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Kundenrezension

15 von 20 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Geschmacksfrage, 1. Oktober 2011
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Erkenntnis für freie Menschen (edition suhrkamp) (Broschiert)
Paul Feyerabend's "Erkenntnis für freie Menschen" ist ein essayistischer Rundumschlag gegen "die westliche Tradition" "der Wissenschaften" und "des Rationalismus", dessen teils nebulöser und teils polemischer Inhalt beste Voraussetzungen für eine Polarisierung der Leserschaft mit sich bringt. Damit erweist er sich als Kind seiner Zeit, der späten 1970er Jahre. An das eigentliche Essay schließen sich Ausführungen zu den "Ursprüngen seiner Ideen" an. Weiterhin wird eine Diskussion zwischen Feyerabend und einem skeptisch-ablehnenden Publikum im Jahre 1978 geschildert.

Zunächst ein paar Worte zum Inhalt. Die Wikipedia sagt, dass in einem Essay "die persönliche Auseinandersetzung des Autors mit seinem jeweiligen Thema [im Mittelpunkt steht]. Die Kriterien streng wissenschaftlicher Methodik können dabei vernachlässigt werden." Dies gilt auch für dieses Essay und passt zu Feyerabends Ablehnung wissenschaftlicher Methodik. Die Kehrseite davon ist, dass seine Ausführungen unklar, unvollständig und manchmal widersprüchlich bleiben. Im Wesentlichen fordert er die Gleichberechtigung aller Traditionen, ohne den Begriff der Tradition oder die im Zustand der Gleichberechtigung geltenden Spielregeln zu erläutern. Wie er selbst im angesprochenen Publikumsgespräch einräumt, wäre die praktische Umsetzung seiner Vorschläge mit einer Reihe Probleme verbunden, deren Lösungen er selbst nicht kennt. Dies bezeichnet er als Absicht und begründet es damit, dass er "den Leuten, die eine solche Gesellschaft [...] aufbauen, [nicht vorschreiben wolle], wie sie das tun sollen" (S. 296).

Ungestellt und unbeantwortet bleibt die Frage, warum jene Leute seinen Vorschlägen folgen sollten, wenn doch die damit einher gehenden Probleme ihre eigenen sind. Wenn ich meine Probleme selber löse, dann kann ich sie mir auch selber schaffen, d.h. ich kann meinen eigenen Weg wählen und brauche keine Richtungsweisung von Herrn Feyerabend. Weiterhin wäre zu begründen, warum er überhaupt das Essay geschrieben hat, anstatt sich entweder in einer Bürgerinitiative zu engagieren oder ganz einfach "das Maul [zu] halten", wie er es auf Seite 238 selber fordert. Feyerabend würde argumentieren (bzw argumentiert im Essay), dass das erstrebte Fernziel noch nicht verwirklicht sei, weshalb es während der Übergangszeit besonderer Methoden bedürfe. Ob man dies, oder auch seinen Vorschlag, jenes Fernziel mithilfe einer Art "Fairness-Polizei" durchzusetzen, sinnvoll findet oder unmittelbar die Begriffe "Faschismus" und "Kommunismus" assoziiert, ist eine jener Geschmacksfragen, die in diesem Essay polarisierend wirken. Ich betone: das Wort "Fairness" verwende ich zur Umschreibung von Feyerabends Anliegen, das Wort "Polizei" verwendet er selber zur Beschreibung von dessen Durchsetzung.

Ebenso polarisierend sind einige Wertungen, die Feyerabend vertritt. Sein Ausgangspunkt ist die Überzeugung, dass es anmaßend sei, die eigene Lebensweise anderen Menschen aufzuzwingen. Wichtig ist dabei, dass er "Lebensweise" mit "Tradition" gleichsetzt. Seine Schlussfolgerung lautet, dass jeder im Rahmen der ihm eigenen Tradition zu leben habe und dass diese Traditionen gleichberechtigt nebeneinander stehen. Wenn also ein junger Hopi-Indianer Vorlesungen an einer Universität besucht, interpretiert Feyerabend dies als Abkehr von dessen eigener Tradition als Hopi und als Unterwerfung unter die nicht zu den Hopi passende Tradition des Westens, die sich ihm aufzwingt. Die Möglichkeit, dass ein junger Mensch aus beiden Traditionen Erkenntnisse gewinnt und nicht "ein Hopi", sondern ganz einfach nur "er selber" sein will, wird von Feyerabend zu keinem Zeitpunkt erwogen, sondern ist vielmehr in dem von ihm vertretenen Verständnis von "Menschsein" ausgeschlossen. Wörtlich schreibt Feyerabend, schon ein Fötus sei "kein vollwertiger Mensch - das wird er erst als Teilnehmer an einer Tradition" (S. 19). Hier kann ich mich der polarisierenden Wirkung des Essays nicht entziehen: Ich stelle fest, dass ich Aussagen zur "Vollwertigkeit" eines Menschen allgemein und diese hier ganz speziell abstoßend finde.

Noch ein paar Worte zum Stil. Feyerabend betreibt exzessives Namedropping, was er sich leisten kann, da er Personen wie von Weizsäcker, Wittgenstein und Popper persönlich kannte und Theater, Mathematik, Physik und Astronomie studiert hat, um anschließend Philosoph zu werden. Fraglich ist nur, ob Studium Meisterschaft bedeutet. Feyerabend selbst schreibt auf Seite 229, dass "der Zweck einer Universitätsvorlesung darin besteht, kurze und triviale Dinge in lange und schwierige Dinge zu verwandeln". Den Nutzen seiner Studien kann er also nicht als immens empfunden haben. Wenn er dann in seinem Essay Behauptungen aufstellt, die über die genannten Bereiche hinaus Expertenwissen in Archäologie, Ethnologie, Medizin und vielen weiteren Gebieten erfordern, und anschließend auf Seite 226 feststellt, dass "nur etwa 10% [seiner] Talente entwickelt" seien, so stellt sich die Frage, ob er seine Talente nicht ein ganz kleines bisschen überschätzt und an vielen Stellen des Essays willkürliche Behauptungen aufstellt, die nur deshalb funktionieren, weil die zu ihrer Widerlegung benötigten Kenntnisse auch seiner Leserschaft fehlen.

So behauptet er auf Seite 206, der Steinzeitmensch habe "die Ozeane in Booten [durchkreuzt], die seetüchtiger waren, als moderne Schiffe von vergleichbarer Größe", und nutzt dieses Argument, um den Rationalismus zu geißeln. Da frage ich mich, woher er seine Kenntnisse über Steinzeitboote bezieht, und was ihn in die Lage versetzt, Vergleiche mit modernen Schiffen zu formulieren. Hat er sich neben den oben genannten Disziplinen auch mit prähistorischem Bootsbau beschäftigt? Oder hat er beim Frisör ein paar Zeitschriftenartikel gelesen und sich den Rest beim Brunchen mit Freunden zusammengereimt? Ich wähle das Beispiel mit den Steinzeitbooten, weil ich hier meine Zweifel deutlich formulieren kann und es in der Wikipedia verständliche Infos zum archäologischen Befund gibt (Artikel "Geschichte der Seefahrt"). Die Behauptungen zur Quantenphysik kann ich nicht nachvollziehen, eben weil mir die Kenntnisse fehlen. Aber die Zweifel bleiben.

Mit diesen Zweifeln verliert das gesamte Essay Glaubwürdigkeit, und das ist die Kehrseite des Namedropping. Wenn Feyerabend in Nebensätzen und Fußnoten über Brunelleschi, Luther, Konstantin den Großen, Heine und Bob Hope doziert, als würde er das Schaffen dieser Personen im Detail kennen und verstehen, dann ist das nur so lange beeindruckend wie man ihm abnimmt, dass dies tatsächlich zutrifft. Solche Passagen finden sich aber in solcher Häufigkeit und zu so unterschiedlichen Themen, dass der Zweifel zur Gretchenfrage mutiert: Entweder man hält Feyerabend für ein unglaubliches Genie, oder für einen unglaublichen Angeber. Wer bis hierher gelesen hat, wird sicherlich erahnen, für welche Seite ich mich nötigenfalls entscheiden würde.
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1-1 von 1 Diskussionsbeiträgen
Ersteintrag: 24.11.2015 11:00:46 GMT+01:00
So, ich bin mal über meinen Schatten gesprungen und habe Ihre Rezension als "hilfreich" bewertet, obwohl ich mich vor vielen Jahren schon deutlich für die andere Seite entschieden habe. Oder vielleicht auch: WEIL ich mich anders entschieden habe. Denn Feyerabend selbst hätte vermutlich dasselbe Knöpfchen gedrückt.
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Ort: Frankfurt am Main

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