Kundenrezension

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen "Was ist so schlimm daran, wenn man jung und schön sein will?", 26. Juni 2013
Rezension bezieht sich auf: Die Gräfin (DVD)
"Geschichte wird von Siegern geschrieben",so beginnt "Die Gräfin" und stellt damit von vorne herein klar, daß hier eine ganz persönliche Interpretation eines der faszinierendsten und geheimnisvollsten Frauengestalten der Weltgeschichte ihren Anfang nimmt.
Der dunkle Mantel des Geheimnisses, der die Gräfin Bathory umhüllt wird wohl niemals gelüftet werden.
Tatsache ist nur, daß sie lebendig eingemauert wurde.
Ein endgültiges lebenslanges Urteil nach dem furchtbaren Vorwurf hunderte von Jungfrauen auf grausamste Art getötet, in ihrem Blut gebadet zu haben, um sich damit ewige Jugend und Schönheit zu erhalten.
War dies tatsächlich in diesem Ausmaß geschehen, handelt es sich um eine politische Intrige um die mächtige Gräfin aus dem Verkehr zu ziehen? Ein ewiges Rätsel.
Gräfin Bathory wurde zum Mythos, zum Auslöser zahlloser Vampirgeschichten und Romane, zum literarischen Prototyp, ähnlich wie ein Vlad Tepes Dracul den Ur-Mythos zu "Dracula lieferte.
Zeitgleich nahmen sich jetzt auch zwei Kinofilme diesem Mythos an.
Während der Film "Bathory" ein verschlungenes, märchenhaft, opulent, verzweigtes Sittengemälde schuf, ging Julie Delphy in ihrem Film einen vollkommen entgegengesetzten Weg.
Ihr Film ist ein packendes, auf ein verstörendes Frauenporträt verdichtetes Psychodrama.
Ein glasklar, streng, auch in den Kostümen düster und prostestantisch gehaltenes, und gerade deshalb so dichtes Kammerspiel über vielschichtige Themen wie Liebe, Hörigkeit, Verzweifelung und daraus resultierende Obsessionen und tödlichen Wahnsnn.
"Die Gräfin" ist so hochspannend und atmosphärisch mitreissend inszeniert, dabei so ruhig, tiefgründig und bizarr, fast klinisch präzise, daß man nur ob der Drehbuch, Regie, Musik, Hauptdarsteller- Leistung (alles vereint in Julie Delphy) staunen kann. Wo "Bathory" sich oft auch verwirrend weit verzweigt, wird sich hier voll und ganz auf den tragischen Liebeswahn, die düstere Tragödie einer verzweifelt begehrenden Frau konzentriert.
Julie Delphy legt großen Wert darauf hier keine detaillierte Geschichtslektion uns vorzuführen sondern vertraut voll und ganz auf ihre sehr intime Sichtweise auf diesen Charakter, der für die Liebe schließlich bereit ist zu morden und in einem tödlichen Realitätsverlust verhaftet ist.
Europa zu Beginn des 17. Jahrhunderts, Gräfin Bathory schön, intelligent, unnahbar.
Doch hinter ihrer so reservierten, kühlen Erscheinung brodeln dunkle, unterdrückte Sehnsüchte, Ängste, Selbstzweifel.
Großartig wie Delphy diese fast zu einer Maske erstarrte Mimik einer Frau wiedergibt, die in jeder Situation die Contenance behält, und die doch im Laufe des Films immer mehr an Halt, an Selbstachtung verliert.
Schon von Kindheit an ,seit dem Tod ihres Vaters scheint sie das Thema um Leben, Tod, Siechtum, Sterben zu begleiten.
Hinter der Fassade die allzu menschliche Angst die Kontrolle zu verlieren, die Anmut, die Makellosigkeit, die Faszination der Macht, der Jugendlichkeit irgendwann aufgeben zu müssen.
Letzendlich unser aller Angst vor dem Verfall, dem Ende, dem Mysterium des Sterbens und Loslassens.
" Schaut meine Falten an ich habe keine Zeit mehr für oberflächliche Schwärmereien." und selbst angezogen von dem Zauber der Jugend wird sie sich in den fast zwanzig Jahre jüngeren Graf Istvan Thurzo verlieben.
Wir lieben, in der Psychoanalyse immer wieder ein Thema, nicht den Menschen sondern oft nur Projektionen.
Sehnen uns nach dem, was wir eigentlich in uns selbst vermissen und so wird diese ungleiche und zum Scheitern verurteilte Schwärmerei die Gräfin Bathory in eine suchtartige Abhängigkeit, in eine demütigende Hörigkeit führen.
Eifersucht, Angst vor Zurückweisung, Angst nicht Begehrenswert genug zu sein wird nun ihr ständiger zehrender Begleiter.
Das Warten auf den nächsten Brief, das Hadern mit der eigenen Unzulänglichkeit.
"Ich fühle mich von der Liebe wie von tausend Dolchen durchbohrt".
Während Istvan Thurzo kein Kostverächter in Sachen Weiblichkeit ist, versucht sein Vater auch politisch Bathory zu schaden, während sich die Gräfin nun wahnhaft auf den Erhalt ihrer äußeren Schönheit fixiert. Eine Illusion, der sie hinterjagt, um ihre große Liebe an sich zu binden.
Auch eine weitere groteske sadomasochistische Affäre, die die zunehmende Gefühlsverwirrung Bathorys unterstreicht, kann sie nicht von ihrer Sehnsucht nach Istvan heilen.
Julie Delphy bringt hier in einem Interview zum Film sehr schnell das Thema Macht ins Spiel.
Wenn Menschen die Macht haben und ein Allheilmittel ihrer Sorgen plötzlich in greifbarer Nähe sehen würden, wären sie zu allen Zeiten zum Töten schnell bereit.
Bathory glaubt mit Jungfrauenblut ihre Schönheit und damit die Kontrolle über den geliebten Menschen behalten zu können.
Sie hat die Macht nun auf unmenschlichste Art und Weise in blankem Egoismus Menschen für ihre Zwecke zu opfern.
Erst sind es nur ein paar Blutstropfen ihrer Magd, die sie als Gesichtswasser verwendet, am Ende wird sie eine grauenhafte Maschine, einer "eisernen Jungfrau" ähnlich, zur Verfügung haben, in der sie täglich Jungfrauen der Umgebung ausbluten läßt.
Dämonisch und schauderhaft, wie Delphy, diese erstarrte, hochaufgerichtete Frau spielt, die hier zur Geißel ihrer Untergebenen wird. Manchmal nur ein Zucken ihrer Mundwinkel, welches ihre inneren, zerstörerischen Kämpfe verrät.
In nur kurzen aber prägnanten Bildern vermittelt der Film den Horror der Situation.
Fast alles spielt sich nicht auf der Leinwand sondern in der Gedankenwelt des Zuschauers ab, und ist damit umso nachhaltiger.
Mehr als jede plakative Blutszene, läßt den Zuschauer eine einzelne scheinbar belanglose Situation das Grauen spüren.
Wenn Bathory mit ihrem Graf Thurzo am gedeckten Tisch sitzt und Fliegen durch die Luft schwärmen sagt sie leichthin:"Ein Pferd wurde in der Nähe geschlachtet. Diese Insektenplage bekommen wir jetzt so schnell nicht wieder los", und es fröstelt einen bei ihren Worten.
Das blutig, bizarre Folter- und Tötungsinstrument ist mit einer ägyptischen Totenmaske verziert.
Der Pharaonen- und Mumienkult als Sinnbild für ewiges Leben im Jenseits und Überwindung des menschlichen Verfalls.
"Die Gräfin" ist in seiner Prägnanz durchaus neben dem Psychodrama auch ein intelligentes, unheimliches Horrorstück.
Bis zum erschütternden Ende läßt uns der Fim in seiner Sogkraft nicht mehr los.
"Wenn ich längst verfault bin werden sich hunderte junger Menschen in den Armen liegen und lieben", traurig, verstörend ihre letzten wahnhaften Worte.
Fazit: Ein äußerst pointiertes und gleichzeitig hochkomplexes packendes Filmdrama über eine seelisch verletzte Frau und über.. Vergeblichkeit, könnte man sagen.
Atemberaubend gut inszeniert.
Seit ich "Passion der Beatrice" sah, gehört Julie Delphy für mich zu den überrragendsten Schauspielerinnen.
Hier zeigt sie Ihr großes Können vor und auch hinter der Kamera in einem dunklen Kinojuwel.
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1-1 von 1 Diskussionsbeiträgen
Ersteintrag: 26.06.2013 17:58:37 GMT+02:00
christine meint:
Hallo Rumburak,
herrlich, ich mag den Film auch sehr und gerade diese Szene mit den vielen Fliegen geht doch näher an die Nieren als wenn man uns die Leichen gezeigt hätte. Nur William Hurt fand ich in der Rolle etwas verschenkt, bei mir gute vier Sterne. Frau Delpy habe ich im Februar sogar richtig in Berlin gesehen (waren halt nur irrsinnig viele Fotografen und Personenschützer zwischen uns). Tolle Frau! Wenn ich mich in den nächsten zwei, drei Wochen etwas rar mache, liegt das nicht daran, dass mir Stoff für eine anregende Diskussion mit Dir fehlen würde, sondern an einer gewissen Terminhäufung. Bis dahin liebe Grüße, Christine
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