Kundenrezension

113 von 131 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Indizienbeweis für eine "deutsche Seele", 16. November 2011
Rezension bezieht sich auf: Die deutsche Seele (Taschenbuch)
Von Anfang an war ich angetan vom Konzept und Versprechen dieses schon optisch prachtvollen Buches: "Lieber Leser, sei gewarnt. Dies ist ein Buch, in dem du nicht gewarnt wirst vor dem Deutschen." Die Ergründung der deutschen Seele geschieht in alphabetischen Stichworten, mal stärker literarisch, witzig und assoziationsreich, wenn Thea Dorn am Werk ist, so in den ersten Einträgen zu "Abendrot" und "Abendstille", mal stärker sachbuchartig, wenn Richard Wagner die Feder führt, so etwa in "Grundgesetz", "Kleinstaaterei". Ein schöner Kontrast in der stilistischen Herangehensweise.

Doch geht selbst die Literatin schon vom Artikel "Abgrund" an in die Falle der literarisch viel belesenen Langatmigkeit. Weniger an Ausbreitung enzyklopädischer Kenntnisse wäre oft mehr, möglicherweise gar an wirklicher Analyse der deutschen Seele. Beim letzten Artikel "Zerrissenheit" fehlt hingegen gerade die stärkste und entscheidende Instanz zum Thema, das viel zu privat als die Zerrissenheit von Thea Dorn behandelt wird. Maßgebend wäre zweifellos Hölderlin mit seinem Brief "So kam ich unter die Deutschen", gegen Ende seines "Hyperion": "Ich kann kein Volk mir denken, das zerrissner wäre wie die Deutschen." Dieser Klops bedürfte unbedingt der Deutung in Ihrem Buch, Thea Dorn! Ich selbst hab sie in meinem Hyperion-Kommentar ("Revolution aus Geist und Liebe", 2007) versucht - und hätte von der Sache her, nicht von meinem Text her, Bestätigung oder Widerspruch erwarten dürfen. Dabei ginge es nicht mehr um Vielerlei, sondern um die versprochene Seelen-Analyse der Deutschen. Die Zerrissenheit ist nach meiner Deutung die der Reflexion, mit der die Deutschen begabt wie geschlagen sind. Ein Artikel "Reflexion" wäre wohl zu philosophisch gewesen, aber auch "Besinnlichkeit" und "Innerlichkeit"?

Von deutscher Seelen-Analyse bietet der männliche Autor Richard Wagner einiges zumindest in geschichtlicher Form: "Die Sehnsucht nach einem einheitlichen politischen Staat wird in den Befreiungskriegen gegen Napoleon zum Mehrheitsgefühl. Danke, Bonaparte! Bis dahin dominierte zumindest in den Eliten die Idee der Kulturnation. Der Sprachnation. Mit Napoleons Aktivitäten war die Idee des Kaiserreichs geboren, und sein Preis war der Wilhelminismus" (262). Danke, Herr Wagner! Diese so enorm wichtige Unterscheidung zwischen Kulturnation und politischer Nation wird allzu selten getroffen. Eine zweite wichtige wie seltene Einsicht folgt sogleich: "Österreich, das seine Interessen zu weit über die Grenzen des deutschen Kulturkreises hinausgeschoben hatte, war viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt, und so war es für Preußen ein Leichtes, diesen Konkurrenten aus dem Rennen zu werden." Die kleindeutsche Lösung anno 1871 geht in der Tat nicht bloß auf das Konto Preußens, sondern mindestens ebenso sehr auf das des osteuropäischen Kolonialismus der östereichisch-ungarischen Doppelmonarchie. Dergleichen ist intelligente Geschichtsdeutung - darin indirekt Analyse der deutschen Seele in ihrem Werden.

Die Mitte des Buches bildet ein kenntnisreicher Artikel "Musik" von fast 40 Seiten aus Thea Dorns Feder. Der klingt schon deshalb weniger ironisch als unberechtigterweise der über Männerchöre. Was wäre Deutschland ohne sein in der Welt noch immer einmaliges Chorleben und was wird daraus, ob gemischt oder rein männlich? Und das in aller Welt bekannte deutsche Kunstlied hätte vielleicht einen eigenen Eintrag verdient. "Kann man Musiker sein, ohne deutsch zu sein?", fragt Thea Dorn rhetorisch mit Thomas Mann. Mit gleichem rhetorischen Recht müsste man fragen: "Kann man Philosoph sein, ohne deutsch zu sein?" Ein Artikel "Philosophie" fehlt jedoch, bezeichnenderweise. Denn die Philosophie wird - trotz und gerade wegen "Weltmacht Habermas" (DIE ZEIT) - im "Vaterland der Dichter und Denker" (Madame de Stael) nicht gebührend geachtet. Wir müssen uns vom Inder Sri Aurobindo belehren lassen, dass Philosophie und Musik die beiden Hauptdomänen der typisch deutschen Innerlichkeit seien. Man erführe auch gern, ob und was es mit dem "Land der Ideen" auf sich hat. Ist das nur ein neoliberaler Werbeslogan? Statt Analyse gibt es zu viel Ausflucht in die marktgängige deutsche Selbstironie. Bezeichnend dafür, dass es zwar einen Artikel "Weihnachtsmarkt" gibt, doch keinen über die deutsche Weihnacht, deren Gemütswerte doch immerhin Ausstrahlung in alle Welt hatte. Ach ja, "Gemütlichkeit" kommt natürlich auch vor, aber das deutsche Gemüt nicht eigens, dessen Karriere viel älter ist und der Seele doch ganz nahe käme. Alles in allem zu viel Haften an gängigen Klischees und deren dann notwendige Ironisierung, zu wenig "Geist der Gründlichkeit", von dem bereits Kant seinerzeit (1781!)bemerkte, dass er in Deutschland noch nicht ausgestorben sei, und von der kein Unverdächtigerer als Karl Marx vor 1848 sagt: "Das gründliche Deutschland kann nicht revolutionieren, ohne von Grund aus zu revolutionieren", das meint von den gedanklichen Gründen her. Die friedliche Revolution aus geistigen Gründen, z.B. unserer so genannten Demokratie, steht noch immer aus und an, bei soviel unverfänglicher "Literatur" dauert es halt noch etwas.

Solche Leser, die - trotz der allbekannten politischen Perversion - etwas Großes und Geheimnisvolles in der deutschen "Seele" wie ihrer Geschichte spüren, das sie unbedingt stärker auf den Punkt gebracht sehen wollen, werden auf den 550 Seiten vielfach fasziniert suchen - wenn auch nicht ohne eigenes Zutun finden. Anscheinend gehört dieses spielerische Offenlassen zum Konzept des Buches: mehr Literatur als Sachbuch zu sein.

Trotz allem ist den Autoren wie dem Verlag zu danken, dass sie den Mut haben - gegen den modisch grassierenden Masochismus des "Schuld-Stolzes" - das Deutsche von jenen zwölf verhängnisvollen Jahren der nationalistischen Psychose energisch abzusetzen. Dies verbindet dieses schöne Lesebuch mit Peter Watsons eher wissenschaftlicher Geistesgeschichte "Der deutsche Genius" (dt. 2010). Diese beiden, freilich nicht ebenbürtigen Werke ergänzen einander vortrefflich. Auch die Kluft zwischen populären Klischees und elitärer Tiefe scheint ja typisch für die deutsche Seele. Ob es diese Seele einmal gab und noch gibt und was sie ausmacht, bleibt letztlich "literarisch" offen. Nur allerhand geschichtliche Indizien sprechen dafür - bei einer immer vergnüglichen Lektüre. Das Buch eignet sich hervorragend als Geschenk besonders für solche Leser, die nicht die Zeit und Geduld haben, mit besagter deutscher Gründlichkeit von vorn bis hinten nach jener Seele zu forschen, sondern einfach häppchenweise genießen.
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Kommentare

Von 3 Kunden verfolgt

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1-10 von 25 Diskussionsbeiträgen
Ersteintrag: 30.11.2011 02:57:05 GMT+01:00
Zuletzt vom Autor geändert am 30.11.2011 02:58:06 GMT+01:00
Herr Heinrichs -

Ihre Rezension ist zwar, wie es sich für einen gründlich denkenden Deutschen gehört, etwas langatmig, aber schon wegen Ihrer Erwähnung des "modisch grassierenden Masochismus des "Schuld-Stolzes" gebührt Ihnen auf jeden Fall ein Druck auf das "hilfreich" Knöpfchen. Hoffen wir, dass dieser Zustand wirklich nur modisch und noch nicht chronisch-krankhaft geworden ist.

Ich finde es auch bedeutsam, dass die beiden Bücher über die deutsche Seele, die in den letzten Jahren erschienen sind, einen ausländischen bzw. einen Autor haben, der sein Deutschtum in der Diaspora immer verteidigen musste. Als Deutscher, der sein halbes Leben im Ausland verbracht hat, kann ich das nachfühlen.

TD

Veröffentlicht am 16.01.2012 15:39:42 GMT+01:00
Was - um Gottes Willen - verstehen Sie unter dem Begriff 'Schuld-Stolz'?

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 31.01.2012 01:33:57 GMT+01:00
WvHumboldt meint:
Hallo Herr Dunskus,

bei ihrem litauischen Namen dürfte Ihre Familie nicht so sehr lange deutsch gewesen sein.

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 31.01.2012 01:34:27 GMT+01:00
WvHumboldt meint:
http://www.webarchiv-server.de/pin/archiv04/0204paz30.htm

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 31.01.2012 09:44:21 GMT+01:00
WvH… -

Sie haben recht, Sie kluger Mensch, der Name ist litauisch, die Familie war - soweit verfolgbar - im Raum Pilkallen-(Sclossberg-Dobrovolsk) ansässig. Etymologisch kann man Vermutungen darüber anstellen, ob der Name nicht auf einen dänischen Ursprung hinweist, denn im Polnischen bedeuet "dunski" dänisch.

Ich kann Ihnen aber auch noch einen Wallonen als Ahnen anbieten, der 1825 in Posen ein Polin geheiratet und später mit ihr in Königsberg eine Familie gegründet hat; dort kam noch eine ganze Latte Schweden zu meinen Vorfahren hinzu, und auch ostpreußische Eingeborene (oder Aborigines, wie der gebildete Mensch heute vielleicht sagt), außerdem noch einen schlesischen Zweig, in dem wohl auch Ur-Deutsche auftraten.

Aber was will der Dichter WvH damit sagen?

Ostpreußen war ein Schmelztigel mit den schon erwähnten Bestandteilen zu denen auch noch Hugenotten und, etwas später, vertriebene oesterreichische Protestanten (die Salzburger) kamen - ein deutsches Gemisch im Kleinen also, das von der aufgeklärten Toleranz Preußens profitierte und im Gegenzug zu ihr beitrug.

Warum den Briten ein solcher Staat in der Mitte Europas nicht passte, ist immer noch ein Rätsel. Vielleicht, weil Preußen sie daran erinnerte, dass es auch anders ging, als sie das in ihrem Inselreich betrieben, wo die religiöse Toleranz in Bezug auf Katholiken oder Juden erst sehr spät zum tragen kam.

Danke auch für den Hinweis auf den Zeitungsartikel. Man sollte dabei auch nicht vergessen, dass Polen seit 1918 eine ganz gezielte anit-jüdische Politik betrieb, die u.a. auch indirekt die sog. "Kristallnacht" auslöste - ohne dass dem Lande daraus ein Vorwurf gemacht wurde, oder heute gemacht wird.

TD

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 01.02.2012 14:59:51 GMT+01:00
WvHumboldt meint:
T.D.: Aber was will der Dichter WvH damit sagen?

Ich habe die selbe Endung an meinem Namen, von dem die meisten Leute meinen, da sei irgendetwas latinisiert worden. Pillkallen? Dann sind Sie mit dem Schauspieler Erich Dunskus verwandt. Dort gab es im 19.Jahrhundert noch eine preußisch-litauische Identität.

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T.D.: Warum den Briten ein solcher Staat in der Mitte Europas nicht passte, ist immer noch ein Rätsel. Vielleicht, weil Preußen sie daran erinnerte, dass es auch anders ging, als sie das in ihrem Inselreich betrieben, wo die religiöse Toleranz in Bezug auf Katholiken oder Juden erst sehr spät zum tragen kam.

zum Hintergrund:
S.43 Waltershausen "Die Entwicklung der deutschen und der englischen Volkswirtschaft im 19.Jahrhundert .....
http://www.archive.org/details/zeitschriftfrp08kluoft
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T.D.: Danke auch für den Hinweis auf den Zeitungsartikel. Man sollte dabei auch nicht vergessen, dass Polen seit 1918 eine ganz gezielte anit-jüdische Politik betrieb, die u.a. auch indirekt die sog. "Kristallnacht" auslöste - ohne dass dem Lande daraus ein Vorwurf gemacht wurde, oder heute gemacht wird.

".Polen gab sich eine moderne, demokratische Verfassung, mit der auch die Juden zufrieden sein konnten, und diese Verfassung wurde auf dem Verwaltungswege von einer Bureaukratie interpretiert und gehandhabt in so antisemitischen Sinne, daß der Geist des verstorbenen Ministers Plehwe seine Freude an diesen Schülern hätte haben können. Die Verfassung war für die Juden in Polen ein totes, freilich modernes Wort; und die polnische Bureaukratie von oben bis unten und von unten bis oben handelte im Geiste des ausgesprochensten Antisemitismus. Es gibt heute keinen Staat in der Welt, in dem der Antisemitismus in diesem Umfang ungescheut staatlicherseits in die Erscheinung tritt, wie die Polnische Republik; nicht einmal Rumänien und Ungarn kann als Rivale auftreten...."
http://de.wikisource.org/wiki/Das_Problem_der_Ostjuden

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 01.02.2012 17:20:19 GMT+01:00
Zuletzt vom Autor geändert am 05.02.2012 10:47:36 GMT+01:00
WvH...us -

danke für die Erklärungen. Ja, Erich (1890 - 1967) war mein Vater.

Die wirtschaftliche Konkurrenz zwischen D und GB war natürlich ein Element, aber wenn man die Hasstiraden eines Vansittart aus den frühen 40er Jahren liest ("the Reich and the Reich idea have been the curse of the world for 75 years"), muss da noch anderes mitgespielt haben; die engländer schlagen sich immer noch mit diesen Fragen herum.

Über Polen und seine Juden kann man viel lernen aus dem Buch von Didier Epelbaum, "Les enfants de papier" - merkwürdigerweise ist dieser Punkt ein Un-Problem.

Schreiben sie mir doch mal, meine Adresse ist mein Name mit einem Punkt in der Mitte und der Vermittler ist

TD

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 01.02.2012 19:11:27 GMT+01:00
Zuletzt vom Autor geändert am 01.02.2012 19:38:19 GMT+01:00
"Danke auch für den Hinweis auf den Zeitungsartikel. Man sollte dabei auch nicht vergessen, dass Polen seit 1918 eine ganz gezielte anit-jüdische Politik betrieb, die u.a. auch indirekt die sog. "Kristallnacht" auslöste - ohne dass dem Lande daraus ein Vorwurf gemacht wurde, oder heute gemacht wird."

Ah ja! Polen ist mitschuld an der Reichskristallnacht. Das muss man sich erst mal auf der Zunge zergehen lassen!

Herr Dunskus, hätten Sie die Güte, das für mich einmal etwas näher zu erläutern? Ich wäre außerordentlich an Ihrer Sicht der Dinge interessiert!

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 05.02.2012 11:25:15 GMT+01:00
Bester Sorel -

in einem meiner Kommentare hatte ich ja schon das Buch von Epelbaum erwähnt, von dem es, glaube ich, keine deutsche Ausgabe gibt. Es hat an die 400 Seiten und ist gut mit Quellen versehen, enthält aber leider kein Register, obwohl Epelbaum Historiker ist.

Das Buch behandelt im wesentlichen die nach Frankreich (ud ggf. weiter nach Palästina) auswandernden polnischen Juden und bringt dazu eine ganze Reihe interessanter Statistiken. Als Beispiel für die allgemeinen Aussagen des Buches will ich Ihnen gerne einige Sätze der Seiten 76ff in meiner (gerafften) Übersetzung vorlegen.

"Einer der Gründe, die die jungen polnischen Juden in die Arme von Marianne trieben, war die Erfindung des Numerus clausus. Er sollte im ersten Anlauf den Anteil der Juden an den Universitäten auf das Niveau ihres mittleren Anteils an der polnischen Bevölkerung bringen. Der Numerus clausus war eine Etappe auf dem Weg zum Numerus nullus, eine "judenreine" (sic) Universität …

Diese vom Zeitpunkt der [polnischen] Unabhängigkeit an praktizierte Politik verhärtete sich im Laufe der Jahre. … Im Jahre [1932] war die Hälfte der höheren Schulen für Juden geschlossen; in Lublin durften sie sich überhaupt nicht dort einschreiben. …

Die "Arierklausel" wurde den Rechtsanwälten, Ärzten, Ingenieuren, Architekten, Tierärzten, Journalisten auferlegt. … Die allgemeine Vereinigung der polnischen Ärzte beschloss, dass nur gebürtige Christen ihr angehören durften. Der 3. Januar 1938 wurde als "judenfreier Tag" an der Warschauer Universität ausgerufen. … "Ghetto-Bänke" ganz hinten im Hörsaal. … Kein jüdischer Student wurde 1938 zur Medizin zugelassen, unter dem Vorwand, dass die jüdischen religiösen Ämter keine Obduktionen erlaubten.

Am 10. November 1938, ein "Tag der Rache gegen die jüdischen Studenten" [das war am Tag nach der "Kristallnacht"], in Warschau und Vilna Überfälle auf der Straße, Plünderungen".

Ich kann Ihnen nur empfehlen, Epelbaums Buch zu lesen, falls Sie des Französischen mächtig sind.

Falls Sie etwas über den Verlauf der Ereignisse vor der sog. Kristallnacht wissen wollen, melden sie sich bitte.

TD

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 05.02.2012 18:54:41 GMT+01:00
Zuletzt vom Autor geändert am 05.02.2012 19:17:26 GMT+01:00
Tja, Herr Dunskus, jetzt haben Sie sich so viel Mühe gegeben, aber meine Frage leider nicht beantwortet. Jedenfalls kann ich nicht erkennen, dass Sie einen kausalen Zusammenhang zwischen der polnischen Politik einerseits und den Ereignissen des 9. Novembers in Deutschland andererseits konstruiert oder sogar plausibel gemacht hätten. Ihre Ausführungen waren also nicht dazu angetan, mich in meiner Auffassung irre zu machen, dass der Grund für die Reichskristallnacht allein bei dem mörderischen Antisemitismus der Bande, die seinerzeit Deutschland regierte, zu suchen ist.
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