Kundenrezension

134 von 143 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Nicht identifizierbare literarische Spezies, interessant aber schwer einzuordnen, 1. November 2011
Rezension bezieht sich auf: Der Hals der Giraffe: Bildungsroman (Gebundene Ausgabe)
Der erste Eindruck von diesem Buch war eine Wucht. Was für eine knackige Sprache, welche zupackenden und zugleich bizarren Formulierungen, was für eine morbide Atmosphäre. Eine alternde Biologielehrerin, die sich dem ganzen Gutmenschengetue versagt, das Exemplar einer aussterbende Pädagogenspezies, die all das ausspricht, was sich so mancher Lehrer insgeheim schon des Öfteren über den sich anbahnenden Zusammenbruch der intergenerativen Kulturweitergabe gedacht hat.

Um was geht es? Inge Lohmarck (55) unterrichtet in einer 9. Klasse nur noch zwölf Schüler in einer vorpommerschen Schule, die in wenigen Jahren abgewickelt werden wird. Denn die Zivilisation wird eingemottet in Vorpommern, die Menschen hauen ab, heiraten nicht mehr, und wenn, dann bekommen sie nicht mehr genügend Kinder. "Es war nicht zu übersehen, dass die Flora auf der Lauer lag. In Gräben, Gärten und Gewächshauskasernen wartete sie auf ihren Einsatz. Schon bald würde sie sich alles zurückholen. Die missbrauchten Territorien mit ihren sauerstoffproduzierenden Fangarmen wieder in Besitz nehmen"(S. 69) Dieses Zitat ist nur ein Beispiel für die konsequent biologistische Sichtweise der Hauptperson: alles, was Frau Lohmarck sieht, das Hopsen der Schülerinnen beim Langlauf, die Hängebacken des feisten Tom, das Wuchern des Unkrauts in verlassenen Gärten, der Flug der Störche oder die Verirrung der Fledermaus sind nur Variationen eines großen biologischen Drehbuches, in dem die Natur sich selbst vollstreckt, in dem der Stärkste siegt und in dem für Gefühle und Schwäche kein Platz ist. Die Autorin Judith Schalansky auf der Höhe eines intelligenten, fast karikierenden Stils trägt allerdings dabei bei der Beschreibung ihrer Hauptperson so dick auf, dass auch für den einfältigsten Leser bald klar wird: diese Person soll kein Sympathieträger sein. Soweit mein erster Eindruck.

Mein zweiter Eindruck: ich war gespannt, wie es weitergeht. Wie sich die Geschichte entwickelt, denn immerhin war nicht nur ein Roman" sondern sogar ein Bildungsroman" angekündigt. Der Klappentext jedenfalls machte neugierig: da war von plötzlich aufkeimenden Gefühlen für eine Schülerin der 9. Klasse" die Rede, und man durfte gespannt sein, wie sich dieser Konflikt zwischen einer reichlich erratisch gezeichneten Kunstfigur und einem lebendigen Wesen entwickelt würde. Um gleich die Antwort zu geben: er entwickelt sich überhaupt nicht. Wenn nicht der Klappentext den Leser mit der Nase darauf stoßen würde, hätte man die Episode, um die es geht, glatt überlesen: nach etwa Dreivierteln des Buches wird Inge Lohmarck auf die Schülerin Erika aufmerksam, dann nimmt sie die Schülerin mit dem Auto mit zur Schule S. 178-181), und das war es dann auch. Es ereignet sich überhaupt keine Auseinandersetzung, keine Handlung, kein Konflikt, allenfalls die Erinnerung an Inge Lohmarcks gefühlloses Verhalten ihrer Tochter gegenüber könnte man noch zu der Erika-Episode in Beziehung setzen. Aber das war es dann auch.

War mein zweiter Eindruck als eher der einer Enttäuschung, blieb mir am Ende nur Verwunderung. So locker und blitzgescheit sich alle Seiten des vorliegenden Buches lesen - so ist es mir doch schleierhaft, was an dem Hals der Giraffe" ein Bildungsroman sein soll. Es kann sich wohl kaum um den Bildungsroman von Inge Lohmarck handeln, dafür sind die Rückblicke zu kursorisch, es kann sich auch nicht um den Bildungsroman von Erika handeln, dafür ist diese Figur viel zu marginal. Ich glaube auch nicht, dass es sich etwa um einen Bildungsroman des Menschen als Naturwesen handelt, dafür wird diese Perspektive in ihrer krassen Überzeichnung doch zu sehr ins Kuriose gerückt. Sollte es sich wirklich bei dem Etikett Bildungsroman" nur um eine Anspielung darauf handeln, dass es sich hier um einen Schulroman handelt?

Wie aber steht es mit der glaubhaften Psychologie der Figuren und der Handlung? Leider auch nicht besser. Sowohl die Kollegen wie die Schüler bleiben nebulös, es sind Projektionen, Abziehbilder, die nicht selbstständig handeln sondern nur auf Frau Lohmarcks Befehle reagieren. Und der Ehemann, der erfolgreiche Straußenzüchter tritt überhaupt nicht auf.
So mündet am Ende schließlich mein vierter Eindruck in eine gewisse Gelangweiltheit. So kurz dieser Roman" auch daherkommt 222 Seiten fast in Großbuchstaben für Leute, die ihre Brille verlegt haben) so hätte es auch die Hälfte getan. Hier wurde die Chance zu einer erstklassigen Kurzgeschichte zugunsten einer am Ende reichlich mäandernden Konstruktion vertan.

Umso erstaunlicher erscheint mir nach der Lektüre des Buches die Begeisterung des Feuilletons. Abgesehen von ganz wenigen Ausnahmen wurde das kleine Werk mit seinen Zeichnungen wie eine Offenbarung gefeiert - und zwar in eine meiner Ansicht nach ganz falschen, aber bezeichnenden Richtung. Eine autoritäre Lehrerin, die auch noch biologistisch vernagelt ist, die darwinistische Karikierung von Erziehgun als reine Auslese ist das Rezept, um in den angesagten Feuilletons sperrangelweite Türen einzulaufen. Mit dem Inhalt des Buch hat all das, was ich in den Kritiken gelesen habe mit Ausnahme der kundigen Kritik bei 3 SAT Kulturzeit nichts zu tun. Auch die Autorin kann dafür wahrscheinlich nichts, wenngleich dieser Hype sicher ausschlaggebend für den Erfolg des Buches ist.

So bleibt am Ende ein zwiespältiger Gesamteindruck. Als etwas lang geratene Kurzgeschichte für einen fast unverschämten Preis von 21,90 Euro!) liest sie sich in wenigen Stunden locker durch. Leider geht es nach einem furiosen Anfang nicht mehr weiter, und der so viel versprechende Anfang des Buches endet, um in der Terminologie des Werkes zu bleiben, in einer literarischen Sackgasse. Empfehlenswert nach meiner Meinung vor allem für pädagogische Fossilien kurz vor der Pension , die Inge Lohmarck insgeheim zustimmen und für Biologie-Referendare zur Auffrischung ihres Fachwissens.
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1-5 von 5 Diskussionsbeiträgen
Ersteintrag: 08.12.2011 23:32:45 GMT+01:00
Nightrider meint:
Diese Rezension trifft sehr genau auch meine Eindrücke: Erst fand ich's sehr interessant und ungewöhnlich geschrieben; nach 80, 90 Seiten von immer dem Gleichen schlug dann meine Lesefreude jedoch langsam in Enttäuschung um. Danke für diese sehr ausführliche, treffgenaue Rezension!

Veröffentlicht am 18.12.2011 20:26:04 GMT+01:00
Ihre Rezension kann ich Wort für Wort unterstützen - auch wenn ich sogar noch einen Stern weniger geben konnte. Dass Frau Schalansky sich an der Gattung "Roman" verhoben hat, sehe ich genauso; das fast einhellige Lob des Feuilletons, über dass Sie sich wundern, hat auch damit zu tun, dass bei den betreffenden Redakteuren Kenntnisse zu poetologischen Sachverhalten (etwa Textgattungen) bestenfalls rudimentär vorhanden sind. Bin ich übrigens der Einzige, der beim Lesen gegen Ende zu immer mehr den Eindruck hatte, dass die Autorin selbst keine große Lust mehr am Schreiben ihrer Geschichte hatte?

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 11.03.2012 12:46:51 GMT+01:00
film-o-meter meint:
Das kann ich nicht sagen, ich finde, dass zum Ende hin eher eine meditative Verdichtung stattfindet. Trotzdem bleibt der Hauptkritikpunkt der Handlungsarmut. Diese Geschichte besitzt nicht das Zeug für einen Roman, es ist eine Novelle, bei der die "unerhörte Begebenheit" einfach ausgefallen ist wie eine Schulstunde.

Veröffentlicht am 12.08.2012 11:16:09 GMT+02:00
ja, dieser Rezension kann ich nur zustimmen, ich erweitere: viel zu viel Betrachtungen, wenig Handlung und eine "verbissene" Sicht auf Schule und Schüler, mit Bildung hat das Ganze wirklich nichts zu tun. Ich habe mich teilweise durch die wenigen Seiten durchgequält. Leider Ziel nicht erreicht - ungenügend!

Veröffentlicht am 25.12.2013 11:01:50 GMT+01:00
Cd meint:
Diese Rezension trifft die Sache auf den Punkt. Hinzufügen ist noch, dass die von dem Rezensenten als knackig bezeichnete Sprache schnell ihren Reiz verliert, weil die Knackigkeit, wie man nach dem ersten Drittel des Buches merkt, unter anderem darin begründet liegt, dass die Autorin keine vollständigen Sätze bildet. Dies mag ja mitunter , nicht aber für die Dauer eines Romans, ein interessantes Stilmittel sein. Für mich wurde das Lesen dadurch unerträglich.
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