Kundenrezension

2 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
1.0 von 5 Sternen Feuchtgebiete ..., 19. Januar 2014
Rezension bezieht sich auf: In einer Person (Gebundene Ausgabe)
… und Pennäler-Phantasien und Altherren-Träume liefert uns Irvings neuester Roman. Sonst nichts. Und schon gar kein Manifest für Toleranz. Sondern das Gegenteil. Und das in einem durchaus emphatischen Sinne.

"In einer Person" (amerik. Orig. 2012) ist Irvings schlechtester Roman seit Jahrzehnten. (Welcher war sein letzter schlechter Roman? Ich weiß es nicht!) Gemessen an Irvings zahlreichen Meisterwerken ("Garp", "Gottes Werk und Teufels Beitrag", "Owen Meany", "Witwe für ein Jahr" etc.) muss man sogar feststellen, dass der vorliegende Roman kein "richtiger Irving" ist. Dafür fehlt es an nahezu allem, was Irvings Erzählkunst ausmacht; vor allem aber fehlt es an Irvings lakonischer Humanität!

Mehr noch, dieser Roman ist kein Roman; er ist das Bekenntnis eines reichlich verkrampften Gutmenschen. Aus jeder Zeile trieft und tropft, dampft und qualmt es: "Seht her, ich mag die Homosexuellen!" In einer Aufdringlichkeit, die für Witz, Ironie und tiefere Bedeutung keinen Raum mehr lässt. Irvings Gutmenschen-Attitüde verdrängt in diesem Roman alles Romanhafte. Es ist kein Zufall, dass dem Schriftsteller gerade hier erhebliche Kompositionsfehler unterlaufen sind. Das betrifft vor allem Alters- und Zeitangaben. Klar, wer glaubt, etwas Wichtiges zu sagen zu haben, der ignoriert marginale Stilfragen.

Selbst, wenn man über derlei formale Defizite hinwegschauen mag, ist der Mangel an (literarischer) Reflexion erschreckend, denn Irvings distanzlose Sympathie für Homosexuelle mutiert dialektisch in ihr problematisches Gegenteil. Hätte Irving, der mit deutscher Kultur außerordentlich gut vertraut ist, ein wenig kritische Theorie gelesen, dann wüsste er, das eine bestimmte Form des Philosemitismus nichts anderes als Antisemitismus, dass eine bestimmte Form der Toleranz nichts anderes als Intoleranz ist!

Hinter dem homosexuellen Ich-Erzähler William (Billy) verbirgt sich dieses Mal ein Autor, der sich moralisch-literarisch dazu durchringen will oder muss, die Homosexualität seines eigenen Sohnes zu akzeptieren. So lauthals, so drastisch, so ungefragt, dass man ihm kein Wort glauben mag. An dieser fehlenden Glaubwürdigkeit krankt der ganze Roman. Er soll ein Zeugnis der Toleranz sein. Und ist doch genau das Gegenteil.

Menschen, die ständig vor sich hertragen müssen, dass sie nie Kinder haben oder nie Karriere machen wollten, verweisen ex negativo auf ihr existentielles Problem. Und das gilt ganz offenkundig auch für den weltberühmten Schriftsteller und die Homosexualität. Die zum Teil sehr drastischen Schilderungen konfirmieren diesen Eindruck; sie sind anbiedernde (und prüde!) Heuchelei.

Hinter vorauseilender Überbietung derer, denen man sich zugesellen will, verbirgt seit alters her sich Angst und Abscheu. Das hat Irving leider nicht begriffen. Und schreibt sich völlig vergebens die Finger wund. Am Ende bleibt der Eindruck, dass hier einer ein verzweifeltes Problem mit der Homosexualität hat. Und dieser Eindruck ist übermächtig.

Nie waren die Zitate aus Rezensionen auf dem Buchrücken weniger angebracht als in diesem Falle. Denn dieser Roman ist kein "grandioses Plädoyer für die Freiheit zu werden, wer man sein will" (Bernd Graff, Süddeutsche Zeitung), sondern eine großangelegte, 700-seitige Entschuldigung für einen Lebensentwurf, der keiner Entschuldigung bedarf. Das hat Irving auf fundamentale Art und Weise nicht verstanden. Und so wundert es auch nicht, dass "In einer Person" keine Entwicklung beinhaltet, nicht von der Stelle kommt, während Irving-Romane sonst so viel Ereignisdichte aufweisen, dass man am Ende nicht mehr weiß, wie das Ganze begonnen hat oder begonnen haben könnte.

Was also soll man sagen? Irving muss man an Irving messen. Und deshalb gibt für diesen Roman genau einen Punkt.
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Kommentare


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1-7 von 7 Diskussionsbeiträgen
Ersteintrag: 07.09.2014 00:41:50 GMT+02:00
Henning meint:
Schade, dass Sie sich am Ende einer so trefflichen Analyse zu dem Unfug von der statistischen und biologisch fehlerhaften Dispoition hinreissen ließen. So recht man Ihnen vorher geben mag, dass Irving schlicht unglaubwürdig ist, so sehr setzen Sie sich damit dem Verdacht aus, selber nicht ganz frei von ähnlichen Abwehrmechanismen zu sein. Schade, wie gesagt.

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 07.09.2014 12:30:29 GMT+02:00
Sommerwind meint:
Hallo Henning,

das wäre aber ein krasses Missverständnis meiner Ausführungen, das durch meinen Text zuvor eigentlauch auch nicht beglaubigt wird. Ich bin keineswegs der Meinung, dass es sich hier um eine problematische Disposition handelt (im Übrigen ist das noch immer die Ansicht der psychoanalytisch orientierten Psychotherapie). Was ich an Irvings Roman kritisieren wollte, ist das Missverhältnis zwischen überlaut inszenierter Toleranz und mentaler Spießigkeit - offenkundig ist die Lebenswirklichkeit des 21. Jahrhundert an diesem großen Schriftsteller dann doch vorbeigegangen.

Ihre Anmerkung aufgreifend, habe ich den Rezensionstext aber leicht modifiziert.

Beste Grüße

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 07.09.2014 22:06:43 GMT+02:00
Zuletzt vom Autor geändert am 08.09.2014 19:38:50 GMT+02:00
Henning meint:
Danke für die Antwort. Die Psychoanalyse hat sich tatsächlich nicht immer rühmlich in dieser Beziehung verhalten. Mit Freuds Lehre von der sexuellen Objektwahl hat das allerdings nichts zu tuen, überhaupt kann er am wenigsten dafür. Mittlerweile hat zumindest für die Ärztlichen Therapeuten gleich welcher Schule seit Jahren ein Kammerbeschluss Klarheit geschaffen: Homosexualität ist nicht krank, eine Behandung im Sinne sexueller Umorientierung ist nicht vertretbar. Das ist sachgerecht und arbeitserleichternd. Verantwortungbewusste Therapeuten haben es sich ohnehin von je verkniffen, an den Geschmacksfragen ihrer Patienten herumzumanipulieren.

Ihre Rezension halte ich in der jetzigen Form für die hilfreichste des Profuktes. Das heutige Amerika des als-ob hat Irving eingeholt. Und hierrin hat sich Pappa Freud geirrt. Es gibt diese Anekdote, dass Freud und Carl Gustav Jung in New York anlangen. Die höchst interessierte Menge, die sie am Kai erwartet, tost, als käme Lady Gaga.
Jung, der Idealist: Sie jubeln uns zu.
Daraufhin der realistische Freud: Natürlich, sie wissen ja nicht, dass wir unsere Pest in ihr Land schleppen.

Die Hysterie im American Way of Live hat sich gegen nicht nur diese Pest der Selbsterkenntniss als resistent erwiesen. Am Ende ist auch Irving ein Produkt gesellschaftlicher Realität. Er gibt hier krampfhaft den lieben Daddy. Am Ende darf nichts an der happy beloving Family rütteln. Schade mal wieder um das Land von Faulkner, Hemmingway, Glass, Woody Allen und Gershwin. Aber wahrscheinlich sind sie uns nur einen Halbschritt vorraus. Es gilt das erste Henningsche Gesetz der Menscheitsdynamik. Die Verblödung in einem System verhält sich analog der Entropie. Sie nimmt unaufhaltsam zu.

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 09.09.2014 20:35:57 GMT+02:00
Sommerwind meint:
Donnerwetter, lieber Henning, Sie legen die Latte aber hoch: Üblicherweise haben Diskussionen auf Amazon nicht dieses Niveau. Und ich stimme Ihnen natürlich völlig zu. Auch in der Beurteilung von Freud - einer der größten Prosaiker des 20. Jahrhunderts.

Hinsichtlich des bräsigen Gutmenschen-Romans von Irving indes bleibe ich ein wenig ratlos. Zwischen dem und seinen Meisterwerken ("Gottes Werk ...", "Owen Meany", "Witwe für ein Jahr" etc.) liegen schlicht Welten - an Interesse, Weisheit und realer Toleranz. Nun denn ...

Beste Grüße

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 10.09.2014 21:19:35 GMT+02:00
Zuletzt vom Autor geändert am 21.09.2014 03:04:11 GMT+02:00
Henning meint:
Kurz zu Freud. Es ist ihm ja immer wieder vorgeworfen worden, dass er so brilliant schrieb. Das ist im verkrusteten deutschen Akademismus verdächtig - eine schwachsinnige Haltung. In Frankreich käme niemand auf die Idee, Camus vorzuweffen, dass er nicht in der verquasteten Unleserlichkeit von Hegel schrieb. Was Irving betrifft, erleidet er hoffentlich nicht das Schicksal Boyles. Der hat seine brilliante Wassermusik nie wieder erreicht.

Der Kern des Gutmenschen (Ich ziehe die Bezeichnung Möchtegernmensch vor) ist entweder hohl oder voller Dinge die er unmöglich akzeptieren kann. Das führt dann zu Überreaktionen und steckt hinter so mancher Sexismusdebatte und Lichterkette. Freud hätte das Identifikation mit dem Angreifer genannt, Kriminologen kramen das Stockholmsyndrom hervor. Hennigs siebenundvieristes Axiom sagt dazu. Wir alle sind nicht so lieb und vernünftig, wie wir es uns selber täglich erzählen. Aber: was nicht sein darf, ist nicht da.

Es bleibt darüber hinaus eine Tatsache, dass die Akzeptanz von Gleichgeschlechtlichkeit in unserer Gesellschaft zwar oftmals zuende gedacht, aber nicht wirklich gefühlt ist. Die bisexuellen Wurzeln unserer Kultur (klassisches Griechenland, auch Rom) sind durch zweitausend Jahre Christentum nahezu getilgt. Es ist ein Greul, wenn das Weib beim Weibe liegt, dieses im Kern mittelasiatisch, dann alttestamentaliche Gebot haben wir für beide Geschechter nur oberflächlich überwunden. Dazu kommt der Aspekt dass jede unipolare Sexuelle Orientierung Abwehrarbeit gegen die anderseitige Rudimente leisten muss, so schwach sie im Einzelfall auch ist. Daher Schwulenwitze am Stammtisch, daher ist eine Bisexuelle, so sie in einem Lesbenfilm auftaucht entweder eine Idiotin oder das Miststück.

Irving steht also in einem Dilemma. Nicht zu vergessen, dass er auch gesundheitsmäßig gebeutelt wurde. Und was machen wir wenn es in uns uneins wird? Im Zweifelsfall ziehen wir uns auf die letzte sichere Wiese zurück. Und das ist drüben die Legende von der happy beloving Family. Eine zugegebenermaßen abscheuliche Idylle. Meine Güte, Steven Spielberg schafft es seit dreißig Jahren die allermeisten seiner nicht Popkornfilme mit diesem Quatsch zu verderben. Da ist Irvings Quote noch erträglich.

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 12.09.2014 20:27:06 GMT+02:00
Zuletzt vom Autor geändert am 13.09.2014 17:50:17 GMT+02:00
Sommerwind meint:
Jetzt wird es spannend! ;-)

Die ästhetische Qualität von Freuds Schriften ist hierzulande ja dann doch noch entdeckt worden: Der Sigmund-Freud-Preis für wissenschaftliche Prosa legt Zeugnis davon ab.

Zu Boyle: Stimmt, sein Debüt ist zugleich sein Meisterwerk. Aber vergessen Sie mir "World's End" nicht - zumindest ungeheuer unterhaltend. Und: Boyle hat sich noch nicht so in die Gutmenschen-Ecke verirrt wie Irving.

Was den Gutmenschen angeht, halte ich es (s. Rezension) immer noch mit Adorno: Eine bestimmte Form des Philosemitismus ist nichts anderes als Antisemitismus, eine bestimmte Form der Toleranz ist nichts anderes als Intoleranz: Weil darin das alte Ressentiment steckt oder - stärker mit Adorno -, die alte Rancune! Und genau dessen hat sich Irving schuldig gemacht. Und ist damit zum Salon-Liberalen verkommen.

Ist das schon das Ende? Ich glaube nicht. "Letzte Nacht in Twisted River" von 2009 lässt mich dies stark hoffen. (Allerdings: Auch Irving wird nicht jünger.)

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 21.09.2014 02:41:39 GMT+02:00
Zuletzt vom Autor geändert am 21.09.2014 03:18:29 GMT+02:00
Henning meint:
Alles nicht verkehrt. Was allerdings den Freud Preis betrifft, schön, richtig, wichtig. Aber folgenlos in der Breite. Wissenschaftliiche Literatur ist in unserer Sprache immer noch zumeist unelegant, verquastet, pfurztrocken unleserlich, und ganz stolz darauf.

Worlds End habe ich nicht vergessen. Aber wenn Wagner mit dem Tristan angefangen hätte, wäre der Rienzi jetzt immer noch gut, aber nicht das, was wir erhoffen, irgendwie. Natürlich ist Boyle immer noch witzig, unterhaltsam usw usf. Aber warum umschifft er seit Jahrzehnten konsequent ein wirklich grosses Thema? Warum hat man immer wieder das Gefühl, dass hier ein riesiges Talent sich an Peripherem abarbeitet?

Der gute alte Adorno,; }, und der Gutmensch... natürlich richtig, aber noch eine Spur zu kurz. Nicht nur alter Zorn. Der Gutmenschen ist nicht nur nicht ernst zu nehmen. Ihm ist nicht zu trauen. Er gehört zu jener Spezies, der man am allerwenigsten den Rücken zukehren sollte.

Und ja, Irving wird nicht jünger. Aber es ist auch nicht mehr das gleiche Amerika. Vergleichen Sie Annie Hall mit Blue Jasemin. Langweilig? Traurig!
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