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Kundenrezension

36 von 38 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Was kann die Hirnforschung wirklich?, 20. Februar 2013
Rezension bezieht sich auf: Neuromythologie: Eine Streitschrift gegen die Deutungsmacht der Hirnforschung: Eine Streitschrift gegen die Deutungsmacht der Hirnforschung (3., ... 2013) (X-Texte zu Kultur und Gesellschaft) (Broschiert)
Der Neuro-Boom hat inzwischen alle Bereiche erfasst. Hasler listet ohne Anspruch auf Vollständigkeit": Neuro-Philosophie und Neuro-Epistemologie, Neuro-Soziologie, Neuro-Theologie, Neuro-Ethik, Neuro-Ökonomie, Neuro-Didaktik, Neuro-Marketing, Neuro-Recht, Neuro-Kriminologie und Neuro-Forensik, Neuro-Finanzwissenschaften, Neuro-Verhaltensforschung und Neuro-Anthropologie, Neuro-Ästhetik, Neuro-Kinematographie, Neuro-Kunstgeschichte, Neuro-Musikwissenschaften, Neuro-Germanistik, Neuro-Semiotik, Neuro-Politikwissenschaften, Neuro-Architektur, Neuro-Psychoanalyse, Neuro-Ergonomie, sozialen Neurowissenschaften. Auch die Neuro-Kriegsführung sei inzwischen weltweit mit milliardenschweren Forschungsetats ausgestattet.

Einen wesentlichen Anteil an bei der Initiierung dieser Entwicklung hätte George Bush sen. gehabt. Dieser verkündete Anfang der Neunziger: Ich, George Bush, Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika, erkläre hiermit die am 1. Januar 1990 beginnende Dekade zur Dekade des Gehirns." Damit begannen auch großzügige Finanzströme in entsprechende Forschungsprogramme zu fließen. Der Siegeszug der Neurowissenschaften begann. 2005 richteten sie mit 35.000 Teilnehmern bereits den größten Wissenschaftskongress aller Zeiten aus.

Dabei ist der Umfang der tatsächlich gesicherten Erkenntnisse eher bescheiden. Selbst das 2004 von 11 führenden Neurowissenschaftlern veröffentlichte "Manifest der Hirnforschung" gab sich - zumind. Stellenweise - demütig: Nach welchen Regeln das Gehirn arbeitet; wie es die Welt so abbildet, dass unmittelbare Wahrnehmung und frühere Erfahrung miteinander verschmelzen; wie das innere Tun als "seine" Tätigkeit erlebt wird und wie es zukünftige Aktionen plant, all dies verstehen wir nach wie vor nicht einmal in Ansätzen. Mehr noch: Es ist überhaupt nicht klar, wie man dies mit den heutigen Mitteln erforschen könnte. In dieser Hinsicht befinden wir uns gewissermaßen noch auf dem Stand von Jägern und Sammlern."

Zwar gibt es mittlerweile gewisse Einsichten in das Zusammenspiel verschiedener Hirnareale, durch das kognitive Funktionen, wie etwa die optische oder akustische Wahrnehmung, das Sprachverständnis, das Gedächtnis, die Handlungsplanung oder emotionales Erleben möglich werden. Man kann die oberste Organisationsebene des Gehirns in ihrer Aufteilung nach Funktionskomplexen beschreiben. Gute Einsicht hat man inzwischen auch in Bezug auf den Aufbau von Neuronen, die Funktion von Neurotransmittern, Neuropeptiden, Neurohormonen etc., also gewissermaßen die elementaren Bauteile des Gehirns. Wie diese jedoch in ihrem Zusammenwirken die verschiedenen Hirnfunktionen konstituieren, ist nach wie vor weitgehend unerforscht.

Es sei eben nicht möglich, so der Autor, dem Gehirn bei der Arbeit zuzuschauen. Bei sensorischen oder motorischen Abläufen könne man noch handfeste Daten eruieren. Wie so etwas wie eine Empfindung oder gar Bewusstsein entstünde, könne man hingegen nicht annähernd erklären. Die bildgebenden Verfahren (funktionellen Magnetresonanz-Tomografie - fMRT) suggerieren dem Laien, dass Hirnaktivitäten in direktem Zusammenhang mit Reizen aus der Umwelt, Denk- und Gefühlsvorgängen unmittelbar einsehbar sind. Statt dessen steckt hinter den farbig aufleuchtenden Arealen eine Vielzahl statistisch-parametrischer Messdaten. Durch die Verarbeitung entsteht bereits eine zeitliche Diskrepanz zu den jeweils aktuellen kognitiven oder emotionalen Vorgängen.

Andere Aspekte kommen dazu: Die gleichen Hirnareale werden oft bei ganz unterschiedlichen Vorgängen aktiviert. Umgekehrt sind bei komplexen gefühlsmäßigen, wahrnehmungsverarbeitenden, mentalen Abläufen oft ganz verschiedene Funktionsbereiche eingebunden. Das gleiche gilt für die Neurotransmitter. Oxytocin bspw. wird im vertrauten Miteinander, bei Zärtlichkeiten und reichlich beim Orgasmus ausgeschüttet. Schon bald, nachdem Hirnforscher dies publik machten, wurde auf dem Markt "Liquid Trust"-Spray angeboten. Der Botenstoff der Liebe" sollte - bspw. auf den Arm aufgetragen - besonders bei ersten Kontakten mit potenziellen Liebschaften, Arbeitgebern oder Geschäftspartnern Wunder wirken. Bis Hirnforscher feststellten, dass das Hormon auch den Gruppenegoismus befördern und Abgrenzungsverhalten gegen Unbekannte verstärken würde.

Recht zweifelhaft erscheinen auch die Interpretation bestimmter Experimente, die auf erkenntnispsychologische und modifizierte anthropologische Einsichten abzielen. So zeigte etwa ein oft zitierter Versuch, dass die Entscheidung für die Ausführung einer Handlung im nachhinein von Versuchspersonen rationalisierend erklärt bzw. begründet wurde, obwohl sie auf die Stimulierung bestimmter Hirnareale zurückzuführen war. Dies wertet man als Indiz oder gar Beweis für den rein konstruktivistischen Charakter unseres Denkens sowie dafür, dass es keinen freien Willen geben könne.

Der Hirnforscher Wolf Singer dazu: "Die Annahme zum Beispiel, wir seien voll verantwortlich für das, was wir tun, weil wir es ja auch hätten anders machen können, ist aus neurobiologischer Perspektive nicht haltbar. Neuronale Prozesse sind deterministisch. Gibt man der nichtsprachlichen Hirnhälfte einen Befehl, führt die Person diesen aus, ohne sich der Verursachung bewusst zu werden. Fragt man dann nach dem Grund für die Aktion, erhält man eine vernünftige Begründung, die aber mit der eigentlichen Ursache nichts zu tun hat. Wir handeln und identifizieren die vermeintlichen Gründe jeweils nachträglich."

Man muss nicht lange darüber nachdenken, bis einem klar ist, dass Generalisierungen dieser Art Unsinn sind. Wenn alle Entscheidungen völlig unabhängig vom Bewusstsein fallen würden, könnte man sämtliche Entscheidungsfindungsprozesse in Wissenschaft, Wirtschaft, Politik, Gesellschaft und Alltag einstellen. Allerdings zeigt die Erfahrung, welch problematische Auswirkungen schon kleine Nachlässigkeiten in diesen Bereichen haben: eine ärztliche Fehldiagnose, ein fahrlässiges Agieren im Betriebsmanagement, eine aus Befangenheit resultierende parteiliche richterliche Entscheidung etc. Fahrlässig muss man es deshalb nennen, wenn aus solch voreilige Interpretationen einzelner Tests sofort weitreichende Konsequenzen für die Gesellschaft abgeleitet werden. Singer fährt fort: "Dieses Wissen muss Auswirkungen haben auf unser Rechtssystem, auf die Art, wie wir Kinder erziehen und wie wir mit Mitmenschen umgehen."

Auch jedes Kriterium der Wahrhaftigkeit löst sich für die Avantgarde der Hirnforschung in Luft auf: "Denn wenn Sie im Kernspintomografen sehen, wie sich im Gehirn eines halluzinierenden Menschen selbst erzeugte Erregung aufbaut, die der Mensch als Folge eines realen Ereignisses deutet, dann wird man großzügiger gegenüber den Berichten über Erlebtes. Man muss Menschen konzedieren, dass sie nach bestem Wissen und Gewissen aussagen und sich nicht gewahr sind, dass dies in den Augen von Beobachtern als illusionär oder nicht zutreffend gesehen wird."

Ein weiterer Schwerpunkt der Haslerschen Kritik: In der Psychiatrie bzw. klinischen Psychologie gibt es inzwischen einen sehr starken Trend weg von der Therapie hin zur Psychopharmakologie. Von wem diese Entwicklung massiv befördert wird, steht für den Autor außer Frage: Die Pharmakonzerne finanzieren Kongresse und Forschungsprojekte, nicht ohne alles zu tun, um Ergebnisse in gewünschter Richtung zu erhalten. Psychopharmaka können zweifelsohne segensreich eingesetzt werden, bspw. bei Psychosen, schweren Depressionen. Bei einer unkritischen Verschreibung wird Menschen mit entsprechenden Schwierigkeiten in unzähligen Fällen jedoch eine emotionale Stabilität vorgegaugelt, wo eigentlich eine Reflexion des eigenen Lebens, Einstellungsänderungen, eine Aufarbeitung der Vergangenheit oder die Bearbeitung von Beziehungskonflikten angesagt wären.

Zudem, so Hasler, hat eine Selbstdefinition des Menschen nach dem Motto "Ich bin mein Gehirn" schwerwiegende Folgen. Deutlich wird das am Bsp. der Krankheits- bzw. Krankheitsbewältigungsgeschichte des an einer schizophrenen Psychose erkrankten Mathematikers und Nobelpreisträgers John Nash. Dessen Heilungsprozess hatte gerade damit zu tun, dass er erkannte, dass er viel mehr als sein Gehirn ist und so eine innere Distanz zu seinen Wahnvorstellungen entwickelte.

I.d.T. ist dies ein ganz wesentlicher Punkt in jeder guten Therapie - das Vermögen der Selbstdistanzierung gegenüber extremen emotionalen Zuständen, bedrängenden Gedanken, destruktiven Triebwünschen. Die Entwicklung von Autonomie und Selbststeuerungskompetenz hängt wesentlich davon ab. Am schönsten hat es vielleicht Viktor Frankl, der Vater der Logotherapie auf den Punkt gebracht, wenn er von der Trotzmacht des Geistes redet". Wenngleich alles Psychische bzw. Geistige zweifellos sein neurophysiologisches Korrelat hat - der Mensch ist keine Marionette seiner Dispositionen, Prägungen oder der Biochemie seines Gehirns - zumindest solange er nicht vermeintlichen "Neuro-Experten" auf den Leim gegangen ist und fest daran glaubt.

Hasler führt im Buch weitere Beispiele für die negativen Konsequenzen eines reduktionistischen Menschenbildes an, dass den Menschen auf seine Hirnfunktionen reduzieren will und den Stellenwert des Sozialen und Kulturellen außer Betracht lässt. Hasler untermauert alle seine Einwände und schreibt sehr fundiert. Er weiß wovon er redet. Der promovierte Pharmazeut forschte 10 Jahre lang an der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich, arbeitete am Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte in Berlin und ist nun an der Berlin School of Mind and Brain der Humboldt-Universität tätig. So enthält sein Buch nicht nur Kritik, sondern vermittelt auch hoch interessante Einblicke in die tatsächliche Arbeit der Neurowissenschaftler.

Hasler ist selbst begeisterter Hirnforscher und betont, dass es eine große Zahl solide und seriös tätiger Wissenschaftler gibt, die sich nicht mit unausgegorenen Thesen und Schlagzeilen ins mediale Rampenlicht drängen. Es seien in den letzten Jahren auch durchaus viele wertvolle Erkenntnisse zutage gefördert worden, etwa in Bezug auf ein besseres Verständnis neurologischer Krankheiten und möglicher Hilfen. Inzwischen finden vermehrt neurokritische Fachtagungen statt. Es gibt das Netzwerk "Critical Neuroscience". Dies sei auch deshalb von großer Bedeutung, weil die Glaubwürdigkeit der Hirnforschung auf dem Spiel stünde. Ein weiteres jüngst erschienenes Buch zum Themenfeld: "Mythos Determinismus. Wieviel erklärt uns die Hirnforschung?" von Brigitte Falkenburg, in Physik promovierte Philosophieprofessorin an der TU Dortmund.
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1-2 von 2 Diskussionsbeiträgen
Ersteintrag: 06.11.2015 18:56:40 GMT+01:00
Jayanti meint:
Fakt ist, das dadurch ihr Gott, der den Gehirnen verstörter Männer entsprang...nicht realer wird

Veröffentlicht am 07.07.2016 13:00:20 GMT+02:00
log.o meint:
Vielen Dank für diese sehr lesenswerte Rezension. Wobei der fast naheliegende Verdacht, die Evidenz der in d. Hirnforschung bisher erzielten Erkenntnisse generell in Frage stellen zu wollen wohl nicht so gemeint sein dürfte. Irritierend insofern die Aussage: "....den Stellenwert des Sozialen und Kulturellen außer Betracht lässt." Als ob die Selbstverständlichkeit der Berücksichtigung sozio-/kultureller Einflüsse in der Interpretation von Beobachtungen im Denkorgan in Zweifel zu ziehen sei. Ganz so bescheiden dürfte die Inanspruchnahme des eigenen Betrachtungsgegenstandes auch für Hirnforscher wohl kaum ausfallen.
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