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4.0 von 5 Sternen Bis in's Letzte durchdacht, 19. Oktober 2006
Rezension bezieht sich auf: Requiem (DVD)
Regisseur Hans-Christian Schmid hat mit "Requiem" nach seiner Kiffer-Komödie "Nach fünf im Urwald", dem Adoleszenz-Drama "Crazy", dem Verschwörungsthriller "23" und der Grenz-Tragödie "Lichter" wieder mal bewiesen wie viel Potential und "kleine Größe" im Neuen Deutschen Film verborgen sein kann.

"Requiem" bebildert das auf einer wahren Begebenheit beruhende Schicksal einer jungen Frau, die Anfang der 70er Jahre in der katholischen Provinz von Priestern einer Teufelsaustreibung unterzogen wurde und schließlich an Entkräftung starb. Verkörpert wird dieses Mädchen von der Newcomerin Sandra Hüller, die vollkommen zurecht für ihre Leistung mit dem Silbernen Bären und dem Deutschen Filmpreis geehrt wurde.

Gerade in einer Zeit, in der der neue Papst erst jüngst durch ein Ausbildungsdekret für Exorzisten die 'professionelle Dämonenaustreibung' legitimierte und in der sich die Kulturen religiös refundamentalisieren, kommt ein Film wie "Requiem" genau richtig. Gerade auch weil er schnelle Antworten und Polarisierungen zu vermeiden und in Zeiten einer immer aggressiver werdenden Diskussion über Sinn und Unsinn von Fanatismus und Religion einen dezenteren Dialog anzustimmen versucht.

Aus diesem Grund vermeidet Schmid jede Form von Schuldzuweisung oder Erklärung: Michaelas streng-katholisches Elternhaus, dass von einer gnadenlos restriktiven Mutter angeführt wird, verliert durch ihren liebevoll-besorgten Vater enorm an Gewicht, so dass sich auch die Beschneidung ihrer Freiheit nicht als griffiges Argument für ihr "Abdriften" erweist. Auch die Geistlichen entpuppen sich entgegen der Erwartung, dass es sich hierbei um verbitterte Fanatiker handelt, als einigermaßen aufgeklärt. Nicht umsonst rät der Heimpfarrer Michaela lieber einen Psychiater aufzusuchen. Als ebenso ungültig lässt sich die Auffassung tragen, dass das bayrische und damit extrem katholisch-geprägte Millieu die Ursache dafür trägt, dass Michaela dem Wahn verfällt. Schmid lässt die Schauspieler in Hochdeutsch sprechen und stellt Michaelas Heimatort niemals als bayerisch heraus.

Im Grunde scheint es, als sei es ein unentwirrbarer Komplex an gesellschaftlichen, sozialen und zwischenmenschlichen Ursachen, der die existenzielle Krise seiner Protagonistin bewirkt. Indes vermeidet Schmid jedoch Erklärungen. Die unentwirrbare Komplexität der Usachen schafft ein greifbar authentisches Gefühl für die Rat- und Hilflosigkeit der Betroffenen und öffnet dem Zuschauer die Möglichkeit den vollkommen irrationalen Bezug zu Dämonen zu begreifen ohne die dafür Verantwortlichen zu verurteilen.

Schmid hält mit dem Geschehen, aber auch mit seiner Heldin, immerzu äußerste Distanz und vermittelt somit jene Unnahbarkeit, der Michaela auch sich selbst gegenüber ausgesetzt ist. Zugleich variiert er gekonnt die Themen, die er in anderer Form bereits in seinen Vorgänger-Filmen potraitierte. "Requiem" schwankt denn zwischen Adoleszenz-Drama, Liebesfilm, Generationenkonflikt (gerade auch der Konflikt zwischen studentischen 68er-Idealen und elterlich-provinzieller Nachkriegsmentalität spielt hier eine gewichtige Rolle), Glaubens- und Gottanalyse, Charakterstudie und 70er-Jahre-Potrait.

Gleichzeitig ist er, wie seine Heldin, in jeder Minute melancholisch und unentschlossen. Wirklich nah kommt Schmid seiner Heldin eigentlich nur in den beinahe hypnotischen Party- und Tanzszenen. Da tobt sich die ständig um Ruhe bemühte Michaela aus und mit ihr bekommt der Film plötzlich einen unerlässlichen Fixpunkt, der jedoch in die gleiche Fragwürdigkeit abdriftet, mit der wir sie am Ende aus der Perspektive ihres Partners wahrnehmen. Ohnehin scheint Schmid niemals irgendwo ankommen zu wollen. Oftmals sehen wir Michaela nur ihren alltäglichen Ritualen nachgehen, wenn sie wieder unerwartet von "äußeren Kräften" bzw. ihrer "Krankheit" heimgesucht wird. Der ganze Film scheint um eine Mitte zu kreisen, die ihm (und damit seiner Protagonistin) niemals gewährt wird. Vielleicht ist ja gerade das die erstaunlichste und interessanteste Leistung von Schmid: Dass in der Ruhelosigkeit des Fanatismus keine Alltäglichkeit mehr zu finden ist und kein Gleichgewicht mehr geschaffen werden kann. Wobei kein Aspekt, der aus dem Gros der Ursachen weggenommen wird, bewirkt, dass ein Ende in Sicht ist. Den Fanatismus bekämpfen würde auch heißen die Wiedersprüchlichkeit menschlicher Existenz zu bekämpfen, die beinahe zwangsläufig in eine Reduktion des Körperlichen und vom "Geist getrennten" gipfeln muss.

"Requiem" ist in jeder Hinsicht ein bis in's Letzte durchdachter und psychologisch schlüssiger Film. Dennoch verbirgt sich in seiner Stärke auch seine größte Schwäche. Dadurch, dass Schmid nicht zuspitzt, nicht argumentiert und sich, wenn auch aus der Figur heraus berechtigt, nicht entscheidet, bleibt ein brillanter und bewundernswert intelligenter Denkansatz aber letztendlich kein spannender und damit mitreißender Film übrig.
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