Kundenrezension

78 von 84 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ergänzung zu, aber auch leichte Kritik an Kahnemans "Schnelles Denken, langsames Denken", 28. März 2013
Rezension bezieht sich auf: Risiko: Wie man die richtigen Entscheidungen trifft (Gebundene Ausgabe)
Mit den provozierenden Fragen "Sind Menschen dumm?" und "Warum fürchten wir, was uns höchstwahrscheinlich nicht umbringt" führt Gerd Gigerenzer seine Leser im ersten der drei Buchteile in die Psychologie des Risikos ein. Der eine oder andere mag schon mal gehört haben, daß mit 256 Menschen relativ wenig Flugpassagiere direkt durch die terroristischen Anschläge in den USA im September 2001 umgekommen sind. 1 600 Menschen seien in den auf die Anschläge folgenden Monaten zusätzlich auf amerikanischen Straßen umgekommen, weil sie entschieden hätten, die Risiken des Fliegens zu vermeiden.

Gigerenzer, der wohl lange in den USA forschte und arbeitete, sieht allenorts die Tendenz, Menschen durch (milden, aber eben immer noch) Paternalismus zu schützen und zu beeinflussen. Im zweiten Buchteil geht es ihm darum, daß wir alle risikokompetent werden und zukünftig nicht mehr auf einen wohlwollenden Vater in Form von Staat, Vorgesetzten und anderen Institutionen angewiesen sein müssen. Hierzu führt er Beispiele aus so unterschiedlichen Bereichen wie dem Glücksspiel, der Führung von Menschen, dem Fällen von Entscheidungen und das Erkennen von Krebserkrankungen durch die oft fälschlich so bezeichnete Krebsvorsorge, an.

Im letzten und weniger als ein Zehntel des Buchs umfassenden Teil macht er Vorschläge, wie es gelingen könnte, Risikokompetenz zu lehren und zu erlernen. Gesundheitskompetenz, Finanzkompetenz sowie digitale Risikokompetenz seien -wie er an einem Beispiel für seine Leser nachvollziehbar zeigt- so darstell- und vermittelbar, daß sie mit den intellektuellen Fähigkeiten von durchschnittlich begabten Viertklässlern verstanden werden könnten. Heute krankten viele (statistische) Darstellungen -auch absichtlich- daran, daß sie sogar von der überwiegenden Zahl von Hochschulabsolventen nicht richtig begriffen würden. Im folgenden will ich zwei Aspekte herausgreifen, die mich bei der Lektüre besonders angesprochen haben.

Während Luftfahrtgesellschaften sich durch eine positive Fehlerkultur auszeichneten herrsche in der Medizin weltweit eine negative Fehlerkultur vor. Luftfahrtgesellschaften wollten und würden aus jedem noch so kleinen (selbst glimpflich verlaufenen) Fehler lernen. Um die Flugzeugführer zu unterstützen seien Checklisten für alle möglichen Eventualitäten eingeführt worden. Versuche in den USA hätten gezeigt, daß Checklisten in Kliniken erheblich dazu beitragen könnten, Todesfälle und schwere Infektionen zu vermeiden. Gigerenzer zeigt auf Seite 73 eine fünf Punkte umfassende Liste aus diesen Versuchen, die in ihrer scheinbaren Trivialität ("1. sich die Hände mit Seife waschen") kaum zu übertreffen ist.

Es erschreckt mich, daß einfachste Standardisierungen, wie sie auch durch Lean-Management in der Industrie schon seit Jahrzehnten üblich sind, in Bereichen, wo es wortwörtlich um Leben und Tod geht, scheinbar noch keinen Einzug gefunden haben. Ganz nebenbei empfiehlt Gigerenzer eine einfache Frage, die man seinem Arzt stellen sollte, wenn dieser eine Therapie empfiehlt: "Frage deinen Arzt nicht, was er empfiehlt, sondern frage ihn, was er tun würde, wenn es seine Mutter, sein Bruder, sein Kind wäre."

Beim bayerischen Landeswettbewerb Jugend forscht 2012 habe ich durch einen Wettbewerbsbeitrag aus der Mathematik zum ersten Mal vom sogenannten Ziegenproblem (auch als Monty-Hall-Problem in der Literatur bekannt) gehört und trotz der engagierten Erklärungen der Schüler nicht verstanden, um was es da genau geht. Der Teilnehmer an einer Fernsehshow kann eine von drei Türen auswählen. Hinter einer Tür verbirgt sich der Hauptpreis, hinter den beiden anderen je eine Ziege (die Niete). Der Teilnehmer wählt Tür 1, der Moderator öffnet Tür 2 hinter der sich eine Ziege befindet und fragt den Teilnehmer, ob er seine Wahl (bei Tür 1 bleiben oder jetzt Tür 3 wählen) überdenken wolle.

Wie Gigerenzer nachvollziehbar erklärt, wäre es (dem Moderator keine böse Täuschungsabsicht unterstellend) vernünftig, nun Tür 3 zu wählen. Wenn Sie das nicht nachvollziehen können, befinden Sie sich in bester Gesellschaft und können eventuell nachvollziehen, was ich ursprünglich beim o.g. Landeswettbewerb nicht verstanden hatte. Nach der Lektüre von Risiko werden Sie die Lösung des Ziegenproblems Ihren Bekannten erklären können und -was der eigentliche Grund für die Erläuterung dieses Phänomens durch Gigerenzer ist- Sie werden besser verstehen, warum so viele Menschen Probleme haben, statistische Daten richtig zu interpretieren und weiterzukommunizieren. Hierauf aufbauend erläutert Gigerenzer, wie man Wahrscheinlichkeiten (z.B. bezüglich des Nutzens von Krebsvorsorgeprogrammen) so darstellt, daß die Patienten aus ihrer Sicht "vernünftige" Entscheidungen fällen können.

Was Kahnemans aktuelles Buch anbetrifft, so stimmt Gigerenzer diesem zu, daß die Art der Präsentation von Wahrscheinlichkeiten einen erheblichen Einfluß auf die anschließende Wahlentscheidung der Probanden hat. Ob aber das von Kahneman propagierte absichtsvolle langsame Denken immer richtig ist, wenn es um das Fällen von Entscheidungen in einem unsicheren Umfeld geht, stellt Gigerenzer in Frage. Er kann an Bauchentscheidungen (schnellem Denken) auch Vorteilhaftes erkennen und begründet in Risiko ausführlich, warum wir unserer Intuition manchmal mehr vertrauen sollten.
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Von 2 Kunden verfolgt

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1-6 von 6 Diskussionsbeiträgen
Ersteintrag: 30.03.2013 20:41:54 GMT+01:00
Semperbonus meint:
Insgesamt eine sehr schöne und Lust auf das Buch machende Rezension. Bis auf den letzten Absatz.
Wo kommt plötzlich der Kahneman her - und warum? Hilft das in der Entscheidung pro oder contra Buch weiter?
Aus meiner Sicht nicht. Alles vorher scheint mir spannend genug. Also eine 1, statt einer 1 mit Stern.

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 06.04.2013 15:56:15 GMT+02:00
Nachdem das Buch von Kahneman monatelang in den Bestsellerlisten zu finden war, ging ich davon aus, daß viele, die sich für Gigerenzers Buch interessieren, auch Kahnemans Buch kennen, zumal beide auf ähnliche bzw. identische Forschungen Bezug nehmen und beide einander zitieren. Gigerenzer geht konkret auf Kahnemans Vorstellung, daß es ein schnelles (intuitives) und langsames (überlegtes, anstrengendes) Denken gibt, ein. Meine Rezensionen schreibe ich gerne im Storystil (Aufmacher - Schlußpointe), weshalb die Überschrift und der letzte Absatz Kahneman erwähnen.

Obwohl Kahneman sich für überlegtes Handeln starkmacht, gesteht er zumindest bei Einstellungstests (die aufgrund von Beobachtungen und anschliessenden Analysen und Überlegungen konzipiert wurden) ein, daß diese nicht sicher zur Einstellung der „richtigen" Leute führen. Gigerenzer scheint viele Ansichten von Kahneman zu teilen, aber im Gegensatz zu diesem bekennt er sich auch deutlich zu intuitivem Handeln und arbeitet Bereiche heraus, in denen eine solche Handlungsweise von Vorteil sein kann.

Der letzte Absatz meiner Rezension stellt keine Einschränkung des vorher Geschriebenen dar. Egal was Forscher herausgefunden und darauf basierend sagen, jeder muß seine eigenen Schlüsse ziehen. Manchmal ziehen wir die richtigen Schlußfolgerungen sogar aus falschen Annahmen. Gigerenzers Buch ist ganz anders als Kahnemans Buch, es ist zum Teil eine Ergänzung, zum Teil eine Widerrede. Was mir ganz besonders gut gefällt ist die Erläuterung, wie man komplizierte statistische Zusammenhänge so darstellt, daß sie von jedem verstanden werden können und frei von manipulativen Absichten sind.

Veröffentlicht am 07.06.2013 19:10:35 GMT+02:00
Felix Richter meint:
Sehr gelungene Rezension, die mein Bauchgefühl, dass es sich hier um ein lesenswertes Buch handelt, bestätigt hat. Ich bin wirklich sehr gespannt, ob ich anschließend all die wichtigen, spontan getroffenen Entscheidungen meines Lebens wissenschaftlich rechtfertigen kann!

Veröffentlicht am 13.11.2013 11:28:22 GMT+01:00
Zuletzt vom Autor geändert am 13.11.2013 11:33:30 GMT+01:00
Die Antwort auf das "Ziegenproblem" ist ja recht simpel. Man hat am Anfang die Auswahl zwischen 3 Türen. Also ist die Wahrscheinlichkeit am Anfang den richtigen zu treffen eher gering (1/3). Viel Wahrscheinlicher ist, dass man zwei der falschen Türen öffnet (2/3). Jetzt öffnet der Moderator eines der beiden übrigen Türen und das ist eine Niete (Ziege). Nun ist die Wahrscheinlichkeit dass der Hauptgewinn in der übrigen Tür ist sehr hoch genauer gesagt (2/3). Ist eigentlich ganz logisch.

In Wikipedia ist das mit einem Tabelle sehr schön erklärt:
http://de.wikipedia.org/wiki/Ziegenproblem#Tabellarische_L.C3.B6sung

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 10.04.2014 18:55:44 GMT+02:00
Jay meint:
"Wie Gigerenzer nachvollziehbar erklärt, wäre es (dem Moderator keine böse Täuschungsabsicht unterstellend) vernünftig, nun Tür 3 zu wählen." (in Original-Rezension) Das ist Unsinn! Welche "Täuschungsabsicht" könnte der Moderator haben, denn er _fragt_ ja nur und _rät_ nicht zum Wechseln oder nicht.

Veröffentlicht am 11.04.2014 14:11:07 GMT+02:00
Zuletzt vom Autor geändert am 11.04.2014 14:12:13 GMT+02:00
Die erwähnte Einschränkung von Kahnemans "Schnelles Denken, langsames Denken" hinsichtlich der Feststellung, dass Intuition / Bauchgefühl auch manchmal zur besseren Entscheidung führen kann, kam mir auch schon in den Kopf.

Auf jeden Fall ist aber meiner Meinung nach wichtig, dass Vorurteile, Ressentiments und moderne Mythen eben auf verkürztem bzw. unterlassenem Recherchieren und Nachdenken beruhen und der Mensch leider sehr dazu neigt.

Was das Bauchgefühl, die Intuition, den "6. Sinn" angeht, muss man beim "langsamen Denken" immer skeptisch in Betracht ziehen, dass rationale Analysen auch unbekannte Faktoren übersehen können und selbst der sachlichste "neutralste" Denker trotzdem in die subjektive Falle der kognitiven Dissonanzreduktion geraten kann.

Ich habe jedenfalls großen Zweifel daran, ob wir angesichts des evolutionären Ballasts, den wir mit uns herumtragen, überhaupt als ganze Gesellschaft und als Summe der einzelnen Individuuen jemals in der Lage sein werden, alle risikobewußt und sachlich die Situationen einschätzen können werden und die richtigen Entscheidungen treffen können.

Weder die Masse, noch gewählte oder selbsternannte elitäre Führer sind davor gefeit, Fehler zu machen oder sich gar von Spezialinteressen beeinflussen zu lassen. Gerade die ökonomische Elite, die genaugenommen bedeutsamere Entscheidungen trifft als die politische, fällt Entscheidungen in der Regel aus dem einzelökonomischen Rendite-Blickwinkel und blendet dabei gerne aus bzw. nimmt stillschweigend in Kauf, dass die Allgemeinheit die Kollateralschäden tragen muss.

Drei Buch-Empfehlungen, um in dieser Richtung nach weiteren Denkansätzen zu suchen:

James Surowiecki - Die Weisheit der Vielen: Warum Gruppen klüger sind als Einzelne (2007)

Dietrich Dörner - Die Logik des Mißlingens. Strategisches Denken in komplexen Situationen. (2003)

Richard H. Thaler - Nudge: Wie man kluge Entscheidungen anstößt (2010)
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