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6 von 8 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ein Lehrstück "metaphysischer Kriegsführung", 25. März 2012
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Rezension bezieht sich auf: Krimkrieg: Der letzte Kreuzzug (Gebundene Ausgabe)
Bezeichnenderweise sind die bisher zum Buch des britischen Historikers und Russland-Spezialisten Orlando Figes, "Krimkrieg - Der letzte Kreuzzug", an dieser Stelle erschienenen Rezensionen so ausführlich, detailgenau und hervorragend ausgeführt, daß sich eine weitere Wortmeldung im Grunde erübrigt. Alle Rezensenten sind dabei einhellig der Auffassung des Autors Figes, daß der zu Unrecht in der Geschichtsschreibung fast vergessene, zumindest aber historiographisch zu kurz gekommene Krimkrieg (1853-56) als eines der weltpolitischen Schlüsselereignisse der zweiten Hälfte des 19. Jhrdts. zu bewerten ist.

Seither ist das Geschehen um den Krieg auf der Krim wiederholt Ausgangspunkt für hochbrisante, dramatische, weltpolitisch historische Konstellationen gewesen, einschließlich des Geschehens, das auf dem Balkan, 1914 und in den Jahren zuvor, unmittelbar zum Entstehen des psychologischen Szenarios und schließlich zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs Anlaß gegeben hat. Sogar bis auf den heutigen Tag lassen sich bestimmte Ereignisse mittelbar zurückverfolgen bis zu den Geschehnissen auf der Krim-Halbinsel im 19. Jhrdt., die im Kern als Vorläufer eines "Weltkriegs" bezeichnet werden können. Bei der Entstehung der beiden Weltkriege in der ersten Hälfte des 20. Jhrdts. hat der Krimkrieg deutlich erkennbar Pate gestanden. Orlando Figes selbst bezeichnet den Krimkrieg als letzten Kreuzzug.

Ich möchte den bisherigen Kommentaren einige Gedanken anfügen, die sich in Zusammenhang mit der spannenden und in allen Aspekten aufschlußreichen Lektüre ergeben haben.

Der sogenannte Krimkrieg war als Krieg in vielem ein Novum, das seines Gleichen immer noch sucht. Im erklärten Anlaß war dieser Krieg ein völlig überflüssiges Absurdum, ging es doch vordergründig vor allem darum festzuschreiben, welche der beiden christlichen Kirchen, die Ostkirche (Orthodoxie) mit dem ehemaligen Mittelpunkt Byzanz (bis 1453), später Moskau, oder die Westkirche der römischen Päpste (Lateiner) Anspruch darauf erheben könne, die Schlüssel zur Grabeskirche in Jerusalem und zur Geburtskirche Jesu in Bethlehem zu verwahren.

Betrieben zunächst vor allem vom russischen Zaren Nikolaus I., der, aus einer Mischung von Arroganz und Großmannssucht einerseits und krasser Verkennung der machtpolitischen Möglichkeiten Russlands andererseits, angeregt darüber hinaus durch die Schwäche des Osmanischen Reiches (das zu dieser Zeit politisch als der "kranke Mann vom Bosporus" firmierte), die günstige Gelegenheit sah, von den innenpolitischen Problemen, denen das Zarenreich gegenübergestellt war, abzulenken und außenpolitisch "Erfolge" einzufahren. Hinter der albernen Schlüsselangelegenheit steckte dabei jedoch der Anspruch, sich die Reste des Osmanischen Reiches einzuverleiben, als "Schutzmacht" für die orthodoxe Christenheit in den osmanischen Ländern, die bis nach Ägypten reichten, aufzutreten und vor allem: für Russland für alle Zeiten freie Passage vom Schwarzen Meer durch die Dardanellen ins Mittelmeer zu gewinnen. Russland hatte sich damit allen bisherigen Partnern und den übrigen europäischen Mächten gegenüber ins Abseits gestellt.

Die Türken ließen sich jedoch wider Erwarten nicht so einfach von den Russen "über den Löffel balbieren" und behaupteten, für den Schutz der orthodoxen Christen in ihren Ländern selbst sorgen zu können. Als Schutzmacht wollten sie das Zarenreich zuallerletzt anerkennen. Die zur Hilfe eilenden Briten verfolgten, unter dem Vorwand, sich der Westkirche verpflichtet zu fühlen, ihre eigenen Interessen, die zu dieser Zeit deutlich kolonial geprägt waren und für den von ihnen propagierten Freihandel vor allem in Asien fürchteten. Den Expansionsdrang der Russen suchte man unter allen Umständen zu begrenzen, was vor allem für den freien Zugang zum Mittelmeer galt. Den ebenfalls beteiligten Franzosen und ihrem Kaiser Napoleon III. wiederum ging es darum, das geschädigte Ansehen Frankreichs im Ausland zu stärken, das nach Napoleon I. sehr gelitten hatte.

Im Kern ging es bei diesem, bei all dem "metaphysisch überhöhten" und damit unfaßbaren Kriegsgeschehen, welches entbrannte und als erster fürchterlicher Stellungskrieg (wie das spätere Verdun) endete, Russland vordergründig um Religion (und weltpolitischen Einfluß). England ging es um um seine relgiösen Interessen im osmanischen Reich (und seine weltwirtschaftlichen Interessen). Frankreich ging es darum, durch seine Beteiligung am Krieg auf der Krim dem Druck seiner eigenen Katholiken nachzugeben und "Flagge zu zeigen" für die römisch-katholische Kirche (und seine außenpolitische Reputation, also seine "Öffentlichkeitsarbeit"). England und Frankreich zusammen ging es schließlich um einen Kreuzzug des (vorgeblich) kultivierten und zivilisierten Westens gegen den (vorgeblich) despotischen und unzivilisierten Osten Russlands. Eine Melange von Aktionen und Reaktionen sondergleichen also.

Der Krimkrieg stellte über all dieses hinaus auch das erste Beispiel eines Krieges dar, der stark von der Presse der beteiligten Länder und deren Öffentlichkeiten mitgeprägt wurde, was die Regierungen, die Armeeführungen, die Stäbe an der Front, und nicht zuletzt die medizinische Versorgung der beteiligten Armeen vor völlig neue Herausforderungen stellte. Die englische Krankenschwester Florence Nightingale ist nicht zu Unrecht die wohl am häufigsten genannte Persönlichkeit, wenn es um den Krimkrieg geht.

Alles zusammengenommen ist festzustellen, daß der europäische Krieg auf der Krim, der schließlich ohne erkennbare Sieger und Verlierer zu Ende ging, sich klammheimlich selbst verzehrte und schreckensvoll ausbrannte, als Kriegsgeschehen in die Weltgeschichte eingegangen ist, das sich aller Art von rationaler Begründung und Beurteilung bis auf den heutigen Tag entzieht und als Lehrstück "metaphysischer Kriegsführung" einzustufen ist. Seine Bedeutung wird dadurch in keiner Weise geschmälert, weil es sich gezeigt hat, daß Kriege in der Folge ebenfalls kaum noch einer rationalen Begründung mehr zugänglich gewesen sind. Der Krimkrieg war demnach der Phänotyp eines Krieges, wie er seither die Welt bestimmt hat. Ganz besonders trifft dies natürlich auf die latent drohenden (und teilweise ausgetragenen) kriegerischen Auseinandersetzungen zu, die heute in schneller Folge im Vorderen Orient entbrennen - und ebenso schnell in der Regel wieder verlöschen. Im Hinblick darauf, daß diese Kriege jetzt sogar unter dem Namen "Heiliger Krieg" angezettelt und propagiert werden, war der Krimkrieg am Ende doch nicht wirklich "ein letzter Kreuzzug".
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