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17 von 25 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ein Meisterwerk des "großen Kinos", 19. Oktober 2006
Rezension bezieht sich auf: Aviator (2 DVDs) (DVD)
Ein Hand ragt durch das Dunkel, nachdem sich ein paar gelbfarbene Lampen entflammt haben. Ring-, Mittel und kleiner Finger leicht gekrümmt, Daumen in Richtung Handfläche geneigt, der Zeigefinger ausgestreckt entfernt sie den Deckel einer kleinen Seifendose. Die Mutter wäscht ihren entkleideten Sohn. "Q-U-A-R-A-N-T-Ä-N-E" buchstabiert sie ihm und der Junge macht es ihr nach. Die Hand, die im Dunkel nach "Erlösung" greift, die dann wiederum zur Hand von Howard Hughes wird, kriegt man noch oft zu sehen: Nach der Seife greifend um sich und seine Hände "rein" zu waschen, um den Trinkvorgang einer Flasche Milch einzuleiten, am Schaltknüppel "seiner" zahlreichen Flugzeuge, bei'm Streichen über die Oberfläche einer neuen Maschine oder einer neuen Geliebten (Katherine Hepurn) und wenn er sie von seinem Privatkino-Sitzplatz aus in die Luft ragt und sie im Licht des Projektors beäugt.

Jahre später: Wir befinden uns in einer Wüste und der kleine Junge ist zum Tycoon geworden. Howard Hughes kommandiert eine Heerschar von Flugzeugen um seinen Film "Hell's Angels" zu drehen. Den vielleicht ersten Blockbuster der Hollywood-Geschichte. Zugleich stellt er eben mal Noah Dietrich (John C. Reilly) ein, seinen langjährigen Financier und steigt selbst in's Flugzeug um eine der Kameras zu schwenken, für deren erstaunliche Anzahl Hollywood-Boss Mayer nur ein spöttisches Lächeln übrig hat. Was hier schon wie der pure Wahnsinn eines Besessenen wirken muss, dass wird sich im Laufe des Films immer weiter steigern: Am Ende kämpft Hughes gegen Washington, gegen einen konkurrierenden Fluglinien-Mogul, gegen eine spießige Zensur und vor allem gegen sich selbst.

Ohne Zweifel: Wir befinden uns im filmischen Universum von Martin Scorsese. Wieder mal geht es um "einen 'Niemand', der 'Jemand' werden will", wie Georg Sesslen einmal den typischen Scorsese-Helden zu charakterisieren wusste. Gemein haben sie alle, dass ihnen die Katharsis (die seelische Reinigung) verwährt bleibt: Travis Bickle, der einsame Taxi Fahrer in "Taxi Driver", Jake LaMotta, der gewalttätige Boxer in "Wie ein wilder Stier", Jesus, der Messias in "Die letzte Versuchung Christi", Henry Hill, der Mafiosi in "Goodfellas", Kundun, der Dalai Lama in "Kundun", Frank, der Krankenwagenfahrer in "Bringing Out The Dead" oder Bill The Butcher, der Metzger in "Gangs of New York". Sie alle sinnen auf Erlösung um sich am Ende dort wieder zu finden wo sie begonnen haben: Travis sitzt wieder in seinem Taxi, Jake boxt sich in seiner Garderobe für's Publikum mit Shakespeare warm, Jesus wird wiedergeboren, Henry Hill führt die Durchschnittsexistez vor der er sich in's Mafia-Leben geflüchtet hat usw. Im Grunde bleibt ihnen das Märtyerertum vewährt. Sie alle wollen eigentlich nur eins: Sterben, um in den Himmel zu gelangen. Deswegen waten sie durch Blut und Fegefeuer (Titelsequenz von "Casino") bestätigen sich ihrer "Selbst" in Spiegeln ("You talkin' to me?") und sind wirklich immer zum Scheitern verurteilt. Sartre bemerkte einst richtig: "Der Mensch ist für die Freiheit nicht geboren". Der Scorsese-Held geht an ihr zugrunde. Sie alle eint ihre Obession zu erschaffen. Scorseses Helden leben und definieren sich in ihrer Profession. Allesamt sind mehr oder weniger "Künstler". Sie alle sind einsam. Ihnen verschwimmt die Menschenmasse vor den Augen zu shilouettenhaften Figuren. Geifernde Mengen auf der Boxtribüne oder unscharfe Gestalten wenn Travis Bickle mit Kris Kristofferson-Platte zum Rendevous mit Betsy schreitet.

Nun also Howard Hughes, auf dem sich diese Motive perfekt anpassen lassen. Ein obsessiver, vom amerikanischen Pioniergeist getriebener Produzent und Regisseur millionenteuerer Hollywood-Epen, ein Pilot der riesigsten Flugmaschinen der Welt, einer, der die gesamte Welt in 4 Tagen überquerte und dem die Frauen zu Füßen liegen. Einer, der alles will und alles kriegt. Bis auf eins: Perfektion.

Einer, dem der Mitmensch nur zum dauernd fotografierenden Sensationslüstling wird, der durch all die zersprungenen Lampen ihrer Apparate über den Roten Teppich watet. Und einer, der unter immer größer werdenden Schmerzen gegen alles und jeden, aber vor allem gegen sich "Selbst", in den Kampf ziehen muss.

Martin Scorsese potraitiert diesen Howard Hughes mit der epischen und zugleich psychologischen Brillanz eines beinahe Gott-gewordenen Regisseurs während DiCaprio eine der unzweifelhaft furiosesten Darbierungen gibt, die man in der Filmgeschichte jemals bewundern durfte (deren Perfektion ich im amerikanischen Kino sogar direkt neben Marlon Brando, Jack Nicholson, Robert DeNiro, Dustin Hoffman oder Al Pacino angesiedelt sehe).

Scorsese geht es nicht darum das Biopic eines krankhaften Zwangsneurotikers zu zeichnen in dem er nüchtern seine Lebensstationen abhakt. Auch nicht darum eine Hommage auf das glamouröse Hollywood der 40er-Jahre abzuliefern, dass sich nicht zuletzt durch einen siegreichen Krieg in selbstgerechten Patriotismus wähnte. Und ebenfalls nicht darum das Krankheitsbild der "Zwangsneurose" nachzuzeichnen (um damit, wie in Filmen wie "Rain Man", nur seichtes Mitleid hervor zu rufen).

Scorsese ist ein Anti-Hollywood-Regisseur, der Hollywood liebt und eigentlich auch ein Anti-Christ, der gläubig ist. Eben auch ein fremder und damit kritischer Italo-Amerikaner, der Amerika liebt. In "Aviator" wird das noch mal am deutlichsten spürbar, gerade weil sich hinter der Opulenz seiner Bilder immer "Amerika", "Hollywood", ja der "Mensch" an sich, vollkommen zersetzt.

Scorsese erzählt mit seinem Psychogramm eine Geschichte der zivilsatorischen Selbstzerstörung, die auf der Welle des unermesslichen Machtstrebens der USA nach dem 2. Weltkrieg losgetreten wurde und für die er in der Zwangsneurose seines Protagonisten eine überaus beeindruckende Metapher findet. Zugleich erzählt er diese Geschichte nicht als "Geschichte" sondern als großes Tableu einzelner Fragmente. Nicht umsonst hat Scorsese einmal gesagt, er teile seine Filme nicht in Akte, sondern eher in Kapitel. In "Aviator" hat er diese Form perfektioniert: Hughes geht in alle Teile auf, in seinen Siegen und Niederlagen, seinen Anfällen, seinen Affären, seinen "Ticks"...Was genau sich dahinter verbirgt, vermag wohl nur die Krankheit dieser gewalttätig zerstückelten Persönlichkeit erklären, wie sie es wiederum durch ihre Wiedersprüche, die auch in Hughes Persönlichkeit außerhalb seiner Anfälle virulent sind, nicht tut.

Dieses Bildermosaik ist schon in seiner erzählerischen Wucht beinahe so gewalttätig und wild, so unberechenbar wie jene irrational hervorbrechende Brutalität von Joe Pesci in "Goodfellas". "The Aviator" enthält keine Botschaft, er lässt, wie alle herausragenden Scorsese-Filme, kein abschließendes Resumee zu.

Der Film ist ein latent spürbarer Schmerz. Eine Wunde, die ausblutet, oder wie es die "Zeit" in ihrer Rezension zu "The Aviator" formulierte: "Ein Gärtner, der immer nur Unkraut jätet und am Ende den Garten vernichtet hat."

In der wohl spektakulärsten Sequenz dieses Meisterwerks, als sich Howard Hughes in seinem Vorführraum mit langgewachsenen Fuß- und Fingernägeln (bei den "Simpsons" wurde dieser, auf Tatsachen beruhender Vorfall bereits lange vor "The Aviator" parodiert, als Mr. Burns ein Spielcasino eröffnet und Mr. Smithers mit einer Pistole droht in ein Miniaturflugzeug zu steigen) körperlich deformiert, sieht man eine Sekunde lang ein brennendes Flugzeug als Projektion auf seinem Rücken abstürzen. Hier wird auch noch die Perfektion der Projektion und damit der "Bild-Werdung" hinterfragt. Was wir als Zuschauer in Hughes nicht zu sehen in der Lage sind, dass wird auf seinem geschundenen Körper zur Leinwand. Wie ikonografiert, wie verbildlicht ist also der moderne Mensch, der sich immer wieder hinterfragt? Wie zerstückelt? Zerstückelt wie der Film, der über ihn gemacht wurde? Und wie neurotisch und zugleich erlösend ist die Destruktion der Technik? Vielleicht ist ja auch Hughes die abstürzende Maschine. Der zur Technik gereifte Mensch.

Martin Scorsese ist mit "The Aviator" die wahrscheinlich furioseste Bebilderung eines Moguls gelungen seit Orson Welles' "Citizen Kane". Jede Einstellung, jede Sekunde dieses Films scheint absolut zu stimmen und zugleich scheint ihr immer der Nachdruck eines tiefsitzenden Zweifels angehaftet. Als glaube Scorsese nicht an die Welt weil Howard Hughes nicht an sie glaubt. Gerade jener Kniff macht "The Aviator" in der Unschlüssigkeit seiner Hauptfigur so schlüssig. Die Kulissen und Kostüme, die anbetungswürdige Kameraführung von Robert Richardson, welche die heftigen Blau- und Rottönen des Technicolor variiert und damit eine unwirkliche, eben filmische, Abstraktion von Hughes Innenleben schafft sind indes einfach nur überwältigend (und dabei noch so ungeheuer logisch).

Und obwohl die im Gros der genialen Schauspielauftritte überfordert wirkende Kate Beckinsale wohl das einzige Manko dieses Films darstellt, möchte ich "The Avtiator" zu einem Meisterwerk erklären, in dem sich all jene wiedersprüchlich-gebrochene Energie "großen Kinos" wiederfinden lässt.
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