Kundenrezension

91 von 110 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Armes, falsch verstandenes Buch!, 3. Oktober 2011
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Feuchtgebiete (Taschenbuch)
Ich habe mich lange geweigert dieses Buch zu lesen, da alle möglichen Bekannten und Freund_innen ungeheuerlich empört darüber waren, dass das Buch so unvorstellbar eklig sei. Es sei Schund, es hätte keine Handlung, es sei schlecht geschrieben, sinnlos, wär nur auf Provokation aus und vor allem würde es Kotzkrämpfe auslösen.
Als ich es dann doch gelesen habe, um mich selbst zu überzeugen, dachte ich nur eins: Armes Buch! Dieses arme, falsch verstandene bzw. eben nicht verstandene Buch!
Ich frage mich wie es so viele Leute geschafft haben über das Wesentliche hinweg zu lesen.
Natürlich ist das Buch eklig, natürlich habe auch ich ein paar Mal das Gesicht verzogen, aber ich hatte in keiner Sekunde das Gefühl, dass das Buch ausschließlich provozieren möchte...
Es möchte u.a den Begriff des Ekels hinterfragen.
Warum ist etwas eklig? Ist dieser Ekel natürlich oder anerzogen? Was ist ekliger daran Sperma auf Pizza zu essen oder unter den Fingernägeln zu sammeln als es beim Sex zu schlucken? Warum ist jemand, die sich gekochte Eier oder Avocadokerne in die Vagina stopft, ekliger als jemand, die dafür nur Sexspielzeug benutzt? Was ist eklig daran Vaginalsekret als Parfüm bzw. Lockstoff zu verwenden, wenn die_der angelockte Liebhaber_in beim Sex sicher kein Problem mit dem Sekret hat? Warum empören sich manche über den Fetisch, jemand Unbekanntes intim zu rasieren mehr als über einen Fußfetisch?
All das sind interessante Fragen, die das Buch aufwirft – durch künstlerische Überspitzung, die für so ein pikantes Thema notwendig war.
Die zentrale Frage dieses Buchs ist meiner Meinung nach: Warum wird die Grenze zwischen einer „normalen“ und einer „perversen“ Sexualität (vor allem bei Frauen) immer nur erweitert, wodurch das „Heilige und Hure“-Schema weiterhin bestehen bleibt, anstatt diese Kategorien gänzlich über Bord zu werfen? Warum lautet die Grenze nicht: Normaler Sex ist konsensuell, Punkt?
Das Schwerpunktthema des Romans ist der Hygienezwang.
Warum ein bestimmtes Verhalten hygienisch ist können die wenigsten noch begründen: Sie verhalten sich, wie sie erzogen wurden. Die Protagonistin Helen Memel untersucht kompromisslos, wo Hygiene überbewertet wird und wo nicht, indem sie genau das Gegenteil von dem tut, was angeblich hygienisch ist. Vor allem protestiert sie damit gegen die Erziehung ihrer Mutter.
Helen Memel ist eine Person, die ausgiebig an ihrem Körper und vor allem Unterleib rumspielt, mit Körperflüssigkeiten experimentiert, für einige Körperausscheidungen neue Wörter erfindet und neugierig ist, wo andere die Nase rümpfen.
Das stellt die Normen infrage, die sich in der heutigen Gesellschaft entwickelt haben:
Übertriebenes Schamgefühl, Angst vor Bakterien als seien sie Monster, Ekel vor den eigenen Schamhaaren als seien sie Fremdkörper, weil die Mainstream-Pornoindustrie vorgibt, wie's untenrum auszusehen hat, der dadurch entstandene Irrglaube, Frauen hätten im Rektalbereich keine Schamhaare, Körperflüssigkeiten, die generell als eklig abgetan werden, Körpergerüche, die mit chemischen Parfüms abgetötet und als lästig befunden werden und die Menstruation, die ein böser Lustkiller ist.
Analysiert man Helen Memel aus einer feministischen Perspektive, findet man eine sehr progressive Figur, die exhibitionistisch und promiskuitiv ist ohne etwas zu bereuen, die nichts auf Sexualmoral gibt und in den Puff geht, obwohl dies nur Männern vorbehalten ist, die Beziehungen nicht romantisiert (es sei denn, es geht um die verflossene Ehe ihrer Eltern), die ungehemmt sexuelle Fantasien auslebt, kein Blatt vor den Mund nimmt und deren Sexualität sich nicht auf einen Typen bezieht. Oft wird weibliche Lust in Abhängigkeit zum Mann konstruiert, wodurch es mehr um die Lust des Typen geht, das ist hier anders: Helen Memels lebt eine selbstbestimmte Sexualität ohne das Ziel männlich-heterosexuelle Fantasien zu befriedigen. Genauso orientiert sich das Buch nicht an dem männlich-heterosexuellen Blick.
Das geniale an dem Roman ist, dass er sich traut aus den alltäglichsten und „primitivsten“ Feststellungen Literatur zu machen, z. B das Problem mit produzierten Geräuschen und Gerüchen auf öffentlichen Toiletten. Wir wissen doch eigentlich alle, wie bescheuert es ist, dass uns das peinlich ist...
Das ist meines Erachtens eine wesentliche Aufgabe von Literatur: Sie soll bewusst machen.
Den Vorwurf, das Buch hätte keine Handlung kann ich nicht verstehen. Die erzählte Zeit beträgt einige Tage, die die Protagonistin im Krankenhaus verbringt, nachdem sie sich bei einer Intimrasur anal verletzt hat. Dort erlebt sie vielerlei Dinge, versucht ihre Eltern wieder zusammen zu bringen, denkt über ihre kaputte Familie nach und die Beziehung zu ihren Eltern, beobachtet die Verhaltensweisen von Krankenschwestern, verliebt sich, verwirrt mit ihrer sexuellen Offenheit die Krankenpfleger, analysiert den Heilungsprozess ihrer Wunde und spielt natürlich viel an sich rum...
Im Zentrum steht Helen Memel, ihre Persönlichkeit, ihre Gedanken, Beobachtungen und Selbstexperimente, alles weitere würde vom Wesentlichen ablenken.
Die Protagonistin macht trotz der kurzen Zeit eine Entwicklung durch, sie ist am Ende des Buches eine andere Person als am Anfang.
Zum Vorwurf, das Buch sei schlecht geschrieben: Die Sprache ist unverblümt, umgangssprachlich und plump, was zur Protagonistin passt. Das Buch ist so geschrieben, wie Helen Memel sprechen würde. Charlotte Roche selbst sagt, dass sie so schreibt wie sie spricht und vor allem für Leute schreibt, die sonst nicht so gerne lesen.
Mein Urteil: Genial, lesenswert und nicht zu Unrecht ein Bestseller!
Lies es, lieber Mensch, der gerade diese Rezension überfliegt. Sei es auch nur, weil du nichts besseres zu tun hast, gerne empört bist oder dich in deinem Bekanntenkreis mit-aufregen möchtest.
Vielleicht verstehst du versehentlich worum es wirklich geht...
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Kommentare

Von 2 Kunden verfolgt

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1-10 von 10 Diskussionsbeiträgen
Ersteintrag: 11.10.2011 23:45:35 GMT+02:00
Leo meint:
[Die meisten Kunden meinen, dass dieser Beitrag nicht zur Diskussion gehört. Beitrag dennoch anzeigen. Alle nicht nützlichen Einträge anzeigen.]

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 12.10.2011 14:40:44 GMT+02:00
Spit&Glitter meint:
Und wer bist du, dass du bestimmen kannst, welche Menschen Gesindel sind?

Veröffentlicht am 27.02.2012 22:39:06 GMT+01:00
schon fast lustig wie man die verschiedensten sachen in dieses buch hineininterpretieren kann...aber manche menschen wollen offenbar einfach zwanghaft intelligenter sein als der rest nicht wahr?

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 29.02.2012 04:08:49 GMT+01:00
Spit&Glitter meint:
Diese "verschiedenen Sachen" waren für mich einfach offensichtlich. Mit Hineininterpretieren hat das nichts zu tun.
Vielleicht wollte Frau Roche in Wirklichkeit nur eklig sein und die Medien schockieren - ist mir egal. Ich hab's so gelesen, ich kann es nur so lesen. Und so ist es genial.

Veröffentlicht am 30.08.2012 20:09:37 GMT+02:00
Meg1978 meint:
Also ich weiß nicht - was hat es mit übertriebener Hygiene zu tun, wenn ich nicht mit meinen Genitalien meist wirklich abstoßend dreckige Raststättentoiletten "putze". Schon mal was von Scheidenpilz gehört? Oder Steptokokken?? Wenn man Schambehaarung nicht mag, ist dass nicht wg. der Pornoindustrie, sondern weil ich es in der Tat ekelhaft finde (im übrigen auch bei Männern) und auf die Rasieridee schon gekommen bin, bevor ich den ersten Porno gesehen habe. Meine Scheidenflüssigkeit hat nichts hinter den Ohren zu suchen usw. usw. Mir ist nichts menschliches fremd, aber gewisse Dinge muss ich nicht sehen (Vomit-, oder Kaviar beispielsweise) oder eben auch lesen. Ich lebe in einer Welt, in der mir Körperhygiene möglich ist. Wenn tägliches Duschen und mich nicht auf fremde Toiletten zu setzen und mich regelmäßig zu rasieren zu übertriebener Hygiene gehört, dann tuts mir leid. Ich ekle mich jedenfalls vor diesem Geschreibsel. Vielleicht hat Fr. Roche ja nach der Geburt noch ihre eigene Nachgeburt probiert, damit sie wieder was zu schreiben hat *schüttel*

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 04.01.2013 14:37:49 GMT+01:00
Zuletzt vom Autor geändert am 04.01.2013 14:38:19 GMT+01:00
Anja meint:
Tja... man kann seine eigene Hygiene auch in der Mitte finden, denn tägliches Duschen ist eher schädlich für die Haut und was hat Rasieren mit Hygiene zu tun, denn Haare kann man doch waschen.
Natürlich ist manches übertrieben, was Charlotte Roche beschreibt, aber man kann es auch amüsiert betrachten, seine eigene Wahrheit in der Mitte finden und muss es schließlich nicht nachmachen :-).
Ich habe es genauso verstanden wie Paula Pierrot es in ihrer Rezension beschreibt. Die Rezension ist klasse :-)!

Veröffentlicht am 10.07.2013 10:47:16 GMT+02:00
Bitstream meint:
Schön zu sehen, dass wenigstens ein paar Menschen noch einen kritischen Verstand haben und nicht alles "ungeprüft" übernehmen, was einem die Medien wie Werbung, Porno usw., vorgeben tun und denken "zu müssen".
Das Buch hat absolut seine Daseinsberechtigung und für mich ist auch klar, dass sowas nur aus D kommen kann (Schweden würde ich sowas auch noch zutrauen). Aus den USA zB kommt ja nur ge-streamline-ter Einheitsbrei, wo jeder Satz und das Ende schon klar ist, bevor man den Deckel des Buches geöffnet hat ...
/rant end

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 02.09.2013 08:53:36 GMT+02:00
Zuletzt vom Autor geändert am 02.09.2013 08:55:14 GMT+02:00
Anja meint:
Genau, darum habe ich auch eine Rezension geschrieben:

http://www.amazon.de/review/R2YR4FHSNU6RH8/ref=cm_cr_pr_perm?ie=UTF8&ASIN=3548280404&linkCode=&nodeID=&tag=

Veröffentlicht am 15.09.2013 15:03:36 GMT+02:00
Ü40 meint:
Hallo Paula, ja du hast recht, dieses Buch wird völlig missverstanden! Endlich habe ich es jetzt auch gelesen und kann mir ein Bild machen. Ich finde es ist ein sehr offenes aber schon intimes Buch, auf alle Fälle, hat es nichts mit Pornografie zu tun. Es hat mich sehr traurig und nachdenklich gemacht, auch ich bin die Mutter eines Scheidungskindes ( auch eine Tochter ). Meine Tochter hat auch sehr unter der Scheidung gelitten und dieser Roman hat mir wieder einen kleinen Einblick gegeben, was so in einem Scheidungskind vorgeht. Auch ich habe ganz früh Vater und auch Stiefvater verloren und weiß um all diese Dinge, die in einem vorgehen vor allem als Jugendliche. Für manche mögen manche Dinge ekelig erscheinen (für mich auch), aber trotzdem waren wir nicht schon mal alle an Punkte angekommen, die andere nicht mehr nachvollziehen können? Die Autorin spricht es offen aus! Hochachtung und danke für diese Offenheit!

Veröffentlicht am 17.10.2013 11:57:12 GMT+02:00
Ein Leser meint:
Herrlich. Korrekt, ich hatte wirklich gerade nichts besseres zu tun und habe darum diese Rezension gelesen. Und mir ging es genauso: hatte lange keine Lust dieses Buch zu lesen, die mir vorgelesenen Passagen hatten wir schon gereicht. ;-) (Ich sage nur Klobrille - das verfolgt mich jedesmal, wenn ich eine öffentliche Toilette benutze.) Aber dann haben wir es "duchgezogen" und das Buch wirklich von Anfang bis Ende gelesen. Klar, es gibt wirklich diverse eklige "Highlights" (aber ich habe schon deutlich schlimmeres gelesen) und der Schreibstil ist wirklich sehr, sehr anstrengend.
Naja, wenn man es so betrachtet, dass Helen wahrscheinlich wirklich so sprechen würde, dann passt das aber. Und ja, es hat eine Handlung und die Hintergrund-Geschichte ist eine sehr traurige. Ob man daraus nun aber einen Bestseller machen sollte? Ich weiß nicht... Ich habe schon viele Bücher gelesen, die es gar nicht zu Veröffentlichung geschafft haben und deutlich tiefgründiger waren.
Auch glaube ich nicht, dass viele Leute die "tiefere Bedeutung" dieses Buches auffällt. Da ich von Frau Roche bisher noch nichst weiter gelesen habe, kann ich auch nicht beurteilen, ob sie wirklich diese "tiefere Bedeutung" von Anfang an geplant hatte oder ob das eher zufällig entstanden ist und sie zunächst einfach "mal nur" lauter eklige Szenen aufschreiben wollte - in der Hoffnung, dass das ausreicht, dass ein Verlag es veröffentlichen will, um zu provozieren und somit Frau Roche bekannt zu machen. (Denn um bekannt zu werden, schrecken ja viele vor nichts zurück.) Aber das weiß ich nicht.
Ist auch gut möglich, dass Frau Roche mittlerweile der "Meinung" ist, sie hätte diese psychsichen Hintergründe von ihrer Protagonisten Helen Memel genauso von Anfang an geplant, obwohl das evtl. aber eher zufällig entstanden ist. Wer weiß.

Fazit: Kann man lesen, muss man aber nicht. Wenn man es sich ausleihen kann: nur zu. Oder für einen Euro auf dem Krabbeltisch erstehen. Aber bitte nicht unbedingt ein Kunstwerk daraus machen.
Jetzt bin ich mal gespannt, wie der Film dazu ist. ;-)
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