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5.0 von 5 Sternen Realismus: Glaube an eine in sich selbst sinnhafte Welt - Rezension und Zusammenfassung zu "De Veritate" von Thomas von Aquin, 16. Dezember 2013
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Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Philosophische Bibliothek Band 384: Von der Wahrheit - De veritate (Broschiert)
"Es ist wichtig, den objektiven Charakter freier Forschung und die unabhängige Beschaffenheit der Wahrheiten, die sie verfolgt, zu betonen. Wer darauf besteht, dass die Wahrheit etwas Geschmeidiges und Subjektives ist, dem entgeht die Erkenntnis, dass auf Grund seiner Ansicht alle Forschung unmöglich ist." (Bertrand Russell, Denker des Abendlandes: Eine Geschichte der Philosophie S. 422)

Universalienstreit: Gibt es eine Wahrheit, die über jede menschliche Erkenntnisfähigkeit weit hinausreicht?

Man kann glauben, Wahrheit sei generell eine immaterielle Idee (Platonismus) oder glauben, Wahrheit gehöre zum Wesen der einzelnen Dinge und Seiendheiten (Aristotelismus). Vor Thomas von Aquin (1225-1274) hatten die Theologen im Sinne Platons Wahrheit als transzendente Idee betrachtet. Weil sie den aristotelischen Empirismus nicht in ihr Glaubenssystem einzufügen vermochten, geriet im christlichen Kulturkreis die Lehre des Aristoteles zunächst in Vergessenheit. Durch das Wissen der islamischen Gelehrten Avicenna und Averroes angeregt, gelang es dann Thomas von Aquin den Nominalismus des Aristoteles widerspruchslos in die christliche Lehre von der Wahrheit aufzunehmen. Damit hatte er die theologische und die philosophische erkenntnistheoretische Grundlage für die moderne naturwissenschaftliche Forschung gelegt, welche Wahrheit als die Einzelfälle transzendierende, verallgemeinernde Idee (Hypothese bzw. Theorie) versteht. (Die Newtonsche Physik widerlegte die aristotelische Variante des Empirismus.)

Doch die Lehre des Thomas von Aquin wird seit Beginn der Neuzeit in Frage gestellt (Universalienstreit seit über 600 Jahren), insbesondere wenn es um Wertmaßstäbe, also um die Grundlagen der "praktischen Vernunft" geht: Seine Lehre des ontologischen "Realismus" (Inhärentismus) besagt, dass in allen Seiendheiten und Dingen der Welt, also auch in den abstrakten Verstandesbegriffen (Universalien), als Sinn und Bedeutung eine feststehende reale Wahrheit enthalten sei, nach der wir Menschen suchen müssen (obwohl wir niemals alles begreifen werden), wohingegen der "Nominalismus" (Anti-Essentialismus, Konstruktivismus, Subjektivismus) behauptet, dass sich die Wertschätzung von abstrakten Begriffen nur nach der eigenen subjektiven Motivation richte. (Realismus: Das Leben hat einen objektiven Wert, es ist wertvoll; dagegen Nominalismus: Ich bezeichne das Leben als wertvoll, ich messe ihm einen subjektiven Wert bei.) Ging es im Universalienstreit (Realismus des Thomas von Aquin gegen den Nominalismus von Johannes Duns Scotus und William Ockham) zunächst noch um die Allmacht Gottes, wobei die Nominalisten forderten, dass das menschliche Denken und Wollen direkt von Gott inspiriert sein müsse (was den Protestanten als Argument für die Willensfreiheit des Individuums dient), geht es nun in der Postmoderne um die absolute Willensfreiheit des Individuums - ohne Gott (Konstruktivismus, Voluntarismus, Dezisionismus). Wenn man göttliche Allmacht so einschätzt, dass Gott willkürlich ohne Rücksicht auf die Fakten der Welt handeln wolle, dann darf es keinen inhärenten Sinn in den Dingen und Seiendheiten geben, weil das ja die göttliche Freiheit einschränken würde. Natürlich prägt eine solche Theologie das Lebensgefühl der Menschen: "Das protestantische Ich findet keine Heimat mehr in der Welt. ... Wenn es weder Sinn noch Logik in den Dingen gibt, fehlt es auch an Vorhersagbarkeit. Deshalb bewegt sich das protestantische Ich ängstlich in einer verdunkelten Welt aus Zufallskräften, verfolgt vom Gespenst eines verborgenen Gottes und seiner eigenen Erlösung unsicher." Der postmoderne Mensch glaubt inzwischen diesem existentiellen Problem mit einer radikal pragmatischen und (intoleranten) geistfeindlichen Ideologie zu entkommen. (Terry Eagleton, Der Sinn des Lebens S. 106ff)

Auch Johann Wolfgang v. Goethe weiß um die Gefahren des Anti-Essentialismus: Wenn Begriffe keinen festen Sinngehalt mehr haben, bleiben uns nur noch leere Worthülsen, die wir mit Sinn füllen. In "Faust Teil 1" ist der babylonische Sprachverwirrer Mephistopheles ein Vertreter des Nominalismus:
Denn eben wo Begriffe fehlen,
da stellt ein Wort zur rechten Zeit sich ein.
Mit Worten läßt sich trefflich streiten,
mit Worten ein System bereiten,
an Worte läßt sich trefflich glauben,
von einem Wort läßt sich kein Iota rauben.

Zusammenfassung zu Thomas von Aquin "Von der Wahrheit":

Das kleine Buch , "Von der Wahrheit" enthält die akademische Lehrschrift "Quaestiones Disputatae de Veriate" des Thomas von Aquin (verfasst im Jahre 1256/57 an der Pariser Universität) im lateinischen Originaltext mit einer guten deutschen Übersetzung. Der Zugang zu dieser mittelalterlichen Lehrschrift wird sehr erleichtert durch den prägnant formulierten Kommentar von Albert Zimmermann. So ist es auch dem philosophischen und theologischen Laien möglich, sich die Wahrheitstheorie des Thomas von Aquin zu erarbeiten.

Hier seien nun ausgewählte Aspekte aus Thomas von Aquin, "Von der Wahrheit" dargestellt:

Zur Frage, was Wahrheit ist, lesen wir im Kommentar zum ersten Artikel (S. XVII), dass für Thomas von Aquin (im Einklang mit Augustinus, Avicenna, Israel Israeli, Anselm von Canterbury, Aristoteles und Hilarius von Poitiers) der Zusammenhang von Seiendheit, Wahrheit und Erkennen so eng ist, dass die Erläuterung des Begriffs Wahrheit bei jedem Ansetzen kann. Die Seele erkenne ihr Getrenntsein von einem Seienden (einem Ding) und strebe danach, diese Trennung zu überwinden, wenn sie es als ein Gutes (bonum) betrachtet. In der Übereinstimung eines Seienden mit der erkennenden Seele liege der Kern der Bedeutung des Wortes "Wahres".

Zur Frage, ob Wahrheit ursprünglicher im Verstand oder in den Dingen sei, weist Thomas im zweiten Artikel auf den Unterschied zwischen dem theoretischen (erkennenden, messenden, "gemessenen') Verstand und dem praktischen (schöpferischen, entwerfenden, "maßgebenden") Verstand hin. (Zitat siehe S. XIX):
1. Der göttliche Verstand ist maßgebend und nicht gemessen. Er bewirkt Wahrheit in den Dingen.
2. Ein Ding, das vom praktischen menschlichen Verstand unabhängig ist, ist sowohl maßgebend wie gemessen, maßgebend nämlich für die theoretische Erkenntnis der Wahrheit durch den menschlichen Verstand, gemessen durch den göttlichen Verstand.
3. Der menschliche Verstand ist sowohl gemessen wie maßgebend, gemessen nämlich durch die Dinge, die er nicht bewirkt (deren Wahrheit er aber erkennt), maßgebend für die von ihm entworfenen "künstlichen" Dinge (denen er Wahrheit gibt).

Im fünften Artikel findet sich eine interessanter Aussage zur Priorität der Empirie gegenüber der freien Spekulation. Das Denken muss sich, so sagt Thomas von Aquin, an der Wirklichkeit der Welt messen lassen: "Ein Beziehungsglied hängt von dem anderen ab und nicht zugleich umgekehrt. So hängt das [gedachte] Wissen vom [mit den Sinnen erfahrbaren, empirisch] Wissbaren ab, und es gilt nicht das Umgekehrte. Daher ist die Beziehung des Wissens zum Wissbaren etwas Wirkliches, nicht dagegen die Beziehung des Wissbaren zum Wissen. Letztere ist nur etwas im Denken. ... Das ist auch der Fall, wenn Seiendes auf Nichtseiendes bezogen wird, etwa wenn wir sagen: "Wir sind früher als die, welche nach uns sein werden. Sonst folgte, dass es in ein und demselben unendlich viele Beziehungen geben könnte, wenn der Prozess des Entstehens sich unbegrenzt in die Zukunft fortsetzte." (S. 43) Für Thomas sind also ausufernde theoretische Gedankenspiele nicht mit den Grundsätzen der Logik vereinbar (etwa so wie in der Mathematik die Division mit Null verboten ist).

Im achten Artikel geht es um den Wahrheitsgehalt von abstrakten Verstandesbegriffen (Universalien). Als Beispiel nennt Thomas die Blindheit und andere Sachverhalte, die nur durch Verneinung gekennzeichnet werden können. Er spricht hier von der Wahrheit eines Seinsmangels (kein vorgegebenes positives Etwas, sondern ein Nichtsein) das der Verstand durch Begriffsbildungen erfasst. Und er folgert: "Aber es leuchtet ein, dass die Wahrheit, die in einem Seinsmangel liegt, ebenso wie jede Erkenntniswahrheit etwas ist, auf das der Verstand seiner Natur nach hingeordnet ist und das infolgedessen als Ziel der Verstandestätigkeit das eigentümliche Gute dieses Vermögens ist. Jedes Gute stammt von Gott, also auch eine derartige Verstandeswahrheit." (S. XXX und S. 61)

Die Erkenntnistheorie im engeren Sinne behandelt Thomas im neunten Artikel: Gibt es Wahrheit im Sinnesvermögen? Er unterscheidet hier zwischen (1.) primärem (unreflektierten) Sinneseindruck von einem Ding, (2.) der Wahrnehmung des Sinneseindrucks (Sinneserkenntnis, unvollständige Rückkehrbewegung des Erkenntnisvorgangs) und (3.) der verstandesmäßigen Beurteilung des Sinneseindrucks als der letztlich entscheidende geistigen Leistung der Seele (Verstandeserkenntnis, vollendete Rückkehr des Erkenntnisvorgang zu seinem Ursprung im Verstand. Natürliche geht es hier nicht um einen logischen Zirkelschluss, den bekannten naturalistischen Fehlschluss, sondern um Vertrauen auf die Wahrhaftigkeit Gottes!).

In den Artikeln 11 bis 13 geht es Thomas um die Falschheit. Er fragt, ob in den Dingen, in den Sinnen und im Verstand etwas Falsches sein könnte und er sagt: Die Dinge selber könnten letztlich nicht falsch sein. (Wer von einem "falschen Ding" redet, meine damit eigentlich ein falsches Verstandesurteil über ein Ding.) Falschheit der Sinneswahrnehmung sei entweder auf einen Defekt des Wahrnehmungsvermögens oder auf Störungen im Medium zwischen Ding und Sinnesorgan zurückzuführen. Falschheit im Verstand ergebe sich, wenn die Grundsätze des Verstandes falsch erfasst oder missachtet werden, wenn eine falsche Definition zugrunde gelegt wird, wenn richtig begriffene Verstandesurteile falsch zusammengefügt werden oder wenn das Denken falsche Schlussfolgerungen zieht.

Zum Schluss sei noch ein theologischer, exegetischer Aspekt aus dem siebenten Artikel des Originaltexts zitiert. Zur Frage: Was bedeutet: "Ich bin die Wahrheit"? schreibt Thomas von Aquin:
"In übertragenem oder nachahmenden Sinn wird Wahrheit in Gott aufgefasst, wenn wir sie dort auffassen gemäß jenem Sinngehalt, aufgrund dessen sie in den geschaffenen Dingen anzutreffen ist, denen Wahrheit zugesprochen wird, insofern ein geschaffenes Ding seinen Ursprung, nämlich den göttlichen Verstand, nachahmt. In ähnlicher Weise wird daher auch "Wahrheit" in Gott die höchste Nachahmung des Ursprungs genannt, welche dem Sohn zukommt. Gemäß dieser Auffassung von Wahrheit wird "Wahrheit" im eigentlichen Sinn vom Sohn gesagt, und sie wird als personale gesagt. Und so spricht Augustinus im Buch »Von der wahren Religion«."(S.57)
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