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58 von 64 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Ein nüchterner Blick in die nahende Zukunft, 23. November 2009
Rezension bezieht sich auf: Die Angst des weißen Mannes: Ein Abgesang (Gebundene Ausgabe)
Will man sich eine klare Vision zukünftiger weltpolitischer Umwälzungen verschaffen darf man seinen Blick nicht bloß auf den Boden unter den eigenen Füßen beschränken. Europa oder besser gesagt die Europäische Union ist zu sehr in nationalen Divergenzen gefangen, um durch Einigkeit jenen Anspruch zu rechtfertigen den man mit der Forderung von den USA als gleichberechtigter Partner anerkannt zu werden gestellt hat. Welchen Faktor man auch als den ausschlaggebenden benennen möchte, sei es die überhastete Osterweiterung, wie sie Peter Scholl-Latour nennt, die Aufnahme neutraler Staaten oder generell Großbritanniens Beteiligung, Brüssel wird als globales Machtzentrum in den nächsten Jahrzehnten wohl kaum ernst genommen werden können. Die Geschichte lehrt uns und das ist auch der rote Faden den man in Peter Scholl-Latours "Die Angst des weißen Mannes" wahrnehmen kann, dass immer dann wenn sich Europas Großmächte anstatt des ehrgeizigen Wettbewerbs um globale Bedeutung in kleinlichen kontinentalen Streitereien verschleißten, der Einfluss des Okzidents als Ganzes zu schwinden begann, ein Prozess der im 21. Jahrhundert zur machtpolitischen Abdankung des selbigen führen dürfte.

Trotzdem hat Peter Scholl-Latour als einst starker Befürworter der Annäherung Frankreichs an Deutschlands kein Klagelied angestimmt, sondern ist dem Ruf der Ferne gefolgt, dorthin wo sich die weltpolitische Entwicklung der nächsten Jahre entscheiden wird - Zentral- und Südostasien. Regionen also wo der Abgesang des weißen Mannes schon längst zur Realität geworden ist und US-amerikanischer bereits dem chinesischen Einfluss weicht. Doch auch Gegenden die aufgrund ihres Rohstoffreichtums und insbesonders im Falle Südostasiens auch der demografischen und wirtschaftlichen Entwicklung politisch schwer an Gewicht gewinnen werden, während in Europa Überalterung und ein schwaches Wirtschaftswachstum als Zukunftsperspektive dominieren und ein Absinken in der wirtschaftlichen wie politischen Bedeutung geradezu vorprogrammiert ist. Zentralasien wiederum zeichnet sich vor allem dadurch aus unter Scheindemokratien ehemals kommunistischer Funktionäre Korruption und organisierter Kriminalität Tür und Tor zu öffnen, während der Boden umso fruchtbarer für ein Aufkeimen neuer islamistischer Bewegungen wird. Die Zukunft des "Westens" liegt wohl dort wo sie sich mit der einheimischen Kultur vermischt und etwas neues hervorgebracht hat, wie die letzte Station von Scholl-Latours Reise eindrucksvoll bezeugt - Brasilien als europäischster der aufstrebenden BRIC-Staaten (Brasilien, Russland, Indien, China).

"Die Angst des weißen Mannes" verspricht schon aufgrund des Titels vielleicht etwas anderes als das Buch ist, es ist kein pathetischer Rundumschlag, keine exaltierte Panikmache und keine ideologisch motivierte Erbauungslektüre für wen auch immer, denn es ist ein Reisebericht. Ein Bericht über eine Reise durch jene Regionen in denen sich kommende Krisen bereits abzeichnen und doch soviel ungewiss ist, dass sich Peter Scholl-Latour auch weitgehend des Versuchs entzieht explizite Szenarien aufzuzeichnen. Seinen teils romantisierenden Stil und die Ausdrucksweise kann man dabei schon einmal kritisieren, doch in einem Reisebericht ist es durchaus erlaubt die Attraktivität von Inselbewohnerinnen zu beschreiben und Anekdoten zu erzählen. Nicht vergessen darf man jedoch dass Scholl-Latour jahrzehntelange Erfahrung als Korrespondent und Reisender aufzuweisen hat, an die kaum ein anderer heranzukommen vermag. Diesem Erfahrungsschatz mag auch die Abgeklärtheit Scholl-Latours entspringen, der sich auch hin und wieder in Fragen äußert wie (S. 368) "ob in diesen exotischen Regionen der Welt der aufgeklärte Despotismus der von den Amerikanern stets wiederholten Forderung nach 'Nation building' nicht besser entspricht als die Vorspiegelung eines Vielparteiensystems, dessen Wahlergebnisse ohnehin schamlos gefälscht würden."

Als jemand der Peter Scholl-Latours Arbeit zuvor nicht kannte, kann ich durchaus verstehen warum und woran sich manche seiner Kritiker ärgern, doch hinter den Oberflächlichkeiten verbirgt sich doch die oft unangenehme Wahrheit, wie im Fall Barack Obamas dem ein eigenes Kapitel gewidmet ist. Scholl-Latours Sympathien für die als Nation vergleichsweise jungen USA anderenseits auch allgemein gering. Stattdessen konzentriert er sich gerade im Raum Südostasiens auf die Rolle eines anderen fast schon exotischen Verbündeten der USA, den Fünften Kontinent, Australien. Durch die Aussagen eines australischen Offiziers eröffnet Scholl-Latour eine sehr ungewohnte Perspektive.

Fazit:
In der Formulierung als Reisbericht natürlich subjektiv, doch mit einem scharfem Blick für das Wesentliche.
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Mario Pf.
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