Kundenrezension

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4.0 von 5 Sternen Wohltemperiert, 15. Dezember 2013
Von 
Rezension bezieht sich auf: Vogelweide: Roman (Gebundene Ausgabe)
Uwe Timms neuer Roman handelt von der Liebe, genauer von der Unzivilisierbarkeit des Begehrens, von der Unerklärbarkeit der Anziehungskraft, und von der Gier, die immer noch mehr will als das, was schon zur Genüge vorhanden ist.

Christian Eschenbach, erfolgreicher Inhaber einer Softwarefirma, verliebt sich, obwohl in einer harmonischen Beziehung mit der Silberschmiedin Selma, in die Kunstlehrerin Anna, die - nach eigener Einschätzung glücklich - mit dem Architekten Ewald verheiratet ist. Sein Hingezogensein zu Anna führt zunächst zu einer Freundschaft der beiden Paare, bis sich das Begehren als unbezähmbar erweist: Drei Monate lang führen Anna und Eschenbach eine heimliche Liebesbeziehung mit all den Verrücktheiten, dem Leichtsinn und der Egozentrik frisch Verliebter, bis Anna den Betrug nicht mehr aushält, der ihrem Glauben an die Ehe als Ewigkeitsinstitution widerspricht. Sie bricht aus und bringt dadurch das ganze Konstrukt der Viererfreundschaft und Paare zum Einsturz.

Zeitgleich wirken sich eine Reihe von Fehlentscheidung in Eschenbachs Firma aus und führen zum Bankrott. Jahre später, in der Einsamkeit einer Insel in der Elbmündung als Vogelwart tätig, versucht Eschenbach, sein umfassendes Scheitern zu verarbeiten. Er hat begonnen, die Protokolle von Interviews zu verarbeiten, die er im Auftrag der ziemlich boshaft porträtierten Umfrage-Päpstin Noelle-Neumann geführt hat: Es ging dabei darum, die Parameter des Begehrens zu bestimmen, um damit die Algorithmen für das Partnermatching bei einer leicht erkennbaren Partnerbörse für die gehobene Klientel zu optimieren. Die Geschichten der Interviews beschwören den unberechenbaren Zauber des wortlosen Kennenlernens, jenseits von Sprache, das beim Partnerbörsen-Dating gewinnbringend eliminiert wird. Eschenbachs Tochter, die Bankerin Sabrina mit ihrem neuen Freund dient hierbei als Folie für die neue Generation Internet. Timm reiht sich damit in die Reihen derer ein, die die Seelenlosigkeit des Internets beklagen. Dazu passt der beziehungsreiche Titel des Buches, das auf den mittelalterlichen Minnesänger Walther von der Vogelweide verweist.

Das Buch hat mich weder begeistert noch enttäuscht; ich fand es ein bisschen blutlos. Stellenweise sprachlich prätentiös, vor allem in der durchweg ungekennzeichneten wörtlichen Rede. Am überzeugendsten, fast kabaretthaft, die Zeichnung des Bildungs- und Wohlstandsbürgertums, das den Konsum kritisiert, während es den Burgunder vom persönlich bekannten Winzer konsumiert. Hübsch ironisch auch Selma, die sich auf die Anfertigung "antiker" Hopi-Armbänder spezialisiert hat und damit den Nerv spirituell bedürftiger Erfolgsmenschen trifft. Annas Ehegläubigkeit war mir zu altbacken; Noelle-Neumann zu mephistophelisch; weitere Promi-Anspielungen überflüssig; Eschenbach als ungläubiger Theologe, der Software-Millionär wird und in der knappen Freizeit Homer im Original liest, zu konstruiert; und dann wird man auch noch mit Luhmann, Derrida und Luther traktiert ...

Direkt zu Beginn des Romans wird Annas Besuch auf der Insel nach 6 Jahren Kontaktstille angekündigt; kurz vor dem Ende kommt sie an. Dazwischen rollt Eschenbach in Rückblenden seine/ihre Geschichte auf. Ich habe ihrem Treffen mit nicht mehr als mildem Interesse entgegen gesehen. "Vogelweide" bietet ein wohltemperiertes Leseerlebnis - der ganze Diskurs zum so zentralmenschlichen, lebenserschütternden Thema Begehren blieb für mich jedoch akademisch und erreichte nicht das Gefühl.
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Von 1 Kunden verfolgt

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1-1 von 1 Diskussionsbeiträgen
Ersteintrag: 15.01.2014 10:59:29 GMT+01:00
Jana Yara meint:
"blutlos", das trifft es und so empfinde ich den Roman auch, ich hatte das Wort "blutleer" im Kopf. Diese Rezension deckt sich genau mit meiner Einschätzung, ich hätte es nicht besser formulieren können, nur würde ich vermutlich nur drei Sterne vergeben. Ja, die Ehegläubigkeit von Anna, eine Kunstlehrerin Mitte 40, ist für mich auch nicht nachvollziehbar, die Sequenz mit der "Norne" wirkt willkürlich und aufgesetzt, der Beruf des Protagonisten unglaubhaft und schwammig, er kann seine Arbeit ja nicht einmal anderen erklären. Hier wird viel über das Begehren nachgedacht, aber es bleibt akademisch-theoretisch, selbst das Begehren zwischen Anna und Eschenbach kommt meiner Ansicht nach nicht rüber, ich finde das Buch ziemlich unsinnlich - und etwas zu wohltemperiert, lauwarm. Es hat mich nicht gepackt, aber auch nicht wirklich gelangweilt, am Ende klappte ich es zu und dachte "und nun?".
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