Kundenrezension

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5.0 von 5 Sternen Richtungweisender Meilenstein der Beethoven-Interpretation, 11. April 2006
Rezension bezieht sich auf: Sämtliche Klaviersonaten (Audio CD)
Größe liegt bekanntlich darin, eine Richtung zu weisen. Wenn heute die Aufnahmen von Friedrich Gulda heiß begehrt sind wegen ihres auf drängender Rhythmik und motorischem Elan basierenden Ausdrucks, dann muss man konstatieren, dass Artur Schnabel bereits in der vorliegenden Aufnahme aus den Dreißigern genau diese Kriterien erfüllt hat. Er hat den Pianisten die Richtung in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts gezeigt.
Wenn sich ein Pianist den Strapazen aussetzt, alle 32 Klaviersonaten Beethovens einzuspielen oder sogar zyklisch aufzuführen, dann gilt unser Respekt einerseits der Bewältigung der rein pianistischen Herausforderungen, denn unter Beethovens Sonaten befinden sich einige an der Grenze zum Unspielbaren! Melodienseliges Schwelgen und schroffste Dynamikkontraste, graziöses Perlen und die mächtige Pranke müssen dem Beethoven-Spieler zu Gebote stehen. Aber auch die geistige Auseinandersetzung mit einem über 25 Jahre hinweg geschaffenen Sonatenkosmos gelingt zufriedenstellend nur den größten Pianisten. Eine analoge Anforderung wird allerdings auch an die Hörer gestellt, denn kein Pianist kann allen Aspekten von Beethovens Sonaten gleichermaßen gerecht werden. Der Hörer, der sich Beethovens Sonaten in Gänze erobern will, muss sich also der Mühe unterziehen, viele Aufnahmen zu studieren und zu vergleichen, um den Werken möglichst nahe zu kommen. Darin liegt der Sinn der vielen Gesamtausgaben Beethovenscher Klaviersonaten. Einen wichtigen, ja richtungweisenden Beitrag zum Beethovenverständnis der letzten 100 Jahre lieferte Artur Schnabel. Er war wohl der erste auf Schallplatte dokumentierte Pianist, der Beethoven vom weihevollen Hohepriesterkult befreite, mit dem das 19. Jahrhundert ihn sah. Er ERKANNTE nicht nur den jugendlichen Feuerkopf in Beethovens Frühwerk, sondern ERSPIELTE ihn auch (man höre die Sonate op. 10 Nr. 1). Er ist bis heute einer der wenigen, der Beethovens für unspielbar gehaltene Tempoangaben in der späten Hammerklaviersonate nicht als unspielbar abtat und vernachlässigte, sondern sie mit unbändigem Ausdruckswillen und phänomenaler Technik verwirklichte. Dieser unbedingte Ausdruckswille kann verstörend wirken, geht manchmal sogar über Schnabels beachtliche technische Möglichkeiten hinaus, aber niemals lassen seine Interpretationen kalt, sie eröffnen uns immer wieder neue Aspekte. Als eines unter vielen möglichen Beispielen will ich die sog. Mondscheinsonate herausgreifen. Jeder kennt die gleichmäßige Triolenbewegung der linken Hand und die melancholische cis-Moll-Melodie der Rechten im ersten Satz, das menuetthaft hübsche Thema des zweiten und das dramatische Presto agitato des dritten Satzes. Alles scheinbar wohlbekannt, auch schon etwas abgenutzt, nichts Besonderes also!??! Man muss erst Schnabel hören, um zu erkennen, dass der erste Satz ein cis-Moll-Mysterium darstellt, und wenn man es schon bildhaft beschreiben muss, eher einen nächtlichen Gang über einen Friedhof als eine romantisch-melancholische Mondnacht. Der zweite Satz ist nur ein kurzes Aufatmen in das hinein Schnabel soviel von der ängstlichen Stimmung des ersten Satzes nachklingen lässt, dass Beethovens Bezeichnung "quasi una fantasia" verständlich wird. Dann der dritte Satz: Die aus dem Dunkel heraufrasenden Sechzehntel müssen piano genommen werden, die aufgebaute Spannung entlädt sich erst in einem mächtigen Sforzato-Schlag. Keiner verwirklicht Beethovens Vorschriften hier so genau wie Schnabel und keiner kommt seinem Ausdruck in dieser Sonate auch nur nahe.
Es ist mir völlig unverständlich, dass manche Rezensenten angesichts dieser Leistung ausschließlich die Tonqualität als Bewertungskriterium heranziehen, um diese Aufnahme abzuurteilen, ohne auch nur ein Wort auf die musikalische Gestaltung zu verwenden. Die Aufnahmen entstanden zwischen 1932 und 1935. Klangtechnische Wunder darf man da natürlich nicht erwarten. Aber Beethovens Sonatenwelt erschließt sich niemals durch klangtechnische Makellosigkeit, sondern durch geistige Auseinandersetzung: der großen Interpreten mit den Werken einerseits und der Hörer mit den großen Interpretationen andererseits.
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