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51 von 60 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Unterhaltsam - aber nicht Homer, 29. März 2010
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Rezension bezieht sich auf: Ilias: Übertragen von Raoul Schrott (Gebundene Ausgabe)
Nicht zu fassen, dass Schrotts Ilias-Übertragung nichts als 5-Sterne-Rezensionen hier bekommt! Sicher, die Übersetzung liest sich nett (wenn man so was mag), nur mit Homer hat sie nicht viel zu tun. Sie folgt natürlich dem Handlungsverlauf, travestiert aber Stil und Tonfall in einer Weise, dass man eigentlich gleich einen historischen Roman lesen könnte.

Wo bei Homers Kriegern doch gewissen Umgangsformen vorhanden sind, finden wir hier eine Art Jugendgang, in der man sich mit platten Vulgarismen beschimpft ("dem hat Zeus doch ins Hirn geschissen" statt "der ratsinnende Zeus hat ihm den Verstand genommen"; "was bist du doch für ein arrogantes arschloch" statt "nicht schön ist es, sich übermäßig zu rühmen"), wo es um Sexuelles geht, wird auch gerne mal was hinzu erfunden ("während sich die beiden liebten, dass die bettpfosten wackelten" statt "die beiden betteten sich auf dem gurtdurchzogenen Lager"). In den Götterszenen gönnt Homer (der originale) dem Leser/Hörer schon auch gerne mal ein Augenzwinkern, wenn Göttervater Zeus vergenlich versucht, seine Großfamilie an die Kandare zu nehmen - aber bei Schrott führt Zeus sich einfach auf wie Al Bundy: von der Würde und Größe der Götter, die Homer gleichzeitig vermittelt (gerade das ist die vielbewunderte Kunst Homers), bleibt nichts übrig. Das alles ist Programm, denn Schrott erklärt selbst (in der Zeitschrift Akzente, 3, 2006; vgl. auch in der Einleitung zu diesem Buch), dass Homer "sein Dekorum wahren" (d.h. eine beim Adel oder bei Hofe akzeptable Ausdrucksweise benutzen) und sich insoweit einer Zensur" unterwerfen musste, weshalb Schrott sich nun mit seiner Übertragung das Recht herausnimmt, "dort, wo [im Originaltext] nur umschrieben und angedeutet wird, das eigentlich Implizierte etwas deutlicher" auszudrücken. Mit anderen Worten, das ist keine Übersetzung von dem, was dasteht, sondern eine Nachdichtung von dem, was Homer nach Auffassung Schrotts eigentlich hätte sagen wollen, wenn er sich getraut hätte. Ein reichlich naives Konzept von Dichtung, aber auch egal. Zumindest sollte man das wissen, bevor man Schrott liest und glaubt Homer zu lesen.

Übrigens ist Voss nicht die einzige Alternative, und Schrott ist auch nicht der erste, der auf den Hexameter verzichtet hat. Wer wirklich die Ilias in einer guten, kraftvollen, mitreißenden und dazu noch philologischen Übersetzung kennenlernen möchte, sollte zu der von Schadewaldt (in rhythmisierter Prosa) greifen. (Gibt es auch als Hörbuch: gelesen von Rolf Boysen: sehr zu empfehlen!) Man vergleiche nur mal die Anfangsverse:

von der bitternis sing, göttin - von achilleus, dem sohn des peleus
seinem verfluchten groll, der den griechen unsägliches leid brachte
und die seelen zahlloser krieger in das haus des hades sandte
die blutvollen leben dann nur noch fleisch an dem die hunde fraßen (Schrott)

mit

Den Zorn singe, Göttin, des Peleus-Sohns Achilleus,
Den verderblichen, der zehntausend Schmerzen über die Achaier brachte
Und viele kraftvolle Seelen dem Hades vorwarf
Von Helden, sie selbst aber zur Beute schuf den Hunden ... (Schadewaldt)

Nur drei Fragen dazu:
Von was genau wird gesungen, und aus welcher übersetzung kapiert man das sofort?
Was ist aussagekräftiger, "zehntausend Schmerzen" oder "unsägliches Leid"?
Merken Sie, dass in den letzten beiden Versen bei Schadewaldt auch eine Empörung steckt - darüber, dass das Schicksal toter Helden weder schön noch ehrenvoll aussieht, während Schrott mit seiner (frei erfundenen) Einfügung "blutvolles leben" eine ganz andere Antithese aufmacht und die Aussage schwächt?

Und auch das geht in dem ganzen Buch so weiter: von wegen Drastik - wo Homer zu seinem (ebenfalls berühmten) Realismus ansetzt und die Sache nicht in Jugendsprache abzuhandeln ist, wird Schrott oft farblos: So stirbt bei Homer mehrmals jemand "Brüllend, in den blutigen Staub verkrallt", bei Schrott aber bloß "röchelnd, ..." Fast immer, wenn es geht, wählt er den flacheren, gewöhnlicheren Ausdruck.

Fazit: Ich will Ihnen dieses Buch nicht verleiden, sicher macht es Spaß - aber Homer ist anders.
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Von 1 Kunden verfolgt

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1-2 von 2 Diskussionsbeiträgen
Ersteintrag: 08.07.2010 02:36:14 GMT+02:00
Meine ganze Zustimmung. Schrotts Vulgarismen (was scheidet ein eitler Mensch nicht alles aus!) sind ungefähr so ansprechend und und genießbar wie dauernde Kratzer auf einer Schallplatte.

Veröffentlicht am 22.07.2010 07:54:50 GMT+02:00
Homer ohne Hexameter ist Schrott !
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