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6 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Portrait aus dem 19. Jahrhundert: Ein Leben in der Provinz, 22. Juli 2008
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Rezension bezieht sich auf: Middlemarch (Taschenbuch)
"Denn wenn die Welt immer besser wird, so ist das zum Teil auf Taten ohne historischen Rang zurückzuführen; und dass es um den Leser und mich nicht so schlecht steht, wie es sein könnte, das verdanken wir zur Hälfte den Menschen, die voll gläubigen Vertrauens ein Leben im Verborgenen geführt haben und in Gräbern ruhen, die kein Mensch kennt." (Schlusswort Middlemarch, George Eliot.)

Die fiktive Kleinstadt Middlemarch Anfang des 19. Jahrhunderts ist der Tummelplatz der bald vertrauten Gestalten, mit denen George Eliot eine ganz eigene kleine Welt ausgestattet hat. Aufregende Zeiten werfen ihre Schatten voraus und lassen sogar diesen ländlichen Ort nicht unberührt. Sozialer Fortschritt und wichtige politische Reformen sind gewichtige Themen, wie auch die schwierige Selbstfindung der Frauen, die in einer von Männern dominierten Welt einen eigenen Weg suchen. George Eliot, die ihren Roman um 1872 vollendet hat, blickt zurück und fängt die Stimmung eines ungewohnten Aufbruchs der Gesellschaft ein. Manche ihrer Helden schießen freilich über das Ziel hinaus und überfordern die ehrenhaften Bürgern mit ungewohnten Ideen und Reformen. Andere müssen ernüchtert feststellen, dass ihre Ziele von der Zeit eingeholt werden.

Da ist die zauberhafte und sehr idealistisch eingestellte Dorothea Brooke, die in ihr Leben den edlen Zweck verfolgt, anderen Menschen Gutes zu tun. Anstatt gefällige Aquarelle zu malen, zeichnet sie lieber Baupläne um bessere Wohnverhältnisse zu schätzen. Leider projektiert sie ihr Idealbild in eine Schreckensvision von Mann, den sie sich zum Ehemann erwählt. Als sie ihren Fehler bemerkt, ist sie bereits die Frau des vertrockneten und fehlgeleiteten Geistlichen Casaubon. Dies ist auch ein besonderes Kümmernis für dessen Vetter, Will Ladislaw, der Dorothea wie eine Heilige verehrt. Casaubon reagiert sehr eifersüchtig auf das besondere Interesse seines Verwandten und entwirft eine grausame Klausel in seinem Testament, welches seine Witwe für immer von Will trennen soll.
Ein Neuzugang in Middlemarch ist der junge Arzt Lydgate, der Dorothea als Frau ziemlich suspekt vorkommt. Er möchte die medizinischen Zustände seiner neuen Heimat reformieren und wählt ausgerechnet den heuchlerischen und verschlagenen Bankier Bulstrode aus finanziellen Unterstützer. Leider reagiert seine Umwelt nicht ganz so positiv auf Veränderungen.
Ganz angetan von Lydgate ist Rosamond Vichy, die anerkannte Stadtschönheit. Schließlich kann der Mediziner einige angesehene Adligen zu seinen Verwandten zählen. So sieht Rosamond in einer Ehe mit ihm eine Möglichkeit des gesellschaftlichen Aufstiegs.
Auch ihr Bruder Fred möchte aus dem Mittelklassenleben ausbrechen und wählt eine Ausbildung als Geistlicher, die ihm allerdings wenig Freude macht. Aber da ist ja noch die Aussicht auf ein Erbe. Einzig getrübt werden seine Aussichten durch die Bedenken seiner sehr verehrten Mary Garth, die seinen leichtsinnigen Lebenswandel kritisiert und ihm klar macht, dass sie ihn nur dann heiraten wird, wenn er sich bessern sollte. Und dazu besteht nur wenig Hoffnung.
Dann kommt noch der alkoholkranke und verschlagene Raffle nach Middlemarch, der ein düsteres Geheimnis des mächtigen Bulstrode aufdecken möchte. Tatsächlich führt dieser Plan zu einer ungewöhnlich heftigen gesellschaftlichen Erschütterung in dem kleinbürgerlichen Middlemarch.

Der kurze Abriss, der keinesfalls mit einer ausführlichen Beschreibung des vielfältigen Romanwerkes verwechselt werden darf, zeigt die inhaltliche Fülle des Gesamtwerkes. Der Roman ist insgesamt in acht Bücher aufgeteilt und wird von einem Vorspiel und einem Finale umrahmt. Jedes Kapitel wird von einem bekannten oder selbsterdachten Zitat eingeleitet. Die Autorin mischt sich aktiv in das Geschehen ein, erklärt leicht ironisch mögliche Absichten der einzelnen Figuren. Sie vermerkt einen Tadel, falls angebracht, entschuldigt jedoch auch gerne allzu menschliche Schwächen. Am Schluss liebt man sie einfach alle: die gefühlsstarke Dorothea, den leidenschaftlichen Will, die treue Celia, den umsichtigen Sir James, den vornehmen Mr. Brooke, den stocksteifen Mr. Causabon, den leichtsinnigen Fred, die schöne Rosamond, den ehrgeizigen Lydgate, die netten Garths, die Außenseiter Bustrode usw.
Und man freut sich auf ein baldiges Wiedersehen mit Middlemarch.
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1-6 von 6 Diskussionsbeiträgen
Ersteintrag: 23.07.2008 11:34:55 GMT+02:00
Woodstock meint:
Liebe Tanja, diese Rezension zum Buch ist eine geradezu perfekte Ergänzung zur Verfilmung. Besser kann man diesen überaus komplexen Roman nicht zusammenfassen und wer Deine Rezension gelesen hat, kann den Film (fast) ohne weitere Kenntnis des Buches anschauen. Andererseits, wer nach dieser gustomachenden Rezension keine Lust bekommen hat das Buch trotzdem zu lesen, lässt sich echt was entgehen;-).
LG Heidi

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 23.07.2008 14:03:24 GMT+02:00
Liebe Heidi,

vielen Dank für die Blumen :-).

Bin froh, dass ich Deinen Rat beherzigt habe und mich zuerst an die Lektüre des Buches gemacht habe. Obwohl der Roman ja ziemlich gehaltvoll ist, liest er sich einfach wunderbar und man fiebert mit allen Beteiligten so richtig mit.

Jetzt bin ich richtig gespannt auf die DVD. Habe allerdings den Verdacht, dass Rosamond nicht ganz die Schönheit ist, wie ich sie mir von der Buchbeschreibung her vorgestellt habe ;-). Aber auf die Dorothea Brooke freue ich mich besonders. Und natürlich auf Rufus alias Will Ladislav. Den fand ich nämlich in "Ritter aus Leidenschaft" und "Die Maske des Zorro" einfach umwerfend!

Viele sonnige Grüße von
Tanja

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 24.07.2008 20:30:08 GMT+02:00
Woodstock meint:
Im Film ist Dorothea für meinen Geschmack die größere Schönheit einfach weil sie weicher und sanftmütiger aussieht. Rosamond wird ausgezeichnet gespielt von Trevyn Mac Dowell. Sie ist ein blondgelocktes Standard-Schönchen im Biedermeier-Outfit, aber sie hat einen egozentrischen und hinterhältigen Zug um den Mund, der sie mir irgendwie von Anfang an unsympathisch machte. Rufus Sewell und sein Ladislav kommen in der Verfilmung entschieden zu kurz... Aber sieh selbst! Und ich warte so lange schon ganz furchtbar neugierig auf Dein hoch geschätztes Urteil und Deine Rezension.
Sonnige Grüße zurück
Heidi

Veröffentlicht am 16.04.2013 13:47:15 GMT+02:00
Warum lese ich in Rezensionen fremdsprachiger, ins Deutsche übersetzter Literatur so gut wie nie etwas über die QUALITÄT DER ÜBERSETZUNG? Es ist doch so eminent wichtig für die Rezeption eines Werkes, das man nicht im Original liest. Und von Middlemarch gibt es mindestens drei, wenn nicht mehr Übersetzungen : über die keine der bei Amazon erschienenen Rezensionen auch nur 1 erhellend charakterisierendes Wort verliert! Das finde ich ungut - und unverständlich. Denn was es mit dem Werk und der Autorin auf sich hat, kann ich in jedem Lexikon nachschlagen. In welchem Stil, in welcher Qualität aber die Übersetzung gelungen oder mißlungen ist : das kann ich nur aus Rezensionen erfahren.

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 21.04.2013 17:07:32 GMT+02:00
Zuletzt vom Autor geändert am 21.04.2013 17:08:57 GMT+02:00
Hallo Wolfgang Schlüter,

in gewisser Weise kann ich Ihren Frust nachvollziehen, denn die Qualität der Übersetzung ist tatsächlich der ausschlaggebende Punkt für den wahren Genuss der Lektüre.
Allerdings stehe ich hier als Leser vor einem gewissen Dilemma: sofern ich bisher nur eine Ausgabe eines Werkes gelesen habe und mir zudem das Original nicht bekannt ist, wie will ich da eine fundierte Aussage zur Qualität der Übersetzung machen?
Sofern ich jedoch Vergleichsmöglichkeiten habe und auch nutze, weise ich gerne auf die Qualität bzw. auf die mindere Qualität einer Übersetzung hin. Auch wenn in einer Ausgabe geschlampt wurde und Sätze unvollständig oder falsch sind, mache ich oft einen Vermerk. So liebe ich bestimmte Übersetzungen von Jane Austen (z.B. Kloster Northanger: Roman), die übrigens auch im Reclam-Verlag erschienen sind! Auch bei Dickens habe ich schon verschiedene Übersetzungen genießen können.
Manchmal erschwert auch Amazon selbst die Orientierung: da werden Rezensionen von verschiedenen Ausgaben eines Werkes einfach zusammengeworfen und hat man mal eine Ausgabe rezensiert, ist es nicht möglich eine weitere Übersetzung zu rezensieren.
Was Middlemarch betrifft, hoffe ich, dass Sie bald eine für Sie angenehme Ausgabe finden werden. Die aus dem Reclam-Verlag habe ich sehr gerne gelesen und trotz der stolzen Seitenzahl war es ein Genuss. Ob es allerdings noch bessere Übersetzungen gibt, kann ich Ihnen nicht sagen. Falls Sie es herausfinden, wäre ich dankbar, wenn Sie mir einen Hinweis geben würden.
LG, Tanja Heckendorn

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 24.05.2013 18:13:52 GMT+02:00
papavera meint:
Hallo Tanja Heckendorn + Wolfgang Schlüter. Ich kann die Kritik von Herrn Schlüter sehr sehr gut nachvollziehen - die Information zur Übersetzung ist für mich bei einem fremdsprachigen Klassiker auch das, wonach ich meist am dringlichten suche. (an der Qualität des Klassikers zweifle ich nicht so sehr, denk mir, der hätte die Jahre sonst nicht überlebt). Die Leistung von Amazon dazu finde ich mehr als arm - das Zusammenwerfen der Kritiken + Nichtkennzeichnen der Ausgaben am Rezensionstext hilft dem Interessierten überhaupt nicht weiter. Der Übersetzter ist (wie hier bei der Reclam-Ausgabe, es ist übrigens Rainer Zerbst) ja oft nicht einmal genannt! Aber selbst im weiteren Internet ist es schwer, Informationen zu finden: selbst Perlentaucher z.B. verzeichnet keinen einzigen Eintrag zu George Eliot - obwohl dort die Rezensionen von FAZ, SZ, Zeit, FR, NZZ und taz ausgewertet werden. Soll ich daraus schließen, dass das deutsche Feuilleton so weit über den Tellerrand schaut, dass so ein Buch dort in den letzten Jahren keinmal erwähnt wurde? Vielleicht ist es am besten, die Klassiker zu dem Zeitpunkt zu lesen, wenn es hochgelobte Neu-Übersetzungen gibt (nur dass die dann so teuer sind!) In der russsichen Literatur hatten wir ja z.B. mit Anna Karenina etc. Glück in den letzten Jahren... Obwohl mich manche Modernisierungen in Neuübersetzungen auch stören, ich finde es schön, wenn sie sich ein bisschen altertümlich-poetisch anfühlen. Was denken Sie dazu? Würde mich sehr interessieren, wie sich dieser Thread hier weiterentwickelt...
LG
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