Kundenrezension

150 von 186 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Woher stammen Ihre moralischen Maßstäbe? (Sie werden sich wundern.), 6. Oktober 2010
Rezension bezieht sich auf: Die Kunst, kein Egoist zu sein: Warum wir gerne gut sein wollen und was uns davon abhält (Gebundene Ausgabe)
Ist der Mensch gut oder schlecht? Ist er in der Tiefe seines Herzens ein Egoist oder hilfsbereit? Warum läuft so vieles schief in der Welt, wenn wir fast alle immer das Gute wollen?

Richard David Precht, ein Shootingstar in den Medien schafft es in seinen Büchern, viele Menschen für komplizierte Themen zu interessieren, ohne flach zu werden. Das ist ihm auch mit dem neuesten Buch bestens gelungen. Diesmal mit dem Thema "Moral", also einem hochaktuellen Thema, denn der Verlust der Werte und der Ruf nach einer neuen Moral ist das Fazit vieler Reden in Unternehmen, Verbänden und der Politik.

Doch Precht zeigt sehr schön auf, dass der Ruf nach Moral gut ankommt, weil er nichts kostet, denn meistens meint ja nicht sich selbst sondern die anderen - aber dass es gar nicht so einfach zu klären ist, was Moral eigentlich ist.

Beginnend bei Platon lesen wir seine Maxime eines guten Lebens: "Leidvermeidung statt Lustgewinn." "Für Platon ist das Gute eine letztlich unerklärbare Essenz, die unser Leben von »von oben herab« durchwirkt; eine übergeordnete Größe, erhabener als die menschliche Existenz." (S. 37)
Gutmenschen tun nicht immer Gutes.

Denn der Ruf nach der Moral, dem guten Handeln ist leicht. Doch müssen wir dabei nicht nur alle unsere Handlungen, sondern auch unsere "Nicht-Handlungen" berücksichtigen - und geraten damit in schwere Dilemmata.

Ein Beispiel: Haben Sie bei der letzten Flutkatastrophe in Haiti gespendet? Aber warum nicht auch für die hungernde Kinder in Ruanda? Weil Haiti öfters im Fernsehen kam? Das Gute ist eben keine Tatsache, sondern eine Interpretation eines Sachverhalts. Oder anders gesagt: "Das Gute ist eine relative Sache mit einem absoluten Anspruch."

Doch woher kommt unsere Moral? Über Exkurse zu Wittgenstein und Chomsky wird deutlich, dass Moral und unsere Sprache untrennbar verknüpft sind. "Moral ist die Folge einer Gruppenkommunikation auf einem geteilten Hintergrund. ... Als sozial intelligente Lebewesen können Menschen Absichten anderer erkennen und sich an ihnen orientieren." (S. 85)

Haben Affen ein Gefühl für Fairness? An der Biologie orientierte Moralphilosophen propagierten lange, dass "in der Natur" der Egoismus der Gene herrsche. Das Prinzip "Eigennutz" sei evolutionär angelegt. Das mag für Schnecken oder Haie gelten. Doch der Autor zeigt: Lebewesen, die Absichten haben und bei anderen erkennen können, verhalten sich ganz anders als Lebewesen, die das nicht können.Gibt man zwei Kapuzineräffchen in getrennten Käfigen, die sich sehen können, Spielmarken und belohnt sie, wenn sie diese zurückgeben mit einem Gurkenstück oder einer Weintraube, passiert etwas Erstaunliches.

Behandelt man beide gleich (jeder bekommt Gurke oder Traube), ist die Kapuzinerwelt in Ordnung. Doch was passiert, wenn man dem einen fortan immer Trauben gibt und dem anderen nur Gurke? Es ist wie bei Menschen. Der "Gurken-Affe" ist ganz schnell demotiviert und verweigert bald die Teilnahme. Am schlimmsten war es, als der andere Trauben bekam ohne Spielmarken herauszugeben. Der Zu-Kurz-Gekommene fing an zu schreien, warf seine Marken aus dem Käfig und ging in den Streik.

Offensichtlich verglichen die Tiere (!) ihre eigene Belohnung mit der Belohnung des anderen. Die Fähigkeit zur Fairness ist also keine kulturelle Zutat oder eine Erfindung der Engländer. Fairness wurzelt tief im Tierreich. Moral ist also keine freundliche Tünche auf unserer ansonsten egoistischen, bösen Natur, sondern eine tief verwurzelte moralische Empfindung.
"Intelligente Tiere und wir Menschen haben also das Bedürfnis, nicht unfair behandelt zu werden. ... Diese Erwartungshaltung ist die Grundlage des menschlichen Anspruchs auf Gerechtigkeit." (S. 110)

Kommt Moral aus der Vernunft oder aus dem Gefühl? Angeboren oder erlernt?
Mit diese Frage befasste sich 1739 schon David Hume und auch Neuropsychologen unserer Zeit untersuchen das. Schon Babys zwischen sechs und zehn Monaten (!) fühlten sich in einem Experiment zum "Guten" hingezogen. Versuchspersonen, denen man Oxytocin in die Nase sprüht, verhalten sich sofort kooperativer. Offenbar ist die Fähigkeit des Menschen zur Moral angeboren. ... Intensive Bindungen und der Einfluss der Erziehung bedingen die unterschiedlichen Ausprägungen von Charakteren. Niemand kommt also "böse" auf die Welt.

Dabei ist die stärkste Antriebskraft nicht der Egoismus der Gene, sondern unsere Gier nach Belohnungen durch unsere soziale Umwelt. Unser Gehirn ist ein social brain. "Nichts aktiviert die Motivationssysteme im Gehirn so sehr wie der Wunsch, von anderen gesehen zu werden, die Aussicht auf soziale Anerkennung, das Erleben positiver Zuwendung und - erst recht - die Erfahrung von Liebe"schreibt der Hirnforscher Joachim Bauer - und erklärt damit eigentlich auch gleich den Erfolg von Facebook.

Das sollte sich jede Führungskraft auf den Schreibtisch stellen. Wir Menschen sind nicht nur auf unseren Vorteil aus. Wir spenden Geld, helfen im Verein, pflegen Angehörige. Nicht aus Eigennutz oder der vagen Erwartung auf eine Belohnung in der Zukunft. Nein, unser Lohn für altruistisches Verhalten ist das gute Gefühl, gut zu sein.

Wann gehen Sie bei Rot über die Ampel? Studien von Jens Krause zeigen: Wenn es der Mensch neben uns tut! Vor allem wenn er gleich groß ist wie wir. Bei weiter entfernt stehenden Passanten müssen es mindestens zwei sein, damit wir "mitgerissen" werden. Auf dem Weg zum Gepäckband auf einem fremden Flughafen orientieren wir uns meist nicht an den Hinweisschildern, sondern trotten dem Pulk der anderen Reisenden nach. Intuitiv orientieren wir uns an den anderen. Die werden schon wissen, wo's hingeht.

Auch unsere moralischen Entscheidungen zeigen Reflexe des Schwarmverhaltens. Egal ob die wachsenden Widerstandsgruppen bei Stuttgart 21 oder die Anwerbung von Terroristen in Ausbildungslagern. In vielem orientieren wir uns an Vorgaben und am Verhalten anderer. Unsere Moral ist jedoch immer eine Doppelmoral.

Das für mich erschreckendste Beispiel in dem Buch zeigt, dass unser Moral nicht von edlen Werten und der Vernunft abhängt, sondern vor allem von Gefühlen. Und hier besonders vom Gefühl, wer "zu uns" gehört - und wer nicht. Hier das Beispiel:

"Stellen Sie sich vor, Sie stünden an einem Eisenbahngleis. Ein führerlos gewordener Wagen rollt heran. Wenn nichts passiert, fährt der Waggon geradeaus und tötet fünf Gleisarbeiter. Doch Sie stehen an einer Weiche. Wenn Sie jetzt die Weiche umstellen, leiten Sie damit den Waggon um auf ein Nebengleis und überfährt dort nur einen Gleisarbeiter." Was würden Sie tun?

Diese Frage stelle der US-Psychologe Marc Hauser 300.000 Menschen weltweit. Drei Viertel der Befragten antworten, dass sie die Weiche umstellen würden. Fünf Menschenleben zählen mehr als eins.

Jetzt verändern wir das Gedankenexperiment. Auf dem Nebengleis steht kein unbekannter Gleisarbeiter, sondern spielt Ihr Kind. Wer würde jetzt die Weiche umstellen? Das Ergebnis ist weltweit gleich - niemand.Wäre Moral vor allem vernunftbetont, ginge es in beiden Fällen um die Rechnung "fünf gegen eins". Unsere Moral ist aber teilbar. Wir trennen stark, wer dazugehört und wer nicht.

Auch das Milgram-Experiment, das in Realität ja auch in Vietnam oder Abu Ghraib "durchgeführt" wurde, zeigt, dass ganz normale Menschen in einer Drucksituation bereit sind, Dinge zu tun, die sie eigentlich für verwerflich halten.Dabei spielen "shifting baselines" eine wichtige Rolle. Wenn sich die Anhaltspunkte, anhand derer wir etwas einschätzen, unmerklich verändern, nehmen wir das schlechter wahr. Preiserhöhungen durch verringerten Packungsinhalt sind so ein Beispiel. Welche Bezahlung wir für eine Tätigkeit für angemessen halten wird durch shifting baselines mitbestimmt.

Selbst schwerwiegende Verfehlungen können uns so als Anpassungen erscheinen, wenn die Verschiebung langsam geschieht. Auch die Nazis begannen nicht mit der "Endlösung", sondern mit den Rassegesetzen von 1935. Dann brannten Synagogen. Wie beim Milgram-Experiment die steigende Voltzahl verschob in Deutschland fast ein ganzes Volk Stück für Stück seine Grenze für Recht und Unrecht.

In den weiteren Kapiteln des Buchs geht es u.a. um so spannende Themen wie:

* Woran unsere Gesellschaft krankt
* Warum wir unseren Wohlstand falsch messen
* Wie sich Bürgersinn fördern lässt
* Wie die Demokratie reformiert werden könnte

Das Buch ist nicht ganz leicht zu lesen. Einmal hat es 541 Seiten und zum anderen merkt man, dass Richard David Precht eben ein studierter Philosoph ist, der jedoch die Gabe hat, den Leser in den Stoff hineinzuziehen. Aber es lohnt sich. Vor allem, um über die eigenen moralischen Urteile etwas mehr nachzudenken. Und sie nicht als "gesunden Menschenverstand" einfach zu verbreiten.

Aber das Buch hilft enorm, über die eigenen Massstäbe zu reflektieren. Zu verstehen, welchen Einflüssen unser moralisches Urteil oft unterliegt. Dass es "das Böse" so einfach nicht gibt, sondern dies eine Interpretationssache ist. Und dass es uns alle zum "Guten" hinzieht. Nicht weil es an sich gut ist. Sondern weil "Gutsein" sich gut anfühlt.
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Kommentare


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1-2 von 2 Diskussionsbeiträgen
Ersteintrag: 29.10.2010 13:33:11 GMT+02:00
Dirk Henschel meint:
Nach ich sag es mal mit Goethe: WOW, saugeile Rezension des Rezensenten :-
Und diese bildet absolut meine Meinung zu diesem anspruchsvollen und hoch interessanten Werk von Precht ab.

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 07.11.2010 10:11:54 GMT+01:00
Zuletzt vom Autor geändert am 28.11.2010 23:16:48 GMT+01:00
Fallen Sie nicht auf geschönte Biographien herein (Precht ist kein Philosoph sondern Germanist) und bejubeln Bücher mit hohen Verkaufszahlen! Denken Sie lieber selbst nach, statt das Buch im Schnelldurchlauf zu zitieren, dann würden Ihnen die vielen inneren Widersprüche bei Precht auffallen. Beispiel: Sie zitieren ganz brav: "Das Gute ist eben keine Tatsache, sondern eine Interpretation eines Sachverhalts". Und das "folgert" Precht aus der Tatsache, dass man sich zwischen mehreren Guten Taten entscheiden muss, wenn man Gut sein will. Was für ein Blödsinn. War etwa Jesus ein nur relativ guter Mensch, weil er nicht alle paar Stunden Wunder bewirkte, oder die Bergpredigt nicht jeden Tag abhielt oder riskierte, dass man seine Jünger töten würde? Hat Gandhi mit seinem Gewaltverzicht etwa etwas nur relativ Gutes getan, als er riskierte, dass die Briten seine gewaltfreien Inder erschossen? Nein, WIR ALLE wissen, dass wir das Gute an anderen erkennen, egal aus welcher Kultur sie kommen. Das Gute hat also zweifellos etwas absolutes. Wenn ich dann Precht reden höre: "Das Gute ist eine relative Sache..." und das kritiklose Nachplappern dieser Widersprüche bei Ihnen lese, so frage ich mich schon, weshalb man hier davon abgehalten werden soll, eigenständig zu denken.
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