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Kundenrezension

347 von 366 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Wider die schulterzuckende Gleichgültigkeit, 22. September 2012
Von 
Von Amazon bestätigter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Neukölln ist überall (Kindle Edition)
Dieses Buch kann eigentlich niemanden kalt lassen. Seine Brisanz ist umso höher zu bewerten, als es - anders als der Sarrazin Bestseller - dem Problem auch noch in lesbarer und verständlicher Form zu Leibe rückt. Wie der Autor sich zudem seinen Humor erhalten hat, auch wenn es manchmal Galgenhumor ist, nötigt mir Respekt ab, genauso wie die Tatsache, dass er kein Blatt vor den Mund nimmt und wirklich jede beteiligte oder betroffene Bevölkerungsgruppe über die Parteigrenzen hinweg ihr Fett abbekommt.

Der Autor ist nicht nur Bezirksbürgermeister eines der größten Berliner Stadtteile, der immerhin größer ist als die meisten Städte. Er stammt aus Neukölln und kennt seinen Stadtteil von der Pike auf und hat auch noch einen Großteil seines Berufslebens dort verbracht. Diese intensive Kenntnis und durchdachte Darstellung des Grundproblems von Migrationsprozessen macht dieses Buch zur Pflichtlektüre von angehenden Erziehern, Lehrern, Kommunal- und anderen Politikern. Der allseits beliebte Reflex zum Wegducken und Zeitschinden aller politischen Ebenen bei Problemlagen, die sie intellektuell nicht durchdringen, ist wunderschön entlarvt: Wenn ich nicht mehr weiter weiß, gründ ich einen Arbeitskreis.

Der Autor nimmt als Tatsache zur Kenntnis, dass alle Menschen grundsätzlich gern unter gleichen leben. Das gilt für die einheimisch deutsche ("bio-deutsche") Bevölkerung genauso wie die eingewanderten Türken, Kurden, Roma und sonstige Nationalitäten. Wenn diese heimelige Wohlfühlklima eines Wohnbezirks kippt, stimmen die Menschen mit dem Möbelwagen ab. Wer es sich leisten kann, sei es die einheimische Bevölkerung oder bereits gut integrierte bildungsaffine Zuwanderer, zieht weg. Dann kommt es zu dem, was der Autor als Ausgangspunkt aller Migrationsprobleme ausgemacht hat: Durch die "Segregation", den Wegfall von durchmischten Wohnbezirken mit Vorbild- und Leitfunktionen, von sozialer Kontrolle und bürgerschaftlichem Engagement entstehen von Einheimischen und integrierten Migranten gleichermaßen abgelehnte Parallelgesellschaften, die sich in den Leistungen des fürsorgenden Staates eingerichtet haben und keinen eigenen Ansatz finden, sich selbst um einen gesellschaftlichen Aufstieg zu bemühen. Nach der Lektüre dieses Buches kann ich nachvollziehen, warum sich gesellschaftlich integrierte Migranten so energisch gegen Verallgemeinerungen wehren. Es sind eben nicht "die Türken" oder "die Muslime", die sich einem gleichberechtigten Zusammenleben verweigern, sondern ein bestimmter, nennen wir es mal harter Kern" von Einwanderern, die den Sprung von vordemokratischen Grundmustern und tradiertem Lebensgefühl in eine moderne demokratische Gesellschaft (noch) nicht nachvollzogen haben. Allerdings stellt der Autor auch klar, dass gerade die in muslimischen Bevölkerungsteilen verbreitete patriarchalische und autoritäre Lebensweise, verbunden mit durch fundamentalistische Überreligiosität und religiöser Selbsterhöhung ("der Muslim als besserer Mensch") sich stark integrationshemmend auswirkt.

In dem detaillierten Bericht über die Erfahrungen mit dem Projekt Intercultural Cities macht der Autor allerdings deutlich, dass es sich hierbei keineswegs um ein deutsches Problem handelt. Gerade aus den Erfahrungen anderer Städte, z. B. Rotterdam, können Rückschlüsse gezogen werden, wie das Problem der Parallelgesellschaften gelöst werden könnte. Allerdings nicht auf die bequeme Weise, in dem man die Betroffenen durch immer mehr Geld zum Stillhalten bewegen will. Für Buschkowsky ist Bildung, Bildung, Bildung ab dem 13. Lebensmonat die Lösung. Sich verweigernde, ablehnende oder einfach resignierte Eltern sollten nach seiner Auffassung durch schnell spürbare finanzielle Sanktionen aus ihrer Lethargie gerissen werden - wenn das Kind nicht zur Schule geht, gibt es kein Kindergeld. Nach Buschkowsky sind Chancengleichheit und gemeinsame Lebensgrundlagen die beste Willkommensstruktur, die zum Wohle der Kinder auch durchgesetzt werden muss.

Den Ausführungen des Autors zum Erziehungsgeld, der "Herdprämie" kann ich als nur zustimmen. Die vom Autor gelobte stufenweise Einführung der Kostenfreiheit der Kitas in Berlin ist allerdings nur mit den Solidarbeiträgen anderer Bundesländer finanzierbar, die im Zwange einer Haushaltsdisziplin, die in Berlin gerade nicht gelebt wird, ihrer eigenen Bevölkerung diese Leistung nicht zukommen lassen können.

Wer sich mit der Sanktionslösung grundsätzlich nicht anfreunden kann oder will, sollte den Kapiteln über Jugendkriminalität, Kindertagesstätten und Schulen in den letzten Kapiteln des Buches seine besondere Aufmerksamkeit schenken (siehe auch Richter ohne Gesetz: Islamische Paralleljustiz gefährdet unseren Rechtsstaat - Wie Imame in Deutschland die Scharia anwenden. Herr Buschkowsky lässt keinen Zweifel daran, dass den betroffenen Lehrer-innen, Erzieherinnen, Mitarbeitern von Jobcentern, Verwaltungen und Polizisten die Situation allgemein, aber auch das sich ausbreitende Duckmäusertum der Öffentlichkeit an die Nieren geht. Die Macht der Political Correctness, des öffentlichen Mobbings und Resignation fordert ihren Tribut. Als "Täter" hat Buschkowsky hier die "alten Bekannten" genannt: "Die Schönredner und die Opferrolle".

Sehr bewegt haben mich die häufigen Verweise auf eine langjährige Mitkämpferin, die Jugendrichterin Kerstin Heisig (Das Ende der Geduld: Konsequent gegen jugendliche Gewalttäter), deren Freitod eine große Lücke hinterlassen hat.

Insgesamt habe ich seit langem eine so lesbare, nachvollziehbare und schonungslos offene Diskussion dieses Themas vermisst. Bei fünf zu vergebenden Sternen hätte dieses Buch zehn verdient. Es ist für mich uneingeschränkt lesen- und empfehlenswert.
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Von 1 Kunden verfolgt

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1-10 von 19 Diskussionsbeiträgen
Ersteintrag: 27.09.2012 14:16:28 GMT+02:00
Lola meint:
Freitod??????????????

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 27.09.2012 14:36:44 GMT+02:00
Shiloh meint:
Soweit der Presse zu entnehmen war, hat Kirsten Heise "Selbstmord" begangen.

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 01.10.2012 22:14:07 GMT+02:00
Ulrich Groh meint:
Natürlich. Wenn die Presse es schreibt, WAR ES AUCH SO. Gedrucktes ist unantastbar. Wie kann DA nur irgendjemand zweifeln?

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 02.10.2012 14:13:22 GMT+02:00
Zuletzt vom Autor geändert am 02.10.2012 14:15:03 GMT+02:00
Shiloh meint:
Die Umstände des Todes von Frau Heise, deren Buch ich sehr geschätzt habe, waren nicht Thema des Buches von Herrn Buschkowsky. Er hat den persönlichen Verlust einer langjährigen Mitstreiterin und Freundin thematisiert.

Die Presse hat über das offizielle Ergebnis der Ermittlung im Todesfall einer bekannten Persönlichkeit berichtet. Wenn Sie andere Erkenntnisse dazu haben, können Sie dies an zuständiger Stelle bekannt zumachen, oder selbst darüber zu schreiben. Vielleicht in Ihrer eigenen Rezension zu dem Buch von Herrn Buschkowsy?

Veröffentlicht am 04.10.2012 05:01:04 GMT+02:00
Kindle-Kunde meint:
[Die meisten Kunden meinen, dass dieser Beitrag nicht zur Diskussion gehört. Beitrag dennoch anzeigen. Alle nicht nützlichen Einträge anzeigen.]

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 04.10.2012 10:29:11 GMT+02:00
[Vom Autor gelöscht am 04.10.2012 10:29:29 GMT+02:00]

Veröffentlicht am 06.10.2012 19:49:30 GMT+02:00
Denkender meint:
Ich kann den letzten beiden Sätzen der Rezension von Shiloh nur zustimmen: ich habe das Buch in 2 Tagen verschlungen, genauso wie das Buch von Frau Heise, was leider im Schatten des wenig später erschienen "Sarazzin" stand und bei weitem nicht dieselbe Bedeutung erlangte. Ich wünsche Herrn Buschkowsky ein langes Leben, und keine Depressionen, die ihn zum Selbstmord führen. Und allen Lesern wünsche ich, dass Sie zum Nachdenken und ggf. Handeln angeregt werden, die einfachste Handlung könnte sein, das Buch weiterzuempfehlen oder zu schenken. "Neukölln" hat mich vor Jahren aus einer Stadt vertrieben aber nun auch da begonnen, wo ich jetzt wohne. Es ist Zeit, zu handeln.

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 12.10.2012 17:16:15 GMT+02:00
Kindle-Kunde meint:
[Die meisten Kunden meinen, dass dieser Beitrag nicht zur Diskussion gehört. Beitrag dennoch anzeigen. Alle nicht nützlichen Einträge anzeigen.]

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 17.10.2012 21:48:36 GMT+02:00
Die Frau hieß "Heisig", nicht "Heise".
Wenn ich einen Autoren wirklich schätze, dann merke ich mir doch seinen Namen richtig.

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 18.10.2012 10:56:56 GMT+02:00
Shiloh meint:
Mein Fehler, danke für den Hinweis.
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