Kundenrezension

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Das Stendhal-Syndrom, 25. September 2008
Von 
Rezension bezieht sich auf: Die florentinische Krankheit (Gebundene Ausgabe)
Die Florentinische Krankheit

"Ich befand mich in einer Art Ekstase bei dem Gedanken, in Florenz und den Gräbern so vieler Großen so nahe zu sein. Ich war in Bewunderung der erhabenen Schönheit versunken; ich sah sie aus nächster Nähe und berührte sie fast. Meine Erregung war an dem Punkt angelangt, wo sich die himmlischen Gefühle, die uns die Kunst einflößt, mit den menschlichen Leidenschaften vereinen. Als ich Santa Croce verließ, hatte ich starkes Herzklopfen; in Berlin nennt man das einen Nervenanfall; ich war bis zum äußersten erschöpft und fürchtete umzufallen."

Mit diesen lebendigen Worten beschrieb der französische Schriftsteller Stendhal (1783-1842) in seinem Buch "Rom, Neapel und Florenz" seine Gefühle und körperlichen Reaktionen als er 1817 Florenz besuchte. Beschrieben wurde die beschriebene Malaise allerdings erst 1979 durch die italienische Psychiaterin Graziella Magherini vom Santa Maria Nuova Hospital, die sie zu Ehren ihres berühmtesten Opfers als "Stendhal-Syndrom" titulierte.

Willi Achten (1958-) wählte wohlüberlegt dieses Phänomen einer "florentinischen Krankheit", die nur da sich zeigt, wo die Fülle an Schönheit erdrückt, überwältigt und sich selbst ihrer Einzigartigkeit beraubt. Sie zeigt sich dort, wo Kunst aus den wolkennahen Gipfeln ins heitere Tal des Lebens sanft gezerrt zu keiner Symbiose fähig ist, weil Leben wohnend nur im Auge, zu keinem Leben fähig ist. Achtens Poesie verbindet so Schönheit und Liebe.

Gerber, ein Neurologe und Schlafforscher weiß um seinen Kummer ob seiner Sophia, die er unerklärlich verloren hat, die er in Florenz zu finden hofft, die seinen Kummer beenden könnte. Einen Kummer, den er ans Licht der Schönheit zerrt, damit er sich selbst zerstört, nicht sie beide. Ein Kummer, der "im Licht hofiert werden muss, um sich in uns aufzuzerren".

Sophia schrieb an einer Dissertation über die Renaissancemalerei, über den Beginn mit Masaccio. Gerber ist während seines florentinischen Therapieaufenthalts im Santa Maria Nuova Hospital gedanklich bei Sophia, immer lesend in den Tagebüchern, in den Texten des Dissertationsmanuskriptes, um "das Lauschen auf das Ticken seiner Seele neu zu erlernen". Sie, Sophia, ist nicht da und er ist besessen. Und suchend, irrend suchend, schlaflos in Florenz. "Wer zurück bleibt, unterwirft sich den Recherchen eines zerronnenen Lebens". Diese Suche erweitert den Plot um kriminalistische Elemente, um Morde und Schlaflose, um spannende Erotik und traumumspülten begehrlichen Sex, angefangen mit der erotischen Malerei, umspielt mit den antiken Phantasien von Bacchus, Orpheus u. a. hin zur höchsten Ästhetisierung der Kunst in Verbindung bis zur Tötung. Tod und Schönheit als Kunstform und Alptraum, wie von Platens Tristan bezeugt, wie Willi Achten hier in der Übertragung des Manierismus in die Kriminalistik darstellt.

Und immer wieder die Liebe, Kunst und die Schönheit, als Erinnerung oder als Vollzug in der sinnlichen, wie in der obszönen Art, Traum oder Realität, erinnernd an Georges Batailles obszönes Werk, Schnitzlers Traumnovelle, Oscar Wildes Teleny oder Petronius' Satyricon. In einer Sprache, die eine Lyrik der Bilder ist, die den Rhythmus der Stadt, der Lust, der Begierden und Gegenwart aufnimmt. Die das Schöne im tief Abgründigen erst huldigt, die das gehofft Einzigartige der Schönheit in den Prozess der Vergänglichkeit zeitigt, der Zeit und Beziehung verbindet in der gespürten Veränderung. Eine Sprache, die Liebe als eine Blume zeigt, die am Abgrund nur zu pflücken ist. "Ich suchte dich und habe mich gefunden", so Grillparzers Sappho, die sich wie Gerber mit sich selbst versöhnen möchte. "Vissi d'arte, vissi d'amore" gilt als Botschaft Sophias (Tosca)

Willi Achten hat mit der Integration von Kunst, Neurologie, Medizin, Geographie und Geschichte wohlüberlegt und mehrschichtig Ebenen eines gut recherchierten, nuancierten Romans entworfen. Den Leser unterstützt er mit den erhofften Erklärungen. Damit wird sein erster großer Roman zu einer Story, die fesselt und bildet; die in wissenschaftlichen Anreicherungen mit gut beratener Kenntnis brilliert. Seine Beschreibungen von Wüste und Menschen, von Sonne und Sand, Stadt und Kunst, von Haut, Haar und Lippen, von transportablen Erinnerungen und Cortisol abhängigem Vergessen, von körperlicher Nähe im Lichte der Natur und von halluzinierten Kopfwanderungen sind wie eine poetische Reise. Eine Reise "als eine Art Selbstbegegnung". Strahlend klare Bilder begleiten den Leser in seiner erzeugten Phantasie. Literatur wird hier zu einem Wechselspiel, der Leser verfeinert und bereichert freudigen Herzens das Gelesene mit selbst Erfahrenem, mit eigener Phantasie.

Doch eine Stendhal Erkenntnis zur gefährlichen Kunst bleibt: "Man darf nicht alles auf einmal haben wollen, und es wäre ein Mangel an Geist, sich darüber zu ärgern." (Über die Liebe, II, Ein Tag in Florenz.) So lässt sich das "psycho-ästhetische Paniksystem" beherrschen. Will man also den körperlichen Symptomen einer florentinischen kulturellen Reizüberflutung, dem Stendhal-Syndrom als Krankheit entgehen, gibt es nur zwei Wege: Abreisen oder die Poesie. Willi Achten hat die prosaische Poesie gewählt. Diese öffnet dieses Buch als sehr persönlich, es ist wie "eine Nacht, die es zu durchschwimmen gilt, bis das Licht vor dem Fenster steht". Es entlarvt den Glauben "dass Sex heilt, was das Herz schon trennt" als irr.

Eine wahrlich gute Empfehlung. Wie die Reise nach Florenz selbst. ~

PS
Dieses ist die Rezension von dem am 19.09.2008 erschienenen Buch. Die Florentinische Krankheit
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1-2 von 2 Diskussionsbeiträgen
Ersteintrag: 30.09.2008 19:13:52 GMT+02:00
Zuletzt vom Autor geändert am 30.09.2008 21:06:31 GMT+02:00
kpoac meint:
Hinweis:
Dieses Buch: Die Florentinische Krankheit, Ausgabe 09/2008 ist bereits erhältlich. Eine erste Autorenlesung hat bereits mit Erfolg am 24.09.2008 stattgefunden.

Veröffentlicht am 01.10.2008 09:38:12 GMT+02:00
Zuletzt vom Autor geändert am 02.10.2008 18:35:26 GMT+02:00
Heike G. meint:
Wunderbare Rez lieber kpoac, dieses Buch ist auf meiner Geburtstagswunschliste gelandet.
Danke für die Empfehlung!! :-)
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