Kundenrezension

52 von 60 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen “I don’t see any money in this.” (Filmrezension), 1. Februar 2014
Rezension bezieht sich auf: Inside Llewyn Davis (DVD)
Joel Coen: „Das, was wir heute mit den 60er Jahren verbinden, begann tatsächlich erst später.“

Anspruch und Unterhaltung ist das Markenzeichen der Coen-Brüder. Vielleicht sind ihre Filme meist deswegen das, was man etwas wolkig mit „Kult“ zu etikettieren pflegt. Dieser hat ebenfalls das Zeug dazu. Er erzählt davon, dass es ein (Folk)leben bereits zu Beginn der 1960er Jahre gab. (Und lange davor. Ein Folksong altert nicht, weil er nie neu war. Llewyn Davis) Der Hauptdarsteller, eben (der fiktive) Llewyn Davis (Oscar Isaac), ist eine klassische Coen-Figur. Eigentlich hat sie alles, um als Musiker Erfolg zu haben: Talent, Stimme, markantes Aussehen und eine melancholische Psyche. Dennoch, und das kann man verraten, ohne den Filmgenuss zu schmälern, ist und bleibt sie erfolglos. So ist das manchmal im Leben, zur falschen Zeit am richtigen Ort oder umgekehrt, und die Coen-Brüder, die erfolgreichen, sind darauf spezialisiert, dies ins Kino zu bringen und uns dabei zuzuwispern, dass Erfolg vielleicht, unter Umständen, gar nicht so wichtig ist. (Wichtig ist nur, dass ein guter Film entsteht.) Und wir lachen wieder einmal, obwohl uns doch zum Heulen zumute ist.

Winter 1960/61. Wir zittern uns mit dem glücklosen Llewyn Davis durch ein bitterkaltes, wunderbares Sehnsuchts-Greenwich Village, in dem natürlich die Feuerleitern nicht fehlen dürfen, begleiten ihn auf die Bühne des Gaslight Cafés, sehen ihn beim Schlafen auf zu Gästebetten umfunktionierten Sofas zu und machen uns mit ihm auf den Weg nach Chicago, wo es womöglich noch kälter ist als in New York und unser Loser auch keinen nassen Fuß auf den Boden bekommt. Hier wird der Musikfilm für eine Weile zum Road Trip, der für sich gesehen bereits ein Film im Film ist, den man nicht versäumen möchte. Phantastisch, der übergewichtige, zynische und Folk verachtende Jazzmusiker Roland Turner (John Goodman), ein Wrack, und sein wortkarges Mädchen für alles, Johnny Five (Garrett Hedlund), der so gar nichts Poetisches ausstrahlt. In diesen Szenen packt uns wieder einmal der Sog der Highways, der sich durch Ziehen in der Magengegend bemerkbar macht. Wir wollen uns einen dieser Oldtimer schnappen und unbedingt durch dieses Vintage-Amerika fahren, ziellos, nur manchmal an einer dieser so perfekt in Szene gesetzten Tankstellen halten, wo das Tanken so wenig gekostet hat, dass noch genügend Dollars für Cola, Burger und ein paar Songs aus der Jukebox übrig geblieben sind. Bevorzugter Schauplatz: Eine Bar oder ein Diner am Straßenrand. Die sehr amerikanische Art der Meditation eben. Aber nur selten verlässt die Kamera seinen Hauptdarsteller, wenn auch manchmal die Katze (Kater?) Odysseus (ihr/ihm gehört ein intellektuelles Ehepaar) im Mittelpunkt steht, deren Perspektive wir hin und wieder einnehmen dürfen, und um die wir uns, je nach Neigung, ständig Sorgen machen müssen. Dauernd haut das liebenswerte Vieh ab oder wird im Stich gelassen, für Katzenfreunde harter Tobak. Allerdings bin ich mir sicher, dass dem Tier im richtigen Leben nicht ein Haar gekrümmt wurde, auch wenn es ein sehr eigenwilliger Darsteller war, der so manche Szene beim Drehen geschmissen haben soll. Am meisten werden wir jedoch in diesem großartigen, vielschichtigen Film, der keinen Plot im eigentlichen Sinn hat, sondern lediglich eine Woche im Leben eines Musikers portraitiert, mit dessen Scheitern konfrontiert. Er ist einer, der knapp vor Dylan da war, es aber dennoch nicht geschafft hat. Da kommt das reale Vorbild Dave Van Ronk und seine tatsächlich existierende, namensgebende Platte „Inside Dave Van Ronk“ (auf dem er und eine Katze zu sehen ist) ins Spiel, dessen Songs vom zeitgenössischen Folk-Star Marcus Mumfort neu arrangiert und von T. Bone Burnett produziert wurden. Gesungen werden alle Folksongs tatsächlich von den Darstellern. Wir erleben neben dem sehr bemerkenswerten Oscar Isaac Justin Timberlake (Jim) im Duett mit Carey Mulligan, die Jean verkörpert, (Peter, Paul & Mary – Feeling) und in einer kleinen Rolle Adam Driver, den man hier gesehen haben muss, um zu glauben, dass man den albernen Song „Please Mr. Kennedy“ tatsächlich ein zweites und vielleicht sogar drittes Mal hören will, vorausgesetzt, man darf ihn dabei beobachten.

Leitmotivisch zieht sich das Thema Tod durch den Film. Davis Freund und Partner hat sich zwar von der falschen Brücke gestürzt, ist aber dennoch gestorben, sein Vater und der alte Jazzmusiker werden es nicht mehr lange machen, ein entstehendes Leben bekommt vermutlich keine Chance und selbst die Katze springt nur mit viel Glück dem Tod von der Schippe. „Hang me, oh hang me, I’ll be dead and gone“ klagt Llewyn Davis zum Auftakt und am Ende des Films, in dem nicht nur Folkstücke zu hören sind. Klassische Musik, die wir mit Tod und Trauer in Verbindung bringen, ist immer wieder im Hintergrund zu hören. Bob Dylan wird in diesem Film im Gegensatz zu Elvis nicht erwähnt, aber vielleicht ist er derjenige, mit dem Llewyn Davis sich in der am Ende gleich des Refrains eines Songs sich wiederholenden Szene zusammengeschlagen wird, mit dem er sich in dieser unwirtlichen Nacht den Hut teilen muss.

Inside Llewyn Davis wurde zum ersten Mal am 19. Mai 2013 auf dem Filmfestival in Cannes öffentlich gezeigt und gewann dort verdient den Großen Preis der Jury. So wollen wir Scheitern sehen. Sie sind uns doch viel näher, diese Loser, als die großen Sterne am Musik- und Filmhimmel. Die Coen-Brüder, Tausendsassas, die Regie geführt haben, für das Drehbuch und Schnitt verantwortlich zeichnen und ihren Film mitproduzierten, erweisen sich einmal mehr als Großmeister des amerikanischen Kinos mit stets stilsicherem Händchen und eigenwilligem Humor. Wie alle großen Filme, gehört er natürlich vor allem auf die Kinoleinwand, aber zum wiederholten Anschauen ist es ein verdammt gutes Gefühl, ihn in seiner Sammlung zu haben.

Helga Kurz
1. Februar 2014
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1-5 von 5 Diskussionsbeiträgen
Ersteintrag: 22.02.2014 18:01:15 GMT+01:00
Zuletzt vom Autor geändert am 25.02.2014 20:54:45 GMT+01:00
The Edge meint:
Danke für die Rezension, ja ich glaube auch dass der Bühnenpartner am Ende Bob Dylan sein soll...aber ich empfand den ganzen Film anders...und ehrlich gesagt ich sehe Scheitern lieber wie das eines Big Lebowski, weniger so wie hier dargestellt, aber so verschieden sind eben die Geschmäcker. Da bevorzuge ich eher das kleine Scheitern wie in "Once" denn das macht Hoffnung, von Hoffnung sah ich hier wenig und das ist eine Triebfeder unseres Lebens...ich möchte eigentlich niemanden scheitern sehen, das macht einen normalerweise traurig.

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 06.04.2014 19:48:28 GMT+02:00
P. Lankau meint:
Das Scheitern ist einer der großen Lehrmeister in unserem Leben. Niemand wünscht es sich, diesem Lehrmeister zu begegnen. Aber wenn es so sein muss, dann sollte man sich ganz dieser Lehre widmen und den Weg ganz gehen. Sonst dauert es noch länger, bis der Weg uns aus der Misere heraus führt.
Der Protagonist scheitert in einer Phase seines Lebens, die er ganz und gar seiner Ambition als Folksänger widmet. Seine Trauer um sich selbst verhindert sein Fortkommen. Das Vorsingen des Liedes um die Königin, die ihr Kind nicht zur Welt bringen kann, ist die Schlüsselszene im Film.
Sein Leben geht weiter und er wird sein Leben meistern. Nur eben nicht als erfolgreicher Folksänger. Schade, denn wir als Zuschauer hören und sehen eine geniale Vorführung. Aber wir sind weit weg von der Zeit und dem Ort. Damals galt ein Dylan mehr.

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 07.04.2014 00:52:38 GMT+02:00
The Edge meint:
Könnte sein aber wie singt schon Depeche Mode "i Don t want to do any blasphemious Rumours but i think that God has a sick Sense of humour" ..who knows.

Veröffentlicht am 07.04.2014 14:51:28 GMT+02:00
Werner Kossak meint:
Inside Llewyn Davis habe ich selbst gesehen. Aber was ist mit der Special Edition? Wie ist die Doku "Another Day, Another Time" auf dieser BluRay? Kommt da noch was oder bleibt es bei der Besprechung eines Films, den man im Kino gesehen hat?

Veröffentlicht am 31.05.2014 08:11:52 GMT+02:00
Peter Rueger meint:
Ich habe den Film noch nicht gesehen; durch deine Beschreibung bin ich schon jetzt gespannt wie ich Ihn empfinde. Doch da ich eigentlich fast alle Filme der Coen Brüder gesehen habe (all time favorit: The Big Lebowski), glaube ich, dass ich auch diesen Film mag.
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Helga Kurz "Helga Kurz"
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