtigkeit, daß das Publikum verständlicherweise immer wieder in Beifallstürmen ausbricht. Denn was nun auf 14 CDs so mitzureißen weiß, wie mag das wohl an den Abenden live geklungen haben?!

Bonus

Zu dem Mitschnitt gibt es von der Deutschen Grammophon vier einstündige Dokumentationen, die die Ring-Opern ausführlich, aber auch leicht verständlich besprechen. Dabei werden die musikalischen, historischen, interpretatorischen und entstehungsgeschichtlichen Eigenheiten der Werke erläutert und durch Ausschnitte der Einspielungen Barenboims, Boulez, Mehtas und Thielemanns (Wien) ergänzt. Die vier Filme sind auf zwei DVDs verteilt und bieten faszinierende Einblicke in das musikgeschichtliche Ausnahmewerk.

(Das Begleitheft ist in englischer, deutscher und französischer Sprache.)

+++ ERGÄNZUNG vom 17. Juli 2013 zur "Ton-Problematik":

Ich habe mich bzgl. der Beschwerden an die Deutsche Grammophon gewandt und folgende Antwort erhalten, die eine deutliche Absicht hinter dem hier publizierten Klangbild erkennen läßt:

"In contrast to many other Ring cycles, these recordings have sought to preserve the original musical dynamics of the live performances. To communicate the immediacy of the live experience, and to reflect the extreme range of the dynamics throughout the cycle, we dispensed with the convention of invasive level corrections in certain passages. Furthermore, in the interest of acoustic fidelity and transparency of the high-resolution audio signal, no compressors or limiters in the signal path were used. Playing the recording throughout at a higher stereo volume level than customary will ensure the listener the benefit of the unique features of this live-recording experience."
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Kommentare

Von 1 Kunden verfolgt

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1-5 von 5 Diskussionsbeiträgen
Ersteintrag: 23.07.2013 02:31:39 GMT+02:00
Thielemann is a control freak! (with excellent results, I may add...).

Veröffentlicht am 23.07.2013 02:44:21 GMT+02:00
In order to have a better power/volume ratio, I've just changed my interlinks from RCA to XLR, in order to enjoy this recording better..thanks a lot from this information!

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 31.07.2013 20:55:18 GMT+02:00
Zuletzt vom Autor geändert am 31.07.2013 21:17:04 GMT+02:00
Henning meint:
Noch eine sehr hilfreiche Reznsion von Ihnen. Zu Ihrer genannten Liste von empfehlenswerten Aufnahmen vielleicht noch ein Tipp. Wie Sie schätze auch ich die beiden Furtwägnler(Dirigat und Besetzung) und Krauss (diese Sänger!) sehr. Als Ergänzung sehe ich Keilberts 55ger Aufname in Stereo. Leider recht hochpreisig auf Testament erhältlich. Zwar erreicht Keilbert selbst nie jene Tiefe in der Darstellung des Subtextes wie es damals Furtwängler und jetzt, wie ich meine, auch Thielemann vermag. Aber was für eine Besetzung er mit seinem Dirigat dienend trägt! Dies nur als kleiner Hinweis.

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 31.07.2013 21:28:57 GMT+02:00
Klassikfreund meint:
Abermals vielen Dank für die Kritik!

Erneut muß ich Ihnen zustimmen: Die beiden Furtwängler-Ringe sind herausragend, die beiden Sängerriegen auf ihre Art einzigartig: Zwei Generationen Wagner-Sänger, mit dem vermutlich besten Wagner-Dirigenten überhaupt... das alles mit den Wiener- oder Berliner Philharmonikern gespielt und digital mit modernster Technik aufgezeichnet... ein Traum wäre das!

Aber auch die Krauss-Aufnahme ist hinreißend, die Verständlichkeit der Sänger unglaublich. Und, wie Sie so treffend bemerkten, hielt mich vom Keilbert-Ring bislang tatsächlich nur der Preis ab.

Um dem Kreis zu schließen: Wenn Thielemann auf eine einsame Insel erklärtermaßen den Furtwängler-RAI-Ring mitnähme, ob Furtwängler wohl den Thielemann-Wien-Ring mitgenommen hätte? Bei dessen musikalischer Qualität sicherlich!

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 01.08.2013 02:04:04 GMT+02:00
Zuletzt vom Autor geändert am 01.08.2013 02:13:32 GMT+02:00
Henning meint:
Die mir bekannten Äußerungen Furtwäglers zeigen ihn als einen Menschen, der die künstlerische Leistung anderer durchaus zu würdigen wusste (Toskanini war da wohl gerade gegenüber Furtwängler etwas ... konkurrenzorientierter). Und so weit ist Thielemanns Muikverständniss ja nicht von Furtwänglers Auffassung entfernt. Diese Kunst des Überganges, das Wissen darum, dass Musik eben doch mehr ist als Hansliks tönend bewegte Form. Der Mut zum Gefühl, den jene, die Musik mit Ingenieurskunst verwechseln, ja immer wieder sowohl Furtwängler als auch Thielemann vorwerfen. Ich meine die Fähigkeit, sinnlich den Subtext erfahrbar zu machen, hinter der die Apologeten der sogenannten Notentreue beliebigen Subjektivismus wittern. Unfug aus der Positivismus Ecke für meinen Begriff. Um es kurz zu machen, ich glaube sehr wohl, dass Furtwägler in Thielemann einen Mann erkannt hätte, der im Genialischen verhaftet ist.
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