Kundenrezension

10 von 13 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Gut recherchiert, aber doch zu langatmig geschrieben ohne Distanz zur Hauptperson, 12. Dezember 2009
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Rezension bezieht sich auf: Titan (Gebundene Ausgabe)
Robert Harris "Titan" behandelt schwerpunktmäßig die Zeit, in welcher der Politiker Cicero sich auf seinem Höhepunkt behandelt: das Jahr 63 v. Chr. und die Verschwörung des Catilina. Um mich in diese Zeit hineinzuversetzen, habe ich das entsprechende Kapitel von Karl Christs: "Krise und Untergang der römischen Republik", Fuhrmanns Cicero-Biographie sowie die beiden - die catilinische Verschwörung behandelnden - historischen Krimis: "Das Rätsel des Catilina" von Steven Saylor und "Die Catilina-Verschwörung" von John Maddox Roberts zusätzlich gelesen.

Ähnlich wie etwa der historische Roman über Heinrich den VIII. von England wird hier der zweite Teil der Lebensgeschichte Ciceros aus Sicht seines Dieners erzählt. Dieser fungiert ähnlich wie "Watson" in den Sherlock-Holmes-Romanen und gibt - ziemlich kritiklos - die Ereignisse aus Sicht Ciceros wieder. Robert Harris hat - wie er im Nachwort betont - einen historischen Roman geschrieben, wobei die wichtigsten Ereignisse genau recherchiert worden sind. Er hat sich bemüht, den Roman so zu schreiben, wie sie Ciceros Diener Tiro wirklich geschrieben hat - die Erinnerungen Tiros sind leider verloren gegangen.

Das Buch schließt an "Imperium" an, welches den Aufstieg Ciceros bis zum Konsulat erzählt, wobei ich empfehlen würde, "Imperium" auf jeden Fall vorher zu lesen; meines Erachtens kann der vorliegende Band nicht unabhängig und einzeln - ohne Kenntnis des vorhergehenden Bandes - gelesen werden, da die Kenntnis über Personen und Ereignisse der vorherigen Zeit vorausgesetzt werden.

Fasziniert an dem Roman hat mich die Figur von Julius Caesar, der - wie auch in Fuhrmanns Cicero-Biographie - als undurchsichtiger, aber genialer Stratege und eigentlicher Gegenspieler Ciceros erscheint - vollkommen anders als etwa der etwas naiv erscheinende Pompeius, der sich zeitweise mit Caesar verbündete.

Die Bewertung des Romans hängt meines Erachtens davon ab, was man von diesem Buch erwartet. Erwartet der Leser eine historisch genaue Wiedergabe der damaligen Ereignisse aus Sicht Ciceros, so wird er mit diesem Buch nicht enttäuscht. Erwartet der Leser jedoch einen spannenden Polit- oder Historien-Thriller (und gerade die Verschwörung des Catilina bietet ja - wie die oben erwähnten Werke zeigen - Stoff dafür) so wird er enttäuscht. Viel zu langatmig werden die Ereignisse dargestellt, rechte Spannung wollte bei mir nicht aufkommen. Nur die undurchsichtige Person Caesars fand ich lebensecht gezeichnet. Ich hätte auch gerne mehr von der Philosophie Ciceros erfahren. Dies hat mir gefehlt. Zwar werden wie in einem Film die Höhepunkte der Verschwörung, der Abfall des Crassus von seinem Schützling Catilina, dargestellt. Über die eigentlichen Motive dieser Verschwörung und die Folgen erfährt der Leser jedoch zu wenig. Cicero, der als gemäßigter Anhänger der Optimaten, der konservativen Senatspartei der eher wohlhabenden "Schichten" Roms anzusehen ist (trotz gespannter Beziehungen zu Hortensius, seinem Anwalts-Kollegen, Konkurrenten und Führer dieser Partei) wird hier als "Titan", als genialer Stratege dargestellt, was er eben nicht war. Fuhrmann hat herausgearbeitet, dass das Jahr 63 v. Chr. die "Wende" im Leben Ciceros war und seinen Abstieg einleitete - eben weil Cicero sich "zwischen alle Stühle" setzte und nicht strategisch dachte. Eine interessante und spannend gemachte Schilderung dieses Lebens hätte für mich bedeutet, dass Ciceros Diener durchaus Kritik an seinem Idol geübt und auf Ciceros Schwächen als Politiker hingewiesen hätte. Doch dies erfolgt nicht. Gerade die kritische Distanzierung des "Dieners" von seinem "Herrn" - wie es etwa Margret Georges historischer Roman über Heinrich VIII. zeigt - macht Politiker "menschlicher". Doch kann ein "Titan" menschlich sein oder verkommt er zur leblosen Statue? Es tut mir leid, genau diesen Eindruck habe ich von Cicero erhalten. Für mich kommt er herüber wie der "hölzerne Titan", als der Paul von Hindenburg, der Reichspräsident der Weimarer Republik, von seinem Biographen Wheeler-Bennett bezeichnet worden ist.

150 Seiten weniger und weniger langatmiges Erzählen und dafür ein stärkerer Spannungsaufbau und mehr Distanz zum Idol Cicero hätten diesem Roman gutgetan. Er ist nicht schlecht, aber aus den genannten Gründen aus meiner Sicht nicht das beste Werk von Robert Harris, der mit "Vaterland", "Aurora" oder "Ghost" durchaus gezeigt hat, dass er spannend schreiben kann. Dieses habe ich im vorliegenden Roman vermisst.
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