Kundenrezension

613 von 704 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Eine berührende Geschichte, ein heikles Thema, 20. April 2013
Von 
Rezension bezieht sich auf: Ein ganzes halbes Jahr (Broschiert)
Inhalt:

Louisa Clark ist mehr als geschockt als sie quasi über Nacht ihren Job verliert. Nicht nur wegen des Geldes, was sie und ihre Eltern zweifelsfrei dringend benötigen, sondern auch weil sie ihn gern gemacht hat. Sie mochte es in einem Cafe zu stehen, mit Leuten zu reden und Wünsche zuerfüllen. Und wenn es auch nur kleine waren, nach Tee und Gebäck. Und sie mag den Ort in dem sie lebt. Eine Kleinstadt die nicht viel zu bieten hat, außer einer Burg die eher Touristen als Einheimische begeistert.
Und so ist es auch nicht verwunderlich, dass das Jobcenter ihr auch nicht viel bieten kann. Nicht mehr als eine Stelle als Pole-Dancerin oder in einer Hühnerfabrik. Letzteres probiert sie sogar aus, mit Alpträumen als Folge.
Mit ein paar Umwegen und einigen Überredungskünsten landet Louisa schließlich im Haushalt der Traynors. Ihre Aufgabe besteht darin den Sohn der "Hausherrin" zu betreuen, oder vielmehr zu beobachten. Will Traynor. Will ist Tetraplegiker. Er kann sich nicht bewegen, während er bei vollem Verstand ist. An den Rollstuhl gefesselt müssen andere alles für ihn übernehmen. Zunächst versteht Louisa, Lou...ihre Aufgabe nicht. Denn die pflegerischen Notwenigkeiten werden vom medizinisch geschulten Nathan übernommen. Und Will scheint eindeutig kein Interesse an ihr, oder ihrer Gesellschaft zu haben. Im Gegenteil, er ist ziemlich unausstehlich und es dauert eine ganze Weile bis die beiden sich halbwegs aneinander gewöhnt haben.
Eher durch Zufall erfährt Louisa schließlich weshalb sie wirklich da ist. Sie ist nicht Beschäftigung für einen Behinderten, sondern der Babysitter eines Suizidgefährdeten. Denn Will hat eine Entscheidung getroffen, die ihn...wenn Lou es nicht verhindern kann...am Ende in die Schweiz führen wird. In ein Land, in dem ärztlich unterstützter Suizid legal ist. Und wie alle um Will herum, beginnt sie zu überlegen wie sie ihn umstimmen kann. Sie versucht sein Leben besser zu machen, ihm lebenswerte Augenblicke zu bescheren und ihn nicht nur an das Leben, sondern auch an sich zu binden. Denn innerhalb ihrer 6 Monate Dienstzeit...innerhalb eines ganzen halben Jahres....kommen die beiden sich so nah, physisch wie psychisch, dass Louisa sogar ihre 7jährige Beziehung beendet in dem Gedanken an ein Leben mit Will. Detailliert informiert sie sich über Möglichkeiten und Wege, Wünsche und Ziele, Gefühle und Gedanken....über alles was eine Tetraplegie anders oder schwieriger macht, einzig mit dem Ziel Will umzustimmen. Und als sie ihm schließlich ihre Liebe gesteht und ihm die Zukunft schildert wie sie sie sieht, mit all den Dingen die sie für ihn und für sich tun will, bittet er sie um etwas das ihre ganze Welt auf den Kopf stellen wird.

Meinung:

Als ich das Buch gekauft habe wusste ich nur zwei Dinge darüber. Das es ein Spiegelbestseller ist und was der Klappentext sagt. Ich wusste nicht auf was ich mich einlasse.
Ich fing an zulesen und war ziemlich schnell enttäuscht, weil es sich im ersten Augenblick anfühlte wie "Zwei ziemlich beste Freunde" und ich dachte der einzige Unterschied wird sein, dass diese Freunde sich am Ende lieben werden. Weit gefehlt... Es ging um viel mehr als Freundschaft oder Liebe, um etwas weitaus wichtigeres. Es geht um das Leben. Um den freien Willen. Um Entscheidungen und das Sterben. Um das was die Menschen ausmacht und die Dinge die der Geist will und der Körper einem verwehrt. Es geht um Zwischenmenschlichkeiten die tiefer gehen als Ozeane und um eine die Bitte die für den einen das Größte und für den anderen das Schrecklichste bedeuten.
Dieses Buch zwingt einen sich damit auseinander zusetzen was Leben ist. Und was unser eigenes, ganz persönliches Leben ausmacht. Auf was wären wir bereit zu verzichten und wo ist unsere Grenze zwischen lebenswert und nicht auszuhalten. was würde uns brechen? Und wenn wir an die denken die wir lieben, oder die uns lieben.... Wären sie genug zu bleiben, wenn uns sonst nichts bleibt?
Das Thema mit dem Moyes sich befasst ist schwere Kost und polarisiert mit Sicherheit. Aber sie hat es nicht als eine einzige Provokation verpackt. Sie bietet jeder Meinung Raum. Sie beschreibt Will's Wunsch und gleichzeitig die Gedanken all jener die damit leben müssten, wenn er es wirklich tun würde. Aber es findet zum Beispiel auch seine Mutter Gehör, die nicht will das ihr Sohn stirbt und aber dennoch nur das Beste für ihn will. Und muss nicht jeder selbst entscheiden was am besten für ihn ist? Moyes lässt nichts außer Acht und schreibt sogar Gedanken die man sich selbst verbieten würde. Denn einen Behinderten, vollkommen auf Pflege angewiesenen Sohn Zuhause zu haben, stellt Familien vor Herausforderungen und schränkt Leben ein. Nicht nur dem Behinderten selbst werden Freiheiten genommen, jeder opfert etwas... Aber darf man darüber nachdenken, dass diese Opfer nach einem Suizid nicht mehr nötig wären?
Ich möchte nichts dazu sagen wie die Geschichte ausgeht. Aber ich möchte sagen wie dieses Buch für mich geendet hat. Ich habe die letzte Seite zugeklappt und danach ganz still auf meinem Bett gelegen. Ich habe versucht mich nicht zubewegen. Ich wollte Will sein. Gefühlt habe ich es zehn Minuten getan. Tatsächlich waren es 3 Minuten. Wäre ich Will, mir käme ein ganzes halbes Jahr wie ein ganzes halbes Leben vor. Ob ich seine Gedanken deshalb verstehe? Das ist mein eigenes Geheimnis. Aber es lohnt sich, sich mit diesem Buch auseinander zu setzen weil es eine Auseinandersetzung mit seinem eigenen Leben ist.
Von mir gibt es trotzdem nur 3 Sterne, denn auch wenn es berührt....dieses Thema geht uns eigentlich alle an. Und es in eine Lovestory zu packen und in einem Einband zu verstecken der vermutlich zu 90% Frauen anspricht...das geht nicht. Und eigentlich geht es auch nicht, die Brisanz des Inhaltes mit keinem Wort auf dem Klappentextes zu vermerken. Denn Sterbehilfe ist nunmal kein Thema mit dem sich jeder auseinander setzen will. Und es ist kein Thema was man in einem Buch mit dieser Aufschrift und diesem Cover vermutet. Die Entscheidung sich damit und somit mit seinen eigenen Vorstellungen zum Leben auseinanderzusetzen sollte jedem selbst überlassen sein.
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Kommentare

Von 8 Kunden verfolgt

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1-10 von 40 Diskussionsbeiträgen
Ersteintrag: 25.04.2013 14:14:28 GMT+02:00
VIelen Dank für diese ausgesprochen gut geschriebene Rezension, und gerade wegen dieser guten Rezension denke ich, dass es ein Buch für mich ist. AUch wenn das Thema sicherlich hart ist, werde ich es lesen. Vielen Dank!

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 26.04.2013 09:13:21 GMT+02:00
Ste meint:
Liebe Britta, ich danke ihnen für diesen schönen Kommentar. Ich freue mich wenn meine Rezensionen helfen die Besonderheiten eines Buches zu beschreiben und noch mehr wenn sie ihnen das Buch schmackhaft gemacht hat. Vielleicht kann ich dann bald ihre Rezension lesen. Ich würde mich freuen von ihnen und ihrer Meinung zu lesen. Haben sie ein schönes Wochenende. :)

Veröffentlicht am 02.05.2013 15:01:28 GMT+02:00
Mammamia meint:
Ein Superkommentar, der mir aus der Seele spricht! Man darf sich nicht auf die positiven Bewertungen alleine verlassen, das habe ich schon lernen müssen. Es gibt nun mal viele Themen, die nicht für jeden geeignet sind. Ich mag keine "Herzchenromane" und kein "Krankheit und Tod"-Buch. Das Leben kann schlimm genug werden. Deshalb ganz lieben Dank, dass sie mich davor bewahrt haben (da ich auch nicht sooo viel Geld habe). Sicher finde ich in Ihren anderen Rezessionen geeigneteres...!!

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 05.05.2013 20:22:39 GMT+02:00
Zuletzt vom Autor geändert am 05.05.2013 20:31:34 GMT+02:00
@Mammamia,
"Ein ganzes halbes Jahr" ist mit Sicherheit KEIN "Herzchenroman", die mag ich übrigens auch nicht! Diese Bezeichnung hat dieser Roman (dem ich selbst übrigens 4 Sterne geben würde) wirklich nicht verdient. Ich würde ihn auch nicht in die "Krankheit und Tod"-Ecke stellen, obwohl er da ja eigentlich reinpasst. Aber gleichzeitig feiert dieses Buch das Leben, so sonderbar sich das anhören mag.
Ehrlichgesagt finde ich es schade, dass Sie den Roman aufgrund der Rezi ablehnen.

@Ste
Den Kommentar bzw. die eigene Meinung zum Buch finde ich auch gelungen, aber in der Inhaltsbeschreibung wird meiner Meinung nach viel zu viel verraten, z. B. Lous eigentliche Aufgabe wie auch die Beendigung ihrer Beziehung.

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 05.05.2013 20:32:27 GMT+02:00
Ste meint:
Ich stimme dem zu. Es handelt sich um keinen "Herzchenroman", allerdings denke ich, dass Cover und Klappentext das vermuten lassen könnten. Und das war es was ich monieren wollte.
Was meine Inhaltsangabe angeht... Auch da verweise ich auf den Klappentext der von einer Beziehung zwischen Lou und Will schreibt... Von daher denke ich nicht, dass das zuviel verraten war. Aber ich weiß dass ich oft zu ausschweifend bin und werde mir einmal mehr vornehmen mich ein wenig zurücknehmen.

Veröffentlicht am 26.05.2013 18:35:28 GMT+02:00
Niemann meint:
Das sehe ich auch so. Einen Hinweis auf dieses - in meinen Augen wichtige Thema - hätte auf dem Einband stehen müssen.

Veröffentlicht am 29.05.2013 10:16:52 GMT+02:00
Ich glaube nicht, dass man sich drei Minuten wie ein Tetra fühlen kann, weil man diesen Zustand ja sofort beenden kann. Ein Tetra ist man für den Rest seines Lebens. Und es geht hier auch nicht nur um die Unbeweglichkeit, sondern es geht um starke Schmerzen, Spastiken, die man nicht unter Kontrolle hat, Menschen, die einen blöd anschauen oder einfach wegschauen und meinen alles über einen Tetra zu wissen u.v.m..
Das schöne an diesem Buch ist eigentlich, dass die Autorin gar nicht versucht Will zu sein, sondern die Menschen drumherum sprechen lässt. Diese dürfen ihre Gefühle offenbaren.

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 29.05.2013 10:24:49 GMT+02:00
Ste meint:
Ich habe bewusst geschrieben "versucht" und "wollte" und ich bin mit durchaus bewusst, dass man mit 3 Minuten nicht bewegen nicht das volle Krankheitsbild erfassen kann.
Ich arbeite mit Menschen die Plegien haben, auch Tetraplegien. Aber kurz nachdem es dazu kommt, nicht wenn sie gezwungen sind damit zu leben. Ja vielleicht lässt sie die Personen drum herum zu Wort kommen, dass stimmt. Aber mit diesem "die anderen reden, sprechen, entscheiden" gibt sie gleichzeitig ziemlich viel über Will Preis, finde ich.
So oder so... Es ist ein Buch. Es sind geschriebene Worte und wir haben sie gelesen. Und empfinden tun wir es alle anders. Das ist das schöne am Lesen. Mein Will ist vielleicht ein anderer als deiner, trotzdem haben sie viel gemeinsam.
Ich danke dir aber für deinen Kommentar und das lesen der Rezension. Hab eine gute Woche.

Veröffentlicht am 11.06.2013 22:24:11 GMT+02:00
wenn man die Inhaltsangabe liest braucht man das Buch nicht mehr zu bestellen. Wird ja alles verraten. ich hätte mich geärgert, hätte ich das buch noch nicht gelesen.

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 11.06.2013 23:01:33 GMT+02:00
Ste meint:
Bestimmt wird etwas verraten was auf dem Klappentext nicht steht, wer keine Details über den Inhalt will sollte Dinge die unter "Inhalt" stehen aber auch nicht lesen.
Ich denke trotzdem nicht, dass ich alles verraten habe was im Buch steht. Ganz sicher nicht. Für den einen zu viel, für den anderen zu wenig. Man kann es nicht allem Recht machen. Aber ich habe schon mit deutlich mehr Inhaltsangabe rezensiert, also betrachten sie es doch als kleinen Fortschritt.
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