Kundenrezension

127 von 138 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Was hätte sein können, wenn..., 20. Februar 2006
Rezension bezieht sich auf: Vaterland (Taschenbuch)
Man malt sich die Welt lieber nicht allzu genau aus, in der Robert Harris seinen Krimi "Vaterland" ansiedelt: Hitler hat am Ende doch noch den Zweiten Weltkrieg gewonnen, das Deutsche Reich reicht bis zum Ural und in den Kaukasus, und die Teile Europas, die nicht von Deutschland besetzt sind, haben den Status von Satellitenstaaten. Nach Kriegsende wurden auch die unzähligen Beweise für den Holocaust vernichtet (nicht ganz allerdings, wie sich herausstellen soll), es existieren nur Gerüchte. Das Deutsche Reich ist ein Überwachungsstaat Orwell'scher Prägung. Ein Horrorszenario fürwahr, das man sich nicht vorstellen will. Und wenn das Grauen zum Alltag wird, arrangiert man sich eben mit dem Grauen, garniert es gar mit den biederen Requisiten des Spießertums. Schließlich gewöhnt sich der Mensch an alles... Diese Überlegung bildet die Atmosphäre, in der Robert Harris' einen Krimi ansiedelt:

Im April 1964 stehen die Staatsakte zu Führers 75. Geburtstag vor der Tür, und ein Besuch des amerikanischen Präsidenten Joseph (!) Kennedy steht an -- eine weitere Demutsgeste des freien Auslands.
Und nun wird die Leiche eines hochrangigen SS-Veteranen gefunden. Sturmbannführer März (im Original heißt er "March", was man durchaus auch mit "Marsch" hätte übersetzen können) von der Berliner Kripo ermittelt, ein ehemals wohlgelittener Kriegsveteran, der aber bei der Obrigkeit nicht allzu hoch angesehen ist, denn er gehört beileibe nicht zu den hundertzwanzig-prozentigen Parteigängern. Bald bemerkt März Unstimmigkeiten und Merkwürdiges bei seinen Ermittlungen, stößt auf eigenartige Zufälle, kommt mit der Gestapo ins Gehege. Und er trifft auf die amerikanische Journalistin Charlotte Maguire, deren Recherchen seine eigenen Ermittlungen mehr als ergänzen. Ihr fürchterlicher Verdacht bestätigt sich, als sie die Belege für eine historische Tatsache zutage fördern, die heute zum Schulwissen gehören: Dokumente über die Wannsee-Konferenz, in der europaweit der millionenfache Mord an den Juden beschlossen wurde.

Harris hat hier eine Negativ-Utopie mit vorsichtig-optimistischem Schluss in Form eines Krimis geschrieben, und das gewagte Vorhaben ist ihm gelungen. Bedrückend das Nazi-Berlin, das er dem Leser präsentiert; ein Berlin nach den Plänen von Albert Speer, monumental, seelenlos, menschenverachtend. Die Menschen, die hier leben, wirken buchstäblich erdrückt von ihrer totalitären Welt -- erdrückt, aber nicht gesichtslos. Harris hat es geschafft, vielen seiner Figuren ein unverkennbares Profil zu verleihen -- vielen, aber nicht allen. Manche, darunter leider auch Charlotte Maguire, sind etwas farblos geraten.

Auch historisch steht dieser Roman im Großen und Ganzen auf festem Boden, wenngleich Harris sich hier doch einige Schnitzer geleistet hat; dazu später.
Verblüffend gut getroffen hat der Autor die historischen Nazi-Größen aus dem In- und Ausland, die in "Vaterland" Wesentliches zur Handlung beitragen: Sei es der amerikanische Präsident Joseph Kennedy (der Vater von JFK), dessen antisemitische Haltung bekannt ist, oder der notorische Sadist Odilo Globocnik, und vor allem der Polizeichef Artur Nebe, hochintelligent und höchst zwielichtig. Ihre fiktiven Charaktere in Harris' Roman decken sich weitgehend mit dem Bild, das man sich anhand historischer Quellen von ihrem tatsächlichen Charakter machen kann.
Auch das präsumptive historische Umfeld hat Harris recht überzeugend konstruiert -- etwa den fortgesetzten Widerstand osteuropäischer Partisanen gegen die Besatzer, der wirkungsvoller ist, als es die deutsche Bevölkerung wissen darf, oder die brachialen Umsiedlungsprogramme, mit denen das noch brachialer entvölkerte Osteuropa besiedelt werden soll. Auch, dass man sich im Ausland mit einer solch monströsen Regierung arrangiert hat, wirkt glaubhaft.
Dennoch hat Harris an einigen Stellen in seiner Recherche geschlampt: Dass in einem endgültig konsolidierten europaweiten Nazireich die tschechische Automarke "Skoda" in tschechischer Schreibweise verbreitet sein könnte, kann nur einer annehmen, der außer Englisch keine Sprache beherrscht, sodass ihm das nicht auffallen kann. Aber das ist der harmloseste Schnitzer. Schwerer wiegt, dass Harris der Versuchung nicht widerstehen konnte, den Leser durch Spielereien zu verblüffen: So gibt es auch in diesem imaginären Europa 1964 eine Europäische Gemeinschaft (vorzustellen als Vereinigung der Satellitenstaaten, die auf den Befehl aus Berlin warten). Das kann man vielleicht noch akzeptieren. Aber dass diese Nazi-geführte EG -- nun kommt's -- aus exakt 12 Staaten besteht, beweist, dass Harris seine eigene fiktive, hinten im Buch abgedruckte Europakarte nicht genau angeguckt hat. Es sind nämlich 13, aber damit wäre natürlich der Effekt dahin. Und auch, dass Harris die deutsch-polnische Grenze von 1939 an die Oder-Neiße-Linie verlegt, zeugt nicht von stets akribischer Recherche. Tja -- und dann wundert man sich natürlich, woher die vielen Neusiedler im besetzten Osteuropa kommen sollen, und die 10 Millionen Berliner. So schnell kann sich die nationalsozialistische Familienpolitik ja doch nicht ausgewirkt haben.
Andererseits hat Harris die für seinen Roman relevanten historischen Fakten sehr genau recherchiert, sodass ich die erwähnten (und noch einige andere) Schnitzer nicht überbewerten will.

"Vaterland" ist ein beklemmender Krimi, und die Beklemmung (ein schwaches Wort hier) rührt nicht nur von der ungeheuerlichen Prämisse her, sondern fast noch mehr von der beklemmenden, überzeugend konstruierten Atmosphäre.
Beklemmend ist aber auch die Wahl des Sujets -- darf man aus dem Holocaust ein Krimi-Thema machen? Millionenfacher Mord als Sujet für Unterhaltungsliteratur? Wenn ich beim Lesen den Eindruck gehabt hätte, Harris habe eine beliebige Krimihandlung durch möglichst spektakuläre Versatzstücke aufpeppen wollen, dann würde ich diese Frage verneinen. Aber das kann man ihm nicht vorwerfen, und meinem Eindruck nach verharmlost er die Nazi-Diktatur auch nicht. Eher könnte ich mir vorstellen, dass aufgrund dieses Romans sich der ein oder andere Leser eingehender mit der deutschen Vergangenheit befasst, der das sonst nie getan hätte.
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Kommentare

Von 4 Kunden verfolgt

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1-10 von 12 Diskussionsbeiträgen
Ersteintrag: 16.07.2010 14:02:35 GMT+02:00
[Die meisten Kunden meinen, dass dieser Beitrag nicht zur Diskussion gehört. Beitrag dennoch anzeigen. Alle nicht nützlichen Einträge anzeigen.]

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 18.07.2010 19:04:45 GMT+02:00
weiser111 meint:
Wenn Sie meinen, bitte sehr!
Meiner Meinung nach jedoch sind Hinweise auf historische Zusammenhänge und Anspielungen, sofern für eine Romanhandlung relevant, durchaus angebracht. Auch an ihnen scheidet sich die Genrespreu vom Genreweizen: Manche Autoren phantasieren hier das möglichst spektakuläre Blaue vom Himmel runter oder fuchteln mit angemaßtem Anspruchsgehabe herum, andere wiederum haben bereits in den Vorbereitungen gute Recherche-Arbeit geleistet, und das sollte gewürdigt werden.
Ihre Argumentation konnte mich jedenfalls nicht vom Gegenteil überzeugen.

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 22.07.2010 11:56:40 GMT+02:00
Genau auf diese Weise sollte eine Rezension zu einem historischen Roman geschrieben werden, da gebe ich Dir durchaus recht. Ich habe das Buch vor vielen Jahren einmal gelesen, und mir sind diese kleine Widersprüche gar nicht aufgefallen. Doch finde ich, daß Du eine durchaus angebrachte Meßlatte an einen historischen Roman legst, die ja auch Dein differenziertes Urteil - eben nur 4 Sterne - erklärt.
Noch eine Sache. Spielt das Buch wirklich im Jahre 1964? Ich frage das, weil Hitler im April 1964 doch schon 75 Jahre alt geworden wäre.

Dir noch einen schönen Tag, Tristram

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 22.07.2010 20:01:41 GMT+02:00
weiser111 meint:
Oh! Danke für den Hinweis! Freilich hab ich mich da verrechnet oder vertippt -- 75 muss es heißen. Werd's korrigieren.
Zwar hab ich das Buch mittlerweile irgendeinem Bücherflohmarkt vermacht, aber daran kann ich mich noch erinnern ("dreiviertel Jahrhundert und regiert immer noch", dachte ich damals noch, "vor dem hätt's wirklich sogar dem Teufel gegraust").
Übrigens konnte Robert Harris der Versuchung nicht widerstehen, irgendwo einen anstehenden Auftritt der Beatles in Hamburg anzudeuten -- freilich ohne Namensnennung. Daran kann ich mich noch erinnern, denn das und der Skoda als Dienstwagen machten mich erstmals stutzig. Aber wie gesagt: Das sind Kleinigkeiten; derlei geht auf Spesen. Lässliche Sünden gewissermaßen. Immer wenn's drauf ankommt, ist der Roman gut, da stimme ich Dir zu.

Veröffentlicht am 04.08.2011 13:52:39 GMT+02:00
Eine ungewöhnlich genau und gut recherchierte Buchkritik. Danke für die wertvollen Hintergrundinformationen. Anhand ihrer Rezension kann ich mir das Buch so gut vorstellen, dass ich es mir kaufen werde.

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 05.08.2011 14:17:40 GMT+02:00
weiser111 meint:
Dankeschön! Gibt's auch eine gewiefte Rezension zum Buch? Das wäre auch schön.

Veröffentlicht am 16.08.2012 16:19:06 GMT+02:00
Die Taschenbuchausgabe ist gegenüber der deutschsprachigen Originalausgabe von 1992 (Haffmanns) wohl "abgemildert" worden. Dafür kann der Autor i.d.R. nichts. Ich habe die Originalausgabe von 1992. Auf der Karte des Reiches in den Grenzen von 1964 reichen die Grenzen von der Westmark (Elsaß-Lothringen)bis weit nach Sibirien, hinter Ufa. Eingezeichnet sind die Reichskommissariate Muskowien, Ukraine, Ostland und Kaukasus, außerdem die Fernautobahnen nach Theoderichshafen (Sewastopol) und Ufa sowie die 4-Meter-Breitspurbahnen. Von einer Oder-Neiße-Grenze ist nichts zu sehen, genausowenig wie eine Karte der "Europäischen Union"

In der Originalausgabe hat die Europafahne übrigens auch die geforderten 13 Sterne; das innere des Sternenkreises ist rot, mit Reichsadler und Hakenkreuz. Das wollte man den zarten deutschen Seelen dann wohl alles nicht zumuten.

Es wäre interessant, einmal zu prüfen, wo der Verlag sonst noch Veränderungen im Sinne der political correctnes vorgenommen hat. Ursprünglich hatten ja alle deutschen Verlage die Veröffentlichung abgelehnt (Haffmanns ist ein Schweizer Verlag).

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 24.09.2012 20:43:52 GMT+02:00
weiser111 meint:
Danke für die aufschlussreichen Details (leider sehr verspätet, der Dank; ich bitte um Entschuldigung). Ist ja schon eigenartig, wie betulich die Verlage mitunter sind. Ausgerechnet dann, wenn sie mit der Betulichkeit Schaden anrichten... Ich habe nämlich den Eindruck, dass sich die Gemeinten über die konkreten Details ärgern, weil sie öfters mal allzu gut getroffen sind.

Ich hab die englische Ausgabe damals aus der Bücherei geliehen, und die deutsche Ausgabe wollte ich aus ähnlichen Gründen passagenweise nochmal lesen -- im Zug, und dann musste es ganz fix gehen beim Umsteigen, und nun gehört's halt seit ca. drei Jahren irgendjemand anderem (hoffe ich).
Nur an eines kann ich mich noch genau erinnern: Als März am Ende Richtung Osten fährt, um selber die letzten Reste des (eingeebneten) Auschwitz zu sehen, kommt irgendwo im Nebensatz die Anmerkung, nun befinde er sich im ehemaligen Polen. Ähnlich habe ich auch die mysteriösen 13 Staaten in Erinnerung, die irgendwann gegen Ende aufgelistet werden -- und da sind's 12.
Aber wie gesagt: Das sind Details, die ich zwar angemerkt habe, so in Richtung "bitte in der nächsten Auflage korrigieren, falls Sie das zufällig lesen sollten", aber gestört hat's mich nicht. Dazu war's zu beeindruckend.

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 22.06.2013 08:37:21 GMT+02:00
Zuletzt vom Autor geändert am 22.06.2013 08:45:24 GMT+02:00
Echo 1954 meint:
Zu E. Lichtenstein: "Beeindruckend, welche Zusammenhänge und Anspielungen der Rezensent erkannt hat, aber in eine Rezension gehören die eigentlich nicht."

Doch, wohin denn sonst? Genau DAFÜR gibt es Rezensionen! Lesen sie doch andere Rezensionen! Nachsitzen!

Veröffentlicht am 30.10.2013 16:22:12 GMT+01:00
King of Soaps meint:
Ich muss schon sagen, eine außerordentlich gute Rezension. Ich habe das Buch erst vor kurzem ausgelesen und dachte daran eine Rezension zu verfassen. Da saß ich nun mit meinem Stichwortzettel, stolperte über diese Rezension und dachte nun: Hier ist schon alles gesagt. Danke sehr !
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