Kundenrezension

4 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Das zwiespältige Ende einer Ära, 13. Juli 2013
Rezension bezieht sich auf: High+Mighty (Audio CD)
RETURN TO FANTASY, das erste Album mit dem neuen Bassisten John Wetton, hatte Uriah Heep 1975 in ihrem Heimatland England einen überraschenden Erfolg eingebracht, denn mit Platz 7 erreichte die Band zum ersten und einzigen Mal die Top Ten. Dass sich die Scheibe nur ganze sechs Wochen in den Charts halten konnte, wurde dabei geflissentlich übersehen. Das Land, in dem man sie wohl mit am meisten liebte, reagierte indes überraschend kühl: Platz 21 bedeutete die weitaus schwächste Platzierung in Deutschland seit ihren bescheidenen Anfängen mit VERY 'EAVY, VERY 'HUMBLE und SALISBURY. Und in den USA strandete die LP gar auf Position 90 der Hot 100 und hielt sich dort ganze 2 Wochen.

Kein Zweifel: Der Erfolg der Band war insgesamt eindeutig im Schwinden begriffen, und so wurde das Heep-Camp von einer gewissen Nervosität ergriffen, verbunden mit immer heftigeren, Alkohol bedingten Ausfällen ihres Leadsängers David Byron. Keine gute Kombination, um sich an ein neues Studioalbum zu machen, doch die Show musste schließlich weitergehen. Niemand kam auf die Idee, den Jungs einmal eine kreative Pause zu gewähren. Ihre 'Rache' bestand darin, dass die Band sich entschied, ihren Manager und langjährigen Produzenten Gerry Bron diesmal außen vor zu lassen. Sie produzierte sich also erstmals selbst.

Wir jugendlichen Fans ahnten von derartigen Dingen natürlich nichts. Als ich die frisch erworbene Langspielplatte HIGH AND MIGHTY zum ersten Mal auf den Plattenteller legte, ergriff mich alsbald eine große Verwirrung, denn nach einem typischen Heep-Intro erklang da auf einmal eine Stimme, die mir vollkommen unbekannt war. 'There's been some changes in my time / But this one's playing games with my mind' herrschte mich der Kerl an, und ich war erst einmal geplättet. Wer war DAS denn?? Nun, das war natürlich John Wetton, der zum ersten Mal wirklich ins Geschehen bei UH eingriff.

"One Way Or Another" hieß der Opener, den Wetton angeblich nur als Demo einsang, weil David Byron gerade nicht verfügbar war, doch später nahm man diese Version dann einfach auf die Platte. Warum? Man fragt es sich bis heute. Der Titel rockte jedenfalls wild dahin: ein stoisches Bassthema von Wetton, sehr simple Hammondklänge von Ken Hensley, dann ein Break, Hensley übernahm den Gesang, und Mick Box griff seelenvoll ins Geschehen ein, ehe das Hauptthema wieder aufgegriffen und der Titel mit hohen Chorgesängen zum himmlischen Finale getrieben wurde. Mit dem heutigen Abstand von vielen Jahren möchte ich die Nummer als eine der interessantesten in der Geschichte von Uriah Heep bezeichnen.

"Weep In Silence", geschrieben von Hensley/Wetton, aber - endlich - gesungen von Meister David Byron, war dann eine klassische, epische Hardrockballade aus dem Heep-Lehrbuch. Einfach fantastisch.

"Misty Eyes" verirrte sich dafür in den Untiefen des Pop, und ich mag es, auch wenn Mick Box zwischendrin mal kurz sein sensibles Können aufblitzen lässt, immer noch nicht besonders.

"Midnight" begann und endete mit einem großartigen Gitarren-Thema von Mick Box, während Wettons Bass wohlig vor sich hin brummelte. Was zwischendrin passierte, war zum Teil recht interessant, zumeist allerdings nicht der Rede wert oder nervte gar ein wenig. Insgesamt ein zwiespältiges Stück, das zudem, wie andere auch, unter der zwar kraftvollen, gleichwohl seltsam anämischen Produktion litt.

Seite 2 der LP begann mit dem, trotz Hensleys Hammond-Einsatz, fast als Popsong zu bezeichnenden "Can't Keep A Good Band Down". Und was sollte der Text, der sich gegen die ach so gemeine englische Musikpresse richtete? Kannten die Jungs nicht das alte britische Sprichwort 'Never complain, never explain' (Beschwere dich nie, erkläre dich nie)? Wo waren ihr Stolz und ihr Selbstwertgefühl geblieben?

"Woman Of The World" wurde in Deutschland als Single-A-Seite veröffentlicht und wäre ein oder zwei Jahre später mit John Lawton vielleicht sogar ein Hit geworden, doch noch war die Zeit für eine derartig eingängige Nummer nicht reif. Ich mag den Titel trotzdem irgendwie. 'A guilty pleasure', wie man im Englisch sprachigen Raum so schön zu sagen pflegt.

"Footprints In The Snow" hätte wohl gut auf ein Hensley-Soloalbum gepasst. Eine heimelige Ballade mit 'progressiven' Zwischentönen. Mick Box sorgte für einige Highlights, doch auch dieser Titel litt eindeutig unter der viel zu 'sauberen' Produktion. Insgesamt nicht schlecht, aber auch nicht wirklich gut.

Das folgende "Can't Stop Singing" war einfach nur ein absolutes Nichts, und das rock 'n' rollige, irgendwie Heep-typisch schleppende "Make A Little Love" zog auch nicht gerade den Hering vom Teller. Ist 'belanglos' dafür ein zutreffender Begriff?

Die gesamte zweite Seite des Albums war bis dahin eine einzige Enttäuschung, warum sollte sich das also ausgerechnet mit dem letzten Song ändern? Doch es änderte sich tatsächlich!

"Confession" gehört zweifellos zu den allerschönsten Pianoballaden, die Ken Hensley jemals geschrieben hat. Hinzu kamen ganz zauberhafte Gesangsleistungen. Bis heute kann man mich Nachts um halb Vier wecken, und trotzdem werde ich jedes Wort auswendig mitsingen. Hier lebte auf einmal auch das Arrangement; es kam Luft und Leben herein. Einfach nur wundervoll. Leider dauert das aurale Vergnügen nur gute zwei Minuten.

Die beiden Bonusstücke der remasterten CD von 1997 waren bis dahin unveröffentlicht. Das simpel, aber wirkungsvoll rockende "Name Of The Game" hätte das Album in einer voll ausproduzierten Fassung sicherlich bereichert, während das dünne "Sundown" wohl zu Recht unberücksichtigt blieb. Besser als "Can't Stop Singing" war es aber immer noch allemal.

HIGH AND MIGHTY wurde zwar ausgerechnet auf dem höchsten Berg der schönen Schweiz, dem Matterhorn, der internationalen Presse vorgestellt, geriet aber trotzdem zum ersten richtigen Flop in der Geschichte von Uriah Heep. In den USA ging gar nichts, in England platzierte es sich genau eine Woche lang auf Platz 55, und selbst hierzulande reichte es nur zu dem absolut enttäuschenden Rang 48 (!).

Ein gewisser 'gn' rezensierte seinerzeit in der 'Hamburger Morgenpost' das Album mit der Überschrift 'Anti-Tip der Woche' wie folgt: 'Es war an einem schönen Juli-Morgen (etwa so wie jetzt), als Uriah Heep für ihre LP LOOK AT YOURSELF den Titel "July Morning" aufnahmen. Ein Stück, so heiß und innig wie dieser Sommer. Das war 1971. An einem Juli-Morgen des Jahres 1976 hörte ich mir ihre neueste LP an. Meine Ohren waren den ganzen Tag beleidigt. Oh Stumpfsinn ... Meine Empfehlung an UH: Geht dort hin, wo ausgediente Schwermetall-Rocker hingehören: Auf den Schrotthaufen ...'.

Das war sicherlich ebenso polemisch wie übertrieben kritisch, aber gänzlich Unrecht hatte der Mann dann auch nicht. HIGH AND MIGHTY ist trotz einiger guter Nummern insgesamt das inspirationsärmste Album der David-Byron-Ära, die unmittelbar nach Veröffentlichung der Platte unrühmlich zu Ende ging. Und John Wetton verließ die Band gleich nach ihm.

Was danach folgte, war neuer, überraschender, leider vorübergehender Erfolg. Doch das ist eine andere Geschichte.
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Kommentare


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1-1 von 1 Diskussionsbeiträgen
Ersteintrag: 03.08.2013 18:01:03 GMT+02:00
Child in time meint:
Sehr schöne Rezi, die den Nagel auf den Kopf trifft.
Auch von mir 3*, manchmal höre ich das Album aber doch ganz gerne.
Aber natürlich kein Vergleich mit "Look At Yourself" und "Demons And Wizards" u.a. Alben von Heep.
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