Kundenrezension

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5.0 von 5 Sternen Grandiose Recherchearbeit, 11. Dezember 2008
Rezension bezieht sich auf: Graubart Boulevard. Roman (Gebundene Ausgabe)
Wahrscheinlich lernten sie das Skifahren auf den gleichen Hängen: der jüdische Kaufmann Richard Graubart und der Innsbrucker Hotelierssohn und Skilehrer Hans Aichinger. Der eine, Graubart, wird in der Reichspogromnacht am 9. November 1938 von einem Rollkommando der SS brutal ermordet, der andere, Aichinger, ist auf Seiten der Mörder beteiligt. Zwei österreichische Werdegänge, ein Opfer und ein Täter des Nationalsozialismus, sind der Ausgangspunkt der Recherchen von Christoph W. Bauer.
Zunächst stellt Bauer die Frage nach dem konkreten Mörder, merkt dann aber schnell, dass die Reduzierung der Familiengeschichte auf ein Ereignis und die Frage nach dem Mörder zu kurz gegriffen ist. Er wendet sich an die Nachkommen des Opfers und der Täter und dringt so immer tiefer in die Geschichte der Familie Graubart ein, von der er zunächst nicht viel mehr als das Datum der Ermordung Richards weiß.
Diese Familiengeschichte verfolgt er über mehrere Generationen, vom Großvater Selig Graubart über den Vater Simon Graubart bis zu den Brüdern Siegfried, Alfred und Richard Graubart. Sie ist eng mit der österreichischen Geschichte und der Geschichte der österreichischen Juden und des Antisemitismus verwoben. Die Schauplätze wandeln sich von Galizien über Wien nach Innsbruck. Auf diese Weise wird auch immer wieder deutlich, wie der verbreitete Antisemitismus den Boden für den Nationalsozialismus bereitete. Der Aufbau einer bürgerlichen" Existenz und die begeisterte Teilnahme am Ersten Weltkrieg nützen der Familie letztendlich nichts, als nach dem sogenannten Anschluss Österreichs die Nazis sofort und sehr schnell die jüdischen Menschen zunächst aus dem öffentlichen Leben verdrängen, ihre Geschäfte boykottieren und arisieren", sie schließlich deportieren und ermorden.
Erschreckend muss der Leser feststellen: es waren teilweise die Nachbarn, die auf einmal ihr Gesicht wandelten, die mitmachten und zu Mördern wurden. Viele sahen weg, einige halfen den Bedrängten bei der Flucht, die nur wenigen gelang.
Das Buch ist in vier Teile gegliedert. Teil 1 versetzt aus der Perspektive der Witwe Margarethe Graubart in das Innsbruck der 1930er Jahre, in dem sie mit ihrem Mann Richard lebte und nennt den Ansatzpunkt für Bauers Recherchen: die Ermordung Richard Graubarts und die Suche nach den Schuldigen. Deutlich wird auch, wie Österreich bereits vor dem Anschluss" an Nazideutschland unter Dollfuß und Schuschnigg immer mehr in den Austrofaschismus abglitt.
Teil 2 schlägt den weitausholenden Bogen der Geschichte der Familie Graubart beginnend Anfang des 19. Jahrhunderts im galizischen Schtetl Belechow, in dem 1863 Richards Vater Simon Graubart geboren wird. Von der erst seit 1867 bestehenden Möglichkeit, sich in anderen Teilen der Donaumonarchie anzusiedeln, macht Simon Gebrauch und geht zunächst nach Wien, später nach Innsbruck, wo er 1888 das Schuhgeschäft Graubart gründet, das erste Geschäft mit großem Schaufenster, in dem später verbindliche Preisangaben ausgezeichnet werden, was damals noch nicht üblich war. 1899 wird der Sohn Richard geboren.
Teil 3 behandelt die Lebensläufe der drei Brüder Siegfried, Alfred und Richard Graubart, die durch Wehrdienst, Teilnahme am Ersten Weltkrieg und Kriegsgefangenschaft, der nur Richard entgeht, geprägt sind. Es folgt eine kurze Blütezeit, sowohl geschäftlich als auch privat, die jedoch bald vom Schatten des sich auch in Österreich ausbreitenden Nationalsozialismus überdeckt werden.
Teil IV schließlich behandelt schwerpunktmäßig die Täter und den vergeblichen Versuch einer genauen Rekonstruktion der Mordnacht von 1938. Es geht auch um die teilweise dürftige Strafverfolgung, der sich viele der Schuldigen ganz entziehen konnten. Die Beteiligten, so auch Aichinger, verweisen auf die Befehlssituation und dass es Andere gewesen seien, die letztendlich die tödliche Tat ausgeführt hätten. Aichinger kann sich der Haftstrafe durch Flucht entziehen und wird später begnadigt, lebt danach zurückgezogen, andere werden schon bald wieder zu geachteten" Mitgliedern der Gesellschaft.
Am Ende steht das Eingeständnis, dass der Mord nie restlos aufgeklärt werden konnte. Von 21 Befehlsempfängern des Mordkommandos konnten 13 namentlich ausfindig gemacht werden, nur fünf wurden abgeurteilt.
Es bleibt das Ergebnis einer grandiosen Recherchearbeit, mit der Christoph Bauer das Schicksal der Familie Graubart und mit ihm vieler weiterer österreichischer Juden dem Vergessenwerden entzogen hat. Sein Buch ist aus meiner Sicht kein Roman (so wird es auf dem Umschlag auch nicht bezeichnet), keine Familiensaga wie Ralph Giordanos Bertinis, sondern eine Dokumentation seiner Nachforschungen, dargestellt zum Teil mit Mitteln des Romans. Die Handlungsfolge ist nicht chronologisch, sondern springt immer wieder zwischen den Schauplätzen und den Zeiten, kommt dabei auch immer wieder auf die Schilderung seiner Rekonstruktionsversuche zurück, in Archiven und vor allem durch Gespräche mit den noch lebenden Nachkommen. Dieser gelegentlich rasante Wechsel der Handlungsebenen lässt einen gelegentlich die Übersicht ein wenig verlieren, fast unentbehrlich ist hier der Stammbaum der Familie Graubart im Anhang und ein gegliedertes Namensverzeichnis mit kurzen Erläuterungen. Fotos von Richard Grubart und seiner Familie sowie einigen Schauplätzen (darunter des Schuhgeschäftes mit dem auf die Scheibe geschmierten Wort Jude" in Sütterlin) vermitteln ein persönliches Bild. Die Sprache Bauers ist dabei sehr nüchtern und klar, gerade dadurch werden das Unheil des Naziterrors und das Verhalten Vieler besonders deutlich.
Graubart Boulevard kann ich wirklich jedem empfehlen, der sich mit dem Schicksal der Juden in Österreich und den Mechanismen, wie totalitäre Herrschaft immer mehr das Alltagsleben erfasst, beschäftigen möchte. Das ehrende Gedenken an die Opfer, wie es zum Beispiel am 9.November vielerorts geschieht, sollte dabei auch Ansporn sein, immer wieder für Menschenrechte und Demokratie einzutreten und jedwegen Versuch, Minderheiten aus der Gesellschaft auszugrenzen, bereits im Keim zu ersticken.
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