Kundenrezension

4 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Fargo, 30. August 2013
Rezension bezieht sich auf: Fargo [Blu-ray] (Blu-ray)
"Fargo" (1996) gehört zu den absoluten Highlights des Kinos der 90er Jahre. Der Film wurde seinerzeit neben zahlreichen weiteren Auszeichnungen für sieben Oscars nominiert und gewann zwei. Joel und Ethan Coen wurden für ihr Original-Drehbuch ebenso belohnt wie Frances McDormand als beste Hauptdarstellerin.

Erzählt wird eine Geschichte über Vertrauen, Misstrauen, die Jagd nach dem großen Geld, unfassbare Dummheit und die Macht des Zufalls, angesiedelt in Minnesota, wo die Coens aufgewachsen sind. Sie servieren, eingebettet in einen Krimi-Plot, eine bitterböse, rabenschwarze Kleinstadt-Moritat und versehen das Ganze mit ihrer typischen, unverwechselbar schrägen Handschrift.

Das Motiv des Missverständnisses durchzieht den gesamten Film. Joel und Ethan Coen heben dieses Motiv sogar auf die Ebene der Realität, indem sie im Vorspann des Filmes behaupten, die Geschichte basiere auf einer wahren Begebenheit, um im Abspann darauf zu verweisen, dass natürlich alles frei erfunden sei.

Jerome Lundegaard (William H. Macy) ist in Minneapolis Ausführender Verkaufsleiter im Autohaus seines Schwiegervaters Wade Gustafson (Harve Presnell). So weit, so gut, doch Jerry hat ein Problem: Er braucht dringend Geld, da er sich mit einem sehr dubiosen Spekulationsgeschäft übernommen hat. Von seinem Schwiegervater hat er keine Hilfe zu erwarten. Also heuert er zwei Männer an, die seine ebenfalls sehr wohlhabende Ehefrau Jean (Kristin Rurüd) kidnappen sollen. Den Kontakt zu den Ganoven hat der vorbestrafte Mechaniker Shep Proudfoot (Steven Reevis), der in Jerrys Firma arbeitet, hergestellt. Mit dem Lösegeld will Jerry sich sanieren...

Die Entführung wird zwar durchgeführt, doch erweisen sich die beiden Schmalspur- Gangster als unterbelichtete Dilettanten. Carl Showalter (Steve Buscemi) ist ein hypernervöses Wrack, Gaer Grimsrud (Peter Stormare) ein schweigsamer Psychopath. Als die Polizei auf den Plan tritt, liegen bereits drei Leichen- ein Verkehrspolizist und zwei unbeteiligte Zeugen- in der verschneiten Einöde Minnesotas. Es werden nicht die letzten sein...

Was uns Joel und Ethan Coen hier vorsetzen, ist auf allen Ebenen absolut unvergesslich. Das Drehbuch und die Regie lassen alle Darsteller zu Höchstform auflaufen. Wohl kein Schauspieler in Hollywood kann Verlierer-Typen so genial spielen wie William H. Macy, der zu Recht für einen Oscar nominiert wurde. Er sorgt dafür, dass Jerry nicht als bloße Lachnummer erscheint, indem er perfekt die Balance zwischen Komik und Tragik wahrt. Schon seine legendäre Eiskratzer-Szene macht diesen Film zu einem Muss. Steve Buscemi und Peter Stormare sind als debiles Kidnapper-Duo ebenfalls ein Knaller.

Hinter der Kamera arbeiten Joel und Ethan Coen mit einem eingespielten Team. Roger Deakins findet die passenden Bilder, Mary Zophres sorgt für die Kostüme, Rick Heinrichs für die Ausstattung und Carter Burwell für die Filmmusik.

Ein Merkmal, das praktisch alle Filme des genialen Duos Joel und Ethan Coen verbindet, ist ihre im heutigen US-Kino wohl einzigartige Gabe, die erzählerischen und inszenatorischen Konventionen Hollywoods zu unterlaufen und jedem Werk ihren eigenen Stempel aufzudrücken. Der ganze Aufbau des Films, die Struktur des Drehbuchs, stehen exemplarisch dafür.

Die Stadt Fargo, die dem Film seinen Titel verleiht, ist die größte Stadt in North Dakota. Allerdings spielt nur die erste Szene des Filmes, der Ausgangspunkt für alle noch folgenden Ereignisse, dort. Auch Brainerd, dessen Ortseingang eine Statue von Paul Bunyan ziert, ist keine Erfindung. Paul Bunyan ist eine amerikanische Sagengestalt. Er war angeblich ein riesiger Holzfäller, der mit seinen Fußabdrücken die vielen Seen Minnesotas erschaffen haben soll.

In einem herkömmlichen Krimi oder Thriller wäre die Figur des Ermittlers bereits nach kurzer Zeit in den Fokus gerückt. Stattdessen wird der abgebrannte Jerry, ein Coen-typischer Anti-Held, als vermeintliche Hauptfigur aufgebaut. Das erste Drittel des Filmes gilt ihm, seiner persönlichen Situation und der Entführung seiner Gattin. Jerrys Familienleben ist ein satirisches Zerrbild dieser in Amerika immer wieder als heilig beschworenen Institution. Sein Schwiegervater ist ein herrischer, egozentrischer Patriarch. Jerrys Frau wirkt ebenfalls nicht besonders helle, was die Erziehung des pubertierenden Sohnes nicht gerade leichter macht.

Beruflich wie privat erscheint Jerry als bemitleidenswertes Würstchen, dem in Konfliktsituationen jedes Durchsetzungsvermögen fehlt. Was immer er auch versucht, um sich zu profilieren oder eine problematische Situation zum Guten zu wenden: Er macht alles nur noch schlimmer! Das Credo des amerikanischen Traumes, dass jeder alles erreichen kann, wenn er sich nur entsprechend anstrengt, wird mit dieser Figur ad absurdum geführt.

Bei der Figur des leitenden Ermittlers handelt es sich um eine Frau, die mittlerweile wie der Film selbst Kultstatus genießt. Marge Gundersson (Frances McDormand) ist Polizeichefin des kleinen Städtchens Brainerd und im siebten Monat schwanger...

Marge ist mit Norm (John Carroll Lynch) verheiratet. Die beiden werden erst nach über einer halben Stunde in die Handlung eingeführt. Die Kamera gleitet behutsam durch das kleine Haus über eine Maler-Staffelei ins Schlafzimmer, wo Marge und ihr Gatte gerade erwachen, als das Telefon klingelt. Dass sie ihr erstes Kind erwarten und Marge Polizistin ist, erfahren wir eher beiläufig.

Norm ist beruflich Maler. Er entwirft Motive für Briefmarken. Sein neuestes Werk ist eine Wildente, die er bei einer Ausschreibung eingereicht hat. All dies wird dem Zuschauer ganz nebenbei in späteren Szenen vermittelt.

Marge geht bei ihren Ermittlungen professionell vor. Sie besitzt eine bemerkenswerte Kombinationsgabe, die ihren Kollegen mitunter fehlt und lässt nicht locker, wenn sie erst einmal eine Spur aufgenommen hat. Wie absurd die Mechanismen des Lebens sein können, die Marge schließlich zur unerwartet blutigen Lösung dieses Falles führen, zeigen die Coens, indem sie mit Szenen aufwarten, die mit dem eigentlichen Plot des Filmes nichts zu tun zu haben scheinen. Marge trifft sich während der Ermittlungen mit einem alten Schulfreund, der sie im Fernsehen gesehen hat. Mike (Steve Park) erzählt ihr von seinen privaten Sorgen und Marge ist aufrichtig gerührt, bis sie durch das Telefonat mit einer Bekannten erfährt, dass Mike ihr nur etwas vorgemacht hat und in Wahrheit ein Fall für den Psychiater ist. Die Erkenntnis, so belogen worden zu sein, veranlasst Marge letztendlich, dem so sympathisch und harmlos wirkenden Jerry Lundegaard noch einmal auf den Zahn zu fühlen...

Sowohl die Ermittler als auch Jerry und die Gangster werden immer wieder in Situationen gezeigt, die sich vordergründig ausschließlich um die jeweils involvierten Figuren drehen. Dahinter verbergen sich kauziger, oft pechschwarzer, satirischer Humor und groteske Comedy mit dem Finger am Puls der (amerikanischen) Wirklichkeit. Nebenbei ist der Film auch noch eine Reflexion über die böse, böse Gier und Amerikas allgemeinen Hang zur Gewalt.

Den entscheidenden Hinweis auf den Unterschlupf der beiden Mörder- dass Jerrys Frau entführt wurde und sein Schwiegervater mittlerweile als vermisst gilt, ahnt die Polizei zunächst nicht- bekommen Marge und ihre emsigen Kollegen dann auch unvermittelt von einem schrulligen älteren Herrn. Wieder so eine schräge Szene, die zunächst aus der Handlung losgelöst erscheint, sich aber dann doch in das Gesamtbild einfügt.

Die Krone wird der Geschichte in ihrer ganzen Absurdität am Ende dadurch aufgesetzt, dass man nicht erfährt, was aus dem Koffer mit dem Lösegeld für Mrs. Lundegaard wird, den Carl Showalter mitten im Nirgendwo an einem Grenzzaun im Schnee verbuddelt hat. Die Szene, in der er das Geld verbuddelt ist eine der genialsten in diesem Film. Humor der schwärzesten Sorte. Grotesker geht es kaum!

Sobald Marge in ihrer ganzen Leibesfülle die Szenerie betritt und durch den Schnee watschelt, nimmt sie den Zuschauer sofort für sich ein. Marge pflegt mit ihrer warmherzigen, direkten Art ein geradezu familiäres Verhältnis zu ihren Kollegen, die ihre Chefin respektieren und unterstützen, und natürlich ist auch Norm ein Teil dieser fürsorglichen Gemeinschaft. Diese Menschen mögen nicht die hellsten Leuchten auf Gottes Erde sein, doch sie strahlen eine Menschlichkeit, Anstand und moralische Integrität aus, die den meisten anderen, wenn nicht allen anderen Figuren in dieser Geschichte vollkommen abgeht. Passend dazu fängt die Kamera die verschneite, skandinavisch anmutende Landschaft immer wieder als Metapher für emotionale Kälte genial ein. Wenn Marge und Norm am Ende eng aneinander gekuschelt im warmen Bett liegen, wissen sie, dass es die kleinen Dinge sind, die das Leben lebenswert machen. Sie freuen sich auf ihr Baby und werden ihm alle Liebe angedeihen lassen. Es wirkt wie ein Rest von Wärme in einer Welt voller eiskalter Idioten.

Die Bluray bietet den Film im korrekten anamorphen 16:9 Widescreen. Auf einem kompatiblen Fernseher erscheint er im Format 1:85 ohne Balken. Die Bilder aus dem winterlichen Minnesota wirken so noch besser. Das Bild ist scharf und kontrastreich, aber nicht frei von Filmkorn. Der Ton liegt mehrsprachig vor. Jetzt kann man den Film sowohl im englischen Original als auch in der deutschen Fassung im DTS-Sound genießen. Dazu gibt es entsprechende Untertitel.

Das amerikanische Original ist sprachlich derber, doch absolut genial, schon wegen des Minnesota-Dialektes. Aber auch die deutsche Synchronisation macht großen Spaß und ist, obwohl nicht immer ganz nahe am Original, irgendwie kultig, etwa wenn der fassungslosen Marge ein plötzliches "Jesses" entfleucht.

Die Extras sind etwas üppiger als auf der alten DVD. Kamera-Ass Roger Deakins spricht einen informativen Audio-Kommentar. Das Feature "Minnesota ist nett zu jedem" gibt Einblicke in den Film. Dazu gibt es Trailer und eine Fotogalerie.

"Fargo" ist ein amerikanisches Meisterstück! Vom Publikum geliebt, von vielen Kritikern als einer der besten Filme aller Zeiten gefeiert. Keine großen Stars, kein großes Budget und trotzdem ganz großes Kino. Ein Kultfilm, über den man in Jahrzehnten noch sprechen wird. Wer ihn noch nicht kennt: Unbedingt nachholen!
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Kommentare

Von 1 Kunden verfolgt

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1-2 von 2 Diskussionsbeiträgen
Ersteintrag: 03.09.2013 00:36:00 GMT+02:00
Monty Burns meint:
Hallo Martin!

Schöne, umfangreiche und treffsichere Rezension wiedermal. Du machst da ein paar interessante Anmerkungen zu Dingen die ich noch gar nicht so gesehen habe. Muss mir den Film demnächst direkt noch mal aus dieser Perspektive ansehen. Was Du da über die Schlichtheit einiger Charaktere schreibst finde ich sehr treffend. Das ist sehr typisch für die Coens, die verschiedenste Menschen in ihrer ganzen, teils herrlichen, Eigentümlichkeit sehr fein beobachtet und pointiert darzustellen verstehen. Man meint viele davon persönlich zu kennen. Gaer Grimsrud z.B. erinnert mich auf geradezu gespenstische und beängstigende Weise an einen Typen den ich vor einigen Jahren mal kennen gelernt habe. An den muss ich jedes Mal denken wenn ich den Film sehe und freue mich dann, dass ich noch am Leben und bei Gesundheit bin. Angesichts der liebevollen Darstellung gerade der bodenständigen einfachen Leute könnte man bisweilen fast meinen die Coens seien ziemlich konservativ eingestellt. Der Gedanke kam mir besonders bei einer Szene in "No Country for old Men", in der Ed Tom Bell sich mit dem Sheriff des Orts unterhält in dem gerade Llewelyn Moss getötet wurde. Aber ich denke eher das Gegenteil ist der Fall.

Beste Grüße, M.B.

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 08.10.2013 16:00:07 GMT+02:00
Jochen M. meint:
Moin, Martin,
jo, wirklich 'ne sehr interessante Rez. Ich werde es M.B.
gleichtun und mir FARGO unter diesen neuen Aspekten
schleunigst wieder angucken...

Gruß, JM
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