Kundenrezension

29 von 31 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Conscience, 22. September 2012
Rezension bezieht sich auf: Shields (Limited Digipak Edition) (Audio CD)
Meine Erfahrung mit dieser Platte ging folgendermaßen: Sleeping Ute, der erste Track auf Shields, ist der Track, den Grizzly Bear schon vor Monaten ins Netz gestellt haben, und er machte mich wie viele andere Fans auch wirklich heiss auf die Scheibe. Weil dieses Stück mitreisst, wie es nur wenige Stücke überhaupt vermögen, und trotzdem es im Verlauf bereits in ruhigere Gefilde abgleitet, was in seinem Fall auch überaus viel Charme zu entwickeln weiss, ist es dann doch ein ziemlicher Schock gewesen, als es mit Track zwei, Speak In Rounds, für meinen Geschmack keine adäquate Fortsetzung fand, ergo anschliessend nicht genauso brachial weiterging, sondern stattdessen abrupt, in die bereits vom Vorgänger Veckatimest bekannte Stimmlage überwechselte - jedenfalls meinem ersten Eindruck nach.

Ich musste mich nach dieser ersten Enttäuschung schon ziemlich zwingen, Shields als Ganzes anzuhören und kapitulierte denn auch vor dieser Aufgabe zunächst erst einmal vollends. In diesem Moment also konnten mir die Nuancen, die diese Platte faktisch zuhauf besitzt, einfach noch nicht auffallen. Erst beim zweiten, dritten Hören, bei dem ich Sleeping Ute wohlweislich geskippt habe, ist mir die Grundstimmung auf Shields schliesslich gewahr geworden, die ich inzwischen am ehesten mit positiv bzw. schlicht neutral umschreiben möchte. Die Scheibe lässt einen, auf diese Art betrachtet, tatsächlich jede Chance, mit ihr warm zu werden, völlig egal welche Stimmung man augenblicklich gerade besitzt, wenn man mal von überspannter Erwartungshaltung absieht. Das halte ich schon für ein Merkmal von Klasse und ich bin dahingehend nun auch voll des Eifers, Shields entsprechend würdigen zu wollen.

Speak In Rounds ist in Wirklichkeit eine sehr nach vorne gehende Nummer, ziemlich schnell, herrlich überdreht, und dennoch klingt auch sie, wie schon ihr Vorgänger Sleeping Ute, in tranceartiger Weise aus, in dem Fall mit dem Stück Adelma. Dieser abermalig ruhige Kontrapunkt erbringt es, dass die bis dahin aufgebaute Spannung als Ganzes aufrechterhalten wird und erreicht hierdurch für meine Begriffe das höchstmöglich Leistbare. Dieser Abfluss in Ruhe ist, obwohl man von Sleeping Ute her gesehen leichterdings meint, ein einfaches Muster darin wiederzuerkennen, überaus wirkungsvoll, dass man sich bloß wundern kann ob dieses Vermögens, den Hörer derart behutsam, aber eben ausserordentlich gekonnt, in die Platte hineinzuführen. Ja, wie konnte ich am Anfang nur so ignorant sein...

Yet Again, die nächste Nummer, ist mir inzwischen sowas von zusagend, dass ich mich glatt schämen muss, nicht gleich ihren Zauber gespürt zu haben. Sie ist absolut treibend, mitnehmend, catchy, zwingend ins Ohr gehend, und mit dieser hymnenhaften Art des Vortrags gesegnet, dass es eine Wonne ist. Auffallend ist hier auch der Sound, der überdies für die ganze Produktion zu sprechen weiss: irgendwie kommt die Musik aus dem Hintergrund, von ganz weit her, was reichlich geheimnisvoll ist. Man meint, weit weg vom Geschehen zu sein und verspürt mithin eine ungemeine Lust, den Volumenregler zu betätigen, was für sich genommen doch immer ein gutes Zeichen darstellt!

The Hunt ist das erste ausnahmslos ruhige, nicht als Interlude fungierende Stück. Es ist geradezu eine reine Entrückung und liefert somit auch genau dies, nämlich eine Kontemplation, eine vollkommene Harmonie, weiss dabei aber dennoch mit feinstem Musicianship zu begeistern. Absolut meisterhaft. Durch die Offenheit Stimmungen gegenüber, die Grizzly Bear mittlerweile tatsächlich auszeichnet, glaube ich sagen zu können, dass es mit Sicherheit ein sehr nachhaltig wirkendes Album ist, was sie mit Shields hier vorlegen. Nahezu jedermann kann sich in ihm wiederfinden. Es gibt nichts in ihm, was wirklich abschreckt. Wie gesagt, die Stimmung ist proper, die Songs allesamt von Können gezeichnet, daher möchte ich es jedem nahelegen, der eine besondere Erfahrung sucht. Ed Droste und Daniel Rossen sind jedenfalls schlichtweg begnadet, auch wenn man das durchaus schon vorher wusste, aber das Konzept dieser Band ruht meines Erachtens inzwischen auf einem solchen Felsen von Zuversicht, was die eigenen Möglichkeiten angeht, dass man darüber schon mal überschwengliche Worte finden darf.

A Simple Answer ist ein, dem ersten Anschein nach, konventionelles Stück. Das Piano und die Gitarren erschaffen eine einstweilen roh wirkende Struktur, über die dann der Gesang sein wehmütiges, nur schwer vermittelbares Etwas setzt. Er wirkt gerade in diesem Song wie die reine Form von Klage. Und es ist eine tiefe Hingabe zu spüren, doch weiss sie immer das richtige Maß zu treffen, um nicht womöglich aufgesetzt oder gar dominant zu wirken. Dieser Gesang, das kann man hier sehr schön betrachten, ist es, der das bei Grizzly Bear über alles hinausragende Element darstellt. So war es im Übrigen auch schon auf der Silent Hour/ Golden Mile EP zu bestaunen und zu bewundern. Das macht es einfach aus bei dieser Musik. Und ist man erst einmal völlig drin in diesem Kosmos, ist bei jedem einzelnen Song immer ausreichend genug davon vorhanden, um einen total zufriedenzustellen.

Whats Wrong ist auch wieder so ein reiner Fluss, eine Traumskizze, dass ich kaum Worte dafür finde. Es gleitet einfach so dahin, man ist völlig losgelöst. Mit Sicherheit ist dies hier kein Füller, sondern eher schon die Essenz. Völlig frei schwebend ohne Druck, dabei jedoch vereinnahmend ohnegleichen. Einfach herrlich.

Gun-shy lässt Sehnsüchte hochkommen. Das Wort laidback beschreibt dieses Lied vielleicht noch am optimalsten, und trotzdem, da ist eine unmittelbar berührende Note drin vorhanden, die keinen kalt lassen wird. I dont wanna say it all again.

Half Gate, das vorletzte Stück auf Shields, bringt noch einmal alles zusammen. Eine Spannung, die, bisweilen gedrosselt, trotzdem keine Möglichkeit des sich Entziehens lässt. Hier offenbaren Grizzly Bear, dass sie wahre Meister ihres Faches sind. Man muss diesen untergründig sägenden Strom, der sich in Half Gate wie aus dem Nichts immer weiter aufbaut, einfach gehört haben, um es begreifen zu können. Das Stück ist mit einer regelrechten Fülle an lieblichen Zutaten gespickt und wird mit dermaßen vielen subtilen Kniffen ausstaffiert, ja, regelrecht angereichert, dass man nur staunen kann. Dabei erschafft dieses Stück aber eben beides: eine Ausgangslage, heil, unzerstört, und einen Sog hinein in den Kampf. Doch über allem thronen auch hier wieder die bestechenden Lyrics, die nahezu jedes Stück auszeichnenden, in besänftigender Weise vorgetragenen, alles krönenden Vocals.

Zum Abschluss tischen Grizzly Bear uns dann den größten Leckerbissen auf. Ein himmlisches Epos. Sun In Your Eyes. Ein Stück, das einen ein Leben lang begleiten wird. Ein fürwahr grandioses Finale.

Drei Jahre sind bei einer Weltklasseband, wie es Grizzly Bear nun einmal sind, die einzig angemessene Reifezeit gewesen. Dass dabei nichts anderes als ein Meisterwerk herauskommen konnte, durfte somit bereits vorab als gesichert gelten. Das Fazit fällt inzwischen auch ganz einhellig aus. Wir haben es hier mit einem Geniestreich zu tun. Und dabei war es wirklich ambitioniert, was sie hier wollten. Es sollte Musik für Menschen entstehen, die es ihnen ermöglicht, sich in ihr total wiederzuerkennen, Musik, die es durch Spiegelung des Dramas, das jedweder Existenz ohne Frage innewohnt, ermöglicht, Erfahrungen zu sammeln, um daraus tatsächlich gestärkt hervorzugehen. Grizzly Bear haben dabei einfach alles richtig gemacht. Ihre Stimmung ist ein Angebot, kein Befehl, sie oktroyieren nicht, sie laden ein. Mit ihnen schaffen wir eigene Erinnerung. Ihre Musik lässt uns teilnehmen am Leben, sie gemahnt daran, dass aus ihr, wie bei der Sonne in unseren Augen, alles hervor ging und immerzu, zum Glück, hervor geht und gehen wird.
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