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5.0 von 5 Sternen Herta Müller - eine kritische Würdigung, 1. August 2013
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Der Fuchs war damals schon der Jäger (Taschenbuch)
Nachdem ich gestern "Der Fuchs war damals schon der Jäger" zugeklappt habe, musste ich etwas über Frau Müller nachdenken. Nach Atemschaukel: Roman, Herztier: Roman und Der Mensch ist ein großer Fasan auf der Welt: Eine Erzählung war mir die Größe bzw. das Großartige ihrer Sprache (noch) nicht und nur ansatzweise bewusst. Erst nach der Lektüre des vorliegenden Buches beginne ich eine Begeisterung für die Schriftstellerin zu entfachen, die in der gegenwärtigen deutschen Literatur ihresgleichen sucht. Ich muss gleichwohl zugeben, dass ich kein besonderer Fan der deutschen Gegenwartsliteratur bin, die Klassiker präferiere und bei manchen Erscheinungen auf dem Buchmarkt nur noch mit dem Kopf schütteln kann (insbes. was die letzten Georg-Büchner-Preise angeht). Der Einzige, der (auch völlig zurecht) auf diesem zumindest stilistisch hohen Niveau noch mitspielt, ist Grass, der aber auch - mit Verlaub - sein Zenit lange schon überschritten hat. Noch einmal: ich rede hier nicht vom epischen Niveau, sondern vom stilistischen (also das, was für mich persönlich zumindest die Qualität einer Dichtung ausmacht, denn lange Romane kann jeder schreiben...). Das vorliegende Buch ist Müllers größter Wurf!

Die Themen der Müller kreisen konzentrisch um die rumänische Diktatur. Ich werde an dieser Stelle ökonomisch sein und die Subthemen nicht wiederholen. Eines aber ist wichtig, wenn man die Müller verstehen will: ohne den "diktatorialen" Determinismus ihrer Literatur wäre möglicherweise ihre formelle Seite nicht haltbar - insofern kann ich mir ehrlich gesagt nicht vorstellen, dass Müller eine andere Thematik aufgreift und versucht, ihren Stil hierhin durchzuhalten.

Was ist nun das Besondere des Müllerschen Stils? Ich habe ein wenig nachgedacht. Mehr zwischen Tür und Angel, bin kein Literaturwissenschaftler oder Textforscher. Aber tatsächlich ist ihr (denn alles ist analysierbar) ein Talent in die Wiege gelegt worden, dass es ihr erlaubt, besondere Stilmittel, insbes. Tropen zu verwenden. Der Titel beschwörende Fuchs ist ein Symbol (nicht zuletzt ihrer Selbst, d. h. Adinas, die Protagonistin, die zufällig wie Müller Lehrerin ist), denn er wird noch "gejagt" -, wie sie. Da aber er wiederum Ausdruck ihres eigenen Gejagtseins darstellt, ist er gewissermaßen (wenn auch nur symbolisch gesprochen) ihr Jäger. Aber das Symbolhafte will ich gar nicht so genau hervorheben. Was mich reizt, ist ihre Metaphorik. Müller arbeitet, wie ich es zuletzt nur bei Djuna Barnes' Nachtgewächs: Roman (suhrkamp taschenbuch) gelesen habe, bevorzugt mit Metonymien und Synekdochen. Dadurch gelingt ihr eine gewaltige Bildersprache, die sich den Leser sicherlich partiell auch entzieht. Ich bilde mir ein, dass durch ihr Sprachspiel Metaphern zweiter Ordnung gelingen, die sich nur noch mittelbar herleiten lassen.

Ich möchte diese Technik verdeutlichen bzw. veranschaulichen. Oftmals metaphorisieren wir, wo uns die Begriffe fehlen und andere Begriffe intensional herangezogen werden müssen (Merkmale von Dingen z. B.), um den Versuch eines Verständnisses zu erzeugen. Stellen Sie sich einen Mann vor, der unter einer Depression leidet. Das Leid drückt sich bei ihm u. a. auch durch kurzweilige Schmerzen auf, die überall in seinem Körper „hervorstechen“ wie Funken (das selbst schon metaphorisch geschrieben ist). Er versucht es zu „erklären“, indem er folgendes Bild verwendet: Stelle dir vor, mein Körper ist Erde. Sie liegt da. Und du schaust genau auf ihre Fläche und siehst plötzlich, dass an einer Stelle ein Wurm aus ihr herausbricht und einen Bogen an der Oberfläche schlägt, um wieder kurz darauf in der Erde zu verschwinden. Der Wurm ist der Schmerz. Du siehst die Erde und du siehst wie immer und immer wieder Würmer ihre Bögen schlagen. Das ist das Bild (Mosaik) meiner Krankheit.
Die Müller würde nun nicht nur die Hinführung zum Mosaik unterbinden, bei ihr wäre der Mann Erde, in der Würmer hausen. Sie würde sogar weiter gehen, weil bei ihr das Bild schon da ist, also im Kopf, sodass sie nach einem anderen Wort für das Bild sucht (ein Bild des Bildes, eine Metapher zweiter Ordnung): der Mann ist ein Feld. Er ist ein Acker. Deine Augen rollen über den Acker und Würmer kriechen in ihr Weiß.

Damit hätten wir dann ein hochtropisches Bild. Der Leser würde dies nicht mehr rekonstruieren können. Nur noch der Textforscher kann dieses Metaphernsystem ermitteln und dem Leser vielleicht irgendwann zur Verfügung stellen.

Das andere Moment, das mir bei Müller auffällt, sind ihre Anthropomorphismen. Müller hat ein starkes Bedürfnis danach, die Dinge zu vermenschlichen, sodass mit ihnen der Eindruck erzeugt wird, sie würden sich menschlich verhalten. Ich nenne zwei, drei Beispiele: Die Bäume kriechen in ihr Gesicht. Das tote Lamm kichert ob ihres jammernden Hungers. Der Himmel weint und der Himmel heult. Hier steht Müller interessanterweise im diametralen Gegensatz zu Grass, der wiederum Menschen verdinglicht: er klappmessert zusammen. Ich liebe es… Ich habe ihren antropomorphistischen Stil nicht näher untersucht. Ich würde aber behaupten, dass er ihren Texten besonders dann zu Gute käme, wenn die Dinge sich Verhalten würden wie die "Diktatur" bzw. ihre Vollstrecker...

Sie sehen, dass viele dieser Stilfiguren Gang und Gebe sind, normal sind, also auch tot sind. Müller schafft es nur neue vitale Formen dieser Tropen zu entwerfen – und darin ist sie zweifelsohne eine Meisterin. Dies gilt dann freilich auch für ihre Neologismen wie Herztier -, das sind keine Metaphern im eigentlichen Sinne, sondern Begriffe mit eigener Bedeutung. Die einzige Möglichkeit sie zu verstehen ist, dass man versucht die Intensionen ihrer kombinierten Mutterwörter sinnvoll abzuleiten und in diesem neuen Begriff zusammenzuführen. Zwar wirkt der Neologismus daher metaphorisch, er will aber eine intensionale Neuorientierung in sich vereinen, anders als die Metapher, die, wenn man so sagen kann, ein Dieb ist und dem Begriff lediglich ein Merkmal stielt, ohne sich selbst als einen Begriff ausgeben zu wollen: Metaphern sind Un-Begriffe. Der Neologismus hat demnach einen echten begrifflichen Anspruch auf Berechtigung in der Sprache. (Metaphern haben dies genau so lange, wie sie die Lücken des Außerbegrifflichen versuchen zu füllen, siehe auch Urmetaphern, absolute Metaphern etc.) Jedoch verschwinden die meisten Kunstwörter wieder, vor allem solche, die nur aus Kombinationen heraus sich gebären. Echte Neologismen, d. h. echte neue Wörter wie Google bleiben wohl noch erhalten, selbst dann, wenn das Unternehmen nicht mehr existieren sollte. Die Bedeutung wäre demnach (simpel gesprochen) das Suchen in der Internet-Suchmaschine.

Zurück zu Müller. Mich wundert dieses Zitat von ihr: „Ich mag keine abstrakten Begriffe in meinen Texten. Das Wort Diktatur zum Beispiel würde ich nie schreiben.“ Das tut sie aber im vorliegenden Buch (vielleicht auch das Wort „Diktator“ benutzend) – sogar mehrmals?!
Wir wollen uns nicht daran aufhängen. Ich will auf den ersten Satz des Zitates hinaus. „Ich mag keine abstrakten Begriffe in meinen Texten.“ Ich glaube, auch das ist ein Schlüssel ihres, wenn man so sagen darf, dichterischen Erfolges. Gerade die Simplizität (fast kindlich-naive Struktur) ihrer Ausdrucksweise, ihre einfache Syntax, der Rhythmus ihrer Texte (die sie, wie sie sagt, immer wieder sich selbst auch laut vorliest und korrigiert, wenn sich etwas nicht richtig ANHÖRT), ihr Verzicht auf Fremdwörter etc. machen sie

1. unangreifbar, denn sie versteht, was sie schreibt und kann somit auch nicht von außen belangt werden. Ihr Herz findet sich nicht nur in ihrem Kopf wieder, sondern auch auf ihrer Zunge. Kritiker werfen nämlich Autoren schnell ihre Unkenntnis vor;
2. und erlauben ihr, sich sprachlich dem Unaussprechlichen zu nähern. Und das ist wichtig. Denn ein Kritiker könnte sich daran stören, dass die Schriftstellerin keine adäquate Sprache für den Terror der Diktatur findet. Weil z. B. das süße Füchslein als Symbol wie eine Verschiebung, eine Verlagerung des intimen Terrors gewertet werden könnte – wozu der Fuchs, wenn ich der bin, dem sie gewissermaßen die Füße abschneiden? Ferner könnte sich beispielhaft auch darüber gewundert werden, warum das Naiv-Sprachliche der sprachliche Spiegel zum repressiven Alltag sich anschickt zu sein, ist doch gerade hier vielleicht eine harte und krasse Ausdrucksform zu suchen. Und als Beleg hierzu könnte der Kritiker sogar einen Verweis zum vorliegenden Buch herstellen, in dem partiell der „Mann mit dem Schwanz“ und andere obszöne Stellen sogar durch die so dichterische Sprache „hervorprellen“. Hier glaube ich aber, dass das Einfache der Sprache auf der einen Seite das Ehrliche, das Wahrhaftige der Erzählerin ist, zugleich aber auch, und daher ist ihre Sprache nicht nur eine Gratwanderung sondern nur vor dem Hintergrund des Inhaltes als Form möglich, das Metaphorische und Symbolische aber Ausdruck eines Weges der Sprache aus der Überwachung sein soll, die sich selbst der Sprache bemächtigt. Die Müller entzieht sich ja gerade der Diktatur in der Sprache durch die Codierung des repressiven Geschehens. Die Metaphern werden die einzige Möglichkeit sich in einem Raum (der Sprache) FREI zu bewegen. Ihre Texte werden zu Chiffren der Freiheit. Oder auch Allegoresen des Widerstands. Das ist brillant!

Mehr gibt es auch gar nicht zu schreiben. Wenn wir Herta Müller lesen, müssen wir immer vor Augen haben, dass sie keine Dichterin aus dem Honigland ist. Sie ist vielmehr eine politische Dichterin, die mit ihrer Sprache Wege aus der Ausweglosigkeit aufzeigt, denn solange niemand unsere Sprache beherrscht, solange bewahren wir unsere Freiheit und unsere – wie Müller es aussagen würde: Würde.

Zum Schluss noch ein Zitat aus der FAZ, das – wie ich meine – Herta Müller in angemessener (wenn auch oberflächlicher) Weise würdigt:

»Wer so zu formulieren versteht, versteht nicht nur viel von Literatur, der ist wohl, wie man einst sagte: ein Dichter.«
Frankfurter Allgemeine Zeitung
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