Kundenrezension

25 von 26 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Poetisch, fesselnd und verstörend, 7. Mai 2008
Von 
Rezension bezieht sich auf: Die Selbstmord-Schwestern (Taschenbuch)
Gerade mal zwei Romane sind es, die Jeffrey Eugenides (Jahrgang 1960) bislang veröffentlicht hat, gleichwohl zählt er bereits zu einer bedeutenden Größe der Gegenwartsliteratur. Durch seinen enorm erfolgreichen Roman "Middlesex" mit dem Pulitzer-Preis geehrt, darf der Amerikaner trotzdem voller Stolz auf seinen 1993 erschienen Erstlingsroman The Virgin Suicides" (dt. "die Selbstmord-Schwestern") blicken.

Die Geschichte handelt von den Lisbon-Mädchen, Cecilia, Bonnie, Mary, Therese und Lux. Die zwischen 13 und 17 Jahre alten Schwestern leben in den 1970er Jahren im amerikanischen Kleinstadtmilieu. Doch von Aufbruchstimmung und Revolution ist in dem Detroiter Vorort nichts zu spüren, vielmehr herrscht eine Atmosphäre der Restriktion, Isolation und der Degeneration vor. Das ganze Elend beginnt ein mit Cecilia, der jüngsten der Schwestern, die sich die Pulsader aufschneidet, den Suizidversuch zunächst zwar überlebt, sich aber schließlich - aufgespießt am Hauszaun - in den Tod stürzt. Für die übrigen Mädchen beginnt eine Zeit der Überwachung und Isolation durch die Eltern, die nur ein einziges Mal noch durchbrochen wird, als sie ihren Töchtern die Teilnahme am Schulball gestatten. Alle kehren sie brav zurück nach Hause, nur Lux, die sich der ständigen Kontrolle und Überwachung mit einem sexuellen Kontakt zur Wehr gesetzt hatte, bricht das Gebot. Die Mädchen werden eingeschlossen und vegetieren von nun an bis zur finalen Katastrophe vor sich hin. Eine Ungezieferplage, der Streik der Totengräber, das sinnlos erscheinende Fällen der Ulmen - Eugenides verstärkt dieses Hinvegetieren und Verrotten mit einer wahren Endzeitkulisse, die er um das Haus der Lisbon-Mädchen aufgebaut hat.

Erzähler der Geschichte ist keine Person, sondern erneut ein Kollektiv, bestehend aus mehreren männlichen Nachbarn bzw. Mitschülern der Lisbon-Mädchen. Regelrecht manisch haben sie Fakten um die Mädchen herum gehortet, Fotographien, Tagebücher, Unterwäsche und dergleichen, doch selbst nach zahllosen Gesprächen mit anderen Beteiligten ergibt sich ihnen kein schlüssiges Bild. Auch nach etlichen Jahren müssen sie erkennen, dass das Puzzle für immer unvollendet bleiben wird. Durchsichtig wird hingegen ein Bild der herrschenden Moderne; die Medialisierung der Todesfälle zählt ebenso dazu wie der zynische und bisweilen egozentrische Unterton des Erzählerkollektivs selbst, der im Schluss des Romans kulminiert:

"It didn't matter in the end how old they had been, or that they were girls, but only that we had loved them, and that they hadn't heard us calling, still do not hear us, up there in the tree house, with our thinning hair and soft bellies, calling them out of those rooms where they went to be alone all time, alone in suicide, which is deeper than death, and where we will never the pieces to put them back together."

Eugenides hat mit diesem Roman etwas Außergewöhnliches geschaffen. Eine kraftvolle, mystische Geschichte, ja, ein modernes Märchen, das mit vielen Anspielungen auf die griechische Mythologie aufwartet. So ist zum Beispiel Moral einer der Schlüssel zum Roman. Wer Pluatrchs "Moralia" aufschlägt, der findet einen starken Bezugspunkt des Autors, wenn Plutarch von einer Selbstmord-Epidemie junger Mädchen erzählt. Mit der chorischen Stimme der Erzähler erhält das Ganze die Züge einer griechischen Tragödie.

Fazit: Eugenides ist mit seinem Erstlingsroman eine mitreißende, verstörende, traurig-schöne Geschichte gelungen, der es an starken Bildern und Metaphern nicht mangelt. Kongenial ist ein großes Wort - es ist aber durchaus angebracht für die Verfilmung des Romans, die sich ausgesprochen nahe an der Vorlage bewegt. Und wie sich die Ereignisse doch gleichen, denn eine zweite Karriere begann mit den "Virgin Suicides", nämlich die von Sophia Coppola ("Lost in Translation"), die den Stoff meisterhaft umsetzte und mit einer brillant aufgelegten Kirsten Dunst einen echten Volltreffer für Lux, der wohl faszinierendsten der Lisbon-Schwestern, landete.
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1-4 von 4 Diskussionsbeiträgen
Ersteintrag: 18.06.2008 12:56:18 GMT+02:00
MyandMar meint:
Auch hier sind wir einer Meinung ;-) Wunderbare Rezension!
Ich bin auf Eugenides durch eine Rezension von Jonathan Franzens "Korrekturen" aufmerksam geworden und seither eine große Verehrerin von ihm. "Middlesex" ist für mich ein geniales Stück Literatur. "Die Selbstmord-Schwestern" habe ich im Anschluss gelesen. Hier spürt man schon die Kraft seiner Poesie.
Wenn Sie mögen, so lesen Sie seine vier Erzählungen "Air Mail". Sahnestücke!!!

Ich warte schon sehnsüchtig auf ein neues Werk von ihm. Wo ist er denn abgeblieben der Meister??

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 18.06.2008 15:31:53 GMT+02:00
A. Wolf meint:
Merci beaucoup.
"Air Mail" kenne ich, habe ich verschlungen, ganz wie Sie sagen: vier Sahnestücke.

Nun, das letzte, was ich von ihm hörte, war, dass er derzeit wohl an short stories arbeitet. Vorankündigungen gibt's bislang aber noch keine, da wird es sicher noch eine Weile dauern.

Veröffentlicht am 18.06.2008 15:34:17 GMT+02:00
A. Wolf meint:
PS: Schauen Sie sich, falls Sie ihn noch nicht kennen, doch mal den Film an. Der ist wunderschön gelungen!

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 18.06.2008 15:52:16 GMT+02:00
MyandMar meint:
Danke für den Tipp, obwohl sie hier meine schwache Seite treffen. Stellen Sie sich vor, ich habe nicht einmal einen DVD-Player (*schäm*) und in meinem neuen Domizil auch (noch) keinen Fernseher. Komischerweise vermisse ich beide nicht (außer jetzt in der EM-Zeit, wo ich über mein Notebook den um 1 min zeitversetzten Livestream der ARD/ZDF in lausiger Qualität "genieße".
Ich habe mich halt komplett der Literatur verschrieben. Nur so schafft man dieses (selbstauferlegte) Literatur-Pensum nach der regulären (Voll-)Arbeitszeit. Da ist kein Zeitfenster mehr für Film und Fernsehen (zweiteres wahrscheinlich auch kaum ein Verlust).
Trotzdem werde ich die Verfilmung im (hinteren) Auge behalten ;-)

Man liest sich wieder :o)
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Rezensentin / Rezensent

A. Wolf
(REAL NAME)   

Ort: Wiesbaden

Top-Rezensenten Rang: 68.269