Kundenrezension

4 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Anregend, 7. August 2013
Rezension bezieht sich auf: Achtung Ahnen, ich komme!: Praxisbuch moderne Familienforschung (Broschiert)
Die Ahnenforschung, die sich modern Familiengeschichtsforschung nennt, ist etwas anderes als die Historische Familienforschung, die sich als ein Zweig der Soziologie begreift. Den beiden Verfassern ist der Unterschied aber nicht klar, und sie möchten schon mit der Titelwahl die beiden Fliegen am liebsten mit einer Klappe schlagen. Was die Familiengeschichtsforschung betrifft, so geht ihr Versuch gründlich daneben. Spätestens auf der Seite, wo die Verfasser den Forschern raten, wegen Ahnenforschung die Pfarrämter mit Anschreiben zu behelligen (anstatt selber hinzufahren und an Ort und Stelle zu forschen), wird dem erfahrenen Familiengeschichtsforscher klar: Die Verfasser haben von der Sache keine Ahnung und haben selbst nie Familiengeschichtsforschung betrieben. Für den Zweck ist das Buch als Anleitung völlig unbrauchbar.

Die Verfasser haben schon einiges und verschiedenes geschrieben, und bei der Überlegung, womit man auch Geld verdienen können, ist man dann auf die "Familienforschung" gestoßen. Tatsächlich gibt es zwei grundsätzlich verschiedene Möglichkeiten, Familiengeschichtsforschung zu betreiben: Erstens die klassische "Ahnenforschung", die eine immer größer werdende Zahl von Vorfahren in immer entfernterer geschichtlicher Tiefe ermittelt. Oder zweitens eine Familiengeschichtsforschung, die sich auf die der Gegenwart nächsten Generationen richtet und z. B. etwa alle Nachkommen der Urgroßeltern erfaßt und ihre Biographien schreibt, also für alle Geschwister der jeweiligen Familien, ihre Ehepartner usw.. Während der klassische Ahnenforscher ein Spezialist historischen Wissens ist, aber oft schon unter seinen Verwandten auf wenig Gegenliebe und Interesse stößt, bezieht sich der "moderne" Familienforscher auf seine lebenden Verwandten und bezieht sie in seine Forschung unmittelbar ein.

Angesichts der Tatsache, daß sich bei jeder neuen lebenden Generation die Menge der Vorfahrendaten verdoppelt, die in den Archiven für sie zu erforschen wäre, haben gerade erfahrene Genealogen, siehe Gedanken zur Genealogie Ausgewählte Puplikationen und Vorträge 1982 - 2010 mit einem Geleitwort von Eckart Henning: Band 55 der Schriftenreihe der Stiftung Stoye, in den letzten zwei Jahrzehnten die Frage aufgeworfen, ob diese Art exzessiver Familiengeschichtsforschung noch Sinn hat und man sich nicht besser auf die gegenwartsnahen Generationen konzentrieren sollte und auf diese aber gründlich. So gesehen trifft das Buch von Urmersbach und Schug einen Nerv der Zeit.

Das Buch bezieht seine Quellen und Anregungen - auch hier weisen die Verfasser leider kein eigenes vollendetes Werk als Bezug aus - vor allem aus den Anleitungen zur Erforschung der Alltagsgeschichte. Wie gelangt man an die Quellen, wen befragt man, wie sammelt man, wie bringt man das in eine Datenbank des Computers, wie und wo bringt man es vielleicht zum Druck? Da ist sehr vieles brauchbar und anregend, noch dazu auf weiterführende Literatur verwiesen wird.

Die Verfasser versäumen auch nicht, die Ängste vor der Vergangenheit zu schüren. Heutzutage wollen z. B. manche Suchtberatungsstellen alle erfahrbaren Details über die Aktivitäten der Großväter eines Suchtgefährdeten in der Zeit von 1933 bis 1945 wissen. Ist der Großvater ein kleiner Nazi gewesen und die Familiengeschichte nicht genügend "bewältigt" worden (was man auch immer darunter verstehen mag), so nimmt man an, das würde zur Suchtgefährdung beitragen. Es gibt inzwischen Dissertationen und psychoanalytische Beiträge, die diesen Fragen mit der notwendigen wissenschaftlichen Ernsthaftigkeit nachgehen. Eine Untersuchung, inwieweit solche familiäre Belastung bzw. Suchtgefährdung durch Stasimitarbeiter in der Familie verstärkt wird, steht noch aus. Noch schlimmer dürfte es mit Doppeltbelasteten sein, die darüber hinaus auch noch Heimatvertriebene sind. Man muß sich angesichts dieser historischen Lasten wundern, daß es überhaupt noch gelegentlich normale Menschen gibt, die nicht der psychologischen Beratung bzw. der Mehrgenerationen-Familientherapie bedürfen. Das vorliegende moderne Buch weist darauf hin, daß auch dazu der Genealoge neuerdings seinen Beitrag leisten kann.
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Volkmar Weiss
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