Kundenrezension

5 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Hochaktuelle Analyse, 16. September 2008
Rezension bezieht sich auf: Der Terror der Ökonomie (Gebundene Ausgabe)
"Wir leben im Zeitalter des Liberalismus, der sein Denksystem durchsetzen konnte, ohne es je wirklich formulieren, als Doktrin erarbeiten zu müssen (...). Er schafft damit ein autoritäres, im Grunde totalitäres System, das sich im Augenblick jedoch noch in der Demokratie versteckt hält. (...). Er ist noch darauf bedacht, (...) kein Aufsehen zu erregen. Wir befinden uns in der Gewalt der Stille."
So lautet eine der Zustandsbeschreibungen der europäischen Gesellschaften des ausgehenden 20. Jahrhunderts, die die im Erscheinungsjahr 1997 70jährige Viviane Forrester in der feuerrot eingebundenen deutschen Ausgabe von "l'horreur economique" mit leidenschaftlichen, dicken Pinselstrichen malt. Die Farbe des Umschlags deutet auf eine klar ortbare Position hin, die dem Leser dann auch tatsächlich geboten wird, man möchte hinzufügen: Endlich.
Fernab von altmarxistischem Vokabular versucht die Autorin, die allgegenwärtig vernehmbare, wiederkäuende ökonomische Diskussion, die sich inzwischen auf Schlagworte wie "Flexibilisierung", "Deregulierung" und "Globalisiserung" reduzieren lässt, auf ganz andere Beine zu stellen.
Zunächst entlarvt sie die gegenwärtig öffentlich benutzte Sprache der Ökonomie als Gebilde, das mehr zu Täuschung und Beschwichtigung als zu wirklichem Diskurs benutzt wird.
So sind die drei genannten Zauberbegriffe, von denen eine magische Stillhaltewirkung auf die Opfer des ökonomischen und sozialen Umbaus der europäischen Gesellschaften auszugehen scheint, nichts als freche Euphemismen für "Ausbeutung", "Anarchie" und weltweiter "Verbündung" derjenigen Kräfte, deren erklärter Daseinszweck die Profitmaximierung, ergo die Abschaffung von teuren Arbeitnehmern ist.
Ja, die Objekte der Ausbeutung plappern auch noch bewusstlos die ihnen vorgekaute Welterklärung nach und machen sie sich zu eigen. Sie saugen die totale ökonomische Definition aller Bereiche des Lebens bereitwillig in sich auf und fühlen sich selbst sogar verpflichtet, ihre Daseinsberechtigung aus ihrer ökonomischen Verwertbarkeit bzw.ihrem ökonomischen Status abzuleiten. Sie denunzieren sich sogar gegenseitig als "Schmarotzer", weil einer ein bisschen weniger arm dran ist als der Andere.
Soweit wäre dies im Grunde der alte sozialistische bzw. sozialdemokratische Ansatz vor dem Hintergrund der 90er Jahre, wenn die Autorin nicht eine ganz entscheidend neue Qualität der heutigen Situation von - wie es so schön heisst -Arbeitnehmern und Arbeitgebern herausstellen würde: Die Abschaffung der Arbeit als Grundlage der Existenz und als Triebkraft der wirtschaftlichen Dynamik.
Sie führt uns den Zynismus des Rufes nach mehr "Selbstverantwortung" und mehr "Initiative" bei der Arbeitsplatzsuche vor Augen und das verrückte Paradoxon der Zwangsarbeit für Sozialhilfeempfänger. Sie schreibt: "In Wirklichkeit geht es nicht um den Anreiz, Arbeit zu suchen, sondern um den Anreiz, sich ausbeuten zu lassen, zu allem bereit zu sein, um nicht vor Elend einzugehen (...). Und das nicht ohne nebenbei noch die Schuld der Opfer hervorzuheben, die nie eifrig genug um das betteln können, was man ihnen verweigert und was ja auch gar nicht mehr existiert." Sie stellt diesem Gedanken im Gegenzug eine wesentliche, nie gestellte Frage gegenüber: "Muß man zu leben (überhaupt) 'verdienen', um das Recht zu leben zu haben?"
Forrester geht dabei von der Arbeits-Losigkeit als immer mehr sich stabilisierender Norm aus, und nicht als einem vorübergehenden Zustand, der irgendwann, zu einem unbestimmten Zeitpunkt, nämlich dann, wenn es "Die wirtschaftliche Situation" erlaube, schon wieder aus der Welt geschafft würde. Dieses "Irgendwann" ist für die Autorin lediglich eine Verblendung und Verleugnung der Tatsache, daß es "Der Wirtschaft" schon jetzt blendend gehe, also eine dreiste Verdrängung der einzig realen Erfahrung der letzten etwa 15 Jahre: Wirtschaftliches Wachstum hat zu mehr Arbeitslosigkeit geführt, ja, eine hohe Arbeitslosigkeit sei inzwischen geradezu die Voraussetzung für profitables Wirtschaften, weil die einigen wenigen Arbeitskräfte, die noch gebraucht würden so gut wie umsonst und zu beinahe allen Bedingungen zu haben seien.
Also, fragt sie, wäre es angesichts dieser Tatsachen nicht an der Zeit, die Arbeit als einzige Existenzgrundlage und -berechtigung, also die eigene "Rentabilität" für die Gesellschaft endlich als überflüssig zu akzeptieren - und nicht die Überflüssigkeit von Menschen zu postulieren, denen ein verändertes Gesellschaftssystem nicht einmal mehr ihre "Verwertbarkeit" anbieten kann?
Sie folgt dem Gedanken der Überflüssigkeit von Menschen mit erschreckender Konsequenz und weist dieser ökonomistischen Auffassung des Menschen eine latente Nähe zu dem Begriff des "unwerten Lebens" nach, den sie expilizit allerdings nicht gebraucht.
Doch durch Beispiele von zu Lampenschirmen gemachter Leichenhaut und von armen Menschen, die ihre Organe für Transplantationen gegen Geld feilbieten wird hinreichend klar, welches totalitäre und grausame Potential sie dem Primat des Profits zutraut.
Viviane Forrrester hat mit diesem Buch ein in den letzten Jahren öffentlich beinahe unbesetztes Terrain betreten, das schon mit einem Tabu belegt schien:
Das Terrain einer linken, demokratischen Gesellschafts- und Ökonomiekritik, das riskante Feld einer politischen und ideologischen Alternative zur gegenwärtigen europäischen "Einheits-Ideologie" des Liberalismus, die niemals als solche zur Debatte gestellt sondern stillschweigend mit Euphemismen als eine Art unumstößliches Naturgesetz eingeführt wurde. Dabei erinnert sie laut daran, daß auch der Liberalismus nur eine von vielen Möglichkeiten darstellt, nach von Menschen gemachten Regeln zu wirtschaften.
Und diese weiteren Möglichkeiten versucht Forrester - in zugegeben dick aufgetragenen und stellenweise stark verkürzten düstersten Bildern -herauszuarbeiten, indem sie zunächst den gegebenen Zustand in die Zukunft hinein extrapoliert um dann aus dem erschreckenden Ergebnis die vollständige Veränderung unserer Begriffe von Arbeit und Nützlichkeit fordert. Ihr geht die Erhaltung und Weiterentwicklung von Demokratie und wahrer Lebensqualität entschieden über eine sklavische Bedienung von Gewinnzahlen, die doch nur einigen Wenigen zugute kommt, wie die letzte Dekade in ganz Europa gezeigt hat.
Man kann der Autorin sicherlich hier und dort mangelnde "Sachlichkeit", ihre Leidenschaft und ihre Emotionalität vorwerfen, wen man unbedingt wollte. Doch genau dies sind Teile ihrer Botschaft: Daß es beim "globalen Wirtschaften" niemals um kühle Sachlichkeit und Statisiken gehen darf, sondern immer und überall um wirkliche lebendige Menschen. Den Menschen habe die Wirtschaft zu dienen und nicht die Menschen der Wirtschaft., wenn wir noch alle eine Zukunft haben wollten, auf die wir hoffen können.
Viviane Forrester hat im "Terror der Ökonomie" ein streitbares, erfrischend ehrliches und provozierendes Bekenntnis abgelegt, bestens dazu geeignet zur Verflüssigung der festgefahrenen öffentlichen Sprachrituale beizutragen und sie aus der geschwätzigen Bewusstlosigkeit zu erwecken. Das Buch ist auch über 10 Jahre nach seiner deutschen Publikation noch immer erschreckend aktuell.
Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen 
War diese Rezension für Sie hilfreich? Ja Nein

Schreiben Sie als erste Person zu dieser Rezension einen Kommentar.

[Kommentar hinzufügen]
Kommentar posten
Verwenden Sie zum Einfügen eines Produktlinks dieses Format: [[ASIN:ASIN Produkt-Name]] (Was ist das?)
Amazon wird diesen Namen mit allen Ihren Beiträgen, einschließlich Rezensionen und Diskussion-Postings, anzeigen. (Weitere Informationen)
Name:
Badge:
Dieses Abzeichen wird Ihnen zugeordnet und erscheint zusammen mit Ihrem Namen.
There was an error. Please try again.
">Hier finden Sie die kompletten Richtlinien.

Offizieller Kommentar

Als Vertreter dieses Produkt können Sie einen offiziellen Kommentar zu dieser Rezension veröffentlichen. Er wird unmittelbar unterhalb der Rezension angezeigt, wo immer diese angezeigt wird.   Weitere Informationen
Der folgende Name und das Abzeichen werden mit diesem Kommentar angezeigt:
Nach dem Anklicken der Schaltfläche "Übermitteln" werden Sie aufgefordert, Ihren öffentlichen Namen zu erstellen, der mit allen Ihren Beiträgen angezeigt wird.

Ist dies Ihr Produkt?

Wenn Sie der Autor, Künstler, Hersteller oder ein offizieller Vertreter dieses Produktes sind, können Sie einen offiziellen Kommentar zu dieser Rezension veröffentlichen. Er wird unmittelbar unterhalb der Rezension angezeigt, wo immer diese angezeigt wird.  Weitere Informationen
Ansonsten können Sie immer noch einen regulären Kommentar zu dieser Rezension veröffentlichen.

Ist dies Ihr Produkt?

Wenn Sie der Autor, Künstler, Hersteller oder ein offizieller Vertreter dieses Produktes sind, können Sie einen offiziellen Kommentar zu dieser Rezension veröffentlichen. Er wird unmittelbar unterhalb der Rezension angezeigt, wo immer diese angezeigt wird.   Weitere Informationen
 
Timeout des Systems

Wir waren konnten nicht überprüfen, ob Sie ein Repräsentant des Produkts sind. Bitte versuchen Sie es später erneut, oder versuchen Sie es jetzt erneut. Ansonsten können Sie einen regulären Kommentar veröffentlichen.

Da Sie zuvor einen offiziellen Kommentar veröffentlicht haben, wird dieser Kommentar im nachstehenden Kommentarbereich angezeigt. Sie haben auch die Möglichkeit, Ihren offiziellen Kommentar zu bearbeiten.   Weitere Informationen
Die maximale Anzahl offizieller Kommentare wurde veröffentlicht. Dieser Kommentar wird im nachstehenden Kommentarbereich angezeigt.   Weitere Informationen
Eingabe des Log-ins
 


Details

Artikel

4.5 von 5 Sternen (6 Kundenrezensionen)
5 Sterne:
 (3)
4 Sterne:
 (3)
3 Sterne:    (0)
2 Sterne:    (0)
1 Sterne:    (0)
 
 
 
Gebraucht & neu ab: EUR 0,01
Auf meinen Wunschzettel
Rezensentin / Rezensent


Ort: Bonn

Top-Rezensenten Rang: 85.950