Kundenrezension

39 von 42 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Interessante Zusammenfassung von Geschichte, aber erklärt nichts, 13. Oktober 2011
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Why The West Rules - For Now: The Patterns of History and What They Reveal About the Future (Taschenbuch)
Ich wollte dieses Buch mögen, weil mir der Anfang sehr gut gefiel und ich die Schreibweise des Autors mochte.

Nachdem ich es nun gelesen habe, bin ich sehr enttäuscht. Es kriegt 3 Sterne, weil es mir eine spannende Zusammenfassung der Geschichte Chinas und der Vorgeschichte der Menschheit geboten hat und weil ich den Aufwand zu schätzen weiss, der die Sammlung der Daten für den Index bedeutet hat. Die Verfügbarkeit der Daten allein ist für Historiker wertvoll, auch wenn der Index selbst meiner Ansicht nach wohl nur bedingt brauchbar ist.

Wären diese beiden Faktoren nicht, würde das Buch 1 Stern erhalten. Der Grund dafür: Es beantwortet in keiner Weise die gestellte Frage. Der Westen herrscht, weil der fünfte Reiter der Apokalypse getötet wurde? Er herrscht, weil der Atlantik weniger breit ist als der Pazifik? Das ist schon alles?

Morris erzählt Geschichten, um die Bewegungen seines Index zu erklären, aber es bleiben Geschichten, da er für viele seiner Erklärungen keine überzeugenden Argumente liefern kann. Er arbeitet häufig mit "Was wäre wenn"-Szenarios; er müsste aber als Wissenschaftler wissen, dass mit solchen Szenarios nicht argumentiert werden kann; sie sind reine Spekulation. Viele seiner Erklärungen sind ebenso wilde Spekulationen; beispielsweise finde ich es völlig unbefriedigend, dass er die europäische Entwicklung nach der Renaissance nur mit den Bedürfnissen einer sehr einfach skizzierten atlantischen Ökonomie erklärt. Das Bedürfnis nach genauen Uhren für die Positionsbestimmung auf See soll dazu geführt haben, dass der Westen ein mechanisches Weltbild entwickelte und der Osten nicht? Das scheint mir doch etwas zu simpel zu sein, auch wenn es in eine vernünftige Richtung zielt und vielleicht Teil einer Erklärung sein könnte.

Ähnlich problematisch ist für mich die Idee, dass sich Geschichte nur an äusseren Faktoren orientiert und dass Kultur und die Entscheidungen einzelner Menschen keinen Einfluss auf die Weltgeschichte haben sollen, auch wenn sie mikroskopische Änderungen bewirken können. Was die "Grosse Männer"-Theorie betrifft, so bin ich mit Morris einverstanden, dass Menschen die Geschichte nicht ganz allein zu schreiben vermögen, dass also die Strukturen, in denen sie leben, ihnen bestimmte Handlungsspielräume eröffnen und andere verschliessen. Dass aber die Entscheide, die innerhalb dieser Handlungsspielräume getroffen werden, für die weitere Geschichte nicht relevant sein sollen, bezweifle ich doch sehr stark. So mag es sein, dass neben Kolumbus noch eine Reihe anderer Menschen bereit gewesen wären, seine Entdeckungen satt seiner zu machen, und dass dies für viele anderen Fälle auch zutrifft. Das lässt aber die zeitlichen Abhängigkeiten völlig unbeachtet. Hätte sich die Geschichte langfristig genau gleich entwickelt, wenn Amerika 50 Jahre später entdeckt worden wäre, oder von England? Ich bezweifle es. Warum wäre die Welt die gleiche geblieben, wenn Europa in die Hände von Nomadenvölkern gefallen wäre oder umgekehrt, wenn keine Angriffe aus der Steppe die Aufmerksamkeit der Habsburger gebunden und damit indirekt eine Reformation ermöglicht hätten? Wie kann Morris sich auch nur zutrauen, über eine solche Frage eine verlässliche Aussage zu machen? Hätte es eine europäische Renaissance geben können, wenn die Spartaner bei den Thermophylen die Perser nicht lange aufgehalten hätten oder wenn die Athener nicht auf Themistokles gehört hätten? Es wäre ja dann kaum zu einer Blüte griechischer Klassik gekommen, Morris scheint aber anderer Meinung zu sein. Hätte Europa in den 1930er Jahren einen zweiten Hitler präsentiert bekommen, wenn der erste Künstler geworden wäre? Hätte Mussolini seine Rolle übernommen? Hätte es den Holocaust so oder so gegeben? Ungefähr zur gleichen Zeit? Morris ist überzeugt davon, dass solche Details in der grösseren Geschichte keine Rolle spielen; mich überzeugt das nicht.

Moris widerspricht sich hier auch oft selbst. So erklärt er beispielsweise, solche Änderungen hätten zwar sehr wohl lokale Unterschiede zur Folge, z.B. hätte Frankreich sich statt England industrialisieren können, für den westlichen Kern wären sie aber insgesamt nicht relevant, da es immer noch der Westen gewesen wäre, der zuerst industrialisiert hätte, und nicht der Osten. Später schreibt er, die Welt würde über ein ähnliches ökonomisches System China-Amerika ("Chimerika") verfügen, auch wenn China und nicht der Westen herrschen würde. Also scheint es für ihn nicht einmal eine Rolle zu spielen, welcher Kern herrscht. Ich frage mich also, was den für Morris überhaupt eine Rolle spielt? Damit löst sich für mich die Frage, *warum* ein Kern herrscht, in Luft auf. Alles ist egal und kommt ohnehin so, wie es eben kommen soll, und nichts, was Menschen tun, hat irgendeinen wichtigen Einfluss auf den Verlauf der Geschichte. Auch Ideologien und Überzeugungen entwickeln sich nach Morris immer automatisch aus den jeweiligen Bedürfnissen einer Epoche, sie sind nie mitbestimmend, sondern immer nur Reaktionen. Das alles tönt für mich doch sehr nach eben jenen simplen deterministischen Weltbildern, die Morris am Anfang des Buches kritisiert.

Für Morris ist alles auf Geographie zurückzuführen, getrieben von den soziologischen Motoren Angst, Faulheit und Gier, welche letztlich die Bedeutung der geographischen Begebenheiten immer wieder neu definieren. Das Argument mit der Geographie hat Jared Diamond bereits sehr viel überzeugender präsentiert als Morris, wenn auch in etwas einfacherer Form; Morris gebührt die Ehre, die lange Lock In - Theorie wiederlegen zu können und sie durch eine andere Form von Determinismus zu ergänzen.

Schliesslich möchte ich noch etwas zum letzten Kapitel des Buches sagen. In ihm versucht Morris die Zukunft vorauszusagen. Er extrapoliert dazu seinen Index die nächsten hundert Jahre in die Zukunft. Dass er ernsthaft erwartet, dadurch eine in irgendeiner Weise relevante Beschreibung zukünftiger sozialer Entwicklung zu erhalten, die er dann "erklären" kann, kann ich überhaupt nicht nachvollziehen. Das ist aber nur sein erster Schritt; er beschreibt dann mögliche Zukunftsszenarien in etwa der Weise, in der ich mir einen Höllentrip eines Heroinsüchtigen vorstelle. Seine Szenarien sind gelinde gesagt pure Spekulation. Morris sollte wissen, dass gerade Historiker nicht viel von Zukunftsvorhersagen halten; vielleicht würde ihm auch die Lektüre von Karl Poppers 1. Band der "offenen Gesellschaft" gut tun.

Fazit: Das Buch ist lesenswert wegen seiner oft humorvoll geschriebenen Zusammenfassung menschlicher Geschichte seit den Anfängen der Menschheit. Es erklärt jedoch praktisch gar nichts, insbesondere nicht die Frage, weshalb der Westen herrscht, obwohl es einige interessante Fragen aufwirft.
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1-1 von 1 Diskussionsbeiträgen
Ersteintrag: 17.11.2012 21:15:52 GMT+01:00
Ishar21 meint:
Thema Perser:

Das persische Reich hatte ein Zinsverbot...gegen Wucher und Spekulation, Schieber und Geldwechsler bzw. Wucherer...

Alexander der Grosse aber hatte - wie sein Vater - enorme Staatsschulden mit Makedonien, bei den syrischen und phönizischen Geldverleihern und Handelshäusern...

http://www.vergessene-buecher.de

http://www.freiwirte.de
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