Kundenrezension

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5.0 von 5 Sternen Ein Leben ohne Ekstase, 9. Oktober 2013
Rezension bezieht sich auf: Der Lüster (Gebundene Ausgabe)
Sätze von makelloser Schönheit - langsam zu lesen, weil es jedes Wort wert ist, gelesen zu werden - und damit sich die Sätze erschließen. Es ist ein schwieriges Buch, ein literarisch höchst anspruchsvolles Buch. Das sei vorab gesagt - und beleibe nicht als Warnung, sondern eher als Aufforderung, sich der wundervollen Prosa der Clarice Lispector, wie sie sich im Roman "Der Lüster" darstellt, auszusetzen. In der bisher unveröffentlichten Erzählung „Heimliches Glück“ schreibt die brasilianische Autorin: „Ich war ganz benommen, und so nahm ich das Buch entgegen. Ich glaube, ich habe kein Wort gesagt. Ich nahm das Buch. Und nein, ich ging nicht hüpfend wie sonst davon. Ich ging mit ganz langsamen Schritten.“ So mag es dem Leser ergehen, der den Roman „Der Lüster“ in die Hand nimmt.

Clarice Lispector(1920 – 1977) gilt als eine der bedeutendsten literarischen Stimmen ihres Landes. Dieses Autorin – geboren als Tochter russisch-jüdischer Eltern in der Ukraine - floh mit ihrer Familie nach Brasilien. Sie studierte Jura, arbeitete als Journalistin und schrieb Romane, Erzählungen, Kinderbücher. Ihr Werk wurde vielfach ausgezeichnet. In Deutschland ist Clarice Lispector seit 1961 immer mal wieder veröffentlicht worden, hat sich aber so recht nicht durchgesetzt.

Deshalb bedurfte es wieder einmal einer Buchmesse, um auf diese herausragende Schriftstellerin aufmerksam zu machen. In dankenswerter Weise hat dies der Schöffling-Verlag getan, der im Frühjahr den Roman „Nahe dem wilden Herzen“, das Debüt der 25jährigen Autorin, herausgebracht hat. Und jetzt ist es der Roman „Der Lüster“, der literarisches Aufsehen erregt. Gleichzeitig gibt es die Biographie von Benjamin Moser, auch sie bei Schöffling erschienen, die uns Leben und Werk der Clarice Lispector näherbringt. Autobiographisch treffen wir die Autorin auch immer wieder in ihren Romane und Erzählungen. Sie, die zudem eine äußerst eindrucksvolle Frau gewesen sein muss. „Sie ist ein merkwürdiges Wesen, ohne Freunde und ohne Gott!“, sagte man von ihr. Und eine Frau, „die aussah wie Marlene Dietrich und schrieb wie Virginia Woolf.“.

Hélène Cixoux, die brillante französische Kollegin der Clarice Lispector, hat einmal geschrieben: „Clarice lässt uns das stille Atmen einer Rose erleben“. Und sie lobt ausdrücklich die Kraft ihrer Poesie. Wie sehr sie Recht hat, ist am Roman „Der Lüster“ nachzuprüfen und nachzuvollziehen.

„Ein ganzes Leben lang sollte sie fließend sein.“ Mit diesem Satz beginnt der Roman, der uns die Geschichte von Virginia erzählt. Fließend wie ein Bewusstseinsstrom beschreibt Clarice Lispector das Leben der jungen Virginia, die ihre Kindheit auf einem Landsitz erlebt – bei ihrer Großmutter und mit ihrem Bruder Daniel. Mit Daniel wird sie ein „Gesellschaft der Schatten“ gründen. Dieser mysteriösen „Gesellschaft“ sollte jedoch keine Dauer vergönnt sein. Aus der ländlichen Umgebung wird Virginia in die Stadt ziehen. Auch hier allerdings wird sie eine Art „Schattendasein“ führen. Sie wird Beziehungen eingehen, denn „Zu der Zeit war es bereits leicht zu lieben. Lieben war nun wirklich alt, die Idee hatte sich erschöpft zu Anfang ihres Lebens in der Stadt….“. Beziehungen, die ebenfalls nicht von Dauer sind; sie wird einsam sein und einsam bleiben, unabhängig und ganz in sich gekehrt und ganz versunken in eine selbstgeschaffene Innenwelt. Es ist eine sehr eigene Welt, in die hinein sich Virginia versetzt hat. „Nur so verband sie sich mit der Vergangenheit, an die ihr die Erinnerung fehlte. Gedächtnislos lebte sie schlichtweg ihr Leben ohne Ekstase…“.

Der Tod der Großmutter veranlasst sie, zurückzukehren in die Landschaft ihrer Kindheit und zu dem, was als Familie zu bezeichnen ist. Dies ist so etwas wie ein lebensverändernder Schock, der sie aus ihrem Schattendasein reißt und der Virginia zwingt, sich zu entscheiden, wohin sie gehört. Auch: Wer sie ist. Clarice Lispector hat sich für die damalige Zeit wagemutig der Erforschung des weiblichen Bewusstseins gestellt. Dennoch ist dieser Roman kein feministisches Manifest, sondern einfach brillante Literatur, Weltliteratur.

Das meiste, das in diesem Roman passiert, geschieht im Innern der Protagonistin. Wohl auch deshalb ist eine Verwandschaft mit Virginia Woolf zu sehen – und mit Franz Kafka. Insofern stellt „Der Lüster“ – geschrieben 1946 – eine Verbindung von brasilianischer Literatur mit der Literatur der europäischen Moderne her.

Die Lektüre dieses Buches hallt lange nach. Die Eigenwilligkeit des Sprachduktus’ ist von einem geradezu meditativen Charakter. Der Leser sieht sich einem aufgewühlten Innenleben gegenüber, das sich in einer Fülle wunderschöner Sätze und außergewöhnlicher Bilder öffnet. Der Titel des Romans „Der Lüster“ erklärt sich aus einer wundervollen Passage, die zugleich eine Art „Inhaltsangabe“ ist: „Aber der Lüster! Da war der Lüster. Der große Kronleuchter glühte weiß. Sie betrachtete ihn reglos, beunruhigt, als ahnte sie ein schreckliches Leben voraus. Dieses Dasein aus Eis. Einmal! Einmal, bei einem raschen Blick – versprühte der Kronleuchter Chrysanthemen und Freude….“. Und so wie der Lüster vesprüht auch dieser Roman „Chrysanthemen und Freude“.
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