Kundenrezension

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5.0 von 5 Sternen Eine verhängnisvolle Affäre für Fortgeschrittene, 31. Juli 2013
Rezension bezieht sich auf: Die Schöne des Herrn (Broschiert)
Die Liebe fällt uns an wie ein Fieber. Und so plötzlich verläßt sie uns auch wieder. Unausweichlich und unweigerlich. Vielleicht kann man sich in eine Freundschaft retten. Mit Vertrauen, Verständnis, füreinander da sein und so. Albern. Aber zumindest bisschen regelmäßigen Sex könnte man dann noch ohne großen Aufwand haben, wenn die Leidenschaft erst mal nachläßt. Nett. Letztendlich bleibt aber nur der gnadenlose Alltag, der alles zerrüttet und noch das letzte Interesse zermalmt. Liebe per se ist auf lange Zeit hinaus nicht überlebensfähig. Sie nutzt sich ab, reibt sich auf im stürmischen Vernichtungskrieg um die eine Sache. Und so muss sich das Zusammenleben zwangsläufig über die Zeit hinweg verändern, sofern man mit dem Partner zusammenbleibt. Viele mögen das nicht wahrnehmen, weil sie im Lauf der Zeit Kinder in die Welt setzen, um sich von dem eigenen Elend abzulenken. Oder andere Dinge werden vorgeschoben: So genannte (gemeinsame) Interessen, Karriereplanungen, 'Selbstverwirklichung'. Aber was bleibt denn nun übrig von der Leidenschaft, der Liebe, der kompletten Krisis, in der man sich befindet, wenn man sich frisch verliebt und Witterung der neuartigen Pheromone aufgenommen hat, die einen bedingungslos anzuziehen scheinen, die einem das Hirn durch den Fleischwolf drehen, und einen völlig auf diese eine und einzige Person einschießen lassen, die zur Angebeteten wird?

Diesen traurigen Abstieg zur Hölle beschreibt Albert Cohen meisterhaft. Tief und wahr und über weite Strecken hochgradig faszinierend. Schonungslos und bis zur Schmerzhaftigkeit und Selbstaufgabe werden alle Lächerlich- und Sinnlosigkeiten der Liebesblödigkeit und dem, was von ihr übrig bleibt, durchexerziert. Quasi Liebe in Isolationshaft. Dabei überrascht Cohen immer wieder durch die Tiefgründigkeit seiner Analysen, die nicht selten en bloc in dieses gewaltige Romanwerk eingebunden sind. In mitunter endlos scheinenden Monologen, die er seinen Haupfiguren in die Feder diktiert, werden emotional bedingte Erwartungen, Oberflächlichkeiten, anthropologisch geprägte Verhaltensmuster und sozialpsychologische Motive desavouiert. Ein faszinierendes und herausforderndes Meisterstück!

Natürlich bleibt zu bedenken, dass Albert Cohen vor dem Hintergrund einer anderen Zeit geschrieben hat. Das Werk erschien ursprünglich 1968. Die Handlung ist in den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts angesiedelt. Damals war Ehebruch noch ein ganz anderes 'Vergehen'. Heutzutage ist Fremdgehen längst Understatement. Polygamie. Polyamorie. Ja, und? Es muss schließlich gelebt werden. Nichts darf ausgelassen werden. Wäre auch schlimm, wenn man etwas verpasst bei all den Optionen und nur einem Leben. Und fast alle sind bereit. Wäre ich im Neandertal geboren, würde ich schließlich auch meinen Instinkten folgen, also was soll falsch daran sein? Zigtausend Jahre Evolution lassen sich nun mal nicht leugnen. Da ist schon eine andere Lockerheit vorhanden als noch vor 50-100 Jahren. Vor diesem Hintergrund mag Cohens Botschaft und die Art und Weise, wie sie vermittelt wird, altbacken wirken. Auch die schwüle Erotik, die sich aus einigen anstößigen Äußerungen 'von früher' ableiten läßt, und die in gewisser Weise auch titelgebend ist, wird nicht allen Lesern so zugänglich sein. Altbacken, prähistorisch, langweilig. Vielleicht. Die Problematik ist aber eine stets aktuelle, die jeder kennt, der schon mal wie blöde in jemanden verliebt/verleibt gewesen ist, und plötzlich merkt, dass der Knalleffekt nachläßt und er einer ephemeren Sache verlustig gegangen ist.

Noch dazu ist Cohens Werk grandios durchkonstruiert. Zunächst war ich z.B. verwundert ob der primär theoretisch aufgearbeiteten Verführung der 'Schönen'. Doch diese seitenlange Rede von Solal, dem Herrn, ist Dreh- und Angelpunkt der späteren Exzesse des Untergangs und den sadomasochistischen Ansätzen einer Dekonstruktion aller erster Güte. Gibt er sich zu Beginn des Buches und im Rahmen seiner schwelgerischen Rede noch als, wenngleich auch leidender, so doch allwissender Macho, so wird er sich gegen Ende hin selbst zum Opfer, das der eigenen Haut und Anschauung nicht entfliehen kann. Trotz der theoretisch-abstrakten Größe in der manipulativen Verführungsrede. Die Abwärtsspirale kann nicht durchbrochen werden, auch wenn alles erkannt wird, denn etwas anderes fehlt, und dies ist leider nicht im Rahmen ein und derselben Beziehung repetitiv einholbar: Neue, frische Gefühle der Andersartigkeit. Da mag der nackte Affe zu Beginn noch so viele Salti geschlagen haben. Ist die Verzückung erst mal dahin, läßt sich von der restlichen heißen Luft, die noch kommt, nicht mal mehr ein Ei hart kochen.

Ein beeindruckendes Werk. Nicht immer leicht zugänglich, doch wenn man sich darauf einläßt, hält es einen leidenschaftlich gefangen wie eine frische Liebe. Aber auch die 900 Seiten hat man einmal durch, und so ein Ende kann sowohl tröstlich als auch befreiend sein, man muss es nur zulassen.
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