Kundenrezension

5.0 von 5 Sternen Ein Multitalent nimmt Abschied auf seine Weise..., 20. Mai 2008
Rezension bezieht sich auf: The Road to Hell and Back (Limited Edition) (Audio CD)
...vom aufreibenden Tourneeleben, vom Rund-um-die-Uhr-Streß, vom weltweiten Erfolg und vom Dasein als Popidol. Chris Rea musiziert künftig nur noch im kleinen Rahmen, als Mitglied der "Fabulous Hofner Bluenotes". Für einen Künstler seiner Größenordnung sagt der Brite vergleichsweise bescheiden Adieu. Mit einer Gastspielreise, die ihn 2006 noch einmal durch Europa führte.

Ein Blick in Reas umfangreiche Diskografie genügt, um verblüfft festzustellen: Der Sänger, Gitarrist und Komponist, der sich vor allem auf der Bühne besonders zu entfalten weiss, gönnte sich und seiner Fangemeinde in drei Jahrzehnten keine einzige Live-Aufzeichnung. Zum nicht ganz freiwilligen Karrierefinale gestattet Chris Rea erstmals, was er zuvor niemals erlaubte: einen Konzert-Mitschnitt. Unter dem Titel "The Road To Hell And Back" liegt das Fan-Souvenir in gleich vier Formaten vor: als Einzel-CD, Doppel-CD im Digi-Pack (Limited Edition) und 2-DVD-Set inklusive 80-minütiger Tourtagebuch-Doku, welches ebenfalls nur als limited Edition erhältlich ist.

Schmal ist er geworden. Rapide gealtert, auf der steinigen Straße eines intensiven Künstlerlebens. Gezeichnet sieht er aus, wenn er mit scheuem Blick am Mikrofon steht und sein unglaublich rauchiges Stimmtimbre erklingen lässt. Das volle dunkelbraune Haar im herben Kontrast zum ausrasierten Bart um den dünnlippigen Mund, der nur selten ein Lächeln andeuten mag. Die ersten Szenen der DVD-Road-Dokumentation "The Road To Hell And Back" erschüttern. Unter die Räder geraten ist der 55-Jährige vor langer Zeit. Auf eben jener "Strasse in die Hölle", wie er seine jahrzehntelange, mittlerweile ausgestandene Alkoholsucht einst in poetische Worte fasste.

Überlebt hat Rea so einiges. Vor sieben Jahren einen heimtückischen Tumor: Bauchspeicheldrüsenkrebs - gesund ist er allerdings nicht. Die Folgen der Totaloperation, bei der auch Teile des Magens entfernt wurden, sind weitreichend: der schwere Diabetiker benötigt täglich fünf Insulinspritzen, zahlreiche weitere Medikamente, einen strikt eingehaltenen Diätplan, ausreichend Bewegung und wesentlich weniger Arbeit. Letzteres will dem in Middlesbrough geborenen und aufgewachsenen, erst im späten Alter von 19 Jahren zur Gitarre konvertierten Musikus noch nicht so recht gelingen. Immerhin findet die tiefgreifende Veränderung seines konsequenten Rückzugs Ursprung im Bewußtsein, dem Tod noch einmal von der Schippe gesprungen zu sein. Unter solchen tragischen Umständen verblasst auch der in seiner Glanzzeit mehr als 30 Millionen Mal verkaufte Schmusepop mit Dauerkuschelfaktor, den seine Manager in den Jahren vor dem gesundheitlichen Supergau immer vehementer von ihrem Goldjungen forderten. Geblieben sind ihm ein ansehnliches Vermögen, sein seit mehr als zwanzig Jahren andauerndes Familienglück sowie seine Liebe zur Musik und Malerei.

Ein letztes Mal zelebriert der Vollblutkünstler alter Schule, was ihn in seiner drei Dekaden währenden Karriere am meisten faszinierte und die Musikwelt seit mehr als einem Jahrhundert antreibt: Blues. Chris Rea stellt sein Talent ganz in den Dienst des rhythmischen Wehklagens, das im 19. Jahrhundert von afrikanischen Sklaven auf den Baumwollfeldern am Ufer des Mississippi Deltas ersonnen wurde. Eine ergreifende Hommage an legendäre Pioniere wie Robert Johnson, John Lee Hooker und Blind Lemon Jefferson, aber auch eine Studie in puristischer Komponierkunst - denn Rea, so sehr er auch die Originale liebt, zieht Selbstverfasstes vor. Aber in seinem Konzert-Repertoire meidet er konsequent die meisten seiner rund zwei Dutzend Publikumsrenner. Wenn er mit "Josephine", "On The Beach", "I Can Hear Your Heartbeat", "Let's Dance" oder "Fool (If You Think It's Over)" dann doch auf hymnische Klassiker zurück greift, ertönen sie als elegisch ausgewalzter 12-Takter oder rocken ungewohnt harsch.

Noch lieber hält Chris Rea mit seinem kompetenten Begleitquartett intensive Zwiegespräche nach Noten. Bei jedem Song wechselt er die im offenen E-Tuning gestimmten antiken Gitarrenmodelle. Zupft, schlägt und fingerpickt er. Lässt ein am kleinen Finger seiner linken Hand übergestreiftes Glasröhrchen virtuos am sechssaitigen Steg auf- und abgleiten. Den Bottleneck selten vom Finger nehmend, malt er Melodien von beängstigender Schönheit, vermittelt Hoffnung, aber auch grenzenlose Ernüchterung.

In seiner Musik stromern hartkantige Bluesromantik, instrumentale Virtuosität und die Reife eines Künstlers und Menschen, der gelernt hat, zwischen oberflächlichem Ruhm und ideelem Reichtum, zwischen gesichtslosen Fliessbandproduktionen und persönlicher Aussage, zu unterscheiden. Chris Reas Suche nach dem Blues, ist auch eine Suche nach dem Sinn des Lebens, die tiefe Einblicke in seine Seele ermöglicht. Eindringlich verdeutlicht er, dass hier ein zur Schlichtheit Bekehrter zugange ist. Ob introvertiert schmerzvoll oder meditativ sakral - Rea findet unaufhörlich prägnante Akkorde, um zum allerletzten Mal der Musiker zu sein, der er schon immer sein wollte.
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