Kundenrezension

671 von 770 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Eine berührende Geschichte, ein heikles Thema, 20. April 2013
Von 
Rezension bezieht sich auf: Ein ganzes halbes Jahr (Broschiert)
Inhalt:

Louisa Clark ist mehr als geschockt als sie quasi über Nacht ihren Job verliert. Nicht nur wegen des Geldes, was sie und ihre Eltern zweifelsfrei dringend benötigen, sondern auch weil sie ihn gern gemacht hat. Sie mochte es in einem Cafe zu stehen, mit Leuten zu reden und Wünsche zuerfüllen. Und wenn es auch nur kleine waren, nach Tee und Gebäck. Und sie mag den Ort in dem sie lebt. Eine Kleinstadt die nicht viel zu bieten hat, außer einer Burg die eher Touristen als Einheimische begeistert.
Und so ist es auch nicht verwunderlich, dass das Jobcenter ihr auch nicht viel bieten kann. Nicht mehr als eine Stelle als Pole-Dancerin oder in einer Hühnerfabrik. Letzteres probiert sie sogar aus, mit Alpträumen als Folge.
Mit ein paar Umwegen und einigen Überredungskünsten landet Louisa schließlich im Haushalt der Traynors. Ihre Aufgabe besteht darin den Sohn der "Hausherrin" zu betreuen, oder vielmehr zu beobachten. Will Traynor. Will ist Tetraplegiker. Er kann sich nicht bewegen, während er bei vollem Verstand ist. An den Rollstuhl gefesselt müssen andere alles für ihn übernehmen. Zunächst versteht Louisa, Lou...ihre Aufgabe nicht. Denn die pflegerischen Notwenigkeiten werden vom medizinisch geschulten Nathan übernommen. Und Will scheint eindeutig kein Interesse an ihr, oder ihrer Gesellschaft zu haben. Im Gegenteil, er ist ziemlich unausstehlich und es dauert eine ganze Weile bis die beiden sich halbwegs aneinander gewöhnt haben.
Eher durch Zufall erfährt Louisa schließlich weshalb sie wirklich da ist. Sie ist nicht Beschäftigung für einen Behinderten, sondern der Babysitter eines Suizidgefährdeten. Denn Will hat eine Entscheidung getroffen, die ihn...wenn Lou es nicht verhindern kann...am Ende in die Schweiz führen wird. In ein Land, in dem ärztlich unterstützter Suizid legal ist. Und wie alle um Will herum, beginnt sie zu überlegen wie sie ihn umstimmen kann. Sie versucht sein Leben besser zu machen, ihm lebenswerte Augenblicke zu bescheren und ihn nicht nur an das Leben, sondern auch an sich zu binden. Denn innerhalb ihrer 6 Monate Dienstzeit...innerhalb eines ganzen halben Jahres....kommen die beiden sich so nah, physisch wie psychisch, dass Louisa sogar ihre 7jährige Beziehung beendet in dem Gedanken an ein Leben mit Will. Detailliert informiert sie sich über Möglichkeiten und Wege, Wünsche und Ziele, Gefühle und Gedanken....über alles was eine Tetraplegie anders oder schwieriger macht, einzig mit dem Ziel Will umzustimmen. Und als sie ihm schließlich ihre Liebe gesteht und ihm die Zukunft schildert wie sie sie sieht, mit all den Dingen die sie für ihn und für sich tun will, bittet er sie um etwas das ihre ganze Welt auf den Kopf stellen wird.

Meinung:

Als ich das Buch gekauft habe wusste ich nur zwei Dinge darüber. Das es ein Spiegelbestseller ist und was der Klappentext sagt. Ich wusste nicht auf was ich mich einlasse.
Ich fing an zulesen und war ziemlich schnell enttäuscht, weil es sich im ersten Augenblick anfühlte wie "Zwei ziemlich beste Freunde" und ich dachte der einzige Unterschied wird sein, dass diese Freunde sich am Ende lieben werden. Weit gefehlt... Es ging um viel mehr als Freundschaft oder Liebe, um etwas weitaus wichtigeres. Es geht um das Leben. Um den freien Willen. Um Entscheidungen und das Sterben. Um das was die Menschen ausmacht und die Dinge die der Geist will und der Körper einem verwehrt. Es geht um Zwischenmenschlichkeiten die tiefer gehen als Ozeane und um eine die Bitte die für den einen das Größte und für den anderen das Schrecklichste bedeuten.
Dieses Buch zwingt einen sich damit auseinander zusetzen was Leben ist. Und was unser eigenes, ganz persönliches Leben ausmacht. Auf was wären wir bereit zu verzichten und wo ist unsere Grenze zwischen lebenswert und nicht auszuhalten. was würde uns brechen? Und wenn wir an die denken die wir lieben, oder die uns lieben.... Wären sie genug zu bleiben, wenn uns sonst nichts bleibt?
Das Thema mit dem Moyes sich befasst ist schwere Kost und polarisiert mit Sicherheit. Aber sie hat es nicht als eine einzige Provokation verpackt. Sie bietet jeder Meinung Raum. Sie beschreibt Will's Wunsch und gleichzeitig die Gedanken all jener die damit leben müssten, wenn er es wirklich tun würde. Aber es findet zum Beispiel auch seine Mutter Gehör, die nicht will das ihr Sohn stirbt und aber dennoch nur das Beste für ihn will. Und muss nicht jeder selbst entscheiden was am besten für ihn ist? Moyes lässt nichts außer Acht und schreibt sogar Gedanken die man sich selbst verbieten würde. Denn einen Behinderten, vollkommen auf Pflege angewiesenen Sohn Zuhause zu haben, stellt Familien vor Herausforderungen und schränkt Leben ein. Nicht nur dem Behinderten selbst werden Freiheiten genommen, jeder opfert etwas... Aber darf man darüber nachdenken, dass diese Opfer nach einem Suizid nicht mehr nötig wären?
Ich möchte nichts dazu sagen wie die Geschichte ausgeht. Aber ich möchte sagen wie dieses Buch für mich geendet hat. Ich habe die letzte Seite zugeklappt und danach ganz still auf meinem Bett gelegen. Ich habe versucht mich nicht zubewegen. Ich wollte Will sein. Gefühlt habe ich es zehn Minuten getan. Tatsächlich waren es 3 Minuten. Wäre ich Will, mir käme ein ganzes halbes Jahr wie ein ganzes halbes Leben vor. Ob ich seine Gedanken deshalb verstehe? Das ist mein eigenes Geheimnis. Aber es lohnt sich, sich mit diesem Buch auseinander zu setzen weil es eine Auseinandersetzung mit seinem eigenen Leben ist.
Von mir gibt es trotzdem nur 3 Sterne, denn auch wenn es berührt....dieses Thema geht uns eigentlich alle an. Und es in eine Lovestory zu packen und in einem Einband zu verstecken der vermutlich zu 90% Frauen anspricht...das geht nicht. Und eigentlich geht es auch nicht, die Brisanz des Inhaltes mit keinem Wort auf dem Klappentextes zu vermerken. Denn Sterbehilfe ist nunmal kein Thema mit dem sich jeder auseinander setzen will. Und es ist kein Thema was man in einem Buch mit dieser Aufschrift und diesem Cover vermutet. Die Entscheidung sich damit und somit mit seinen eigenen Vorstellungen zum Leben auseinanderzusetzen sollte jedem selbst überlassen sein.
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Von 8 Kunden verfolgt

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31-40 von 40 Diskussionsbeiträgen
Antwort auf einen früheren Beitrag vom 20.12.2013 18:47:07 GMT+01:00
Ste meint:
Ich bin gespannt was sie sagen und würde mich freuen ihren Eindruck zu lesen :)

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 28.12.2013 16:53:07 GMT+01:00
lizythefirst meint:
ich muss sagen, ich habe noch nie ein Buch so schlecht aus meinem Kopf bekommen! Nach der letzten Seite lag ich einfach nur auf dem Bett und habe geheult - mit Sicherheit eines der bestgeschriebensten Bücher- aber ich, wüsste ich um was es wirklich geht, würde es nicht mehr wieder lesen... Denn mir hat es zusammen mit Lou das Herz zerissen ... auch wenn es mir Angst macht, wie sehr man Will am Ende versteht, bin ich noch nicht in der Lage auf den Glauben zu verzichten, dass die Liebe alles schaffen kann! Vielleicht naiv, vielleicht zu einfach, aber auf jeden Fall zu schwer zu aktzeptieren, dass es nicht so ist!

Veröffentlicht am 31.12.2013 10:02:00 GMT+01:00
A.H. meint:
Diese Rezension stimmt genau mit meiner Meinung/Gefühlen überein. Ich kann dem kompletten Inhalt nur zustimmen. Wollte das Buch erst nicht lesen, weil ich Angst hatte, es bewegt mich zu sehr (was es auch getan hat). Aber es stimmt, hätte ich vorher nicht gewußt, um was es genau geht und hätte es als Liebesroman gekauft und gelesen - ich wäre richtig fertig gewesen. So wußte ich, was mich erwartet (dank Rezensionen), aber wie es ausgeht, war mir erst gegen Ende des Buches klar.

Veröffentlicht am 03.01.2014 11:26:31 GMT+01:00
mercury meint:
hallo Ste,
ich habe dem Buch auch nur 3 Punkte gegeben, zum einen, weil ich die literarische Dichte vermisse (die ich z.B. in 'One Day' von Nicholls so überragend fand), zum anderen weil das Thema Freitod nicht tiefgründig genug behandelt wurde, um ihm gerecht zu werden. Die Liebesgeschichte ist nachvollziehbar, auch irgendwie rührend, aber Wills Entscheidung wird nur oberflächlich dargestellt, die Auseinandersetzung damit findet im 'off' statt, daran haben wir als Leser keinen Anteil. Das fand ich sehr irritierend und ich musste immer wieder ganze Passagen quer lesen, um das Buch nicht frustriert wegzulegen. Wie es ausgehen würde (von Wills Seite), war ja eh längst klar.
Ich habe in einem Dokumentarfilm eine ähnliche Situation 'erlebt', ein junger Mann, Tetraplegiker, möchte nach einigen Jahren im Rollstuhl sein Leben beenden. Seine Aussagen, die Reaktionen seiner Familie, die ganze Tragik, die sich darin offenbarte: das war wirklich bewegend. Auch die Aussagen der Eltern nachdem er gegangen war. All das fehlt hier, und somit ist es eine enttäuschende Mischung aus ganz guter Liebesgeschichte und eben nicht eindringlicher Sozialthematik.
Warum es so vielen Lesern so nahe geht kann eigentlich nur an der Frage des Freitods liegen und der automatischen Betroffenheit, die dieses Thema in uns allen auslöst, die wir christlich geprägt sind (Freitod = Sünde; Angst vorm Tod). Wenn man sich allerdings mit diesen Themen schon auseinander gesetzt hat, ist das Buch wirklich nur noch Mittelmaß.

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 03.01.2014 21:59:37 GMT+01:00
Ste meint:
Hallo mercury,
zunächst danke ich für den Kommentar. Ich finde es immer schön, wenn man über diese die Möglichkeit zum Austauscg bekommt.
Literarisch stimme ich voll zu und bin ganz bei ihnen. Mich hat übrigens "Zwei an einem Tag" auch sehr gefesselt.
Grundsätzlich muss ich sagen, dass ich eigentlich kein Freund von Frauenliteratur bin und nach wie vor bin ich der Meinung dass dieser Begriff seinem Genre irgendwie nicht gerecht wird. Oder vielmehr zu pauschalisiert klingt... Aber darüber lässt sich sicher streiten.
Ich glaube die Tatsache dass dieses Buch so viele Menschen so sehr berührt liegt sicher zum Teil an der von ihnen geschilderten Sensibilität des Themas an sich, ich glaube aber auch dass ein weiterer Grund dafür in der Leserschaft als solcher liegt.
Geschmäcker sind (Gott sei Dank) verschieden und mir hat sich beispielsweise auch nie erschlossen wie die Romane von Sparks oder um ein weiteres Beispiel zu nennen "Ps Ich liebe dich" zum Bestseller werden konnten. Erstere wegen der Überfrachtung an Schicksal und Kitsch, letzteres wegen des Sprachgebrauchs (wobei ich hier auch immer eine Mitschuld bei den Übersetzern sehe).
Aber dennoch gibt es genug Menschen denen diese Bücher an's Herz gehen.
Die Oberflächlichkeit mit der hier die Thematik behandelt wird ist mir zugegebenermaßen beim lesen nicht bewusst geworden. Jetzt darauf hingewiesen stimme ich ihnen aber zu. Vielleicht ist mir die Tatsache dass Wil's Sicht nie direkt beschrieben wird nicht so sehr aufgestoßen weil ich beim lesen seine Gedanken für ihn mitgedacht habe...
Ich habe der Autorin übrigens eine zweite Chance geben wollen und "Eine Hand voll Worte" gekauft, nach knapp 80 Seiten habe ich es allerdings beiseite gelegt und für'scheste anderen Büchern den Vorzug gegeben weil sie mich nicht einfangen konnte.

Veröffentlicht am 11.01.2014 22:40:52 GMT+01:00
scheschi meint:
Danke für diese tolle Rezension. Ich habe das Buch heute angefangen zu lesen und bin auf Seite 65. Und genau, ich dachte es ist ein "Abklatsch" von "Ziemlich beste Freunde"... Daher habe ich jetzt angefangen die Rezensionen zu lesen.
Ich habe das Buch selbst nicht gekauft, aber wahnsinnig viel von Freundinnen gehört und eben diese Woche es von einer Freundin in die Hand gedrückt bekommen. Ich wusste überhaupt nicht, um was es geht. Jetzt, dank Deiner Erläuterung weiß ich nun mehr, aber im Moment weiß ich nicht, ob ich so ein "schweres Buch" in meine Lebenssituation passt....
Danke für Deine Erläuterungen, hat mir sehr weitergeholfen.

Veröffentlicht am 16.01.2014 18:52:32 GMT+01:00
schwaiberl meint:
Vielen Dank für Ihre Rezension. Ich hatte mir etwas ganz anderes darunter vorgestellt und bin nun froh, dass ich das Buch - noch - nicht gekauft habe, denn ich wollte es als Reiselektüre und dafür ist es für mich nicht das Richtige.

Veröffentlicht am 24.02.2014 14:51:47 GMT+01:00
schnookee meint:
Großartige Rezension, exakt meine Meinung.

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 31.03.2014 11:30:24 GMT+02:00
Nika Roema meint:
Hilfreich ist es, das Wort "Spoiler" zu verwenden. Denn die an sich gute Rezension, verrät tatsächlich zuviel. Nicht erwähnte Inhalte im Klappentext oder hier in der offiziellen Buchbeschreibung, haben in der Rezension einfach nichts zu suchen. Fällt mir auch oft schwer und ich bin schon das ein oder andere Mal selbst reingefallen, weil ich es doch getan habe. Als Leser kann ich daher auch nur bitten - SPOILER - als Warnung, dann kann jeder selbst entscheiden, ob er weiterliest.. Danke.

Veröffentlicht am 22.05.2014 18:28:07 GMT+02:00
moma meint:
Ja ich finde diese Rezension sehr gut geschrieben, jedoch vielleicht auch, gerade weil ich das Buch gelesen habe. Ich habe das Buch allerdings auf anraten gekauft, denn von der Beschreibung vom Klappentext her, hätte ich es nicht gekauft.
Ich bin mir aber auch nicht sicher, ob ich es mir gekauft hätte wenn ich gewusst hätte dass es eine Auseinandersetzung zwischen Leben und Tod ist. So bin ich dankbar, das es mir empfohlen wurde und ich nicht genau wusste worum es ging.
Mir hat es sehr gut gefallen, und ich empfinde es als Gut von verschiedenen Seiten belichtet.
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