Kundenrezension

12 von 17 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen rundum gelungener gegenwartsroman, 21. Oktober 2013
Rezension bezieht sich auf: Im Stein: Roman (Gebundene Ausgabe)
ich habe mir die rezensionen auf dieser seite durchgelesen. ich lese auch gerade den roman von clemens meyer "im stein". ich habe es noch nicht ganz bis zu ende gelesen, aber nicht weil es so langweilig oder schwer lesbar wäre, sondern weil mich das buch so sehr mitnimmt, dass ich immer mal wieder absetze - und kapitel nochmal lese.

ich verstehe nicht, was man an diesem buch nicht verstehen kann. ich verstehe das nicht. normalerweise lese ich gerne schriftsteller aus dem englischsprachigen raum wie irvine welsh oder nick hornby (die ja auch manchmal unter den unschönen begriff "männerliteratur" gefasst werden), bei denen auch oft die eher krassen themen und hobbys unserer zeit im mittelpunkt stehen. und die trotzdem, mit einer feinen beobachtungsgabe ausgestattet, ein gefühl für stimmungen, menschen und die atmosphären ihrer zeit aufbringen. die erklärten vorbilder von clemens meyer, hubert fichte oder alfred döblin, habe ich nicht gelesen. aber trotz mangelnder vorbildung im meyerschen sinne, finde ich diesen roman "im stein" rundum gelungen.

montagetechnik und brüche, die herr meyer in diesem roman anwendet, sind so gekonnt und stimmungsvoll arrangiert, dass der übergang von einer beobachtung zur nächsten; von einer stimmung zur anderen, eher angenehm den lesefluss beschleunigt als dass hier tatsächlich brüche entstehen würden oder kompliziertheiten, die nicht nachvollziehbar wären. verstörend ist eher der inhalt. ich finde es kunstfeindlich und dumm, dass die rezensenten auf dieser seite sich auch noch damit rühmen, dieses buch nicht zu verstehen. anstatt sich zu überlegen, ob mit ihren lesefähigkeiten etwas nicht stimmt.

meiner meinung nach liegt das gar nicht an der form, denn montagetechnik und sprünge sind ja keinesfall ungewohnt in der weltliteratur, und meyer setzt sie äußerst sinnlich und gekonnt ein. es gibt auch immer wieder songtextzitate, so dass man beim lesen manchmal das gefühl hat, man würde an einem radio drehen. das ist sehr gut gemacht! keine frage. und es liest sich auch gut und flüssig.

es müsste eigentlich jedem auffallen, wie sehr dieses buch die sinne erfasst. und deshalb habe ich die vermutung, dass es am inhalt liegt und gar nicht an der form weshalb es als unverständlich empfunden wird. hätte meyer - wie zB irvine welsh - über mehrere heroinabhängige protagonisten geschrieben, oder über schulhofmobbing eines 11-jährigen außenseiter (wie zum beispiel nick hornby), dann hätte der leser seine distanz aufgeben können und sie gleichzeitig beibehalten.

das buch von meyer zerstört aber, im allerbesten sinne, das distanz-nähe-verhältnis des ( männlichen )lesers (aber auch der leserin, nehme ich mal an): da die prostituierten sich anders verhalten, als wir es von ihnen erwartet hätten, sind wir doch mal ehrlich, männer. wenn ich euch hier mal so ankumpeln darf:

wir haben doch alle nicht erwartet, dass prostituierte so bezaubernde menschen sind, die so wunderschöne dinge denken, die zum beispiel während ihrer arbeitsverrichtung an der männlichen lust, über die anderen mädchen nachdenken, die das auch machen. dass sie am fenster stehen und sich gedanken über den abendhimmel machen, während des analverkehrs. dass sie feierlich in ein großes hotel gerufen werden und sich vorstellen, wie sie danach noch in einer bar über den dächern der stadt eine margharita trinken werden. usw. natürlich haben wir alle nichts gegen prostituierte - aber wollten wir je wissen, wovon sie wirklich träumen, während sie diese dinge tun? haben wir uns je in ihr menschsein hineinversetzt?

ohne hier in den bereich der spekulationen abdriften zu wollen, ist es zumindest ein gesellschaftliches tabu die projektionen in frage zu stellen - und die projektion der "gegenseite" zu featuren - die während dem sex mit einer prostituierten ja quasi "gekauft" werden können.

hier werden eben nicht klischees aufbereitet, sondern geschlechternormierte rollen zwar aufgeführt, aber nicht ausschließlich ins recht der allgemeinen "geilheit" gesetzt. und vielleicht stört ja auch dieser unsexuelle blick bei gleichzeitig genauer beschreibung der sexuellen pfadrichtung den ein oder anderen leser, der meint, dieses große kunstwerk müde abwatschen zu können.

es ist ja genau gut, dass die personen nicht in ihrer sogenannten halbwelt gelassen werden. auch die in der selten erzählform des "du" (songtexthaft, es soll ja ein chor sein) gehaltene figur des vermieterkönigs arnold kraushaar hat ihre schönheit; wie er sich so durch die jahre denkt, mit allen verletztlichkeiten, der rückblende zieht, während er angeschossen auf der straße liegt, könnte er auch ein rechtsanwalt sein, der über sein leben nachdenkt - oder jeder andere.

der versuch, mensch zu bleiben (was meyer mit diesem buch laut interviewaussage intendiert hat) in einer unmenschlichen kapitalistischen welt geht uns ja schließlich alle an - und kraushaar weiß, in welcher gesellschaft er lebt, in einer gesellschaft - um es jetzt mal nicht mit meyer sondern mit brecht zu sagen - die sich in ihrer kapitalistischen verwertungslogik immer mehr der verbrecherwelt; der halbwelt annähert, während das hier im buch beschriebene milieu im gegensatz dazu versucht, "sauber" zu bleiben.

der versuch einer sauberen prostitution, die implizit in dem buch verteidigt wird, ist in zeiten von zwangsprostitution und freiern, die sich auf dem drogenstrich sex mit hiv-infizierten-mädchen ( (bei meyer heißt es "pest und cholera"; so habe ich es jedenfalls interpretiert)) "kaufen", wie man aus diesem buch erfahren kann, ein mehr als erstrebenswertes ziel. allein das erkannt zu haben, die prostitution weder zu verdammen noch sie zu lobpreisen, sondern sie in eine gesellschaftsordnung einzufügen, die aus den neuen märkten im osten und den ganzen kapitalistischen heilversprechen der nachwendezeit entstanden ist; ist schon eine große leitung.

aber bevor ich jetzt in die kerbe der literaturkritiker schlage, die ja diesem werk ausnahmslos fünf punkte gegeben hätten ( im gegensatz zu den sich arrogant etwas auf ihre leseschwäche einbildenden rezensenten hier), und noch weitere gelungenheiten des romans aufzähle; nur noch so viel:

ein guter gegenwartsroman ist ein roman, der eine gegenwart, die es so schon seit mehreren jahren gibt, zum ersten mal in all ihrer bandbreite auf eine art und weise darstellen kann, dass man sie überhaupt erst versteht und sehen kann. und fühlen kann. und hören kann. und genau das ist clemens meyer mit "im stein" gelungen.

und ich unterstelle mal, die leser hier wollen diese gegenwart nicht verstehen. und hören. und sehen. und fühlen. jedenfalls nicht in dieser eindringlichen brutalität und zärtlichkeit.
obwohl die gegenwart durchaus auch "ein herz aus plüsch" haben kann, auch wenn das jahr "2525", von dem der autor in science-fiction-manier berichtet, jetzt schon begonnen haben könnte...-

sorry, leute, nichts für ungut. und nein, ich bin nicht der autor. schade eigentlich.
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Kommentare

Von 2 Kunden verfolgt

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1-6 von 6 Diskussionsbeiträgen
Ersteintrag: 23.10.2013 20:48:03 GMT+02:00
Tilli Vanilli meint:
großartige rezension, stimme voll und ganz zu. endlich mal jemand hier, der lesen kann.

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 23.10.2013 22:21:43 GMT+02:00
Zuletzt vom Autor geändert am 23.10.2013 22:22:06 GMT+02:00
blütenstaub meint:
Da schließe ich mich gerne an . . .

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 24.10.2013 13:55:47 GMT+02:00
Dauerleser meint:
ja!

Veröffentlicht am 26.10.2013 14:05:02 GMT+02:00
Zuletzt vom Autor geändert am 26.10.2013 14:05:23 GMT+02:00
Herr CAE meint:
Och, dann schließe ich mich doch auch an. Dann sind alle vermeintlichen Clemens Meyer ja komplett!

Veröffentlicht am 28.10.2013 06:08:42 GMT+01:00
Tony Vinyl meint:
Danke für die Leidenschaft und die Querverweise auf Welsh, werde mir das Buch auf jedenfall besorgen.

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 16.12.2014 12:18:13 GMT+01:00
Volle Zustimmung. Es erschreckt mich auch wie weit sich mancher hier mit genereller Kritik aus dem Fenster lehnt, ohne auf den Gedanken zu kommen, dass er vielleicht nicht die Antennen hat, um zu empfangen. Ein Riesenspaß und Schrecken das Buch!
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